Annette Schavan "Der Islam ist Teil der Wirklichkeit"

Bildungsministerin Annette Schavan verlangt von Muslimen mehr Respekt für andere Religionen. Im Interview nennt sie den Reformprozess in der Türkei ein gutes Beispiel.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan vor einer Pressekonferenz

Bundesbildungsministerin Annette Schavan vor einer Pressekonferenz

Frage: Wolfgang Schäuble hat es schon vor zwei Jahren gesagt, Roland Koch hat es kürzlich wiederholt, und nun hat Bundespräsident Christian Wulff festgestellt, dass der Islam ein Teil Deutschlands ist. Was ist falsch daran?

Annette Schavan: Nichts. In Deutschland leben 4,3 Millionen Muslime, stehen tausende Moscheen, gibt es mittlerweile islamischen Religionsunterricht, und wir beraten gerade über die Einrichtung von Fachbereichen für Islamische Theologie. Der Islam ist Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland.

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Frage: Verstehen Sie die Aufregung?

Schavan: Gesellschaftliche Wirklichkeit ist etwas anderes als die Frage nach den Kultur prägenden Kräften. Der Bundespräsident hat das eindeutig unterschieden. Er hat von der jüdisch-christlichen Tradition gesprochen. Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, der Islam sei Teil unserer Kultur wie Christentum und Aufklärung. Das sagt aber auch keiner.

Frage: Verstehen Sie, dass Menschen in Deutschland Angst haben vor dem Islam?

Schavan: Ja. Das Bild des Islam wird eben auch geprägt durch die Instrumentalisierung der Religion zur Rechtfertigung von Gewalt. Angst machen zudem Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde. Wenn nicht klargestellt wird, dass dies mit der Religion des Islam unvereinbar ist, werden die Ängste bleiben.

Frage: Fühlen Sie sich bedroht vom Islam?

Schavan: Nein, aber ich bin auch privilegiert, weil ich mich als katholische Theologin mit dem Islam beschäftigt habe. Vielleicht haben glaubende Menschen auch weniger Probleme mit dem Glauben anderer.

Frage: Werden wir zukünftig von einer christlich- jüdisch-muslimischen deutschen Kultur sprechen?

Schavan: Gewiss nicht. Die besondere Stellung des Menschen und seiner Würde in unserer Verfassung und in der westlichen Kultur ist zutiefst im Christentum verankert. Das Christentum wiederum hat seine Wurzeln im Judentum. Wir sollten darauf achten, nicht religionsvergessen zu werden. Für mich ist der Grundrechtskatalog unserer Verfassung letztlich die Leitkultur in Deutschland.

Frage: Und das Christentum die Leitreligion?

Schavan: Die Mehrheit der Deutschen gehört einer christlichen Kirche an. Das Christentum ist für die Geschichte Europas über die Jahrhunderte hinweg prägend gewesen. Muslime und ihre Theologen erwarten, dass wir sie und die Unterschiede zwischen den Religionen ernst nehmen; dass wir darüber streiten und sie fordern, so wie sie uns herausfordern. Eine Religion, die sich ernst nimmt, nimmt auch Kritik ernst. Denn unbestritten ist, dass es eine unversöhnte Lage zwischen dem Islam und der Moderne gibt.

Frage: Ab dem nächsten Wintersemester will die Universität Tübingen Imame ausbilden. Sie setzen sich dafür ein, dass auch an anderen deutschen Universitäten islamische Fachbereiche entstehen. Ist das ein Weg zur Versöhnung des Islams mit der Moderne?

Schavan: Ja, denn an den Universitäten kann sich eine historisch-kritische Methode im Umgang mit dem Koran entwickeln. In den islamisch geprägten Ländern haben es Wissenschaftler, die das versuchen, schwer. Schwerer, als diejenigen, die auf Buchstabentreue pochen. Deutschland ist weltweit das Land mit der längsten und umfassendsten Erfahrung mit der Theologie im Haus der Wissenschaft. Deshalb sind die deutschen Universitäten besonders geeignet, auch muslimischen Philosophen und Theologen die Möglichkeit zur Arbeit an einer Theologie zu geben, die die Substanz des Glaubens wahrt und die Übersetzung in die Moderne leistet.

Frage: Glauben Sie, dass die hier ausgebildeten Imame anschließend tatsächlich von den Gemeinden hier angestellt werden?

Schavan: Wir brauchen einen langen Atem. Es gibt viele Muslime in Deutschland, die sich in den Moscheen, so wie sie jetzt sind, nicht wohlfühlen. Die eine Verbindung der Substanz ihres Glaubens mit dem modernen Leben wollen. Jeder glaubende Mensch ist irgendwie auch Bürger zweier Welten. Aber diese beiden Welten müssen in der einen Wirklichkeit zusammenkommen.

Frage: Wie soll das geschehen?

Schavan: Indem Religionen eine Verbindung mit der jeweiligen Kultur eingehen, ohne dass ihre Substanz verloren geht. Auch das Christentum hat viele Gesichter. Ein Gottesdienst in Soweto ist ein anderer als einer in Berlin, obwohl die entscheidenden Elemente gleich sind. Denn die Verbindung zur afrikanischen Kultur ist natürlich da. Die Kultur prägt die Religion, aber auch die Religion die Kultur. Und erst wenn das geschieht, könnte man von einer Verbindung europäischer Kultur mit dem Islam sprechen.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 11.10.2010 um 11:46 Uhr

    ....anderen Glauben Respekt verlangen, wenn christliche Glauben sie für so falsch halten, dass sie versuchen sie zu bekehren und die meisten von uns glauben religiöse Menschen seien irgendwie mittelalterlich?

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    Erstaunlich, nicht? Seit Wochen reiten wir auf den Moslems herum. Jetzt fordern wir von ihnen, was sie, zumindest in den letzten Wochen und Jahren, am ehesten uns vorwerfen können. Ich bin dafür die Integrations- und Einwanderungsdebatte ohne die Christ-Demokraten zu führen. Wir kommen gewiss weiter.

    Erstaunlich, nicht? Seit Wochen reiten wir auf den Moslems herum. Jetzt fordern wir von ihnen, was sie, zumindest in den letzten Wochen und Jahren, am ehesten uns vorwerfen können. Ich bin dafür die Integrations- und Einwanderungsdebatte ohne die Christ-Demokraten zu führen. Wir kommen gewiss weiter.

  1. Beachtenswert :
    'Das Bild des Islam wird eben auch geprägt durch die Instrumentalisierung der Religion zur Rechtfertigung von Gewalt. Angst machen zudem Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde. Wenn nicht klargestellt wird, dass dies mit der Religion des Islam unvereinbar ist, werden die Ängste bleiben.'
    Mehrfach habe ich verschiedene Islamische Organisationen in Deutschland aufgefordert genau das mit allem Nachdruck klarzustellen und solche Vorfaelle schaerfer zu Verurteilen.
    Leider bekam ich noch nicht mal eine Antwort!
    Daraus folgt für mich das eine zentrale Vertretung der Muslime in Deutschland vielleicht besser von der Bundesregierung ernannt werden sollte - ja ich weiss - das geht natürlich nicht!

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    • Buh
    • 11.10.2010 um 16:53 Uhr

    Mit dieser Scheindebatte wollen konservative ihr politisches Profils chärfen um parteien rechts von ihnen auszuschließen. Dafür das leben vieler muslime oder einfach nur Menschen aus muslimischen ländern schwerer zu machen, ist bizzar und ekelhaft.

    "'Das Bild des Islam wird eben auch geprägt durch die Instrumentalisierung der Religion zur Rechtfertigung von Gewalt. Angst machen zudem Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde. Wenn nicht klargestellt wird, dass dies mit der Religion des Islam unvereinbar ist, werden die Ängste bleiben"

    Wenn das ignorante deutsche Bürgerutm (bzw der anteil der dem islam die schuld an allem was schief läuft in dieser gesellscahft geben) mal einsehen würden dass jeden tag millionen von muslimen genau das immer und immer wieder durch ihre lebensart vorleben würden, wäre das problem endlich in angemessenen bahnen diskutierbar.

    Wer sehen will, dass der islam in den allermeisten fällen friedlich und Gesetzeskonform ist, muss nur kontakt zu diesne mesnchen suchen, die es jeden tag beweisen. Diese frage von irgendwelchen selbsternannten verbänden abhängig zu machen missachtet die lebensrealität der muslime in diesme land.

    Zudem vermischen politiker stets die Probleme in wenigen muslimischen Menschengruppen und das generelle integrationsproblem mit migranten und einer bildungsfernen ärmeren schicht. So werden muslimische migranten schnell kriminalisiert, als sei das islamisch initiiert. dabei ist es einfach charakteristikum der schicht.

    • Buh
    • 11.10.2010 um 16:53 Uhr

    Mit dieser Scheindebatte wollen konservative ihr politisches Profils chärfen um parteien rechts von ihnen auszuschließen. Dafür das leben vieler muslime oder einfach nur Menschen aus muslimischen ländern schwerer zu machen, ist bizzar und ekelhaft.

    "'Das Bild des Islam wird eben auch geprägt durch die Instrumentalisierung der Religion zur Rechtfertigung von Gewalt. Angst machen zudem Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde. Wenn nicht klargestellt wird, dass dies mit der Religion des Islam unvereinbar ist, werden die Ängste bleiben"

    Wenn das ignorante deutsche Bürgerutm (bzw der anteil der dem islam die schuld an allem was schief läuft in dieser gesellscahft geben) mal einsehen würden dass jeden tag millionen von muslimen genau das immer und immer wieder durch ihre lebensart vorleben würden, wäre das problem endlich in angemessenen bahnen diskutierbar.

    Wer sehen will, dass der islam in den allermeisten fällen friedlich und Gesetzeskonform ist, muss nur kontakt zu diesne mesnchen suchen, die es jeden tag beweisen. Diese frage von irgendwelchen selbsternannten verbänden abhängig zu machen missachtet die lebensrealität der muslime in diesme land.

    Zudem vermischen politiker stets die Probleme in wenigen muslimischen Menschengruppen und das generelle integrationsproblem mit migranten und einer bildungsfernen ärmeren schicht. So werden muslimische migranten schnell kriminalisiert, als sei das islamisch initiiert. dabei ist es einfach charakteristikum der schicht.

  2. Das wird immer wirrer und die Entfernung zwischen Partei und Bürger immer größer. Bis 1989 war das anders. Das sind merkwürdige Nachrichten, die uns ständig indirekt mitgeteilt werden. Ich bin etwas ratlos, gut: Leben als Untergruppe geht noch, Leben als ständig ausgebeutete Untergruppe: Geht zu weit.

  3. Das wird immer wirrer und die Entfernung zwischen Partei und Bürger immer größer. Bis 1989 war das anders. Das sind merkwürdige Nachrichten, die uns ständig indirekt mitgeteilt werden. Ich bin etwas ratlos, gut: Leben als Untergruppe geht noch, Leben als ständig ausgebeutete Untergruppe: Geht zu weit.

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    Ihr Posting macht mich auch ratlos. Wo findet man in dem Interview etwas, das auf Ausbeutung hinweist?

    "Nach langen Diskussionen sei man sich parteiübergreifend einig geworden, "dass wir natürlich Zuwanderung brauchen"". (Vize der SPD-Fraktion im Bundestag, Axel Schäfer)

    Schön, dass sich die Parteien einig sind, wäre nett gewesen, wenn Sie uns das auch, wenigstens in Ansätzen, gesagt hätten. Ich selbst halte derartige Einigkeiten ohne oder gegen das Volk für brandgefährlich. Die Überlegung, wohin selbsteiniges Parteienwerk führt, hinterläßt mich ratlos.

    Ihr Posting macht mich auch ratlos. Wo findet man in dem Interview etwas, das auf Ausbeutung hinweist?

    "Nach langen Diskussionen sei man sich parteiübergreifend einig geworden, "dass wir natürlich Zuwanderung brauchen"". (Vize der SPD-Fraktion im Bundestag, Axel Schäfer)

    Schön, dass sich die Parteien einig sind, wäre nett gewesen, wenn Sie uns das auch, wenigstens in Ansätzen, gesagt hätten. Ich selbst halte derartige Einigkeiten ohne oder gegen das Volk für brandgefährlich. Die Überlegung, wohin selbsteiniges Parteienwerk führt, hinterläßt mich ratlos.

  4. Ihr Posting macht mich auch ratlos. Wo findet man in dem Interview etwas, das auf Ausbeutung hinweist?

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    sehr wohl von der Politik ausgebeutet. Bzw. nicht vertreten, hat das (sehr berechtigte) Gefühl das auf Ihre Kosten, bzw. auf Kosten der Zukunft Politik gemacht wird. (Zu Gunsten wessen auch immer.) Unterhalten Sie sich im Bekanntenkreis, lesen Sie Zeit Online, oder studieren Sie aktuell die Zahlen des ARD-Deutschlandtrends.

    sehr wohl von der Politik ausgebeutet. Bzw. nicht vertreten, hat das (sehr berechtigte) Gefühl das auf Ihre Kosten, bzw. auf Kosten der Zukunft Politik gemacht wird. (Zu Gunsten wessen auch immer.) Unterhalten Sie sich im Bekanntenkreis, lesen Sie Zeit Online, oder studieren Sie aktuell die Zahlen des ARD-Deutschlandtrends.

  5. Was dort läuft ist bloß ein Tauziehen zwischen den Anhängern einer säkularen Militärdikatur mit Kult um einen früheren Staatschef auf der eine Seite und verkappten Islamisten auf der anderen. Dass da auch mal ne´ Kirche wieder aufgemacht wird, ist bloß eine Spitze gegen die ersten und soll hier gut ankommen.

  6. "Nach langen Diskussionen sei man sich parteiübergreifend einig geworden, "dass wir natürlich Zuwanderung brauchen"". (Vize der SPD-Fraktion im Bundestag, Axel Schäfer)

    Schön, dass sich die Parteien einig sind, wäre nett gewesen, wenn Sie uns das auch, wenigstens in Ansätzen, gesagt hätten. Ich selbst halte derartige Einigkeiten ohne oder gegen das Volk für brandgefährlich. Die Überlegung, wohin selbsteiniges Parteienwerk führt, hinterläßt mich ratlos.

  7. Was das?

    Ein wirklich gutes Interview.
    Von der ersten, bis zur letzten Zeile verständlich.

    Untergruppe erzeugt doch einen sehr schalen Geschmack, auf der Zunge. Die Assoziation zielt doch immens auf: "Untermensch".

    Frau Schavan spricht von einem langen Atem. Da hat sie recht.

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    Ich richte mich als Nichtmigrant und Teil einer Nichtminderheit auf ein Leben als Untergruppe ein: Das ist alles. Die Politische Klasse hat spätestens seit 1989 die Gemeinschaft mit den Bürgern gekündigt. Es gibt also die Politik, den Staat und verschiedene Bürgeruntergruppen. Ich selbst bin als Nichtminderheitenangehöriger Teil der arbeitenden Mehrheitsgruppe, die ständig ausgebeutet wird: Zu wessen Gunsten auch immer.

    Ich richte mich als Nichtmigrant und Teil einer Nichtminderheit auf ein Leben als Untergruppe ein: Das ist alles. Die Politische Klasse hat spätestens seit 1989 die Gemeinschaft mit den Bürgern gekündigt. Es gibt also die Politik, den Staat und verschiedene Bürgeruntergruppen. Ich selbst bin als Nichtminderheitenangehöriger Teil der arbeitenden Mehrheitsgruppe, die ständig ausgebeutet wird: Zu wessen Gunsten auch immer.

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