DDR-ChefWie Erich Honecker die Welt sah

Gorbatschow ein Schuft, seine Frau ein Opfer: Ein neues Buch eröffnet Einblicke in die Gedankenwelt des früheren DDR-Chefs während seiner Haftzeit in Moabit. von Matthias Schlegel

"Nach 57 Jahren sehe ich den Komplex Moabit also wieder von innen. Weihnachten 1935 hatte mich die Gestapo aus ihrer Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße hierher gebracht. Anderthalb Jahre war ich damals hier in Untersuchungshaft. Für wie lange wird es diesmal sein?"

Erich Honecker kann das im Juli 1992 bei seiner Einlieferung in die Haftanstalt nicht wissen. Es werden 169 Tage sein. Was er aber genau zu wissen meint: Es ist die letzte Rache des obsiegenden Klassenfeindes über ihn, den Kämpfer für ein antifaschistisches, sozialistisches Deutschland.

Anzeige

Dass ein Staat, der, wie Honecker bitter beklagt, nicht einen einzigen Nazi-Richter rechtskräftig verurteilte, nun ihm den Prozess macht, passt in sein Bild vom anderen Deutschland. Dass es nun auch sein Land ist, wird er bis an sein Lebensende am 29. Mai 1994 nicht akzeptieren.

Seiner bis heute in Chile lebenden 84-jährigen Witwe Margot verdankt die Nachwelt, dass die 400 handschriftlichen tagebuchartigen Notizen Erich Honeckers aus der Moabiter Haft in der "edition ost" als Buch erscheinen, das heute in den Handel kommt. Und sie hat im postmortalen revolutionären Schulterschluss ein Vorwort beigesteuert, das in seiner ideologischen Hassterminologie die Aufzeichnungen des Ex-SED-Chefs nahezu in den Schatten stellt.

Doch auch die Überzeugungen von Honecker selbst sind ungebrochen. Kein gutes Haar lässt er an Michail Gorbatschow . Der letzte KPdSU-Chef habe "offenbar nicht bemerkt, wie er zum Schuft wurde". Bei der Prozessvorbereitung konzentriert sich Honecker auf die Rechtfertigung der Staatsgründung der DDR und des Mauerbaus.

Unterdessen, von fortschreitendem Leberkrebs gezeichnet, ist er in der Haft zu überraschenden menschlichen Regungen fähig. Da freut er sich, dass seine "Kleine", seine Ehefrau, gegen die in Deutschland "die Hetzjagd ... fortgesetzt" werde, gut im Asylland Chile gelandet ist. "Ich denke oft an Margot, an (seinen Enkel) Robi (Roberto Yanez) und meine Lieben", schreibt er.

Und immer wieder Eintragungen über sein gesundheitliches Befinden. Am 7. August "gegen 16 Uhr bestätigt mir Dr. Rex, der Chefarzt des Haftkrankenhauses, meine Vermutung. Der Tumor ist bösartig." Der Umgang mit der Krankheit bleibt auch in der Folge nüchtern. Dass sie ihm letztlich ein Urteil und Haft erspart – das als rechtsstaatliche Logik zu würdigen, ist er nicht fähig. 

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. der leider wie so viele deutsche Verbrecher im 20. Jahrhundert, nie vor ein Gericht kam. schade

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • NoG
    • 16. Februar 2012 10:10 Uhr
    • NoG
    • 16. Februar 2012 10:10 Uhr
    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ein Verbrecher"
  2. ein Staat, der nicht einen einzigen Nazi-Richter rechtskräftig verurteilte, auch das ist ein Teil des "rechtstaatliche Logik".

    Wieso sollte Erich Honecker oder sonst jemand diese "Logik" würdigen? Natürlich hat die Verfolgung Erich Honeckers vielmehr politische Komponente, als mit tatsächliche/angebliche Straftaten zu tun...

    14 Leserempfehlungen
    • kyon
    • 16. Februar 2012 10:38 Uhr

    Der letzte KPdSU-Chef habe "offenbar nicht bemerkt, wie er zum Schuft wurde". (Honecker)

    Offensichtlich hat Herr Honecker das Schuftsein in Bezug auf sich selbst nicht bemerkt, was einem Realitätsverlust gleichkommt.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Darf mal sagen, wie ich H.Honecker sehe: Eine armselige Funktionärskreatur, der seine langen Reden Wort für Wort vom Blatt ablesen musste. Selbst das gelang nicht immer flüssig.

    bekommen wie Herr honecker auch nicht den eigenen realitaetsverlust mit.

    • APGKFT
    • 24. August 2012 19:16 Uhr

    wollte Gorbatschov zu den Siegern der Geschichte gehöre. Er hat viel gelabbert und viel an die Wand gesetzt. DDDR übersetzt er mit dawai, dawai rabotat. Ließ sich von Kohl über den Tisch ziehen. In Russland ist er der Bedeutungslosigkeit versunken. Zu seinen Zeiten als Mineralsekrtär hätte er nie eine Einladung der Neubrandenburger Fleischerinnung angenommen. Im Westen sind ihm die Alteigentümer äußert dankbar! Auch ich würde sagen das ein S....

    • PALVE
    • 16. Februar 2012 10:53 Uhr

    ...ist nach dem Mauerfall auch nie "mein Land" geworden---

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gern würde ich Sie und Ihre Befürworter in "Ihr" Deutschland vor dem Mauerfall zurückversetzen.

    Gern hätten Sie und Ihre Mitbürger "Ihr" Deutschland weiter existieren lassen können, statt sich für einen Anschluss an "dieses" Deutschland zu entschlie0en.

  3. Dass Honni sich nun "22 Jahre danach" (dank seiner in Santiago unbeirrt die alten Ideologien pflegenden Ehefrau) noch einmal zu Wort melden darf, geht in Ordnung. Was man aus dem Artikel hier über seine Weltsicht erfährt, klingt allerdings wenig überraschend. Der eigene Demos, das demonstrierdende Volk, hat ihn damals aus guten Gründen entmachtet, das hat er offenbar nie begriffen. Schade jedoch, dass die Demonstranten von damals ihm gegenüber nie wirklich zu Wort kommen konnten: Ein öffentliche Auseinandersetzung mit ihm wäre damals für uns Ostdeutsche heilsam gewesen und hätte ganz gewiss manch ehernen Legendenbildungen um den selbstgerechten saarländischen Proletariatsdikator aus dem Wandlitzer Jurassic Park entgegengewirkt. Honeckers Ende ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Pose des ewigen Widerstandskämpfers weltferne Gespenster gebiert.

    7 Leserempfehlungen
  4. Darf mal sagen, wie ich H.Honecker sehe: Eine armselige Funktionärskreatur, der seine langen Reden Wort für Wort vom Blatt ablesen musste. Selbst das gelang nicht immer flüssig.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Realitätsverlust"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Petro69
    • 16. Februar 2012 14:32 Uhr

    Honecker war der dümmste niedrigste Arbeiter im Land.
    Jeder Bauer weiss aber wie er sein Land bestellt. Der Mann war wirklich ohne Verstand und krank im Kopf. Haben seine blinden
    Mitläufer so viel Angst vor ihm gehabt?
    Zumindest haben seine ergebenen Mitstreiter nach dem Zusammen-
    bruch der DDR gute Posten erhalten, sowohl Stasi als auch viele
    andere Parteigenossen. Das war doch nach 1945 bei uns ebenso.
    Ein grosser Nazi in einem Ort hängte nach Einmarsch der Russen
    eine rote Fahne raus und wurde für die Russen Kommissar im Ort.
    So läuft das immer. Überflüssig über Honecker zu diskutieren.

    • lead341
    • 16. Februar 2012 11:03 Uhr

    Meine Eltern sind als Oppositionelle im Sozialismus aufgewachsen, ich habe die ersten 11 Jahre meines Lebens dort verbracht. Wir waren Mitglieder der Freikirche und mein Vater musste wegen christlicher bzw. regimekritischer Äußerungen mehrmals zu Anhörungen. Für uns gab es nichts schöneres als die Wiedervereinigung - als Versinnbildlichung von Befreiung. Allerdings ist all dies keine Entschuldigung dafür, die historischen Fakten (besonders aus westlicher Perspektive) zu verdrehen. Genauso wenig wie die DDR ein totalitärer Staat war (totalitär war das NS-Regime, autoritär die SED-Herrschaft - diese ungemein bedeutsame Differenzierung wird gern ignoriert), war Honnecker ein Verbrecher. Er war ideologisch verblendeter Staatschef eines autoritären Regimes, aber kein massenmordender Despot wie Hitler oder Stalin.

    23 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sonst muesste sie sich andere Fragen stellen und taete herausfinden was im aktuellen Staatsgebilde los ist, was die eigens gelebte Ideologie wirklich ist.

    Das waere erstens zu viel Arbeit fuer das gemuetliche Hirn und zweitens der Anfang vom Ende der Anzeigenschaltung von Unternehmen.

    Er hat zwar keine Massenmorde auf dem Gewissen, aber gewiss den einen oder anderen Mauertoten, zu denen es unter seiner Regierung gekommen ist (und für die er auch posthum Verantwortung zu tragen hat). Man sollte meinen, dass es bei Toten nicht auf die Menge ankommt. Jeder verantwortete Tote ist schon einer zu viel. Deshalb argumentiere ich, dass Honnecker ebenso wie Stalin, ebenso wie Hitler, oder ebenso wie jeder andere Gelegenheitsmörder als Verbrecher zu deklarieren ist.

    Bitte um rege Diskussion!
    MfG,

    atencion

    Selbstverständlich war die DDR ein totalitärer Staat. Und Honeckers systematische kriminelle Taten beschränkten sich beleibe nicht nur auf Wahlfälschung, Freiheitsberaubung (schonmal von der Mauer gehört?), Menschenhandel (Verkauf von "Republikflüchtlingen" an den Westen), Verfassungsbruch (laut DDR-Verfassung gab es Meinungs-, Religions- und Versammlungfreiheit, fargen Sie Ihre Eltern mal danach...) und jahrelange bewusste Irreführung der Öffentlichkeit (weswegen das Ablesen der Reden und "Berichte" auch so immer mühsam war: Er musste gegen die Realität anlesen) - er hatt eines der übelsten Überwachungsystem der Welt gegen die eigene Bevölkerung geschaffen (schon mal von der Stasi gehört?). Und die bucherausgebende Ehefrau Margot, die ihre Euro-Staatsrente jetzt in Santiago genießt, hat als "Volksbildungsministerin" nicht wenig zum Totalitarismus der DDR beigetragen: Fragen Sie Ihre Eltern z.B. mal nach deren Einführung des Pflichtfachs "Wehrkunde"...

    Meines Wissens unterscheidet sich ein totalitärer Staat von einem bloß autoritären dadurch, daß der Totalitarismus in jedes Detail des öffentlichen Lebens einzudringen versucht, um die Menschen zu einem Idealbild zu "formen".

    Dies trifft, so scheint mir, ziemlich gut auf die DDR zu; man denke an Gesinnungsprüfungen, FDJ, den Spitzelapparat und die dahinter stehende Ideologie.

    Danke für Ihren Versuch zur Sachlichkeit.

    Honecker bekamm in der BRD einen Staatsempfang unter der Kohlregierung. Die "ach so schlimmen Sozis" hattes das nie getan. Und wäre er 3 Jahre früher gestorben, hätte er auch in der DDR ein Staatsbegräbnis bekommen und wichtige deutsche Politker wären zu diesem Begräbnis gefahren. Sie hätte nicht die Menschenrechte, etc. angemahnt. Man war zur Normalität mit der DDR übergegangen.

    Die einzigen, die hier mutig und aufrecht gehandelt haben, waren die Bürgerrechtler in der DDR.

    Und es ist schlimm genug, dass Honecker die Verquickung faschistischer Richter und deren Nichtbetrafung in der BRD leider zu recht benennen kann.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Erich Honecker | Michail Gorbatschow | DDR | Enkel | Gestapo | Krankheit
Service