Nachruf Christoph Schlingensief, der Unersetzliche
Er riss den Boden auf, auf dem er stand. Er verbreitete Schrecken, keine Angst. Christoph Schlingensief ging Zeit seines Lebens über alle Grenzen hinaus.
© Andreas Rentz/Getty Images

Christoph Schlingensief im vergangenen Jahr auf der Berlinale. Er saß in der Jury
Haltet an, haltet ein! Der größte Künstler dieses Landes ist gestorben, Christoph Schlingensief. Im Oktober wäre er 50 geworden. Im Oktober wollte er die Saison der Berliner Staatsoper im Schiller-Theater mit einer Uraufführung eröffnen, Metanoia – Über das Denken hinaus heißt das Werk von Jens Joneleit.
Und Schlingensief ist immer über alle Grenzen gegangen.
Man vergisst ja leicht, dass Künstler Menschen sind – die uns etwas vorspielen, provozieren, unterhalten, quälen, die uns zu denken und zu fühlen geben, uns klüger und vielleicht empfindsamer machen, aufregen, bewegen.
Was immer er der Öffentlichkeit zugemutet und geschenkt hat: Gleichgültig ging man nachher nie seiner Wege.
Künstlerische Größe entzieht sich der Messbarkeit. Sie offenbart sich als Aura, als Energie, sie überrascht, verstört, überwältigt. Christoph Schlingensief besaß seltene Gaben im Überfluss. Wie Rainer Werner Fassbinder, wie Heiner Müller, wie Joseph Beuys, den er verehrte. Dem Erbe Richard Wagners hat er die Idee des Gesamtkunstwerks entrissen und es in unsere Zeit geworfen, die viele große Künstler kennt, aber kaum die Geduld hat für eine künstlerische Entwicklung hin zum großen Werk. Man muss keinen romantisierenden Geniekult im Stil des 19. Jahrhunderts betreiben, aber aus Schlingensief hat uns etwas angeschaut, sprang uns etwas an, das fremd war und zugleich vertraut. Fremd in unserer Gegenwart, vertraut aus der Beschäftigung mit Kunst vergangener Epochen.
Christoph Schlingensief zeigte öffentlich das Leiden eines todkranken Menschen, als er den Kampf mit dem Lungenkrebs aufnahm. Mit seinem Humor, seiner Wärme, mit dem Glauben an einen Gott, den man verfluchen will; denn er nimmt uns die Besten. Vor einem Jahr erst starb der Theaterregisseur Jürgen Gosch. Und Pina Bausch. Vor einem Jahr publizierte Christoph Schlingensief das Tagebuch einer Krebserkrankung, unter dem Titel So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Bis zuletzt arbeitete er in diesem heißen Sommer an seinen Memoiren; sie sollen nach Auskunft seines Verlages im Lauf dieses Jahres herauskommen.
Noch im Februar war er nach Burkina Faso gereist und hatte den Grundstein für sein afrikanisches Operndorf gelegt. Die erste Produktion aus Ouagadougou, nach Luigi Nonos Menschheitsleidensoper Intolleranza, hatte vor wenigen Monaten in Brüssel Premiere. Er stand da selbst auf der Bühne. Er hat sich, vorsichtig ausgedrückt, nie geschont. Und auch nicht die, die mit ihm arbeiteten. Für die afrikanische Idee scheute er keinen Weg, keine Mühe. In sengender Hitze, auf dem staubigen Plateau, das ihm die Regierung des westafrikanischen Landes zur Verfügung gestellt hat, hielt er eine dreiviertelstündige Rede – von Göttern, von Menschen, von der Kunst, von der Sehnsucht, eine Schule, eine Krankenstation, eine Bühne für Musiktheater zu einem einzigartigen humanen Komplex zu verschmelzen. Die Einheimischen hatten ihn wie einen Häuptling eingekleidet. Eine Stahldose ruht dort in der Erde, mit Super-8-Filmschnipseln, die Vater Schlingensief Ende der Sechziger vom kleinen Christoph gedreht hatte. Die Krankheit war für ihn, wie es bei Susan Sontag heißt, keine "Metapher". Seine Kunst war nie symbolisch. Er hat Rituale geschaffen. Er war ein großer Ich-Sager, Ich-Sucher, Ich-Erfinder.
- Datum 23.08.2010 - 13:18 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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im deutschen Sprachraum, die leider viel zu früh verstummt ist und deren Echo hoffentlich noch lange zu hören sein wird.
'Ausländer raus!' von ihm in Köln auf die Lese-Bühne gebracht, ist mir unvergesslich geblieben.
Christoph Schlingensief ist tot.
Gestern sah ich eine Wolke, die sich in der Sphäre schneller auflöste, als die anderen.
Manchmal gibt es Ereignisse, nach denen ich mehr als sonst das Bedürfnis habe, alltäglichen Dingen zusätzliche Bedeutung zu geben.
Hier in Pakistan gerade helfend unterwegs, erreichte uns die Nachricht. Wir mussten in fester Trauer viel mieses trinken danach, die Gedanken bei Dir.
Unser tief empfundenes Beileid aus der Ferne, in dessen Himmel wir schauen, Sterne sehen, Dich in Gedanken begleiten auf Deiner neuen Reise:
"Es war ein Stück vom Himmel, dass es Dich gibt. Das Leben ist nicht fair."
Wir tragen Dich weiter, bis auch unser Vorhang fällt.
Der Unersetzliche...besser hätte man es nicht ausdrücken können...Danke....
"Warum nur hat er diese Bühne verlassen, die ihm immer ZU KLEIN gewesen ist?"
Vielleicht eben gerade DRUM ...
Vielleicht weil seine Seele in die WEITE wollte, in die Unendlichkeit, in's ALL - ohne irgendwelche Beschränkungen, Einschränkungen und "Sich-Abkämpfen-müssen-an-den-Halbheiten-inmitten-unserer-Gesellschaft"!
"DIREKT-Flug" in die Freiheit!??
Warum freuen wir uns also nicht für ihn ??? Für seine Seele, - da, wo sie jetzt ist ?
Danke für diesen wunderschönen Nachruf!
Es ist so traurig, dass Christoph Schlingensief uns und diese Welt, die ihn so brauchte, so früh verlassen musste.
müssen die Besten immer zu früh gehen?
das ist hier die Frage ...
(siehe Kommentar 5)
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