Bundespräsident : Einmal darf Horst Seehofer "Cäsar" sein

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer verwaltet nun die Amtsgeschäfte des Staatsoberhauptes. Als wandlungsfähig hat er sich schon oft bewiesen.
Horst Seehofer (CSU) als "Cäsar" im Fasching © Peter Kneffel/dpa

Am "Unsinnigen Donnerstag" ließ es sich Bayerns Regierungschef Horst Seehofer ( CSU ) nicht nehmen, die Narren in die Münchner Staatskanzlei einziehen zu lassen. Wie jedes Jahr stürmten die Faschingsverbände die bayerische Regierungszentrale, Seehofer wurde diesmal zum "Cäsar" gekrönt. Tags darauf schon wurde er in Wirklichkeit erster Mann im Staate - als Interims-Nachfolger für Christian Wulff . Und geplant ist auch, dass Seehofer beim politischen Aschermittwoch in Passau auftritt: Zum ersten Mal wird damit ein deutsches Staatsoberhaupt vor dem laut dem CSU-Selbstbild größten Stammtisch der Welt reden.

Denn erst im November vergangenen Jahres hat Seehofer ein zusätzliches Amt übernommen – das des Bundesratspräsidenten in Berlin , turnusgemäß ist der Freistaat an der Reihe. Das führt dazu, dass er freitags meist in der Hauptstadt weilt, denn da trifft sich die Länderkammer. Und weil Ministerpräsident Seehofer dem Bundesrat vorsteht, ist er nun plötzlich auch der höchste Mann im Staate. Er führt die Geschäfte des Bundespräsidenten, bis in maximal 30 Tagen ein neuer gewählt ist.

Wandlungsfähiger Politiker

Es lässt sich nicht einfach sagen, wer der 62-jährige Ingolstädter eigentlich ist. Denn Seehofer hat in seinem politischen Leben schon manche Wandlung vollzogen. In der CSU galt er lange Jahre als ausgeprägter Bundespolitiker, als Einzelkämpfer ohne Hausmacht in der eigenen Partei. 1992 wurde Seehofer Gesundheitsminister unter Kanzler Helmut Kohl . Oft war er verdächtigt, ein "heimlicher Sozialdemokrat" zu sein. Häufig nahm er starke sozialpolitische Positionen ein, die deutlich links zur Union standen.

Zwei Mal war er fast am Ende gewesen: 2002 erkrankte Seehofer an einer lebensbedrohlichen Entzündung des Herzmuskels, er musste lange auf der Intensivstation behandelt werden. 2007 wurde bekannt, dass der verheiratete Vater dreier Söhne in Berlin eine Geliebte hatte, die eine Tochter von ihm zur Welt brachte. "Wir sind eben fehlbar", sagte er. Auch die konservativ-christliche CSU schluckte das letztendlich.

Mal staatsmännisch, mal populistisch

Am 27. Oktober 2008 wurde Seehofer vom bayerischen Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt, nur zwei Tage zuvor hatten ihn die Christsozialen an die Parteispitze gehievt. Vorangegangen war die verheerende Wahlniederlage des glücklosen Duos Günther Beckstein / Erwin Huber , die die CSU in eine Koalition mit der FDP zwang. Seehofer selbst ist in Bayern noch nie als Ministerpräsident bei einer Wahl angetreten.

Seit er beide Funktionen hat, ist seine Politik phasenweise recht undurchschaubar geworden. Welchen Seehofer bekommen wir heute?, wird in München oft gefragt. Ende 2010 etwa polemisierte er scharf gegen muslimische Zuwanderer. Doch eigentlich ist Seehofer ein Liberaler, auch wenn er das manchmal mit dem rechtspopulistischen Mäntelchen kaschiert. Zum Ober-Grünen wiederum wurde er nach der Fukushima-Katastrophe, als er den Atomausstieg propagierte und einen Flirt mit den Landtags-Grünen begann. Immer wieder schießt er gegen die Bundesregierung quer, etwa mit Vorstößen zur Aufweichung der Rente mit 67. Ein Lieblingsthema hat er kürzlich darin gefunden, dass Bayern bis 2030 schuldenfrei sein sollte.

Seehofer kann gediegen und staatsmännisch reden, kann hintenherum vor Sarkasmus nur so sprühen und kann populistisch holzen, wenn er es für nötig hält. Er dürfte wissen, dass er Letzteres als Verwalter im Schloss Bellevue unterlassen sollte. 

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand

Hoffentlich hat Frau Käßmann recht mit ihrer Aussage. Wenn ich mir die politische Landschaft momentan anschaue und es ernst nehme, was ich da registriere, es also mich tief berührt, habe ich Sorge um die politische Zukunft unseres Landes.

Am Ende wird alles gut, die Hoffnung stirbt zuletzt.