Russland: Der Schöpfer der Perestroika wird 80
Michail Gorbatschow wollte die Sowjetunion reformieren und trug damit zu ihrem Ende bei – an diesem Mittwoch wird der frühere Staatschef 80 Jahre alt.
© Georg Hilgemann-Pool/Getty Images

Der früherere russische Präsident Michail Gorbatschow trifft Angela Merkel in Berlin
Mit leicht hängenden Schultern steht ein alter Mann vor einem in kaltem Blau ausgeleuchteten Aquarium. Psychologen haben festgestellt, dass Fische und Korallen beruhigend wirken. Doch Michail Gorbatschow, der an diesem Mittwoch achtzig Jahre alt wird, ist nicht zu bremsen. "Ich schäme mich für sie", sagt er. Gemeint sind seine Nachfolger: Wladimir Putin und Dmitri Medwedew, denen er ausufernde Korruption und Übermacht der Geheimdienste und einen Politikstil vorwirft, bei dem persönliche Ergebenheit vor Kompetenz rangiert. Darum, rügt Gorbatschow, seien Russlands demokratische Institutionen ineffektiv und würden die Probleme des Landes zu langsam lösen. Der einzige Ausweg sei die Rückkehr zu freien Wahlen mit realen Alternativen wie 1990 in der Götterdämmerung der Perestroika. Seiner Perestroika.
Man kann förmlich sehen, wie der Mann sich aufpumpt, um einer Journalistin in die Parade zu fahren, die zu einer kritischen Nachfrage ansetzt. Er duzt sie sogar, obwohl die Frau weit über 50 ist. Nicht einmal Putin, den Gorbatschow zuvor auch wegen gelegentlicher linguistischer Exkurse in die Gosse kritisierte, wären derartige Formfehler passiert.
Dabei konnte Gorbatschow einer Demokratie mit Einschränkungen wie der russischen durchaus noch Charme abgewinnen, als Bürgerrechtler bereits vor einer Teilrestauration der Sowjetunion warnten, die 1991 ihr Leben aushauchte. Putin nannte den Zusammenbruch eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Gorbatschow muss Ähnliches empfunden haben. Schließlich musste er Kremlschlüssel und Atomkoffer ausgerechnet seinem Intimfeind übergeben: Boris Jelzin. Und mit Versuchen zu einem politischen Comeback im postkommunistischen Russland scheiterte er: Bei den Präsidentenwahlen 2000 bekam er weniger als ein Prozent aller Stimmen, bei der Gründung einer sozialdemokratischen Partei verfehlte er die Zulassungskriterien. Ehrgeiz und Gestaltungswillen muss Gorbatschow daher in einer faktisch einflusslosen politischen Stiftung austoben.
Im Westen dagegen zählt der Gorbi- Fanclub nach wie vor Millionen. Hersteller von Luxusgütern verpflichten ihn gelegentlich für Werbespots. Zu Hause kommt das nicht gut an. Für die massiven sozialen Probleme, mit denen Russland nach wie vor zu kämpfen hat, macht Iwan Normalverbraucher vor allem Gorbatschow verantwortlich.
Denn geplant war zunächst keineswegs ein Systemwechsel. Das System sollte lediglich reformiert werden. Doch der Umbau lief den Reformern bald aus dem Ruder.
Russland in der Perestroika-Zeit: Mit wasserfestem Kopierstift malen sich die Moskowiterinnen abends um zehn, wenn die Lebensmittelgeschäfte schließen, Nummern auf die Handflächen, um am nächsten Morgen ihren Platz in der Schlange verteidigen zu können, Staatliche Fleischerläden sind leer. Die Kooperativen verkaufen lieber an Bauernmärkte, wo der Preis nur durch Angebot und Nachfrage geregelt wird. In privaten Läden gibt es alles, was der Homo sovieticus nur aus geschmuggelten West-Illustrierten kannte. Neue unabhängige Medien dürfen die Wahrheit über den Krieg in Afghanistan verbreiten, in dem 14 000 Sowjetsoldaten getötet werden.
Gleich daneben springen den Leser Fotos von Raissa Gorbatschowa an, die – für sowjetisches Politikverständnis ein Tabubruch – Ehemann Michail auf allen Auslandsreisen begleitet. Mit goldenen Cartier-Ohrringen und gut geföhnt im Fond von Luxuslimousinen. Frauen, die in der überfüllten Metro unterwegs sind, weil es am anderen Ende von Moskau mit Sägemehl vermischte Wurst geben soll, verfluchen die Demokratie, Gorbatschow und Raissa.





""Wer zu spät kommt", sagt er beim Abschied zu Erich Honecker, "den bestraft das Leben." Die Dolmetscher rätseln bis heute, wen der Russe dabei im Visier hatte: seinen Gastgeber oder sich selbst." Welche Dolmetscher rätseln darüber denn? Und warum kolportieren Sie dieses Fehlzitat immer noch? Gorbatschow sagte weder diesen Satz noch sagte er ihn beim Abschied zu Honecker. In seiner Rede vor dem Politbüro der DDR sagte er am 7.10.89: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren". Eine ähnliche Wortwahl benutzte er auch bei einer spontanen Antwort auf eine Frage einer ARD-Reporterin.
Nichts gegen einen Geburtstagsartikel, nur muss auch hierzu die Recherche nicht eine reine Glückssache sein: "Drei Tage vor der Abstimmung putschen Altstalinisten und internieren die Gorbatschows in ihrem Urlaubsdomizil auf der Krim. Welchen Part Gorbi dabei spielte, ist unklar." Was bitte ist denn daran unklar? Er spielte den "Part" eines festgesetzten Präsidenten. Und das geschah vom 18.8.91 an, also nicht drei, sondern zwei Tage vor der geplanten Unterzeichnung des Unionsvertrages, abgestimmt war er längst.
Schlechtes Handwerk bei leicht zugänglichem historischen Material, Frau Windisch.
Ist er gescheitert?
Noch manchen Kriterien sicher. Aber so wie er, möchte ich auch einmal scheitern dürfen.
Von den Sendungen der letzten Tage über ihn sind mir einige Szenen haften geblieben:
- seine Tränen beim Tod seiner Frau.
- das Bild des sowjetischen Obristen, der seinem Verstand mehr traute als einem Frühwarn-Computer.
Warum ich das besonders bemerkenswert finde? Weil wir es hier mit Menschen zu tun haben, die einer Lehre verpflichet waren, die den Sieg einer Idee über das Einzelschicksal zu stellen hatten.
Und die dennoch nicht ihre Menschlichkeit aufgegeben hatten.
Der sowjetische Oberst hatte übrigens den 3. Weltkrieg "in seiner Hand" - und ihn verhindert. (Und man fühlt sich an Situationen erinnert, wie sie Asimov einmal so treffend in seiner Foundation-Saga beschrieben hat: "die Zukunft des galaktischen Reiches lag für einen Moment in seinen Händen".) Dabei war dies schon (zumindest) die zweite Situation, wo es an einer Person lag. (Auf einem russichen Atom-U-Boot während der Cuba-Krise hatte ein Kommandeur seinen Finger auf einem entsicherten Knopf.)
Wie man das empfinden kann?
Entweder wie nach dem "Ritt über den Bodensee".
Oder wie nach einer bestandenen Prüfung.
(Ich tendiere übrigens zu letzterem ;-))
Herzlichst Crest
...weil Gorbatschow mehr an andere Nationen dachte, als an seine eigene, wird er von uns gefeiert.
Daß ihn die Russen durchaus anders wahrnehmen, ist verständlich. Immerhin sind sie vom Podest der Weltmacht in den Orkus der Not und Entbehrung geraten.
Der Dank des "Westens" an Rußland beschränkt sich vornehmlich auf Lippenbekenntnisse und die Aufforderung an seine Politiker noch mehr Volksvermögen an ausländische Kapital- und Imperialisten zu verschleudern.
Gorbatschow mag ein guter Mensch sein, ein Politiker ist er sicher nicht.
Er hat darauf gebaut, daß sich sein Entgegenkommen den westlichen Ländern gegenüber für sein Volk auszahlt, das Gegenteil ist der Fall.
Man verfolge nur die Chuzpe mit der Eon und Co langfristige Liefervereinbarungen ohne jede Gegenleistung zu ihren Gunsten verändern möchten.
Ebenfalls zu empfehlen ist die Lektüre der Gedanken Zbigniew Brzezinskis "The grand chessboard".
Als Deutscher würde ich mir einen Politiker vom Format Wladimir Putins an der Spitze unserer Regierung wünschen, es wäre besser um unsere Zukunft bestellt.
Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich und diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke. Die Redaktion/km
Wenn ein Politiker sicher kein Format hat, ist dies Putin. Er hat keinerlei Leistungen vollbracht, ausser sich und seiner Geheimdienstclique die Macht und viel Geld zu sichern und mit nacktem Oberkörper in der freien Natur herumzuspringen.
Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich und diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke. Die Redaktion/km
Wenn ein Politiker sicher kein Format hat, ist dies Putin. Er hat keinerlei Leistungen vollbracht, ausser sich und seiner Geheimdienstclique die Macht und viel Geld zu sichern und mit nacktem Oberkörper in der freien Natur herumzuspringen.
Russen müßten einiges tun um Ihr Image zu verbessern. Sie gelten immer noch als korrupt und kriminell. Einige russische Scheinstudenten mit betuchten Eltern terrorisieren (im Rahmen des "Kulturaustausches")mit schlechtem Benehmen die Nachbarschaft. Viele haben chauvinistisch, nationalistische Vorstellungen und suchen an jeder Ecke irgendeine Naziverschwörung.
..."Scheinstudenten" mit (oder auch ohne) betuchte Eltern an deutschen oder ausländischen Universitäten erlebt ?
Waren Sie mal in deutsch geprägten "Urlaubsparadiesen" wie Mallorca oder Marmaris ?
Russland (und andere Länder) werden in Deutschland systematisch schlecht geschrieben. In deutschen Reportagen über Russland sind die Städte immer voller Säufer und Verbrecher.
Ich bin regelmäßig in Moskau, Sankt Petersburg und Krasnoyarsk, weder habe ich dort Säufer noch Verbrecher in der Öffentlichkeit gesehen, allerdings jede Menge deutsche Autos auf den Straßen und deutsche Waren in den Regalen.
Das schafft und sichert bei uns Arbeitsplätze und Wohlstand.
Statt hier wohlfeil schwülstige Lobhudeleien auf Herrn Gorbatschow abzusondern, sollten wir unsern Dank an ihn durch Respekt für sein Volk und aktive Hilfe bei der Bewältigung der Wachstumsprobleme abstatten.
..."Scheinstudenten" mit (oder auch ohne) betuchte Eltern an deutschen oder ausländischen Universitäten erlebt ?
Waren Sie mal in deutsch geprägten "Urlaubsparadiesen" wie Mallorca oder Marmaris ?
Russland (und andere Länder) werden in Deutschland systematisch schlecht geschrieben. In deutschen Reportagen über Russland sind die Städte immer voller Säufer und Verbrecher.
Ich bin regelmäßig in Moskau, Sankt Petersburg und Krasnoyarsk, weder habe ich dort Säufer noch Verbrecher in der Öffentlichkeit gesehen, allerdings jede Menge deutsche Autos auf den Straßen und deutsche Waren in den Regalen.
Das schafft und sichert bei uns Arbeitsplätze und Wohlstand.
Statt hier wohlfeil schwülstige Lobhudeleien auf Herrn Gorbatschow abzusondern, sollten wir unsern Dank an ihn durch Respekt für sein Volk und aktive Hilfe bei der Bewältigung der Wachstumsprobleme abstatten.
Letztes Endes waren Gorbatschow's Entscheidungen von persönlichem Ehrgeiz getrieben. Sie erfolgten undemokratisch oder wurden die vielen Veteranen des 2. Weltkrieges befragt, ob sie die nicht absehbaren Folgen auch verkraften können. Diesen Menschen kann man ja nicht das Russenbild vorhalten: ist faul,säuft den ganzen Tag und hat es nicht anders verdient. In Russland heute unbedeutend im Westen hoch gelobt. Warum wohl? Der Westen bekam faktisch alles zum Nulltarif! Das die Entwicklung nicht anders verlaufen konnte, sei hier unbestritten. Doch Kohl hat ihn faktisch über den Tisch gezogen, gleichwohl hätte er beim härteren Verhandeln mächtige Verbündete (Mitterand, Thatcher) gefunden. Es stellt sich die Frage: War der tiefe soziale Absturz der Russen unvermeidbar?
Sie schreiben: "Der Westen bekam faktisch alles zum Nulltarif!"
Vergessen wir bitte nicht, dass die Sowjetunion unter Gorbatschow für das Ende ihrer Besatzungsrechte in Deutschland stolze Summen (offiziell sind rund 15 Milliarden DM bekannt) vom "Westen", genauer vom deutschen Steuerzahler bezog. Dies wurde im Zusammenhang mit den "Verhandlungen" zum "2plus4-Vertrag" geregelt, den die Sowjetunion unter Gorbatschow übrigens erst am 4.3.91 ratifizierte, als dieses Geschacher letztlich erfolgreich war.
Bereits 15 Milliarden DM stellten für die damalige UdSSR, die gerade einen gesellschaftlichen Drogenentzugsversuch (Alkohol) mit dramatischen Folgen für die Wirtschaft durchführte, mehr als nur einen Tropfen auf den heißen Stein (gemessen am sowjetischen BIP von 1991) dar.
Sie schreiben: "Der Westen bekam faktisch alles zum Nulltarif!"
Vergessen wir bitte nicht, dass die Sowjetunion unter Gorbatschow für das Ende ihrer Besatzungsrechte in Deutschland stolze Summen (offiziell sind rund 15 Milliarden DM bekannt) vom "Westen", genauer vom deutschen Steuerzahler bezog. Dies wurde im Zusammenhang mit den "Verhandlungen" zum "2plus4-Vertrag" geregelt, den die Sowjetunion unter Gorbatschow übrigens erst am 4.3.91 ratifizierte, als dieses Geschacher letztlich erfolgreich war.
Bereits 15 Milliarden DM stellten für die damalige UdSSR, die gerade einen gesellschaftlichen Drogenentzugsversuch (Alkohol) mit dramatischen Folgen für die Wirtschaft durchführte, mehr als nur einen Tropfen auf den heißen Stein (gemessen am sowjetischen BIP von 1991) dar.
..."Scheinstudenten" mit (oder auch ohne) betuchte Eltern an deutschen oder ausländischen Universitäten erlebt ?
Waren Sie mal in deutsch geprägten "Urlaubsparadiesen" wie Mallorca oder Marmaris ?
Russland (und andere Länder) werden in Deutschland systematisch schlecht geschrieben. In deutschen Reportagen über Russland sind die Städte immer voller Säufer und Verbrecher.
Ich bin regelmäßig in Moskau, Sankt Petersburg und Krasnoyarsk, weder habe ich dort Säufer noch Verbrecher in der Öffentlichkeit gesehen, allerdings jede Menge deutsche Autos auf den Straßen und deutsche Waren in den Regalen.
Das schafft und sichert bei uns Arbeitsplätze und Wohlstand.
Statt hier wohlfeil schwülstige Lobhudeleien auf Herrn Gorbatschow abzusondern, sollten wir unsern Dank an ihn durch Respekt für sein Volk und aktive Hilfe bei der Bewältigung der Wachstumsprobleme abstatten.
Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich und diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke. Die Redaktion/km
...Mediengeilheit, machen einen guten, wählbaren Politiker aus.
Putin kümmert sich um die Belange seines Volkes, ich wünschte unsere Politiker täten das auch.
Was sie dabei für kranke Assoziationen haben, ist, Gott sei dank, Ihr Problem.
...Mediengeilheit, machen einen guten, wählbaren Politiker aus.
Putin kümmert sich um die Belange seines Volkes, ich wünschte unsere Politiker täten das auch.
Was sie dabei für kranke Assoziationen haben, ist, Gott sei dank, Ihr Problem.
Dieses Scheitern hat wahre Größe.
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