Demokratie in Europa Selbstgefälligkeit ist der Feind der Demokratie

Europa, der demokratische Kontinent? Mit Weißrussland als einziger Ausnahme? Die Geschehnisse in Ungarn, Italien und Holland zeigen, dass dem nicht so ist. Ein Kommentar

Studenten demonstrieren in Budapest für die Meinungsfreiheit und gegen das Mediengesetz der Regierung Orbán

Studenten demonstrieren in Budapest für die Meinungsfreiheit und gegen das Mediengesetz der Regierung Orbán

Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten." So beginnt der Comic-Klassiker von Asterix und Obelix, den jedes Kind in Europa kennt. Auf der politischen Landkarte des zeitgenössischen Europa kann das Leitmotiv dieser Geschichte heute mit umgekehrten Vorzeichen gelesen werden. Ganz Europa gehört den Demokraten. Ganz Europa? Nein! Ein Diktator im Nordosten des Kontinents hört nicht auf, dem Fortschritt die Stirn zu bieten. Der grimmige Weißrusse Lukaschenko lässt politische Widersacher niederknüppeln und einsperren, ob Hausfrauen oder Lyriker oder Oberschüler. "Europas letzter Tyrann" war zu hören, als Aleksander Lukaschenko erneut die Wahlen in seinem Land gewann, das wie ein Puffer zwischen Polen und Russland liegt. Lukaschenko, der befreundet sein soll mit Nordkoreas Betonkommunist Kim Jong Il und sich mit den verblichenen Despoten Saddam Hussein und Slobodan Milosevic gut verstand, regiert per Geheimpolizei und proklamiert für sich "an die besten sowjetischen Erfahrungen" anzuknüpfen.

Tatsächlich leben wir Europäer auf einem Kontinent, wie ihn sich Immanuel Kant in seiner Schrift zum Ewigen Frieden erdacht zu haben scheint. Ganze Generationen wachsen ohne Krieg und Mangel auf, eindrucksvoll expandiert die Landkarte der Demokratie Jahr für Jahr. Erzfeinde von einst – wie Deutschland und Frankreich – gestalten gemeinsam mit am großen Projekt Europa. Allen anderen voran zeigten zuerst die zivilisierten Skandinavier, wie aus Feinden befreundete Nachbarn werden. Sinnbild dafür sind etwa die Nordischen Botschaften in Berlin, die sich einen einzigen modernen Bau aus separaten Flügeln mit gemeinsamer Kantine teilen. Ist aber Lukaschenko wirklich der einzige "negative Gallier" auf einem Kontinent der Demokraten? Nein! Und: Vorsicht. Denn Selbstgefälligkeit ist hier für die Demokratie so gefährlich, wie es Banken ohne Regulierung für das Finanzsystem sind. Nicht nur an seinen Rändern, in Weißrussland, der Ukraine, den Balkanstaaten nach den Zerfallskriegen weist die europäische Landkarte politische Verwerfungen auf.

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Ungarn schottet sich derzeit nationalistisch gegen mediale "Feinde" von innen ab, Antisemitismus und Antiziganismus, also gruppenbezogene Feindseligkeit gegen Roma und Sinti, sind in Ungarn mehrheitsfähig. In Italien, mitten im soliden Kerneuropa der Brüssler Verbündeten, regiert und regiert ein Operettenpremier, der sich systematisch die Medien, die Gesetze und diverse, willige Mädchen unterwirft. Im Vatikanstaat, mitten in Italien, hadern Papst und Kurie mit schreckensvollen Enthüllungen vergangener und aktueller Skandale. In den Niederlanden – und anderen EU-Mitgliedsstaaten – gedeihen europaskeptische und moslemfeindliche Ideologien, während die Juden in den Niederlanden sich vor dem wachsenden Antisemitismus der migrantischen, muslimischen Bevölkerung fürchten. Viele Europäer indes sehnen sich fort vom Euro und nach ihrer alten Währung.

Das Projekt Europa, scheint es, steht erst an seinem Anfang, es hat Bewährungsproben vor sich, auf die alle Heranwachsenden vorbereitet werden sollten. Beides gilt es dabei, libidinös zu besetzen, wie Sozialwissenschaftler so etwas nennen: Europa und die Demokratie. Das ganze Gerede um "Werte" erübrigt sich, wenn diese emotionale Besetzung gelingt. Dann wird sie auch von der nächsten Generation ins Politische übersetzt.

Erschienen imTagesspiegel.

 
Leser-Kommentare
  1. .... Finanzherrschaft, Parteispendenbetrug, Wahlversprechen, Manipulation durch die Medíen, unglaubwürdige Poltiker, Vetternwirtschaft, Volksverdummung, Volksenteignung, Energie- und Wirtschaftskriege, Demagogie, Terrosismus als Teufelsersatz,Fremdbestimmung, Falsche Werte, usw..... wir sollten erst vor der eigenen Türe kehren....

    34 Leser-Empfehlungen
    • Anay
    • 27.12.2010 um 12:41 Uhr

    Das ist nur der Blick auf einzelne Nationen. Die EU selbst hat aber bereits ein dickes Demokratiedefizit.

    19 Leser-Empfehlungen
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    • joG
    • 27.12.2010 um 14:16 Uhr

    ....bereits in der Gestehung ihrer "Verfassung" des Lissabonner Vertrags, die bürokratisch von der politischen Kaste und entgegen dem Wollen großer Teile der europäischen Bevölkerung durchgedrückt bzw oktruiert werden musste.
    Da dies in den meisten Ländern auch innenpolitisch gegen das Wollen der einzelnen Völker stand aber abgesegnet wurde durch ihre Parlamente und Gerichte, delegitimierte der EU Verfassungsprozess auch in den einzelnen Nationen deren Demokratien und leider auch den gesamten Staatsapparat inklusive Gerichte weitgehend.
    Persönlich glaube ich auch nicht, dass Heilung von Seiten der Bürokratie erwünscht ist. Man wird sich sperren und über die Demokratie Defizite hinweg gehen. Man hat ja gesehen, dass man das kann. Daher ist sogar eine Verrohung des Vorgehens der Bürokratien gegen den Bürger zu erwarten. Lediglich Placebos zur Linderung des Schmerzes, wie die Geißler Aktion in Stuttgart wird es vermutlich geben.
    Aber sonst werden wir eher zunehmend lernen, wie sich K. fühlte.

    • joG
    • 27.12.2010 um 14:16 Uhr

    ....bereits in der Gestehung ihrer "Verfassung" des Lissabonner Vertrags, die bürokratisch von der politischen Kaste und entgegen dem Wollen großer Teile der europäischen Bevölkerung durchgedrückt bzw oktruiert werden musste.
    Da dies in den meisten Ländern auch innenpolitisch gegen das Wollen der einzelnen Völker stand aber abgesegnet wurde durch ihre Parlamente und Gerichte, delegitimierte der EU Verfassungsprozess auch in den einzelnen Nationen deren Demokratien und leider auch den gesamten Staatsapparat inklusive Gerichte weitgehend.
    Persönlich glaube ich auch nicht, dass Heilung von Seiten der Bürokratie erwünscht ist. Man wird sich sperren und über die Demokratie Defizite hinweg gehen. Man hat ja gesehen, dass man das kann. Daher ist sogar eine Verrohung des Vorgehens der Bürokratien gegen den Bürger zu erwarten. Lediglich Placebos zur Linderung des Schmerzes, wie die Geißler Aktion in Stuttgart wird es vermutlich geben.
    Aber sonst werden wir eher zunehmend lernen, wie sich K. fühlte.

  2. "..eindrucksvoll expandiert die Landkarte der Demokratie Jahr für Jahr."

    Während das Recht auf Meinungsfreiheit und deren verschiedene Facetten in einem gleichgeschalteten Mediensumpf immer mehr ihrer Substanz verlieren, wurden die Tyrannen von einst durch viele kleine Despoten von heute ersetzt.

    Gegen einen kann man angehen, gegen viele Despoten hat die Freiheit keine Chance! Dies ist wie eine Hydra.

    Heucheln sie nicht! Mit der "UrnenStimme" des Bürger wird an diesem Land nichts mehr bewegt. Selbst die volkspädagogisch medienwirksamen Beruhigungsmaßnahmen der Mittel.- bzw. Unteren-Oberschicht in Stuttgart und am Castor haben nichts verändert.

    Die Freiheit wird spürbar weniger, die Menschen merken dies. Sie werden ärmer und ohnmächtiger. Von der Demokratie halten die wenigsten noch etwas.

    Frau Caroline Fetscher, wir müssen von unserem hohen Roß absteigen und der Wahrheit ins Gesicht blicken. Wandern sie mal durch Viertel, welche sie sonst nicht betreten und reden sie mit den Menschen.

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    • BSiR
    • 27.12.2010 um 17:20 Uhr

    Nicht nur die gewählten Politiker haben sich weit vom Volk entfernt, sondern auch in ersckreckender Deutlichkeit manche Journalisten.
    Liebe Frau C.Fetscher, Sie haben Ihren Kant mit geschlossenen Augen gelesen.

    • BSiR
    • 27.12.2010 um 17:20 Uhr

    Nicht nur die gewählten Politiker haben sich weit vom Volk entfernt, sondern auch in ersckreckender Deutlichkeit manche Journalisten.
    Liebe Frau C.Fetscher, Sie haben Ihren Kant mit geschlossenen Augen gelesen.

  3. "Beides gilt es dabei, libidinös zu besetzen, wie Sozialwissenschaftler so etwas nennen: Europa und die Demokratie. Das ganze Gerede um "Werte" erübrigt sich, wenn diese emotionale Besetzung gelingt. Dann wird sie auch von der nächsten Generation ins Politische übersetzt."

    Ich könnte mich kringeln, wenn es nicht so depremierend wäre. Europa und die Demokratie sollen *libidinös* (http://de.wiktionary.org/wiki/libidinös), also "wollüstig"/"ausschweifend" besetzt werden? Wortdefinition als Politik?

    Und umgesetzen soll diese demokratische EU dann die nächste Generation? Liebe Frau Fetscher, warum denn? Kann man eine demokratische EU nicht JETZT schon umsetzen? Und können wir da nicht gleich bei der EU-Komission anfangen und mit der Abstimmung über eine Verfassung weitermachen? Wenn die EU sich nämlich weiter verfestigt, gibt es in Europa bald keine Demokratie mehr, die die nächste Generation umsetzen könnte. Ganz unabhängig von Ungarn und Co.

    Und es stände allen Journalisten gut an, den Ursachen für den Rechtsruck in Europa nachzugehen, anstatt political correct laut zu jammern und homöopatische Rezepte zu verschreiben. Das hilft niemandem.

    Aber dann könnte natürlich uU herauskommen, dass die EU sogar ursächlich mit verantwortlich ist und DAS darf natürlich nicht sein. Also macht man es so wie mit dem dritten Reich: verständnisfreie symbolische Verbannung von Oberflächlichkeiten. Das wird sich rächen, jede Wette!

    12 Leser-Empfehlungen
  4. http://www.zeit.de/2010/5...

    Ausnahmsweise scheinen sich die Leser wohl mal einig zu sein!

  5. Damit kann der Tagesspiegel sich nur selbst gemeint haben.

    Ich lese "Ganz Europa gehört den Demokraten. Ganz Europa? Nein!...Und: Vorsicht. Denn Selbstgefälligkeit ist hier für die Demokratie so gefährlich, wie es Banken ohne Regulierung für das Finanzsystem sind."

    Kritik ist eine Waffe. Hier gibt sie sich in ihrer stumpfesten, völlig rundgeschliffenen Form.

    Für solche Art hochlangweiliger Selbstgefälligkeit und Gefälligkeitsjournalismus mit eingebauter Verharmlosungspropagande schlage mich nicht.

    12 Leser-Empfehlungen
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    ich meinte "... schlage ich mich nicht"

    ich meinte "... schlage ich mich nicht"

  6. ... – wie Deutschland und Frankreich...

    Die alte nazionalsozialistische Propaganda hält sich hartnäckig in einigen Betonköpfen...
    ...liebe Autorin, mit solchen Einwürfen verfestigen Sie geschichtliches Unwissen!

    Anfeindungen zwischen diesen Ländern gab es auch nur auf politischer Führungsebene. Sind Sie ebenfalls diesem Propagandawahnsinn verfallen?

    ...aber ansonsten ist der Hintergrund dieses Artikels natürlich hoch interessant und legt einen Finger in die richtige Wunde.
    Nicht zuletzt ein Verdienst auch unserer Kanzlerin...

    Eine Leser-Empfehlung
  7. ... vom Ende von Europa.

    Die europäischen Fortschritte nach dem zweiten Weltkrieg hatten immer einzelne starke Zugpferde. Frau Merkel steht für den alten einzelstaatlichen Egoismus, der alle Europa-Bonis einheimsen will und die Malis so lange meidet, bis sie sich verdoppelt haben und "alterativlos" werden.

    Europa kann nicht gelingen mit einer Domina, die außer Sparfesselspiele ohne Codewort keine Varianten kennt.

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    ... ich mag sie ja nicht, die Angela, aber wenn sie mit ihrer Politik die EU ruiniert, dann bin ich ihr dankbar. Da ist mir dann auch wurscht, ob sie es aus Unwissen, Absicht oder Egoismus getan hat.

    Aber ganz ehrlich: ich glaube nicht daran. Merkel war sich nie zu Schade einige Mrd. auf unsere Kosten zusätzlich in die Runde zu werfen, wenn es der Exportindustrie nur ausreichend Nutzen versprach...

    ... ich mag sie ja nicht, die Angela, aber wenn sie mit ihrer Politik die EU ruiniert, dann bin ich ihr dankbar. Da ist mir dann auch wurscht, ob sie es aus Unwissen, Absicht oder Egoismus getan hat.

    Aber ganz ehrlich: ich glaube nicht daran. Merkel war sich nie zu Schade einige Mrd. auf unsere Kosten zusätzlich in die Runde zu werfen, wenn es der Exportindustrie nur ausreichend Nutzen versprach...

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