Stasi-Unterlagenbehörde Streit um Ex-Stasi-Mitarbeiter
Der neue Chef der Stasi-Behörde will härter als seine Vorgänger gegen Ex-Stasi-Mitarbeiter vorgehen. Der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz wirft ihm "Menschenjagd" vor.
Wer in diesen Wochen die Bundesbehörde für die Stasiunterlagen in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße aufsucht, kann auf einen störrischen Pförtner treffen. "Mich kriegen sie hier nicht raus", sagt der Mann am Eingang – einer von 47 früheren hauptamtlichen Mitarbeitern der Stasi, die meist seit 20 Jahren im Dienste der Behörde stehen. Schließlich sei er "nicht Spielball der Geschichte". Und überhaupt: Mit ihm habe bisher niemand gesprochen.
Die Momentaufnahme im Besucherverkehr steht für die heftige Auseinandersetzung um ein anspruchsvolles Vorhaben, mit dem der neue Stasiunterlagenbeauftragte Roland Jahn Mitte März ins Amt gestartet war. Gleich bei der Amtsübergabe von Marianne Birthler an ihn im Pei-Bau nahe der Berliner Museumsinsel hatte Jahn die Beschäftigung von Ex-Stasileuten als "unerträglich" und "Schlag ins Gesicht der Opfer" bezeichnet. Die einen jubelten – vor allem Vertreter von Opferverbänden, aber auch Politiker der Regierungskoalition aus Union und FDP. Zu den Skeptikern dagegen gehörte von Anfang an der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz. Er machte sich zum Wortführer derjenigen, die meinen, dass auch Jahn nicht schaffen werde, was dessen Amtsvorgänger Birthler und Joachim Gauck nicht geschafft haben.
An diesem Wochenende nun legte Wiefelspütz mit ausgesprochen scharfer Wortwahl nach. Wiefelspütz nannte den in der DDR verfolgten früheren Bürgerrechtler Jahn einen "Eiferer", der "Schaum vorm Mund" habe. Dem "Focus" gestand Wiefelspütz: "Ich habe ihn gewählt, aber ich habe mich geirrt." Denn schließlich sei die Stasiunterlagenbehörde "keine Einrichtung, in der es um Menschenjagd" gehe.
Seit Jahn im Amt ist, hat es kein Gespräch zwischen ihm und Wiefelspütz gegeben. Und obwohl Jahn auch von den scharfen Angriffen irritiert sein mag, will er doch nicht den offenen Schlagabtausch mit dem Sozialdemokraten – ohnehin ist bekannt, dass die lieber den Berliner Oberkirchenrat David Gill als Jahn an der Spitze der Behörde gesehen hätten. "Ich möchte Herrn Wiefelspütz nicht kommentieren", sagte Jahn dem Tagesspiegel am Sonntag. Allerdings bekräftigt er seinen Kurs gegen die Ex-Stasileute, von denen viele an der Pforte und im Wachdienst arbeiten. "Mein Ziel heißt Versöhnung. Ich will, dass die Aufarbeitung gelingt. Dafür müssen die Wunden der Opfer geheilt werden", betont er im Gespräch mit dieser Zeitung weiter. Schließlich habe auch seine Vorgängerin Birthler die Stasimitarbeiter in der Behörde als "schwere Hypothek" bezeichnet. "Ich habe dieses Problem erneut deutlich benannt, weil es unsere Arbeit behindert und die Glaubwürdigkeit der Behörde beschädigt."
Wie viel Jahn ausrichten kann, ist offen. Auch unter Birthler und Jahn hatte es Versuche gegeben, die früheren hauptamtlichen Stasimitarbeiter loszuwerden, sie etwa in andere Bundesbehörden zu versetzen. Das gelang nicht, Jahn hat offenkundig den Verdacht, es habe am notwendigen Ehrgeiz gefehlt. Er hat gleich nach seinem Amtsantritt ein arbeitsrechtliches Gutachten in Auftrag gegeben, das die Möglichkeiten aufzeigen soll. Ende Mai soll es vorliegen. Abfindungen schließt Jahn aus, und er will auch nicht einzelne Ex-Stasileute in seiner Behörde auf Posten ohne Außenkontakte "verstecken".
In jedem seiner Interviews geht es um das Thema. Erst vor wenigen Tagen sagte er über die 47 Leute: "Das waren auch keineswegs kleine Würstchen, sondern überwiegend ehemalige Offiziere." Nach wie vor könne er sich vorstellen, sie "in weniger sensiblen Bereichen" im Staatsdienst, also bei anderen Behörden, einzusetzen. Das Echo bei anderen Bundesbehörden zu dieser Idee ist äußerst verhalten. Eines will Jahn aber auf keinen Fall – als Rächer dastehen. "Mein Grundsatz heißt strikte Rechtsstaatlichkeit." Schließlich habe er genau für diese Forderung in der DDR im Gefängnis gesessen.
Erschienen im Tagesspiegel
- Datum 08.05.2011 - 12:05 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 47
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Fuer mich ist das der normale Weg der Strafverfolgung.. getroffene Hunde bellen :o)
Nach Ihren Grundsätzen hätten die Alliierten 1945 auch eine Bestrafung von Traudl Junge (der Privatsekretärin Hitlers) vornehmen müssen. Haben sie aber aus guten Gründen nicht getan!
Herr Jahn sollte auf den Weg des Rechtsstaats zurückkehren. Wer sich nach damals geltendem Recht (DDR) schuldig gemacht hat, gehört nach dem damals geltenden Recht bestraft (z.B. aus dem Amt entfernt), sofern seine Taten nicht bereits verjährt sind.
Herr Jahn sollte sich an die Entscheidungen seiner Vorgänger/innen gebunden fühlen. Man kann nicht erst 20 Jahre das Wissen von ehemaligen Stasimitarbeitern für sich nutzen und diese Leute anschließend mit der Begründung raus schmeissen, sie hätten für die Stasi gearbeitet.
Das wusste man bereits bei Ihrer Einstellung.
Nach Ihren Grundsätzen hätten die Alliierten 1945 auch eine Bestrafung von Traudl Junge (der Privatsekretärin Hitlers) vornehmen müssen. Haben sie aber aus guten Gründen nicht getan!
Herr Jahn sollte auf den Weg des Rechtsstaats zurückkehren. Wer sich nach damals geltendem Recht (DDR) schuldig gemacht hat, gehört nach dem damals geltenden Recht bestraft (z.B. aus dem Amt entfernt), sofern seine Taten nicht bereits verjährt sind.
Herr Jahn sollte sich an die Entscheidungen seiner Vorgänger/innen gebunden fühlen. Man kann nicht erst 20 Jahre das Wissen von ehemaligen Stasimitarbeitern für sich nutzen und diese Leute anschließend mit der Begründung raus schmeissen, sie hätten für die Stasi gearbeitet.
Das wusste man bereits bei Ihrer Einstellung.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/ew
Die hier gleich obendrüber stehende Werbung zu der "Stasi-Doku 'Die Firma'" zeigt ja, wie passend Werbung zum Artikelthema platziert werden kann. Und derart eingestimmt, lassen sich auch die Worte der noch darüber stehenden anderen Werbung "Sei überrascht, wen Du hier alles triffst!" - als ein spezielles, höchst verlockendes Informationsangebot lesen (das von wer-kennt-wen natürlich nicht gemeint ist) ...
Schade -es gäbe sicher noch viele Überraschungen in puncto Stasi - aber wo "trifft" man die Leute wirklich?
Nach Ihren Grundsätzen hätten die Alliierten 1945 auch eine Bestrafung von Traudl Junge (der Privatsekretärin Hitlers) vornehmen müssen. Haben sie aber aus guten Gründen nicht getan!
Herr Jahn sollte auf den Weg des Rechtsstaats zurückkehren. Wer sich nach damals geltendem Recht (DDR) schuldig gemacht hat, gehört nach dem damals geltenden Recht bestraft (z.B. aus dem Amt entfernt), sofern seine Taten nicht bereits verjährt sind.
Herr Jahn sollte sich an die Entscheidungen seiner Vorgänger/innen gebunden fühlen. Man kann nicht erst 20 Jahre das Wissen von ehemaligen Stasimitarbeitern für sich nutzen und diese Leute anschließend mit der Begründung raus schmeissen, sie hätten für die Stasi gearbeitet.
Das wusste man bereits bei Ihrer Einstellung.
Zitat:
"Nach Ihren Grundsätzen hätten die Alliierten 1945 auch eine Bestrafung von Traudl Junge (der Privatsekretärin Hitlers) vornehmen müssen. Haben sie aber aus guten Gründen nicht getan!"
Diese Gründe liegen auf der Hand: Man hat ihr kein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vorwerfen können.
Nach dieser Prämisse sollte auch eine "Jahn-Behörde" vorgehen.
Zitat:
"Nach Ihren Grundsätzen hätten die Alliierten 1945 auch eine Bestrafung von Traudl Junge (der Privatsekretärin Hitlers) vornehmen müssen. Haben sie aber aus guten Gründen nicht getan!"
Diese Gründe liegen auf der Hand: Man hat ihr kein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vorwerfen können.
Nach dieser Prämisse sollte auch eine "Jahn-Behörde" vorgehen.
("Nach Ihren Grundsätzen hätten die Alliierten 1945 auch eine Bestrafung von Traudl Junge (der Privatsekretärin Hitlers) vornehmen müssen. Haben sie aber aus guten Gründen nicht getan!")
Sie hat ihren Arbeitsplatz verloren und ist als "Mitläuferin" eingestuft worden. Weiterbeschäftigung in einer staatlichen Behörde ist ja wohl etwas anderes.
Während ein großer Teil der aktiv in den Nazistaat Verstrickten in der BRD unbehelligt in ihrem Beruf weiter wirken konnten (Krönung:20 Jahre nach WK 2 ein ehemaliges NSDAP-Mitglied als Bundeskanzler), wurde im Osten fast alles, was "systemnah" war aus dem ÖD (Chlen,Uni ,Kommunen) entlassen und "abgestraft", bei den meisten ohne individuelle Schuld und ohne irgendeine Straftat, darunter viele aktive Teilnehmer an der 89er Revolution.
Wie heisst es bei Orwell, alle sind gleich, aber einige (hier müsste man sagen: viele) sind etwas gleicher.
(...Sie hat ihren Arbeitsplatz verloren und ist als "Mitläuferin" eingestuft worden. Weiterbeschäftigung in einer staatlichen Behörde ist ja wohl etwas anderes...)
... ein Nazi-Marinerichter (Filbinger), der nach der Kapitulation noch Todesurteile verhängt hatte, wurde CDU-Ministerpräsident ... ... .
Während ein großer Teil der aktiv in den Nazistaat Verstrickten in der BRD unbehelligt in ihrem Beruf weiter wirken konnten (Krönung:20 Jahre nach WK 2 ein ehemaliges NSDAP-Mitglied als Bundeskanzler), wurde im Osten fast alles, was "systemnah" war aus dem ÖD (Chlen,Uni ,Kommunen) entlassen und "abgestraft", bei den meisten ohne individuelle Schuld und ohne irgendeine Straftat, darunter viele aktive Teilnehmer an der 89er Revolution.
Wie heisst es bei Orwell, alle sind gleich, aber einige (hier müsste man sagen: viele) sind etwas gleicher.
(...Sie hat ihren Arbeitsplatz verloren und ist als "Mitläuferin" eingestuft worden. Weiterbeschäftigung in einer staatlichen Behörde ist ja wohl etwas anderes...)
... ein Nazi-Marinerichter (Filbinger), der nach der Kapitulation noch Todesurteile verhängt hatte, wurde CDU-Ministerpräsident ... ... .
hoffen das er genauso restrikt vorgeht und die Akten von Teilen der jetzigen Führungsriegen D-land und den MP der Länder Thüringen und Sachsen der Öffentlichkeit präsentiert. Da wird der von Merkels Gnaden engagierte Jahn aber schnell wieder seinen inquisitatorischen Schwanz einziehen.
Und wenn man mal ehrlich ist, wenn alle Stasi Mitarbeiter auffliegen würde, dann hätte die Ost-CDU ein großes Mitgliederproblem. Über die Anstellung ehemaliger Naziverbrecher im dt. Staatsapparat nach WW2 gar nicht erst zu reden.
Entweder man legt alle Akten offen oder man lässt die unnütze Behörde weiter vor sich hinwirtschaften und Herr Jahn soll sich an seinem Kuschelposten erfreuen.
diese hasenjagd nach IMs hatte nur die aufgabe, die wirklich verantwortlichen, das edelwild, in ruhe zu lassen.
IMs waren doch nicht staatstragend!
das waren die politfunktionäre, die kleinen und die grossen.
ja und warum hat man die in ruhe gelassen?
na weil dann die politprominenz des westens mit ins visier gerückt worden wäre.
diese engen persönlichen verpflechtungen der politiker ost-west, hinter denen ideologische kungelei und wirtschaftsinteressen standen, das wollten die westparteien auf keinen fall.
der rechtfertigungsbedarf wäre riesig gewesen.
So schwer es uns allen fällt: letzten Endes nutzt es keinem wenn ständig die selben Klamotten im Kreis gedreht werden. Die Leute arbeiten seit 20 Jahren, trotz Versuchen sie loszuwerden, immer noch dort. Und scheinbar hat der neue Chef nichts besseres zu tun als den nächsten Versuch zu starten.
Wenn der gute Mann nichts besseres zu tun hat, können wir die Behörde auch zu machen und gleich noch mehr Geld sparen.
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