Libysche Rebellen beten nahe der Stadt Brega. © Mahmud Hams/AFP/Getty Images

Wann ist es legitim, Krieg gegen einen souveränen Staat zu führen, wenn es sich dabei nicht um einen Verteidigungskrieg handelt? Heute, da Nato-Kampfjets das Militär eines souveränen Staates beschießen, ist diese Frage besonders brisant; diskutiert aber wird sie schon seit Jahrtausenden.

Noch für Cicero war ein gerechter Krieg – bellum iustum – ein Verteidigungskrieg. Erst christliche Theoretiker wie Augustinus und Hostiensis entwickelten die Idee, dass gerechte Kriege auch aus anderen Gründen geführt werden könnten, etwa als Instrument der Christianisierung. Aus der Zeit der Kreuzzüge entstammt das schlechte Ansehen der Idee, Krieg im Namen des Guten zu führen.

In der Renaissance dann entstand das Konzept des gerechten Krieges aus humanitären Motiven. Der spanische Rechtsphilosoph Francisco de Vitoria forderte in seinen Vorlesungen zur Entdeckung Amerikas von 1539, die Menschenopfer der Azteken durch ein europäisches Einschreiten zu beenden.

Vitoria gilt heute als geistiger Vater der Vereinten Nationen. Für ihn bestand ein Verantwortungszusammenhang der Menschheit, der nicht an den Grenzen eines Staats halt macht. Das wesentliche Kriterium des gerechten Kriegs ist für ihn eine Unrechtmäßigkeit, die eine Zivilbevölkerung erleidet – etwa, wenn ihr das Recht auf körperliche Unversehrtheit genommen wird oder ihre ökonomische und politische Teilhabe am Gemeinwesen. Wenn ein solches Unrecht systematisch ist, etwa weil eine Regierung den Bürgern grundsätzlich die politische und ökonomische Teilhabe verweigert, ist es nach Vitoria Pflicht, diese Regierung von außen zu stürzen.

Das war schon damals ist eine gefährlich offene Definition. Vitoria schränkte sie zwar ein: Ein gerechter Krieg dürfe ausschließlich dazu dienen, Unrecht zu beheben. Es dürfe die Macht der Akteure nicht vergrößern. Dennoch wurden seine Argumente schon zu seinen Lebzeiten kritisiert, da sie dazu dienten, den spanischen Kolonialismus in Lateinamerika zu rechtfertigen.

In den Jahrhunderten nach Vitoria mehrten sich in Europa Zweifel, die er selbst schon angeführt hatte: Kann ein Krieg nicht auch von beiden Seiten aus als gerecht begründet werden? Besonders die konfessionellen Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts führten die Idee eines einseitig gerechten Kriegs ad absurdum. Katholische und protestantische Mächte nahmen für sich in Anspruch, ihren Anhängern in den Territorien der verfeindeten Konfession beizustehen.

Aus den bitteren Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges entwickelte sich die Ordnung des Westfälischen Friedens von 1648: Ein internationales System souveräner Staaten, die sich die Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten verbaten. Der Verteidigungskrieg wurde in den Augen der meisten die einzige Form des legitimen Kriegs.

Seither wird das Prinzip der Nicht-Einmischung von vielen vertreten. Auch Kant wies in seiner Friedensschrift von 1795 darauf hin, dass die humanitäre Intervention kein geeignetes Mittel sei, um den Weltfrieden zu erreichen. Die Idee eines gerechten Kriegs setze eine Rechtsordnung voraus, die über dem Einzelstaat stehe. Die aber gebe es nicht.

Sie entstand mit Inkrafttreten der Charta der Vereinten Nationen 1945. Zwar setzte die UN-Charta vor allem auf diplomatische Mittel, um den Weltfrieden dauerhaft zu sichern. Doch hatte das Vorgehen gegen Deutschland und Japan auch gezeigt, dass Kriege sehr wohl notwendig und gerecht sein konnten. Deswegen räumt die Charta dem Sicherheitsrat ein, erforderliche militärische Maßnahmen gegen Staaten zu beschließen. Vitorias Idee des gerechten Kriegs war zurück auf der Bildfläche.