Die Ernennung des bisherigen Kölner Weihbischofs Rainer Maria Woelki zum neuen Erzbischof von Berlin stößt auf wachsende Kritik. "Die Katholische Kirche ist schlecht beraten, jemanden in die Hauptstadt zu schicken, der offenbar ein Problem mit Homosexuellen hat", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs dem Tagesspiegel. "Die katholische Kirche tut sich keinen Gefallen, wenn sie den Vertreter einer rückständigen Glaubensrichtung in Berlin zum Bischof macht, da dies dem Lebensgefühl der Menschen widerspricht."

Kahrs bezog sich mit seiner Kritik auf einen Spiegel-Bericht, wonach Woelki Homosexualität als Verstoß gegen die "Schöpfungsordnung" verurteilt hat. Die Äußerung sei in einem Gespräch zwischen Woelki und dem katholischen Publizisten Georg Schwikart aus Sankt Augustin gefallen. Dabei sei es um die Weigerung des Erzbistums gegangen, Schwikart im Herbst 2010 zum Diakon zu weihen – offenbar weil der in einem Aufklärungsbuch geschrieben hatte: "Es gibt auch Männer, die Männer lieben." 

Der Arbeitskreis "Lesben und Schwule in der SPD" (Schwusos) bezeichnete die Ernennung Woelkis vor diesem Hintergrund als negatives Signal. "Das wird den Dialog mit der katholischen Kirche erschweren", sagte der Schwuso-Vorsitzende Ansgar Dittmar. Für alle in der Katholischen Kirche engagierten Schwulen und Lesben seien Woelkis Äußerungen "ein Stoß vor den Kopf".

Der kirchenpolitische Sprecher der Grünen, Josef Winkler, sagte es werde sich unter anderem am Umgang mit dem Thema Homosexualität entscheiden, ob Woelki als Bischof in der Hauptstadt bestehen könne. Er fügte hinzu: "Die reine Ablehnung von Homosexualität als verdammungswürdig ist sicher nicht der richtige Umgang."

Die Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters sagte, sie hoffe, dass Gerüchte über Woelkis Nähe zur katholischen Laienorganisation Opus Dei nicht zuträfen: "Das wäre verheerend." Der neue Erzbischof brauche "Offenheit für eine so heterogene Gesellschaft" wie die in Berlin.

Woelki gilt als enger Vertrauter des Kölner Erzbischofs, Kardinal Joachim Meisner, der von 1980 bis 1989 Berliner Erzbischof war. Der Theologe promovierte an der Römischen Universität vom Heiligen Kreuz über die Seelsorge. Er gehört zum konservativen Lager der Kirche, seine Universität gehört Opus Dei an.

Woelki sagte am Samstag im Interview mit dem Kölner Domradio, er habe nicht mit der Berufung gerechnet. Die Ernennung habe ihm "einige schlaflose Nächte" bereitet. Bisher sei er vor allem als Tourist nach Berlin gekommen. Als Student der Universität Bonn habe er bei Studienfahrten versucht, für Priesteramtskandidaten im Ostteil der Stadt theologische und philosophische Literatur "herüberzuschmuggeln". Woelki wird nach Angaben des Erzbistums am Dienstag in Berlin erwartet.

Erschienen im Tagesspiegel.