Manfred StolpeIn der Pflicht der deutsch-deutschen Geschichte

Die Stasi und er hatten schon immer eine verdächtige Beziehung. Nun muss Manfred Stolpe wieder damit umgehen, im Zentrum einer heftigen Debatte zu stehen.

Es geht wirklich nicht. Manfred Stolpe kann jetzt über nichts mehr reden. Nicht über die brandenburgische Enquete-Kommission und die neuen alten Stasi-Vorwürfe gegen ihn . Er hat einen wichtigen Termin in Potsdam. "Morgen ist mehr Zeit", sagt er und läuft über das weitläufige Gelände des Diakonissenhauses in Teltow zu seinem Auto. Findet den Schlüssel nicht, merkt, dass er die falsche Jacke erwischt hat, ärgert sich, eilt zurück. Fünf Minuten später kann er endlich losfahren. "Es ist wirklich ein wichtiger Termin", sagt er entschuldigend.

Zwei Stunden hat Stolpe zuvor hinter einem Rednerpult verbracht. Und kein gutes Haar an der DDR gelassen. Die habe die Kirche als Feind betrachtet, "als aussterbendes Relikt, als Fünfte Kolonne gegen den Staat". Vor ihm saßen drei Dutzend Schwestern des Diakonissenhauses Teltow. Pfarrer Matthias Blume hat Stolpe als ehemaligen Konsistorialpräsidenten der Evangelischen Kirche, ehemaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Bundesverkehrsminister begrüßt. Für die Diakonissen ist er aber nur "Bruder Stolpe". Die meisten von ihnen sind älter als der 75-Jährige.

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Der hält an diesem Tag einen Vortrag über das "Erbe der Diakonie", aber eigentlich geht es um die Geschichte der Kirche im Sozialismus . Natürlich könnte es auch um sein politisches Erbe gehen. Denn seit die Gutachter der Enquete-Kommission entgegen einem früheren Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Ergebnis kamen, dass Stolpe ein IM, ein Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit war und sein Amt als Ministerpräsident hätte niederlegen sollen, steht auch seine Lebensleistung auf dem Spiel. Er habe durch seine eigene Stasi-Vergangenheit der Aufarbeitung dieses Kapitels DDR-Geschichte nach 1990 im Weg gestanden, heißt es. Aber darum geht es nicht, jedenfalls nicht hier. Stolpe erzählt den Diakonissen, wie in den 50er Jahren staatliche Notare in die Betriebe kamen, um die Beschäftigten zum sofortigen Kirchenaustritt zu bewegen, er spricht von Enteignungen, Verfolgungen und Benachteiligungen der Christen.

Ist das der Mann, dem man vorwirft, in Brandenburg eine "kleine DDR" geschaffen zu haben? Wie geht Manfred Stolpe mit den Anschuldigungen um? Er ist längst im Ruhestand, kämpft – wie seine Frau – seit Jahren gegen den Krebs. Zieht er sich zurück? Ist er verbittert?

"Nur betroffen und traurig", sagt Stolpe am Rande seines Vortrags in Teltow und schiebt hinterher, was er oft sagt dieser Tage: "Das vergiftet das Klima im Land. Ich versuche nach wie vor, für eine faire Aufarbeitung zu werben, aber das ist angesichts der bislang von den Gutachtern betriebenen Schwarzweiß-Malerei sehr schwer."

Bei den Diakonissen hat Stolpe, der von 1959 bis 1989 in verschiedenen Funktionen für die Evangelische Kirche der DDR arbeitete, ein Heimspiel. Sie nicken, als er erzählt, wie Christen in der DDR bekämpft, verhöhnt und bestenfalls benutzt wurden für Pflegeaufgaben, bei denen sich der Staat überfordert fühlte. Die Schwestern, von denen viele ihre graue Arbeitskleidung gegen die blaue Festtagstracht getauscht haben, lauschen aufmerksam. Sie seufzen. Ihre mit vier Haarklemmen befestigten weißen Häubchen zittern auf den ergrauten Häuptern, als Stolpe über Oskar Brüsewitz erzählt. Der Pfarrer hatte sich im August 1976 im anhaltinischen Zeitz aus Protest gegen die DDR-Kirchenpolitik öffentlich verbrannt. Glaubt man den Akten, hatte Stolpe damals vor allem Sorge, die "Westpresse könne Brüsewitz’ Freitod auf ihre Weise ausnutzen", er empfahl "Solidarität mit dem Staat".

Aber die Diakonissen fällen ihr Urteil nicht nach Aktenlage. Sie kennen die DDR aus eigener Erfahrung. "Er musste mit den Wölfen heulen, wenn er etwas erreichen wollte", sagt eine Schwester. "Aber es ging ihm immer um Menschen."

Hinter dem Rednerpult wirkt Manfred Stolpe vital wie eh und je. Kraftvolle Gesten unterstreichen die sonore Stimme, er ballt die Fäuste, die Augen blitzen, die linke Hand wandert auf der Suche nach einem Taschentuch routiniert in die rechte Jackett-Innentasche.

Als er das Rednerpult verlässt, scheint er auch seine Energie zu verlieren. Er senkt die Schultern und den Kopf, schlurft mehr, als er geht, horcht in sich hinein. Als ihm die Diakonissen einen Strauß aus dem hauseigenen Kräutergarten überreichen, überspielt er die Rührung mit einem Scherz: "Das riecht besser als Akten." Das Lachen der Schwestern tut ihm gut, auch wenn er nicht mitlacht. "Das hier ist so etwas wie meine geistliche Heimat", vertraut er den alten Frauen an, schluckt und fährt mit heiserer Stimme fort: "Ich hoffe, dass ich es noch lange genießen kann."

Im April 2008 hatte ein Arzt Manfred Stolpe prognostiziert, dass er mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit noch fünf Jahre zu leben hätte. Stolpe war vorsichtiger, gab sich selbst nur eine "Restzeit" von 420 Tagen. Die ist längst überschritten, aber das Gefühl, etwas zum letzten Mal zu sehen, riechen, schmecken oder zu fühlen, das ist geblieben.

Die Stolpes haben bei Sandra Maischberger offen über ihre Krebskrankheiten gesprochen, auch ein Buch darüber geschrieben. Ingrid Stolpe, die 2008 an Brustkrebs erkrankte, müsse sich immer noch einer Chemotherapie unterziehen, aber ansonsten gehe es ihr gut, sagt ihr Mann, als eine Diakonissin nachfragt.

Bei ihm selbst wurde 2004 Darmkrebs diagnostiziert. Da war er Bundesverkehrsminister, stand wegen der Lkw-Maut in der Kritik und erzählte deshalb nur einigen Vertrauten von der Operation. Danach arbeitete er sofort weiter. Als sich durch die Chemotherapie seine Haut an den Händen ablöste, trug Stolpe weiße Zwirnhandschuhe und ließ seine Sekretärin im Glauben, dass dies wegen der staubigen Akten sei. Nach der Bundestagswahl 2005 schied er aus dem Amt, drei Jahre später musste er wegen Metastasen in der Leber erneut operiert werden.

Momentan gehe es ihm gut, sagt er. Wie zu seiner Zeit als Berufspolitiker steht Stolpe um 6 Uhr auf und hört Nachrichten. Das Frühstück mit seiner Frau ist ein Muss, und spätestens um 8 Uhr sitzt er am Schreibtisch, beantwortet Briefe, bereitet Reden vor. Damit er täglich vier Stunden arbeiten kann, legt er die immer noch zahlreichen öffentlichen Termine lieber auf die Nachmittage.

Am Tag nach dem Besuch bei den Diakonissen ist er in Berlin-Wilmersdorf, wo der Verein Westwind im Schoeler- Schlösschen zu einer Fotoausstellung und einem Podiumsgespräch einlädt. Das Schoeler-Schlösschen soll künftig die 8.000 Bände umfassende Büchersammlung des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau beherbergen, mit dem Stolpe eng befreundet war. Für den Innenausbau fehlen noch Geld- und Sachspenden, die Veranstaltung dient auch der Werbung dafür. Anlass ist der 20. Jahrestag des Verwaltungsabkommens zwischen Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.

Waren die damals von West nach Ost gewechselten Beamten Besserwessis oder Aufbauhelfer? Darüber soll Manfred Stolpe mit dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Schnoor diskutieren. Es wird eher ein launiger Plausch zwischen zwei alten Genossen. Versöhnlich natürlich. Und mit vielen Geschichten über die ersten Jahre: als Telefone fehlten und die Büros in den vormaligen Räten der Bezirke noch verwanzt waren.

An diesem Abend hat Stolpe Zeit. Er gibt Autogramme, erzählt von seinem Kampf für den Erhalt brandenburgischer Herrenhäuser und für bessere Beziehungen zu Osteuropa. "Da muss ich schon aufpassen, dass meine beiden Enkel und die häuslichen Pflichten nicht zu kurz kommen", sagt er: "Ich habe versprochen, den Staubsauger zu reparieren und eine Gardinenstange anzudübeln." Dieser Mann kann nicht anders. Stillstand, Resignation, Aufgeben würde er sich nie erlauben. Und wahrscheinlich nicht verkraften.

Stolpes 75. Geburtstag im Mai wurde groß gefeiert. Im eigens gedruckten Buch für den Mutmacher Manfred Stolpe stehen lobende Beiträge von Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Frank-Walter Steinmeier oder Egon Bahr, auch von Eberhard Diepgen, Jörg Schönbohm oder Altbischof Wolfgang Huber.

Seine Kritiker gehen hingegen härter als je zuvor mit ihm ins Gericht. Seine innere Überzeugung, im Dienste der Kirche gearbeitet zu haben, sei nach den Kriterien der Stasi-Überprüfungen nicht relevant, sagen die Gutachter der Enquete-Kommission. Stolpe schüttelt den Kopf. "Ich habe getan, was ich für meine Pflicht hielt – in der DDR und auch danach."

Das Bundesverfassungsgericht hatte 2005 entschieden, dass Stolpe nicht als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter bezeichnet werden dürfe. Er selbst hatte schon Anfang der 90er Jahre eingeräumt, während seiner Arbeit als führender Kirchenjurist in der DDR Kontakte zum DDR-Geheimdienst gehalten zu haben. Von seiner Registrierung als Inoffizieller Mitarbeiter "IM Sekretär" habe er aber erst 1989 erfahren. Stolpe betonte stets, nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und niemandem geschadet zu haben. Zu diesem Schluss waren auch Untersuchungsausschüsse des Landtages und der Kirche gekommen.

"Ich habe aber einen Fehler gemacht", gibt Stolpe jetzt zu: "Ich hätte mich schon Anfang der 90er für ein Gremium zur Aufarbeitung einsetzen müssen, aber damals habe ich andere Schwerpunkte gesehen, die hereinbrechende Massenarbeitslosigkeit zum Beispiel." Es sei ihm nie um Rache, sondern um Integration gegangen. Wie der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu glaubt Stolpe, dass die Wahrheit auf den Tisch gehöre, dass Menschen aber auch eine zweite Chance verdienten.

Auch wenn er mit einer "Mischung aus Milde und Verachtung" auf die seiner Ansicht nach instrumentalisierte Geschichtsaufarbeitung schaue – es belaste ihn doch. "Die nachwachsende Generation sollte nicht alles nur aus Büchern erfahren. Aber viele Zeitzeugen möchten wegen der einseitigen Darstellung der DDR nicht mehr darüber reden." Was zumindest auf ein älteres Ehepaar zutrifft. Es ist aus einem ganz besonderen Grund zu Stolpes Vortrag gekommen. "Wir wollten uns nochmal ganz herzlich bei Ihnen bedanken", sagt der Mann. Und seine Frau fragt: "Erinnern Sie sich noch an uns? Eichsfeld? Sie haben uns damals sehr geholfen!" Stolpe nickt. "Wie lange ist das jetzt her? 40 Jahre?"

Mehr möchten die beiden Eheleute nicht erzählen, nicht Fremden jedenfalls. Stolpe erlebt das oft bei Menschen, denen er zur Ausreise verholfen hat. "Die haben durch die Beschuldigungen gegen mich Angst, dass ihnen vorgeworfen wird, sie hätten das letztlich der Stasi zu verdanken – was oft nicht stimmt", sagt er und findet diese Angst sogar verständlich. Bei ihm sei es einfacher: Der große Zuspruch, den er persönlich durch Gespräche und Briefe erfahre, wiege manche Anfeindung auf. "Meine Frau und ich versuchen, uns nicht unterkriegen zu lassen", sagt Stolpe, "nicht vom Krebs und nicht von der Enquete-Komission." Sein Lächeln ist traurig. Er fügt hinzu, dass der Krebs "schon vieles relativiert".

Herbert Schnoor, der einstige Innenminister, ist aus Nordrhein-Westfalen zu seiner Tochter ins brandenburgische Werder gezogen und verfolgt hier die Diskussion um die Vergangenheitsaufarbeitung genau. "Es ist eine Schweinerei, wie man mit Stolpe umgeht", sagt der 84-Jährige ganz unverblümt: "Er hat zu DDR-Zeiten die Drecksarbeit gemacht und alle Kirchenleute waren heilfroh, dass er ihnen das abgenommen hat."

Schnoor kennt und erzählt Geschichten von Menschen, denen Stolpe geholfen hat, und zitiert dann den Spruch vom langen Löffel, den jeder braucht, der mit dem Teufel isst. "Vielleicht war der Löffel manchmal nicht mehr lang genug", sagt er. "Aber ich bin überzeugt, dass Stolpe integer gehandelt hat. Er hat ein Herz für Menschen – das fehlt heute leider oft in der Politik."

Dass Stolpe gut mit Menschen umgehen kann, sagt auch die Wirtin im Schoeler-Schlösschen: "Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit in der Bundestagskantine. Da musste ich ihm oft Käsebrötchen schmieren."

An diesem Abend genehmigt sich Stolpe aber eine ganze Pizza und sogar zwei Gläser Weißwein. Schließlich muss er heute nicht selbst fahren. Gestern habe er seinen wichtigen Termin in Potsdam tatsächlich gerade noch so geschafft, sagt er. Und er grinst. "Mein allmonatlicher Skatabend. Ich habe gewonnen."

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
    • Harzer
    • 16.07.2011 um 17:52 Uhr

    Heute bin ich als Christ aus dem Osten klüger.
    Die Kirche hat in der DDR gar nicht in erster Linie für die Menschen gekämpft, sondern für sich selber, da sie besonders unter Ulbricht massiv in die Ecke gedrängt und in ihrer Existens bedroht wurde.
    Zwischen den Menschen unten und der Kirche gab es da eine Verbindung nach dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund".
    Wenn die Kommunisten in der DDR nicht ideologisch so borniert und überheblich gewesen wären, hätten sie die Kiche hoffiert, ihre Existens garantiert und ihre Privilegien noch ein bißchen erhöht.
    Dann hätte die Kirche ihren Gläubigen auch weiter gepredigt, daß sie ihrer Obrigkeit gehorchen sollen, und "dem Kaiser geben sollen was des Kaisers ist."
    Viele enfache Menschen haben am Ende der DDR wirklich geglaubt, die Kiche "kämpfe" in erster Linie für sie.
    Das dem nicht so war, kann man heute an der Kirche von Schröder bis Gauck sehen. Da ihre Existenz gesichert ist, hat sie den Kampf um die Gerechtigkeit auf dieser Welt ( in diesem Staat ) eingestellt.

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    • Harzer
    • 16.07.2011 um 17:54 Uhr

    Von Hatz4 - Leyen1 z.B. ist die Kirche heute so viele Welten weit entfernt, daß sie es wohl wirklich nicht durchschaut, es sie auch nur am Rande betrifft, und sie schweigt.
    Die Kirche ist zu ihrem historischen Verhaltensmuster zurückgekehrt:
    Im Diesseits für die Obrigkeit die Untertanen mit religiösem "Opium" ruhig zu stellen und immerhin Allmosen an die Bedürftigen zu verteilen.
    Im Falle der Gerechtigkeit vertröstet sie bestenfalls auf das Jenseits.
    Da ist es kein Wunder, daß die Kirchen heute wieder leer sind.

    ...Die oben brauchen sie zu wenig und für die unten tut sie zu wenig... ... .

    5 Leserempfehlungen
  1. Wenn jetzt gegen einen schwer kranken Mann vom Leder gezogen wird, dann ist das nicht mehr nachvollziehbar. Dass er als Kirchenfunktionär in der ehemaligen DDR enge Kontakte zur StaSi haben musste, kann nur jemand als auffällig bezeichnen, der keinerlei Realitätsbezug hat.

    Es war wohl so, wie im Artikel beschrieben: Alle anderen waren froh, dass er die "Drecksarbeit" gemacht hat. Ihm jetzt, vor dem Hintergrund seiner prekären gesundheitlichen Situation daraus einen Strick drehen zu wollen, ist mehr als peinlich. Es ist widerlich.

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    • ribera
    • 17.07.2011 um 0:05 Uhr

    Irgendwann holen sie jeden ein.
    Haetten manche Stolpe weniger verklaert und alles irgendwie zu entschuldigen versucht, haette Stolpe sich selbstkritischer gesehen, wuerde die Diskussion heute weniger heftig ausfallen oder garnicht stattfinden.

    • ribera
    • 17.07.2011 um 0:05 Uhr

    Irgendwann holen sie jeden ein.
    Haetten manche Stolpe weniger verklaert und alles irgendwie zu entschuldigen versucht, haette Stolpe sich selbstkritischer gesehen, wuerde die Diskussion heute weniger heftig ausfallen oder garnicht stattfinden.

  2. Aber mit der Wahrheit nehmen es einige Genossen
    nicht so Genau!

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    • dacapo
    • 16.07.2011 um 21:04 Uhr

    Von welchen Genossen reden Sie.

    • dacapo
    • 16.07.2011 um 21:04 Uhr

    Von welchen Genossen reden Sie.

  3. Der Überschrift des recht allgemein gehaltenen und etwas unklaren Artikels nach geht es also um Manfred Stolpe und nicht um einen allgemeinen Abriß der Geschichte der Kirche in der DDR. Verstehe ich das richtig? Deshalb wäre es m.E. angemessen, wenn man sich auch in der Diskussion vorerst auf M. Stolpe beschränken würde.
    Dann aber möchte ich gerne wissen, was genau und konkret M. Stolpe vorgeworfen wird, bevor über diesen Mann zu Gericht gesessen wird. Mehr als sehr allgemeine Verdächtigungen oder eher vage Andeutungen kann ich aber dem Artikel nicht entnehmen.
    Daß M. Stolpe als Diplomat - auch in der Brüsewitzsache - agiert hat, gehörte zu seinem Job. Wie jeder andere hatte er seine Deutungsmuster der Ereignisse. Wie jeder andere hat er sicher auch Fehler gemacht. Man zeige mir den Diplomaten, bei dem das nicht zuträfe.
    Bisher kann ich den Artikel nur als Beitrag zu einer allgemeinen Stimmungsmache verstehen, deren Motive das eigentlich Interessante sein dürften.

    2 Leserempfehlungen
  4. Geht es um Arzttermine, ehrfürchtige Diakonieschwestern, Käsebrötchen oder Skat ?
    Herr Stolpe hat die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen. Und nichts als die Wahrheit.
    In der bewußt 20-jährigen, gegenseitigen Verklärung der deutschen Geschichte ist das äußerst schwierig - für beide Seiten.

    Er hat die Möglichkeit, nicht das zu sagen, was die Anderen von ihm erwarten, sondern das, was er von sich selbst erwartet. Es wird ihn befreien, nicht von körperlichem, sondern von seinem seelischen Leid.

    Und man wird sich dann an ihn erinnern : "Endlich hat mal EINER die Schnauze aufgemacht".

    Eine Leserempfehlung
    • WTE
    • 16.07.2011 um 19:37 Uhr

    Wenig hilfreich für die allgemeine Debatte ist dieser Artikel. Die gegen Stolpe erhobenen Vorwürfe werden nur vage angedeutet und sind weder im Umfang, noch ihrer eigentlichen Sache nachvollziehbar.

    Vielmehr schafft der Autor ein Bild Stolpes als älteren, in die Jahre gekommenen Herrn, dem eigentlich nur Mitlied für die aktuelle Situation entgegen gebracht werden kann. Ein Bild über jemanden, der irgendwo zwischen 1960 und 1995 stehen geblieben ist und nun auf Reisen "Geschichten von damals" erzählt. Soweit, so harmlos.

    Einer wirklichen Aufarbeitung der Ereignisse - sowohl seiner eigenen vor der Wende, als auch der Zeit danach, in der er die Aufarbeitung der Stasi in Brandenburg mindestens unter den Tisch kehren ließ - steht dieser Artikel völlig im Wege. Wer will schon in die moralische Falle laufen, einen schwerkranken Mann noch zu geißeln, zumal die Vorwürfe nicht genannt und scheinbar alles "halb so wild" war, wie durch die Aussagen der im Text erwähnten Personen suggeriert wird?

    Ein paar sachliche Ausarbeitungen hätten dem Artikel gut getan, sie hätten nicht nur ein ungefähres Bild geliefert, was für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte nötig ist. Gerade weil viele Zeitzeugen nach wie vor nicht interssiert sind, gerade dieses Kapitel der "Pflicht deutsch-deutscher Geschichte" aufzuarbeiten. Schaut man sich aktuell, beispielsweise die Entwicklungen, auch im Brandenburger Landtag an weiß man - aus gutem Grund.

    • snm81
    • 16.07.2011 um 20:41 Uhr

    in der stasi/ aufarbeitungssache generell zuviel moralisiert, zuwenig verstanden und differenziert. dadurch wird die debatte vergiftet und politisiert. da stehen auf der seite west diejenigen, die sich das urteilen zu leicht machen, die eine idealistische prinzipienfestigkeit zur richtschnur machen, zu der im alltag einer diktatur nur die wenigsten fähig waren ( und noch wären ). und da sind auf der seite ost jene, die der entwertung ihrer biographie dadurch entgegenwirken wollen, dass sie etwas bagatellisieren oder gar romantisieren, was doch allenfalls mausgrau, wenn nicht gar fürchterlich war ( die ddr-insgesamt- soll die existenz glücklicher biographien in der ddr nicht leugnen)

    was erschwerend hinzu kommt ist eine mediale darstellung der realität von deutsch-deutscher frage und kaltem krieg generell, die zumeist sehr einseitig ist. da steht verspätete west-propaganda, skurilste pseudogeschichtswissenschaft (knopp) einer lebensweltlich spiessigen ostalgie gegenüber.

    im kontinuum dieses kontextes oszilliert auch der obige artikel herum. leider felht mir bei stolpe die fallkenntnis, ich kenne die akten nicht, habe bloß dieses und jenes gehört. dass in der ddr manche mit der stasi sprachen ohne ihr dadurch zuarbeiten zu wollen ist nichts ungewöhnliches in einer diktatur. ob es bei ihm stimmt weiss ich indes nicht.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich gehöre zu den doppelt Glücklichen, die zwar in Nazi-Deutschland, aber unverdächtig kurz vor dessen Ende, und in einer Region, die (knapp!) nicht der späteren DDR, sondern der BRD anheimfiel, geboren wurden. Mit anderen Worten: Ich hatte meinen Allerwertesten immer im Warmen, konnte mich folgenlos, weil ohne größeren Aktionismus, darüber aufregen, dass in der BRD Altnazis in höchste Staatsämter gehievt wurden, und dass die DDRler sich von einer - aus sicherer Entfernung betrachtet - eher lächerlichen Nomenklatura knechten ließen.

    Aber irgendwann in den 80ern ließ sich die Frage nicht mehr unterdrücken: Was wäre aus dir geworden, wenn du 20 Jahre früher oder ein paar Kilometer weiter östlich geboren worden wärest? Ein gefeierter Widerständler? Eine erfolgreich indoktrinierte "Stütze des Systems"? Oder einfach nur ein unauffälliger, sich durchlavierender Mitläufer?

    Angesichts des Allerwertesten im Warmen habe ich es nicht gewagt, mir die Frage ehrlich zu beantworten. Aber ich habe daraus die Überzeugung gewonnen, dass viele von denen, die jetzt mit langem Finger auf andere zeigen und "Stasi, Stasi!" schreien, glücklich wären, für "Neues Deutschland" schreiben zu dürfen, wenn die DDR den Kalten Krieg gewonnen hätte. Und viele, die jetzt in der "BRD 2.0" politisch oben sind, wären es auch in einer "DDR 2.0" - der Wille zur Macht und die Fähigkeit, sie zu erringen, ist in der Regel unabhängig von politischen Grundüberzeugungen.

    Über Stolpe kann ich nicht urteilen. Aber den meisten anderen täte ein bisschen "Nabelschau" sicher auch gut.

    Ich gehöre zu den doppelt Glücklichen, die zwar in Nazi-Deutschland, aber unverdächtig kurz vor dessen Ende, und in einer Region, die (knapp!) nicht der späteren DDR, sondern der BRD anheimfiel, geboren wurden. Mit anderen Worten: Ich hatte meinen Allerwertesten immer im Warmen, konnte mich folgenlos, weil ohne größeren Aktionismus, darüber aufregen, dass in der BRD Altnazis in höchste Staatsämter gehievt wurden, und dass die DDRler sich von einer - aus sicherer Entfernung betrachtet - eher lächerlichen Nomenklatura knechten ließen.

    Aber irgendwann in den 80ern ließ sich die Frage nicht mehr unterdrücken: Was wäre aus dir geworden, wenn du 20 Jahre früher oder ein paar Kilometer weiter östlich geboren worden wärest? Ein gefeierter Widerständler? Eine erfolgreich indoktrinierte "Stütze des Systems"? Oder einfach nur ein unauffälliger, sich durchlavierender Mitläufer?

    Angesichts des Allerwertesten im Warmen habe ich es nicht gewagt, mir die Frage ehrlich zu beantworten. Aber ich habe daraus die Überzeugung gewonnen, dass viele von denen, die jetzt mit langem Finger auf andere zeigen und "Stasi, Stasi!" schreien, glücklich wären, für "Neues Deutschland" schreiben zu dürfen, wenn die DDR den Kalten Krieg gewonnen hätte. Und viele, die jetzt in der "BRD 2.0" politisch oben sind, wären es auch in einer "DDR 2.0" - der Wille zur Macht und die Fähigkeit, sie zu erringen, ist in der Regel unabhängig von politischen Grundüberzeugungen.

    Über Stolpe kann ich nicht urteilen. Aber den meisten anderen täte ein bisschen "Nabelschau" sicher auch gut.

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