Nigeria und Irak Es geht nicht um die Religion
Sunniten gegen Schiiten im Irak, Muslime gegen Christen in Nigeria: Was nach religiös motivierten Konflikten klingt, ist in Wahrheit ein Kampf um Macht. Ein Kommentar
© Sunday Aghaeze/AFP/Getty Images

Madalla, nahe der nigerianischen Hauptstadt Abuja: Hier explodierte am 25. Dezember während der Weihnachtsmesse ein Sprengsatz.
Brennende Kirchen in Nigeria, schwere Anschläge im Irak – der Ausklang des Jahres wird von Gewalt überschattet, wie so oft in der Vergangenheit. In den Jahren zuvor eskalierten Konflikte in Indien, Kaschmir, Pakistan und dem Jemen; Kirchen brannten in Indonesien und dem Sudan.
Oft wird der Eindruck erweckt, als seien die Religionen die Ursache des Blutvergießens, in Wahrheit aber brennen die Kirchen in Nigeria nicht, weil sich die Menschen dort um theologische Fragen streiten. Hintergrund ist ein langer Machtkampf zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden um Einfluss und Ressourcen.
Ebenso wenig geht es im Irak um die sunnitische oder schiitische Auslegung des Koran, sondern um Herrschaftsansprüche – und um die bis heute fortwirkenden Rachewünsche wegen der jahrzehntelangen Unterdrückung der schiitischen Mehrheit durch die sunnitische Minderheit.
Die Triebkräfte der Gewalt sind meist ein komplizierter Mix aus dem Streben nach sozialer Emanzipation, ökonomischer Teilhabe und Rache für erlittenes Unrecht. Nigeria und Irak liegen ebenso wie die anderen Konfliktregionen an den Grenzlinien, wo verschiedene Religionsgruppen über Jahrhunderte Krieg führten. In solchen Gegenden hat die Konfession mehr Bedeutung für die Identität der eigenen Gruppe und die Abgrenzung von "den anderen".
Diktaturen können solche Antagonismen mit ihren Machtmitteln und einer einigenden Ideologie für eine gewisse Zeit unterdrücken. Sie können sie aber nicht auf Dauer überwinden. Das haben die Beispiele der Sowjetunion und Jugoslawiens unter Tito gezeigt. Auch dort waren die religiösen Konflikte – auf dem Balkan zwischen katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken, im Kaukasus zwischen Orthodoxen und Muslimen – zugleich ethnische, soziale und ökonomische Rivalitäten. Als die alte Macht wankte, brachen sie neu auf.
Der Irak ist wie viele Staaten im Mittleren Osten ein künstliches Gebilde. Die früheren Kolonialmächte haben die Grenzen willkürlich gezogen, ohne viel Rücksicht auf die Siedlungsgrenzen religiöser oder ethnischer Gruppen zu nehmen. Was den Gesellschaften an natürlichem Zusammenhalt fehlte, versuchten autoritäre Herrscher nach der Unabhängigkeit durch Nationalismus zu ersetzen – und notfalls mit Gewalt durchzusetzen.
Die Kräfte, die jetzt im Irak wirken, sind älter als Invasion, Besatzungszeit und Abzug der Amerikaner. Sie sind auch älter als Saddams Herrschaft. Sie können zum Bürgerkrieg und zum Zerfall des Landes führen. Es muss aber nicht so kommen, gerade weil die Iraker 2004 bis 2007 erlebt haben, wie nahe sie an der Katastrophe waren. Damals haben die Amerikaner sie – nach vielen Anfangsfehlern – durch eine Truppenverstärkung davor bewahrt.
Nun müssen Iraks Spitzenpolitiker die zerstörerischen Kräfte selbst zähmen. Die US-Truppen, die bis vor Kurzem eine zerbrechliche Stabilisierung bewacht hatten, werden nicht wieder zurückkehren. Das Schicksal des Irak hängt nun am Einigungswillen von Schiiten und Sunniten.
- Datum 27.12.2011 - 12:01 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
- Kommentare 100
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Weltweit findet gerade eine Hinwendung zu mehr Religion statt, wo diese fanatisch wird, sprießt der Fundamentalismus, in allen Glaubensrichtungen.
Recht lustig wird es in den Artikeln der deutschen Presselandschaft, bei versucht wird die Welt aus der Sicht des weltmännischen Europäers deutscher Prägung zu erklären.
Macht und Religion gehen ein einher! Dies war so und wird immer so sein, außer wir haben eine Welt voller Atheisten, aber dies ist auch eine Form von Glauben.
der mit dem Irrglauben aufräumt.
Machtkämpfe wurden schon immer unter dem Deckmantel von Religionskriegen geführt.
Auch gegnwärtig in Europa zu beobachten, wo Islamophobie und Fremdenhass geschürt werde, um Bevölkerungsteile gegeneinander aufzuhetzen, um von den eigentlichen Tätern abzulenken.
"Machtkämpfe wurden schon immer unter dem Deckmantel von Religionskriegen geführt."
Wenn ich Sie richtig verstehe, haben I.M.n. die Exesse in Nigeria nichts mit Religion zu tun.
Diese sind dann jedoch für Sie ein Aufhänger um auf vermeintliche Mißstände in Europa hinzuweisen:
"Auch gegnwärtig in Europa zu beobachten, wo Islamophobie und Fremdenhass geschürt werde, um Bevölkerungsteile gegeneinander aufzuhetzen, um von den eigentlichen Tätern abzulenken."
Wer sind Ihrer Meinung nach denn die "eigentlichen Täter" ?
Wenn also ein durchgeknallte Prediger in den USA einen Koran verbrennt ist das religiös motiviert und wenn irgendwo in der Welt z.B. Christen von Muslimen verfolgt und getötet werden ist es das nicht??
Können sie mir einen Fall nennen, wo Christen in Nigeria in der Vergangenheit Moscheen anzündeten oder Bomben gegen Gläubige anderer Religionen zündeten?
Ich glaube auch nicht, dass es ein Krieg zwischen den Moslems und den Christen ist, aber ein Krieg einer islamischen Sekte oder Terrorgruppe gegen Christen in Nigeria.
Eines ist sicherlich auch klar, und da gebe ich auch diesen Artikel durchaus nicht unrecht: Wirtschaftliche und Politische Macht missbrauchte und missbraucht immer wieder die Gläubigen. Dieser Artikel ist mir aber zu einfach.
"Machtkämpfe wurden schon immer unter dem Deckmantel von Religionskriegen geführt."
Wenn ich Sie richtig verstehe, haben I.M.n. die Exesse in Nigeria nichts mit Religion zu tun.
Diese sind dann jedoch für Sie ein Aufhänger um auf vermeintliche Mißstände in Europa hinzuweisen:
"Auch gegnwärtig in Europa zu beobachten, wo Islamophobie und Fremdenhass geschürt werde, um Bevölkerungsteile gegeneinander aufzuhetzen, um von den eigentlichen Tätern abzulenken."
Wer sind Ihrer Meinung nach denn die "eigentlichen Täter" ?
Wenn also ein durchgeknallte Prediger in den USA einen Koran verbrennt ist das religiös motiviert und wenn irgendwo in der Welt z.B. Christen von Muslimen verfolgt und getötet werden ist es das nicht??
Können sie mir einen Fall nennen, wo Christen in Nigeria in der Vergangenheit Moscheen anzündeten oder Bomben gegen Gläubige anderer Religionen zündeten?
Ich glaube auch nicht, dass es ein Krieg zwischen den Moslems und den Christen ist, aber ein Krieg einer islamischen Sekte oder Terrorgruppe gegen Christen in Nigeria.
Eines ist sicherlich auch klar, und da gebe ich auch diesen Artikel durchaus nicht unrecht: Wirtschaftliche und Politische Macht missbrauchte und missbraucht immer wieder die Gläubigen. Dieser Artikel ist mir aber zu einfach.
als "Sunniten" und "Schiiten" also über die Religion definieren, geht es im erweiterten Sinne doch um Religion. Natürlich geht es um Macht, das ging es der Religion aber schon immer! Das Steuern einer funktionierenden Religionsgemeinschaft ist Macht pur! Religion IST Macht!
... würde gern einen Unterschied zwischen Religion und Kirche machen.
... würde gern einen Unterschied zwischen Religion und Kirche machen.
Ich finde Ihren Artikel mutig. An welcher Stellung ist die Trennung. Wenn nicht Religiöse sich der Sprache der Religion bedienen, wo ist dann die Trennung? Mir ist der Artikel zu schwarz weiß, weil mir fehlen als Reaktion hierauf, die Abgrenzung der religiösen Gemeinschaften, die sich klar und eindeutig hiergegen positionieren – ein klares Bekenntnis zur Gewaltfreiheit und Ächtung derer, die die Religion hierfür missbrauchen. Dieses passiert viel zu selten und viel zu verhalten, je nach Konfessions- und Religionszugehörigkeit.
Im Eigentlichen Sinn haben Sie vielleicht recht (wobei ich mir hier nie ein Urteil übert alle Religionen anmaßen würde). Die Religion hat nicht den Zweck des Machterhalts. Trotzdem haben alle religiösen Gemeinschaften hier eine Verantwortung, der sie mindestens in Teilen zu wenig gerecht werden.
Es geht auch nicht um Demokratie!
MFG
Religiöse Menschen lassen sich viel zu oft vor den Karren politischer Parteien spannen. Meines Erachtens fängt das schon beim "C" der "christdemokratischen" Parteien in Deutschland an. Letztlich führt es zu den im Artikel geschilderten Auswüchsen.
"Religiöse Menschen lassen sich viel zu oft vor den Karren politischer Parteien spannen."
Das scheint mir etwas sehr einseitig. Besonders zu den Zeiten, zu denen christliche Parteien besonders viele christliche Wähler binden konnten, haben sehr viele andere Parteien auch eine ausdrücklich anti-religiöse und anti-klerikale Politik vertreten. Inzwischen unterscheiden sich die Positionen der meisten Parteien zur Religion nur noch in Details und die Wählerstrukturen unterscheiden sich auch nur wenig. Die einzige größere Partei, die hier ernsthaft auffällig ist die Linkspartei (und evt. die Piratenpartei). Sowohl mit Religion wurde Politik gemacht als auch mit ihrer Ablehnung.
"Religiöse Menschen lassen sich viel zu oft vor den Karren politischer Parteien spannen."
Das scheint mir etwas sehr einseitig. Besonders zu den Zeiten, zu denen christliche Parteien besonders viele christliche Wähler binden konnten, haben sehr viele andere Parteien auch eine ausdrücklich anti-religiöse und anti-klerikale Politik vertreten. Inzwischen unterscheiden sich die Positionen der meisten Parteien zur Religion nur noch in Details und die Wählerstrukturen unterscheiden sich auch nur wenig. Die einzige größere Partei, die hier ernsthaft auffällig ist die Linkspartei (und evt. die Piratenpartei). Sowohl mit Religion wurde Politik gemacht als auch mit ihrer Ablehnung.
http://www.faz.net/aktuel...
"In Jos hatten die Extremisten von Boko Haram an Heiligabend 2010 zwei Bombenanschläge auf Märkte verübt und Dutzende Personen getötet. Die Sekte gründete sich im Jahr 2002; ihr Name bedeutet „Bücher sind Sünde“. Die Gruppe lehnt jede Form westlich inspirierten Lebensstils und aufgeklärter Bildung ab und bezichtigt die Regierung unter Präsident Goodluck Jonathan, sie stehe im Sold der westlichen Industriestaaten. Im Juli 2009 hatten ihre Kämpfer mehrere Städte im Norden angegriffen, wobei mindestens 800 Personen getötet wurden....
Nach der Verkündigung des Wahlsieges des aus dem Süden stammenden Christen Goodluck Jonathan im April waren dort schwere Unruhen ausgebrochen, bei denen Jugendliche gezielt Jagd auf Christen gemacht hatten."
Motivation, Anleitung, Rechtfertigung und Belohnung für solche Taten sind mühelos aus dem Koran ableitbar.
Jemand der wirklich meint, es gehe bei besagten Konflikten nur um die Religion, hat die ganze Sachlage wohl nicht verstanden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren