Radioaktivität Russland nähert sich dem Ernstfall
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 Risiko für Atemwegserkrankungen steigt

Satellitenmessung der Nasa: Die roten Bereiche zeigen die extreme Hitze, vor allem in der Region südlich und südöstlich von Moskau

Satellitenmessung der Nasa: Die roten Bereiche zeigen die extreme Hitze, vor allem in der Region südlich und südöstlich von Moskau

Was wird in Russland gelagert und produziert?

Derzeit produzieren zehn Atomkraftwerke mit 31 Reaktoren rund 16 Prozent des russischen Stroms. Dazu kommen Atomforschungsanlagen, Atomwaffenlagerstätten sowie Wiederaufarbeitungsfabriken, in denen Atommüll sowie ausgediente Atomsprengköpfe zu Mischoxid- Brennelementen für die zivilen Nuklearanlagen gemacht werden.

Können die Brände eine radioaktive Wolke auslösen?

In Moskau sei keine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden, sagten leitende Mitarbeiter des Kernforschungsinstituts Radon. Zuvor war bekannt geworden, dass sich die in Zentralrussland wütenden Waldbrände auch auf die Region Brjansk im Südwesten ausgedehnt haben. Dort waren nach der Reaktorkatastrophe im April 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl große Mengen radioaktiven Staubs niedergegangen. Sie, so hatte Katastrophenschutzminister Sergej Schoygu bereits am Freitag gewarnt, könnten durch den Sog, der bei Flächenbränden entsteht, aufgewirbelt und erneut in die Atmosphäre gelangen. Nach Informationen des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) enthalten aber auch die Bäume in dem Gebiet große Mengen Cäsium 137, das in Tschernobyl frei geworden war. Brennen die Wälder, können auch diese radioaktiven Partikel wieder in die Luft geraten. Allerdings sagt BfS-Sprecher Florian Emrich, dass die Aschewolke eines Waldbrandes lediglich 200 bis 300 Meter hoch steige und damit die Auswirkungen "regional begrenzt" bleiben dürften. Bei der Explosion des Atomkraftwerks in Tschernobyl war das radioaktive Material bis zu 1500 Meter hoch geschleudert worden. So konnte sich die radioaktive Wolke über ganz Europa ausbreiten. Sollte doch Radioaktivität bis nach Deutschland transportiert werden, würde das durch ein bundesweites Messnetz schnell bemerkt werden.

Wie schlimm sind die Auswirkungen in der verseuchten Region?

Vor neun Jahren hat die Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit untersucht, welche Folgen die häufigen Wald- und Steppenbrände rund um Tschernobyl haben könnten. Gunter Pretzsch, der an der Untersuchung beteiligt war, sagte dem Tagesspiegel, dass die Brandpartikel größer seien als diejenigen, die durch die Tschernobyl-Katastrophe frei geworden waren. Sie würden allenfalls von Brandbekämpfern eingeatmet werden. Und selbst dann würde die Strahlenbelastung derjenigen, die den Dämpfen etwa acht Stunden am Tag ausgesetzt seien, weit unterhalb der Jahresgrenzwerte für Radioaktivität liegen. Außerdem sei ein Teil des radioaktiven Materials um Tschernobyl bereits zerfallen, in der Region Brjansk werde zudem Landwirtschaft betrieben. Damit werde die Radioaktivität auch verteilt und sozusagen verdünnt.

Wo die radioaktiven Partikel niedergehen, hängt von der Wetterlage ab. Der Wind wehte in den vergangenen Tagen vor allem aus Südost, daher konnten sich die Brände aus den Regionen im Süden und Osten von Moskau auch auf die Grenzgebiete zur Ukraine ausbreiten.

Welche Gefahren drohen außerdem?

Nach Informationen der Umweltorganisation Wetlands International brennen in Russland derzeit rund 500 Hektar Torf- und trocken gelegte Sumpfgebiete. Diese Brände setzen in etwa die zehnfache Menge Kohlendioxid (CO2) frei wie normale Waldbrände. Die Torfbrände setzen zudem kleinste Feinstaubpartikel frei, die sich in den Lungen absetzen und dort bleiben. Das Risiko für Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs steigt.

Die aktuellen Werte zur Radioaktivität gibt es hier.

Erschienen im Tagesspiegel

 
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