Afghanistan : Der Preis des Bundeswehr-Erfolgs

Die Anschläge auf deutsche Soldaten in Afghanistan häufen sich. Einer der Gründe: Die Taliban sind in der Defensive und verlegen sich wieder auf Einzelaktionen.
Soldaten im Feldlager Masar-i-Scharif beim Abschied ihrer gefallenen Kameraden © Maurizio Gambarini/dpa

Eigentlich war Thomas de Maizière am Donnerstag beim Evangelischen Kirchentag in Dresden nur als Zeitzeuge gefragt: „Ich war dabei“ heißt der Titel der Veranstaltung, bei der der CDU-Politiker jungen Leuten über seine Rolle bei und nach der deutschen Einheit Auskunft geben wollte. Doch am Morgen erreichte den Verteidigungsminister eine schlechte Nachricht. Wieder ist in Afghanistan ein deutscher Soldat umgekommen. Es ist der vierte Tote in de Maizières noch kurzer Amtszeit. „Die Häufung der Anschläge sorgt uns“, sagt der Minister bei einer rasch improvisierten Pressekonferenz. „Ich habe Verständnis für die Frage, ob unsere Strategie richtig ist.“ Aus seiner Sicht ist die Antwort allerdings klar: „Vor Gewalt darf man nicht weichen.“

Wie lief der Anschlag ab?

Der deutsche Soldat starb am Donnerstagmorgen bei der Explosion einer Sprengstofffalle . Fünf weitere Kameraden wurden verletzt, zwei von ihnen schwer. Sie gehörten zu einem gemischten deutsch-afghanischen Team, das ausgerechnet den Auftrag hatte, eine Straße im Kandahari-Gürtel südlich von Kundus auf solche Sprengfallen hin abzusuchen. Die Soldaten, die mit einem Schützenpanzer "Marder" unterwegs waren, waren Teil des Sicherungszuges für die Bombenspürtrupps. Die Sprengladung detonierte in unmittelbarer Nähe ihres Panzers.

Die Attentäter hatten sich für ihren mörderischen Anschlag symbolträchtiges Gebiet ausgesucht. Das schwer zugängliche Gebirgsland auf halbem Weg zwischen dem deutschen Feldlager Kundus und der Stadt Pol-e-Khumri war lange Zeit eine Hochburg aufständischer Kämpfer – teils Taliban, teils Truppen lokaler Kriegsfürsten. Erst vor kurzem hatten Afghanen, Deutsche und Amerikaner gemeinsam die Aufständischen verdrängt; jetzt läuft eine Operation unter dem Codenamen „Bahar“, die das Ziel hat, den eroberten Raum zu halten.

Dieses Vorgehen folgt dem taktischen "Taschen"-Konzept, das die internationale Schutztruppe Isaf seit einem guten Jahr auch im deutschen Kommandobereich in Nordafghanistan anwendet: Ausgehend von den befestigten Feldlagern, soll den Taliban ihre Vorherrschaft Gebiet um Gebiet abgenommen werden. Anders als es vorher oft üblich war, ziehen sich die verbündeten Truppen danach aber nicht zurück. Sie versuchen mit einer Mischung aus Patrouillen, festen Plätzen, Kontrollpunkten und Hilfe für die Bevölkerung, die eroberten "Taschen" dauerhaft zu einer weitgehend befriedeten Zone unter Aufsicht der afghanischen Sicherheitsorgane zu machen.

Was bedeutet das für den Abzugsplan?

Jahrelang endete der Einflussbereich der Bundeswehr in Kundus nach wenigen Kilometern. Insgesamt gesehen hat sich die Lage in der Region Char Darah inzwischen deutlich entspannt. Die Taliban sind noch da, aber sie beherrschen das Land nicht mehr. Die neue Taktik ist zentraler Bestandteil des Abzugsplans, den sich die Nato für die Isaf zurechtgelegt hat.

Ab Jahresende sollen erste ausländische Truppen das Land am Hindukusch verlassen, bis 2014 sollen die Afghanen selbst die Verantwortung für ihre Sicherheit übernehmen. Entscheidend für das Gelingen dieses sehr ambitionierten Plans ist, dass es bis dahin genug – und vor allem genug brauchbare – afghanische Soldaten und Polizisten gibt.

Voraussetzung ist aber auch, dass zumindest keine größeren Regionen mehr in Taliban-Hand sind. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. De Maizière hat schon klargemacht, dass der für Jahresende geplante erste Teilabzug eher symbolischer Natur sein wird – die Uniformierten, die dann gehen sollen, werden Posten in der Verwaltung oder in technischen Bereichen räumen. An den Abzug von Kampftruppen ist noch nicht zu denken. Als de Maizière neulich in Washington war, hat er die US-Regierung eindringlich gebeten, es ihrerseits mit dem Abzug nicht zu übertreiben. Erst die massive US-Unterstützung im Norden mit Kampfeinheiten, aber auch dringend benötigtem Gerät wie Hubschraubern hat die Bundeswehr überhaupt in die Lage versetzt, die "Taschen"-Taktik erfolgreich anzuwenden.

Die Bundeswehr muss allerdings jetzt immer öfter die Erfahrung machen, dass der Erfolg seinen Preis hat: Je weniger es den Aufständischen gelingt, ganze Gebiete zu beherrschen, um so stärker verlegen sie sich wieder auf Einzelanschläge mit möglichst hoher Symbolwirkung. „Unsere Strategie greift: Die Taliban haben an Boden verloren“, sagt de Maizière. „Es bleibt ihnen nur noch, mit Gewalt den Eindruck von Stärke zu vermitteln.“ 

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wenn man den deutschen Kommentaren seit Einmarschbeginn folgte

waren die Taliban fast immer in der Defensive, lediglich lokale Angriffe waren zu vermelden und der eine oder andere verzweifelte größere Angriff vor dem Zusammenbruch. Und nun...viele Jahre später...sind sie es angeblich immer noch oder wieder. Und das erfolgreich, schließlich binden sie mit ihrer Defensivtaktik Tausende modernst ausgerüstete Nato-Soldaten, die alles aufs Gefechtsfeld werfen, was das moderne Arsenal zu bieten hat, inklusive ferngesteuerte Bomben. Irgendwie erinnert mich diese Berichterstattung fatal an Berichte von den Kurt-Eggers-Angehörigen...immer positiv, immer dem Feind auf den Fersen und der endgültige Sieg schon an der nächsten Ecke.

@R. Birnbaum/E. Starke:

"Die Bundeswehr soll künftig, wie es die USA schon heute tun, alle ihre afghanischen Helfer mit einem Mobil-Lesegerät für den Augenhintergrund scannen – die High-Tech-Personenkontrolle war zwar schon vor vielen Monaten vereinbart worden, kam aber wegen Datenschutzbedenken in der deutschen Wehrverwaltung nicht voran."

Ohne Worte.

Verdrehte Welt!

In Deutschland haben vor allem Unions-Politiker kein Problem damit die gesamte Bevölkerung durch die Vorratsdatenspeicherung unter Generalverdacht zu stellen. Nicht zuletzt mit der Begründung dies sei für die Terrorabwhr unumgänglich, und in Afghanistan sieht man Datenschutzprobleme wenn man bei Hilfskräften eine Identitätskontrolle durch Netzhautscan einführen soll, da fehlen einem wirklich die Worte.