Atomendlager Röttgens Versuch, die Atombehörde auszuschalten
Der Umweltminister versucht erneut, das Bundesamt für Strahlenschutz zu entmachten. Er schafft einfach ein neues Institut, um den Einfluss der Fachbehörde zu beschneiden.
© Sean Gallup/Getty Images

Probebohrungen im Erkundungsbergwerk in Gorleben
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) unternimmt zum zweiten Mal in seiner Amtszeit den Versuch, den Präsidenten des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, zu entmachten – ohne ihn zu entlassen. Dieses Mal will Röttgen dem BfS ein neues Bundesinstitut für Endlagerung vor die Nase setzen, das die wissenschaftlichen Kriterien für ein Atomendlager entwerfen, die möglichen Standorte auswählen, die Öffentlichkeit beteiligen und das Ganze am Ende genehmigen soll. Bis auf die Genehmigung wurden diese Aufgaben bisher, beispielsweise im Fall des Skandalendlagers Asse, vom BfS erfüllt. (Den vollständigen Gesetzentwurf können Sie hier lesen.)
Im Zuge der Atomrechtsnovelle zur Laufzeitverlängerung im Herbst 2010 wollte Röttgen das BfS schon einmal entmachten. Damals wollten die Atomkraftbefürworter im Umweltministerium die Verantwortung für den Betrieb der Endlager den bundeseigenen Energiewerken Nord (EWN) übertragen, die das Zwischenlager Lubmin betreiben. Im Gesetzentwurf entfiel dieser Passus.
Die wichtigsten Aufgaben der Behörde sollen entfallen
Die EWN, für die das Bundesfinanzministerium zuständig ist, sind für den Rückbau der DDR-Atomkraftwerke und der Kernforschungszentren in Jülich und Karlsruhe verantwortlich – und damit der größte Besitzer von Atommüll in Deutschland. Im nun bekannt gewordenen Entwurf für ein Endlagersuchgesetz kommt das BfS als Betreiber der Endlager nicht vor, stattdessen ist von einem "Vorhabenträger" die Rede. Und dafür kommen neben dem BfS eigentlich nur die EWN oder die Entsorgungsgesellschaft der Energiewirtschaft DBE infrage. Die DBE betreibt im Auftrag des BfS das Erkundungsbergwerk in Gorleben und das einzige genehmigte Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle Schacht Konrad in Niedersachsen. Die DBE ist vollständig im Besitz der Atomkraftwerksbetreiber.
Würde der Gesetzentwurf so eingebracht, gäbe es neben den Aufsichts- und Genehmigungsaufgaben, die das BfS für Atomtransporte zu leisten hat, eigentlich keine Aufgaben mehr für die Behörde. König äußert sich nicht dazu. Doch in der Opposition und bei Atomkraftgegnern hat der Entwurf einigen Ärger ausgelöst. Für Sylvia Kotting-Uhl, Atomexpertin der grünen Bundestagsfraktion, ist die Organisationsfrage "der dritte Schritt vor dem ersten". Der SPD-Umweltpolitiker Matthias Miersch sieht den Versuch, "das kritische BfS mundtot zu machen". Die Bürgerinitiative in Gorleben wiederum stört sich daran, dass Gorleben als Endlagerstandort nicht endgültig ausgeschlossen wird.
In Expertenkreisen wird vermutet, dass der atomkritische Experte des Öko-Instituts, Michael Sailer, das von Röttgen geplante neue Bundesinstitut leiten soll. Sailer hat sich schon vor zwei Jahren gegen eine Rückholung des Atommülls aus der Asse positioniert und dem Öko-Institut einen millionenschweren Auftrag zur Überwachung der Arbeiten in der Asse gesichert. Außerdem leitet er die Entsorgungskommission (ESK) und ist damit einer der wichtigsten Regierungsberater zum Thema. Sailer hat auch das Gutachten des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd) miterarbeitet.
Reaktorexperte Michael Sailer als Leiter eines neuen Bundesinstituts?
Allerdings hat Sailer im vergangenen Herbst auch für den grünen Umweltminister in Baden-Württemberg, Franz Untersteller, das Endlagerpapier geschrieben, das Basis für den Neustart in der Endlagerfrage wurde. Darin moniert Sailer, dass das BfS sich in seiner derzeitigen Rolle als Betreiber von Endlagern auch selbst überwache. So begründet die Regierung nun auch das geplante neue Bundesinstitut.
Der Berliner Anwalt Hartmut Gassner hat allerdings, ebenfalls in Unterstellers Auftrag, schon vor sechs Wochen in einem Gutachten begründet, warum aus "europäischer oder völkerrechtlicher" Sicht "keine Bedenken" bestünden, "dass das BfS das Standortauswahlverfahren betreibt". Für das Amt spreche, schreibt Gassner in seinem Gutachten, dass es als Behörde "in erster Linie der Sicherheit und nicht der Wirtschaftlichkeit" verpflichtet sei. Im Übrigen habe es im Fall der Asse bewiesen, dass es "ein transparentes Verfahren gestalten kann". Und das notwendige Endlager-Know-how stehe auch zur Verfügung. Die Genehmigung ist bisher Sache der Länder. Damit sei im föderalen System sogar die "weitestgehende Trennung" der Funktionen gewährleistet.
- Datum 27.01.2012 - 13:09 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
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Sonst wird er stets als intellektueller Schwarz-Grüner beschrieben, im Herzen gegen die Atomkraft und für die Umwelt, ein moderner Wertkonservativer mit Ambitionen auf das Kanzleramt, der sich auch schon mal mit anderen Ministern anlegt. Seit Fukushima auch mit dazu passender Brille.
Jetzt zeigt sich wieder einmal, wie sehr Röttgen sein eigenes Image in den Medien pflegt und wie wenig tatsächlich hinter all dem steckt.
Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das BfS endgültig zum vollkommen zahnlosen (Papier-)Tiger verkommt. Immerhin ist das BfS dem BMU unterstellt.
König ist für das Atomkraft-freundliche Lager kein Wunschkandidat. Immerhin spricht er die unangenehmen Wahrheiten aus, die der Umweltminister am liebsten gänzlich verschweigen möchte. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass das "Endlager" Gorleben nicht geeignet ist und von einer weiteren Erkundung entsprechend abgesehen werden kann.
Dass der Abgeordnete Röttgen jetzt so einen Gescharre um Zuständigkeiten veranstaltet, bedeutet doch nur, dass er den Einfluss des BfS weiter beschneiden will, um so dessen aktuellen Chef mundtot zu bekommen.
Leider verkommt die Angelegenheit zu einer Personaldebatte, die der Sache nicht angemessen ist. Das ist darauf zurückzuführen, dass weder BMU noch die Bund-Länder-Arbeitsgruppe Endlagersuche eine angemessene Öffentlichkeitsarbeit anbieten. Das ist die “Transparenz und Offenheit”, die uns wohl auch in der Zukunft bei der Endlagerproblematik begleiten wird.
Die Rolle der Ethikkommission soll wohl wirklich das erfüllen, was bereits mit der Ethikkommission zur Energiewende bezweckt und gelungen ist: die Vertuschung der bisherigen Fehler von Politik und Wissenschaft insbesondere im Verhältnis zueinander. Um einen glaubwürdigen Neuanfang zu machen, ist diese Vergangenheitsbewältigung unbedingt notwendig. Leider macht der Gorleben-Untersuchungsausschuss deutlich, dass so etwas im politiknahen Raum nicht funktioniert. In diesem Ausschuss geht es nicht um Aufarbeitung historischer Fakten, sondern um parteipolitisches Gerangel.
Weiteres siehe unter http://endlagerdialog.de/...
ich kann es nicht mehr hören! Wir brauchen kein endlager! Wir brauchen ein längerfristiges zwischenlager! Selbst wenn es keine großen technischen innovationssprünge gibt, der autonome technische fortschritt wird ausreichen um uns mit verfahren auszustatten um allen müll zu endsorgen. Das wird irgendwas zwischen 50 und 150 jahre brauchen (meine persönliche schätzung)
Vorgesehener Chef des Bundesinstitutes für Endlager Michael Sailer ist ein Witz
Nun ist es Michael Sailer tatsächlich gelungen, auch bei Röttgen/Hennenhöfer mit seiner doppelzüngigen Art einen Posten zu ergattern. Wer jemals mit Michael Sailer zu tun hatte, dem ist es vermutlich nicht verborgen geblieben, dass er zwischen den Lagern Kernenergiebefürwortern und Kernenergiegegnern herumlaviert. Ich kann nur allen, die es mit dem Ausstieg aus der Kernenergie ernst meinen und für eine verantwortbare Behandlung der Hinterlassenschaften der Kernenergie eintreten, Michael Sailer nicht zu vertrauen.
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