DDRWarum die Zahl der Grenzopfer bis heute steigt

Das Haus am Checkpoint Charlie sammelt Daten über DDR-Flüchtlinge, die an der Grenze starben. Die Statistik ist umstritten, weil sie Suizide und Herzinfarkte mitzählt.

Besucher besichtigen die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.

Besucher besichtigen die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.

Berlin – 1961 sollte Frau Golz ihr Haus in der Bernauer Straße räumen. Doch die ältere Dame mit unbekanntem Vornamen widersetzte sich der Zwangsräumung. Aus Verzweiflung nahm sie sich selbst das Leben. "Tod am 24.09.61, Art des Todesfalls: Selbstmord bei der Räumung der Bernauer Straße" – das steht hinter ihrem Namen auf der Liste der Todesopfer an der Grenze der DDR.

Golz ist eine von 1.613 Personen, die wegen des DDR-Grenzregimes ihr Leben verloren haben. In einer neuen Dokumentation hat das Museum Haus am Checkpoint Charlie die Grenztoten bis zum Jahr 1989 aufgelistet. Im August 2010 zählte das private Mauer-Museum noch 1.393 Tote. Golz ist eines der Opfer, die in diesem Jahr neu hinzugekommen sind.

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Viermächtestatus

Bei der Konferenz von Jalta 1945 beschlossen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und Berlins in vier Sektoren.

Sie setzten eine Alliierte Kommandatur in Berlin ein, in der Vertreter aller vier Besatzungsmächte einstimmige Entscheidungen fällten.

Die Einführung der Deutschen Mark – auch in Berlin 1948 – sieht die Sowjetunion als Provokation. Sie zieht ihren Vertreter aus der Kommandatur ab und reagiert mit der Berlin-Blockade. Die Westalliierten versorgen die Stadt per Luftbrücke.

Sonderstatus in Ost-Berlin

Die Sowjetunion setzte sich in ihrem Sektor nach und nach über den Viermächtestatus hinweg. Schon 1953 wurde der "Behelfsmäßige Personalausweis" für Berliner abgeschafft.

Nach dem Mauerbau wurde auch in Berlin die Wehrpflicht eingeführt, während Bundesbürger sich durch einen Umzug nach Berlin (West) dem Kriegsdienst entziehen konnten. Seit 1976 wurden auch die Ost-Berliner Abgeordneten bei Volkskammerwahlen direkt gewählt, und 1977 entfielen Kontrollen an der Stadtgrenze zwischen Ost-Berlin und DDR.

Erbe der vier Mächte

Bis zur Wiedervereinigung gab es Restbestände des Viermächtestatus, auch unter Mitwirkung der Sowjetunion. So betrieben die vier Besatzungsmächte gemeinsam das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau bis zum Suizid des letzten Insassen Rudolf Heß 1987.

Militärpatrouillen konnten sich auch in den Sektoren der jeweils anderen Besatzungsmächte frei bewegen. Aus Respekt vor dem Sonderstatus Berlins hatte das Verteidigungsministerium der DDR seinen Sitz außerhalb der Stadt in Strausberg.

Erfasst werden die Menschen, welche seit der Gründung der DDR bis zum Fall der Berliner Mauer gestorben sind – sei es an der innerdeutschen Grenze, bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder über andere sozialistische Staaten wie Polen oder Rumänien. "Wir zählen 1.613 Tote und das ist nicht das Ende, das wissen wir schon", sagte die Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt. Sie kenne viele weitere Fälle, die noch ungeklärt sind. Deshalb sei ein weiterer Anstieg der Opferzahlen zu erwarten.

Multimedia: Mauerfall
Nach monatelangen Massenprotesten fiel 1989 die Mauer. Die Stationen des Umbruchs in einer Multimedia-Zeitleiste.

Nach monatelangen Massenprotesten fiel 1989 die Mauer. Die Stationen des Umbruchs in einer Multimedia-Zeitleiste.

Unter den Opfern würden sich mehr als 40 Kinder und Jugendliche sowie mehr als 100 Frauen befinden. An der Berliner Grenze seien 528 Menschen gestorben. An der innerdeutschen Landgrenze seien weitere 671 Bürger ums Leben gekommen. 187 Menschen hätten ihr Leben in der Ostsee verloren.

Die Statistik des Hauses am Checkpoint Charlie ist nicht unumstritten, da sie beispielsweise auch Menschen erfasst, die bei Grenzkontrollen einen Herzinfarkt erlitten haben. "Wir arbeiten sehr diskret, akkurat und wissenschaftlich", sagte Hildebrandt. Die Witwe des Museumsgründers Rainer Hildebrandt gab jedoch zu, dass man von den bisherigen Listen einige Doppelnennungen streichen musste.

Auch zahlreiche Grenzsoldaten sind unter den Toten

Unter den Toten sind auch zahlreiche Grenzsoldaten, die während des Grenzdienstes Selbstmord begangen haben. Eine neue Erkenntnis des Museums ist, dass vier DDR-Bürger bei der Flucht über die Westgrenze Rumäniens ihr Leben verloren haben. 

Auf die Frage, welche Toten man in die Statistik aufnehmen sollte, antwortete Hildebrandt: "Für uns sind alle Toten gleich." Es sei für sie egal, ob die Menschen erschossen wurden, bei der Flucht auf der Ostsee ertranken oder wegen der Mauer Selbstmord begingen.

Bei ihren Recherchen nutzten die ehrenamtlichen Helfer des Mauer-Museums unter anderem Hinweise Hinterbliebener, Stasi-Akten, Akten von Krematorien sowie Unterlagen von Friedhöfen. Besonders schwierig seien die Nachforschungen für die Jahre 1946 bis 1948. Akten aus dieser Zeit sind laut dem Museum zum Teil vernichtet worden oder in den neuen Bundesländern verstreut.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer hatte in einem Forschungsprojekt mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam für die Zeit von 1961 bis 1989 "mindestens 136 Todesopfer" an der Berliner Mauer ermittelt. Laut der Gedenkstätte Berliner Mauer verstarben mindestens 251 weitere Reisende, während oder nachdem sie an Berliner Grenzübergängen kontrolliert wurden. Tote an Orten außerhalb Berlins sind bei dieser Zählung nicht enthalten.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
  1. Ich verstehe die Schwierigkeit der Abgrenzung und dass es durchaus auch berechtigte Kritik gibt. Beim Lesen fiel mir z.B. spontan ein: Und wenn sich der Grenzer nun aus Liebeskummer selbst umgebracht hat? Im Dienst hatte er die Gelegenheit (da er eine Waffe hatte). Oder wäre der Herzinfarkt nicht auch so gekommen?

    Ich würde das nicht beurteilen wollen, denn egal wie, man macht es immer falsch.

  2. Wie viele Opfer der "Antiimperialistische Schutzwall" letztlich gefordert hat, wird vermutlich nie mehr festzustellen sein, ganz zu schweigen von dem Leid, das diese Grenze den Überlebenden gebracht hat und unter dessen Folgen Unzählige noch immer leiden. Sich dennoch weiterhin um Aufklärung zu bemühen, gebietet schon der Respekt vor den Opfern. Ein Feilschen um die Opferzahlen jedoch, das der Relativierung dieses monströsen Verbrechens dienen soll, ist Ausdruck einer Gesinnung, die bis heute zu begründen sucht, warum Millionen Menschen wie in einem Konzentrationslager hinter Stacheldraht eingesperrt wurden. Insbesondere die Partei "Die Linke" hat hier Klärungsbedarf ( http://www.sueddeutsche.d... ).

    Eine Leserempfehlung
  3. Hier wird ja nur die Spitze des Eisbergs betrachtet, die Toten. Fast ganz unter den Tisch gefallen ist, was mit denen geschah, deren Flucht scheiterte. Es wird kaum darüber berichtet, wie die wegen versuchter Republikflucht "in Gewahrsam genommenen" Personen nach der Festnahme behandelt wurden. "Die Frau vom Check-Point Charlie" ist da in der Berichterstattung noch ein harmloses Beispiel. Viele, insbesondere Frauen, sind heute noch so traumatisiert von den Erfahrungen mit der Staatsmacht der DDR oder der mit ihr "befreundeten Staaten", dass sie über das, was sie erlitten haben, immer noch nicht sprechen können. Auch darüber sollten sich diejenigen, die uns die DDR heute als das "Paradies der Werktätigen" verkaufen wollen, einmal nachdenken. Dass von der "Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V. ( http://www.grh-ev.org/ ) dieses Geschehen lauthals in Abrede gestellt wird, ist bei ihrer Zusammensetzung völlig verstädlich, man muss sich ja schließlich in das Licht des guten Demokratie- bzw. Sozialismusverteidigers setzen.

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