Krankenhaushygiene Bessere Hygiene soll Krankenhauskeime bekämpfen
Jedes Jahr sterben in Deutschland Tausende an den Folgen einer Infektion mit einem Krankenhauskeim. Ein neues Maßnahmen-Paket der Koalition geht vielen nicht weit genug.
© Carsten Koall/Getty Images

Gerade in Krankenhäusern sind resistente Keime häufig. Die Hygiene ist daher besonders wichtig
Es ist eine horrende Zahl. Schätzungen zufolge sterben pro Jahr bis zu 40.000 Menschen an mangelnder Krankenhaushygiene – das wären fast zehnmal so viele wie im Straßenverkehr. Nach jahrelanger Beschränkung auf Appelle ("Hände waschen!") plant die Koalition nun strenge und auch bundesweit einheitliche Regeln. Vorgesehen sind zudem spezielle Hygienebeauftragte für die Kliniken, Empfehlungen für den Umgang mit resistenten Keimen sowie ein Extrahonorar für Praxisärzte, die Menschen mit derartigen Infektionen behandeln.
In der vergangenen Woche verständigten sich die Koalitionsexperten auf ein entsprechendes Konzept. Einigen in der FDP geht das jedoch nicht weit genug. "Verbindlichkeit ist das Gebot der Stunde", sagte der Berliner Abgeordnete Lars Lindemann. Trotz der Zuständigkeit der Länder für ihre Kliniken seien bei der Hygiene einheitliche Standards "unverzichtbar". Nötig sei eine "bundeseinheitliche Hygieneverordnung", an die sich alle zu halten hätten. Die bisherigen Pläne sehen lediglich vor, den Ländern den Erlass eigener Hygieneverordnungen zu "erleichtern".
Konkret forderten die FDP-Politiker Lindemann und Jens Ackermann Standarduntersuchungen auf Klinikkeime bei Risikopatienten. Zudem sei mehr Transparenz vonnöten. "Die Patienten müssen wissen, welche Krankenhäuser und Pflegeheime gute Hygienestandards haben", es brauche "nach außen sichtbare" Qualitätssiegel. Und schließlich müsse man "Mechanismen" zur Verknüpfung von Hygienequalität und Klinikentgelten finden. Wer sich nicht an die Standards halten könne oder wolle, müsse wirtschaftliche Konsequenzen zu spüren bekommen.
Auch wenn es hierzulande vorbildliche Kliniken und Netzwerke gebe, diagnostiziert der FDP-Politiker eine "systembedingte Nachlässigkeit" – insbesondere im Vergleich zum Hygiene-Musterland Niederlande. "Wir haben inzwischen Entwicklungen, die anders verlaufen als in vergleichbaren Ländern." Multiresistente Keime nähmen nicht nur zahlenmäßig zu, heißt es in dem Koalitionspapier, sie stellten die Medizin auch vor immer größere therapeutische Herausforderungen. 400.000 bis 600.000 Patienten infizierten sich pro Jahr in deutschen Kliniken und Arztpraxen. Durch bessere Hygiene wären 20 bis 30 Prozent dieser Infektionen vermeidbar.
Um die Infektionen künftig besser in den Griff zu bekommen, sollten von vornherein Risikogruppen definiert werden, fordern die FDP-Politiker. Mit Ausnahme von Notfallpatienten müssten Kranke, die von der Besiedlung durch gefährliche Keime besonders betroffen sein könnten, dann als Erstes auf diese Gefahr hin untersucht und, wenn nötig, sogleich isoliert und gezielt behandelt werden.
Verantwortlich für das Problem ist jedoch aus Expertensicht noch eine zweite Fehlentwicklung: der "maßlose und undifferenzierte" Einsatz von Antibiotika. Die Forderungen dazu klingen allerdings sehr vage. Empfehlungen zu einem "sachgerechteren" Antibiotika-Verbrauch seitens der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention müssten "größeres rechtliches Gewicht" erhalten, heißt es in dem Koalitionspapier.
Unklar ist, woher das Geld für die Hygienevorstoß kommen soll. Die Krankenhausgesellschaft monierte sogleich, dass man die Kliniken nicht einerseits zum Sparen verdonnern und ihnen andererseits immer mehr abverlangen könne. Lindemann dagegen nennt verlässliche Hygienestandards eine Selbstverständlichkeit, auf die jeder Patient ein Anrecht habe. Die Bekämpfung der gefährlichen Keime sei "eine ethische Notwendigkeit", sagt er. Sie müsse mit Nachdruck verfolgt werden. Und: "Sie sollte uns auch Geld wert sein."
- Datum 24.01.2011 - 15:26 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Es wird höchste Zeit, das sich in den Krankenhäusern was ändert! Ich habe vor und nach meiner Herztransplantation im letzten Jahr lange Zeit im Krankenhaus verbringen müssen und so häufig mitbekommen, das Mitpatienten, die vorher nicht mit einem Keim belastet waren, durch den Krankenhausaufenthalt aber mit einem Keim zusätzlich belastet wurden. Es kann nicht sein, das die Putzfrau sich vor dem Betreten eines verkeimten Zimmers total vermummt, der Arzt aber bei seiner Visite von Zimmer zu Zimmer marschiert, ohne sich beim Betreten eines verkeimten Zimmers zu schützen, so wird der Keim gleichmäßig in der Abteilung und darüber hinaus verteilt! Ich kann nicht abschätzen, wie viele meiner Mitpatienten im Krankenhaus von einem Keim befallen wurden und dadurch letztendlich sterben mussten. Es hingen erschreckend viele Schilder an den Türen der Krankenzimmern, die auf einen Keim in dem Zimmern hinwiesen! Da entstehen durch die einzelnen Operation immense Kosten für die Gemeinschaft und werden dann durch Nachlässigkeiten des Personals zu Nichte gemacht. Aber bei dem heutigen Personalzustand in den Krankenhäusern ist es vielleicht auch nicht besser in den Griff zu bekommen!
Ist da mittelfristig nicht sogar Einspartpotential drin?
Was sind denn die Notwendigen Maßnahmen? Da scheint es ja vor allem um organisatiorisches und um ordentliches Arbeiten zu gehen.
Da mag man erstmal auch mehr Personal brauchen, aber immerhin fallen dann ja auch etliche Patienten weg, die heute zusätzlich behandelt werden müssen, bei resistenten Bakterien vermutlich auch noch mit neuen, teureren Antibiotika.
Wenn man die lasche Verschreibungspraxis bei den Antibiotika generell in Griff bekommt, kann auch da gespart werden.
Mag sein, dass sich die Einsparungen nicht direkt als Einnahmen der Kliniken niederschlagen würden. Diese kriegen ja kein Geld für Patienten, die sie erst gar nicht behandeln müssen, nur weil sie mehr Aufwand betrieben haben, um Infektionen zu vermeiden. Erst recht haben sie keinen Einfluss auf die Verschreibungspraxis.
Aber um solche übergreifenden Probleme zu lösen, ist die Politik ja da.
Liebe Koalition,
sämtliche Standards und Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von multiresistenten Erregern gibt es schon längst, inklusive hauptberufliche HygieneberaterIn im Krankenhaus. Es mangelt nicht an guten Ideen oder strengen Vorschriften, sondern schlicht an der Zeit, diese Vorschriften einzuhalten! Ich habe selbst im Pflegedienst eines Krankenhauses gearbeitet, auf einer normalen Station der Inneren MEdizin (Schwerpunkt Gefäßchirurgie). Teilweise hatten wir bis zu 8 MRSA-Infizierte auf 24 Patienten!! Wenn dann der Arzt/die Ärztin bei der Visite jeder dieser 8 Patienten Schutzmantel, Mundschutz, Handschuhe ordnungsgemäß anziehen- und das alles beim Verlassen des Raums wieder ausziehen muss, hat fehlt ihm leider die Zeit für die ach so wichtige bürokratische Arbeit, die ja mittlerweile mehr Zeit einnimmt als die Arbeit am Patienten. Wenn man will, dass die ÄrztInnen sich an die (schon lange vorhandenen) Hygienevorschriften halten, muss man bei der sinnlosen Büroarbeit ansetzen, dann hat das medizinische Personal auch wieder Zeit für seine eigentliche Arbeit.
Ich frage mich, warum Krankenhäuser so bescheuert sind und Ärzte für diese Bürokratie bezahlen. Gibt's keine Sekretär(inn)e(n) mehr, die den Papierkram erledigen können?
Ich frage mich, warum Krankenhäuser so bescheuert sind und Ärzte für diese Bürokratie bezahlen. Gibt's keine Sekretär(inn)e(n) mehr, die den Papierkram erledigen können?
"400.000 bis 600.000 Patienten infizierten sich pro Jahr in deutschen Kliniken und Arztpraxen. Durch bessere Hygiene wären 20 bis 30 Prozent dieser Infektionen vermeidbar."
Demnach sind immer noch 300.000 bis 400.000 Infektionen unvermeidbar. Höchste Zeit, die Menschen vor dieser (Todes)Gefahr zu warnen.
Erstaunlich, wie wenig man trotz der enorm hohen Anzahl an Todesfällen von nosokomialen Infektionen (so der Fachterminus)in den Medien hört. Wer kennt schon diesen Begriff? Die Schweinegrippe, obschon ungleich harmloser, ist da viel stärker präsent.
Es wäre auch interessant zu erfahren, wie hoch der durch nosokomiale Infektionen entstandene wirtschaftliche Schaden ist und wer die Profiteure dieser Situation sind?
Milliarden wurden für BSE, Schweinegrippe, Dioxinskandal ausgegeben. Hier gibt es nur ein Bruchteil Geschädigte im Vergleich zu tausenden Toten und hunderttausenden Geschädigten durch mangelnde Krankenhaushygiene (und dies jedes Jahr). Dabei sind die Missstände seit Jahren bekannt.
Was fehlt, sind nicht Richtlinien und Vorschriften, sondern ihre penible Umsetzung in den Krankenhäusern und vor allem die Überwachung der Umsetzung. So wird schon ein Standard, nämlich die richtige Händedesinfektion, nur ungenügend eingehalten. Stichproben beim Pflegepersonal und vor allem bei Ärzten sind häufig katastrophal.
Wenn irgendwo jedes Jahr 10.000 Tote unnötig zu beklagen wären, wäre die staatliche Kontrolle sofort da. Für die Überprüfung der Krankenhäuser sind auf dem Papier die Gesundheitsämter der Länder zuständig. Und die prüfen nach Anmeldung nur die Selbstkontrolle auf dem Papier - Zertifikate, Statistiken usw. (wie bei der Futtermittelkontrolle) und machen keine eigenen Stichproben. Und der Prüfstandard ist je nach Ort natürlich sehr unterschiedlich.
Nötig wäre eine bundesweit effektiv organisierte Kontrolle, die auch unangemeldet prüft, z.B. auch durch Abstriche an den Händen des medizinischen Personals. Wichtig wären auch drastische Strafen für Krankenhäuser und die Verantwortlichen. Heute denken nämlich viele Verwaltungsdirektoren: Lieber Kosten sparen, den Rest erledigt die Versicherung. Insgesamt würde eine bessere Hygiene nicht nur Leid, sondern auch Kosten sparen.
deshalb haben Hygieneverweigerer einen wirtschaftlichen Vorteil.
Nur wenn Hygienevergehen zu Strafen gegen das Krankenhausmanagement (nicht gegen Ärzte und Pfleger) führen, ist Hygiene durchsetzbar, keinesfalls durch gutes Zureden. Wirksame Strukturen gegen multiresiste Keime existieren längst, nur werden sie nicht so konsequent genutzt wie beispielsweise in den Niederlanden.
Uh, Terror, ruft de Maiziere, und alle lauschen und hundertfach gibt es Beiträge im Fernsehen und Zeitungen. Schweine-, Hühner-, Dackelgrippe liest man und schwupps stürzen Millionen in Panik zu ihren Ärzten. Dioxin ist der neue Schlager und wieder: Kaum einer informiert sich wirklich.
In all den Fällen gibt es herzlich wenig Opfer und das Risiko, selbst betroffen zu sein, ist gering. Zumindest im Vergleich zu einem Unfall in der eigenen Wohnung. Oder gar im Straßenverkehr. Und natürlich zu den Folgen von Infektionen.
Da stimmen einfach die Verhältnisse nicht. Ein Artikelchen erscheint über 100000 Tote jedes Jahr gelegentlich, verschwindet rasch in den Tiefen der Unaufmerksamkeit. Aber Dioxin und Moskauer Flughafen ist immer noch, trotz Dutzender fast gleichlautender Artikel, an der Spitze.
Und wenn man etwas sagt, wenn man nur versucht, eine vernünftige Relativierung wieder zu etablieren, dann wird man angeschrieen.
Das Thema des Artikels hier war in den letzten Jahren immer aktuell und sorgte, nach Schätzungen, jeden Tag für 10 bis 50 mal mehr Tote in Deutschland als beim Anschlag im Moskauer Flughafen. Jeden Tag! Und hier ließe sich leicht etwas tun, während man bei Terroristen nie weiß, wo ihr nächstes Ziel ist.
Aber schwerbewaffnete Polizisten an einem Weihnachtsmarkt zu postieren, das ist viel einfacher und öffentlichkeitswirksamer - als eine Reform im Gesundheitswesen.
Solange unser Versicherungssystem fast ausschließlich die Behandlung von Krankheit bezahlt und nicht die Förderung von Gesundheit, besteht kein wirklicher Anreiz, Infektionen zu vermeiden. Eine Infektion mit einem hochresistenten Keim erhöht in unserem System die Einnahmen des Krankenhauses - sowohl durch bessere Bezahlung des Einzelfalls als auch durch das erzeugen neuer Behandlungsfälle!
Daher ist es auch derselbe falsche Weg, die Behandler von solchen Infektionen besser zu bezahlen - das erhöht garantiert wieder die Fallzahl. Nein, wir brauchen die wirkliche Förderung von Prävention - angefangen bei jedem Einzelnen (mehr Sport, gesunde Ernährung etc.), weiter über die Arztpraxen, wo die Hygienestandards oft ebenfalls sehr verbesserungsbedürftig sind, bis zum Krankenhaus. Nur wenn sich Prävention bezahlt macht, wird sich etwas ändern.
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