BUND-Chef Hubert Weiger : "Wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, gehen die Lichter nicht aus"

Der Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Hubert Weiger lobt im Interview die Atom-Kehrtwende der CSU. Energieeffizienz sei die wahre Brückentechnologie.
Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger © Peter Kneffel dpa/lno/lni

Frage: Herr Weiger , das Ende der Atomenergie in Deutschland ist besiegelt. Wie fühlt es sich an, gewonnen zu haben?

Hubert Weiger: Einerseits freuen wir uns, dass die Politik endlich die atomkritischen Positionen aufnimmt, die wir als Umwelt- und Naturschutzverband seit vielen Jahren vertreten. Auf der anderen Seite gibt es bei mir ein zwiespältiges Gefühl, dass es einer Katastrophe wie in Fukushima bedurfte, damit auf die angeblichen „Kassandras" gehört wird.

Frage: Derzeit bildet sich ein Atomkonsens heraus, der darauf hinausläuft, dass die letzte Anlage zwischen 2017 und 2022 vom Netz geht . Muss sich da der BUND überhaupt noch positionieren?

Weiger: Gerade das zeigt, wie notwendig es ist, weiter an diesem Thema dranzubleiben. Denn wenn die Atomenergienutzung reale und unkalkulierbare Risiken in sich birgt, halten wir es nicht für verantwortbar, zunächst nur die besonders störanfälligen und die alten Anlagen vom Netz zu nehmen und neuere noch bis 2017 oder 2022 laufen zu lassen. Wir fordern den Sofortausstieg – schon seit langem.

Frage: Was bedeutet sofort?

Weiger: Aus technischen Gründen können nicht alle Atomkraftwerke gleichzeitig abgeschaltet werden. Aber bis 2012, zumindest in der laufenden Legislaturperiode, wäre das zu schaffen. Schon die nächsten Tage kommt Deutschland mit nur vier Atomkraftwerken am Netz aus. Der Maßstab darf nicht sein, was realpolitisch an Kompromissen zu erreichen ist oder was nicht zu Entschädigungsforderungen der Betreiber führt. Das alleinige Kriterium muss die Sicherstellung der Unversehrtheit der Bevölkerung sein. Das gebietet übrigens auch das Grundgesetz.

Hubert Weiger

Hubert Weiger war der erste Zivildienstleistende im Umweltschutz und gehört seit Mitte der Siebziger Jahre dem Bund Naturschutz in Bayern an. Er hat in München und Zürich Forstwissenschaft studiert. Nach seiner Promotion begann er 1987 an der Universität Kassel Studenten auszubilden. Seit 2002 lehrt er als Dozent auch an der Universität München. Seit 2002 führt Weiger den Bund Naturschutz. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND). Seine Vorgängerin war die Deutsche Umweltpreisträgerin Angelika Zahrnt. 

Frage: Wer soll dafür zahlen?

Weiger: Wir sind überzeugt, dass auch ein schneller Ausstieg ohne Entschädigungen möglich ist. Nicht erst seit dem Bericht der Reaktorsicherheitskommission ist bekannt, dass kein Atomkraftwerk gegen den Absturz eines großen Verkehrsflugzeugs gesichert ist. Das zeigt, dass wir mit Risiken konfrontiert sind, die uns alle teuer zu stehen kommen könnten. Von den horrenden Kosten der Endlagerung des Atommülls einmal abgesehen. Bei einem GAU würde die Bevölkerung und die Volkswirtschaft unbezahlbare Schäden zu tragen haben.

Frage: Das sollte für die Atomaufsicht reichen, um die Schließung anzuordnen?

Weiger: Unbedingt. Zumal klar ist, dass die Lichter nicht ausgehen, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Zum einen gibt es konventionelle Kraftwerke, die zuletzt kaum genutzt wurden, weil ihr Betrieb weniger lukrativ war. Und es gibt über den Ausbau der erneuerbaren Energien hinaus große ungenutzte Potenziale zur Energieeinsparung.

Frage: Um Energie effizienter zu nutzen und so den Verbrauch zu senken, muss investiert werden. Schnell geht das nicht, oder?

Weiger: Mit diesem Argument werden wir immer wieder konfrontiert. Dass das Einsparpotenzial völlig unterschätzt wird, liegt auch daran, dass es von der Politik nicht wirklich ernst genommen wird. Beispielsweise waren Bundesregierung und Bundestag nicht in der Lage, ein wirksames Energieeffizienzgesetz zu verabschieden. Es gibt nach Berechnungen des Umweltbundesamtes bei Industrie, Gewerbe und privaten Haushalten ein Stromsparpotenzial von mehr als 100 Terawattstunden. Die Kapazität der 17 deutschen Atomkraftwerke beträgt rund 150 Terawattstunden und davon sind, während wir hier sprechen, 13 vom Netz. Würden die möglichen Stromsparmaßnahmen umgesetzt, könnten wir nicht nur auf alle Atom- und viele Kohlemeiler verzichten, es könnten auch Kosten von zehn Milliarden Euro im Jahr eingespart werden. Stromsparen amortisiert sich in Privathaushalten etwa im Zeitraum eines Jahres, in der Industrie in spätestens vier Jahren. Es gibt eigentlich keine rentableren Investitionen. Mein Lieblingsbeispiel bei den privaten Haushalten sind Heizungspumpen. Dafür allein werden derzeit etwa sieben Prozent des Stroms benötigt. Diese Pumpen laufen permanent auf hoher Stufe, egal ob Wärme oder Warmwasser gebraucht wird oder nicht. Werden sie durch effiziente Pumpen ersetzt, refinanziert sich diese Investition innerhalb von zwei bis drei Jahren. Das zeigt, dass es schnell realisierbare Möglichkeiten gibt. Uns empört, dass zwar immer darüber geredet wird, dass der Energieverbrauch sinken muss, dass aber konkret nahezu nichts passiert.

Frage: Warum ist das so?

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Die Lichter werden nicht aus gehen, da

"..Zum einen gibt es konventionelle Kraftwerke, die zuletzt kaum genutzt wurden, weil ihr Betrieb weniger lukrativ war. .."

Sehr richtig, neue Kohlekraftwerke verhindern, damit jetzt die Uraltmeiler mit miserabelsten Wirkungsgraden wieder angeschaltet werden, das hält der BUND für umweltpolitisch verantwortbar?

Keine schlüssige Argumentation

Stromfresser Kühlschränke und Heizungspumpen?

Wenn das alles ist können wir sofort anfangen. Alles sehr pauschal und ohne nachprüfbare Quellen. Nicht die Heizungspumpen selbst sind das Problem sondern die fehlende Steuerung. In den modernen Heizungsanlagen (etwa seit zehn Jahren) gibt es eine Steuerungselektronik standardmäßig welche die Pumpe entweder zeitgesteuert (Warmwasser) an- und ausschaltet oder nur beim Nachheizen anschaltet und dann wieder ausschaltet.

Auf Kühlschränke kann man generell nicht verzichten, wohl aber darauf achten, dass alte Geräte gegen neuere Effizienzklassen (A+) ausgetauscht werden. Dafür gibt es im Handel Verbrauchsmessgeräte zu einem Jubelpreis unter 15€.

Und dann kann ich nachvollziehen wie Herr Weiger zunächsten behaupten kann bis 2012 könnten alle AKWe ohne Probleme abgeschaltet werden und später dann verweisend auf den Sachverständigenrat, dass eine Umstellung auf erneuerbare Energie bis 2050 möglich ist. Da passt einiges nicht zusammen.

Tropfen auf den heissen Stein

Soso, die Heizungspumpen erretten uns ? Eine ziemlich kühne Behauptung. Wenn ich IMHO ganz grob nachrechne, komme ich auf gaanz grob ~5% Einsparung (und da es ja bereits etliche Effizienzpumpen gibt, und man nicht jeden Haushalt über den gleichen Kamm scheren kann, sind es wahrscheinlich nur 3%).

Alte (A-) Kühlschränke durch effektive neue (A++) auszutauschen, ist ehrenvoll, aber deshalb vor dem Lebensende eines alten A-Kühlschrankes eine Neuinvestition zu tätigen, halte ich für ökologisch äußerst bedenklich. Einsparen ließe sich vielleicht nur ~1% des Stromverbrauchs (wenn überhaupt).

Der Tausch einer Pumpe ist für den Häuslebesitzer ökonomisch sinnvoll (POT~4 Jahre !, MIRR~13%), den Kühlschrank rauszuwerfen lohnt sich nicht.

Es sind immer die gleichen Versatzstücke, die häufig bar jeder Realität oder Ökonomie proklamiert werden:

LED-Lampen (ESL's haben ja das schreckliche Quecksilber)

Kühlschrank (wie gehabt)

Trockner nicht benutzen (im Haushalt ohne Garten, im Winter, toll!)

Pelletheizung (Geld zum Fenster raus)

Kraft-Wärmekopplung (das ökologisch & ökonomische Desaster)

und, der Gipfel: Photovoltaik auf dem eigenen Dach (Subventionsabzocke)

Mir wird angst und bange, wenn ich diese Pseudoargumentation lese. Durch Helmut Kohl sind wir in den Bankrott getrieben worden (manche wollen es noch nicht wahr haben), die Grünen werden uns den Rest geben.

Wo ist denn das Hirn?

Wieder mal versuchen Sie mit Pseudoargumenten Stimmung gegen die Ökologie und die Erneuerbaren Energien zu betreiben. Das kennen wir ja schon von Ihnen.

Deshalb nur in aller Kürze:

Selbst wenn effizientere Heizungspumpen nur 3% des Gesamtstromverbrauchs reduzieren ist das eine beachtliche Zahl.

Natürlich ist eine Austausch eines A-Kühlschranks vor dessen Lebensende sinnvoll wenn er nicht auf den Schrott kommt sondern für wenig Geld an Leute abgegeben wird, die noch B-Kühlschränke betreiben.

Die Energiesparlampen sind relativ harmlos, solange Sie diese nicht ständig zerdeppern und anschließend ohne sich die Hände zu waschen zu Tisch begeben.

Ich kenne einige Haushalte die gänzlich ohne Trockner auskommen, auch ohne Garten und im Winter. Früher waren das sogar noch weit mehr... vielleicht liegt das Problem ja auch ganz einfach bei Ihnen? Man muss natürlich Energie sparen wollen...

Pelletheizung sind wirtschaftlich auch nicht besser oder schlechter als Gas- oder Ölheizungen. Ökologisch aber schon.

KWK ist keineswegs ein Desaster, sondern nur für die Leute, die sich diese künstlich schlecht rechnen. Denn natürlich lohnt sich KWK ökologisch und ökonomisch nur dann, wenn man einen Großteil der Wärme auch nutzen kann.

PV ist auch nur dann unsinnig, wenn man die ca. 3-8% Rendite für Privatpersonen lieber bei den Stromkonzernen.

Kurz gesagt, Ihre libertäre Haltung ist bestenfalls kurzsichtig und egoistisch. Genaus deshalb krebst die FDP an der 5%-Hürde herum.

Agrartreibstoffe

"Ein Beispiel dafür ist die Produktion von Agrartreibstoffen. Da gibt es Nutzungskonflikte zwischen der Lebens- und Futtermittelproduktion und dem Anbau von Energiepflanzen."

Die gibt es innerhalb Europas nicht, da wir beim Getreide (genauso wie beim Fleisch) mehr produzieren als wir verbrauchen. Für Deutschland alleine ist der Bilanzüberschuss noch größer. Bis vor kurzem haben wir das auszugleichen versucht, indem wir 10 Prozent der Ackerflächen brach liegen ließen.

Dennoch wird das nicht die Zukunft sein können, weil die Nutzung von Energiepflanzen bei den meisten psychische Abwehrreflexe hervorruft, die nicht so einfach durch Aufklärung zu beseitigen sind.

Meine große Hoffnung geht in die Nutzung von Lignozellulose, bei der es vor ein paar Jahren den Durchbruch gegeben hat und die aktuell großtechnisch erprobt werden. Damit würden sich die für Nahrungsmittel nicht nutzbare Rest wie Stroh oder auch Holzreste zur Vergärung und anschließender Energiegewinnung nutzen lassen.