Das Problem sei nicht Günter Grass, schrieb der Theaterregisseur Yehoshua Sobol in Israel Hajom, "sondern die 50 Prozent Leserschaft" der Süddeutschen Zeitung , die ihm nach einer Internetumfrage derselben Publikation zustimmten. Die Nazis hätten 50 Millionen Menschen erledigt, Israel aber wäre demnach ja im Begriff 80 Millionen Iraner auszulöschen. Ob denn die gesamte christliche Welt ein "psychologisches Bedürfnis" danach verspüre, fragte Sobol, "dass Israel ein noch schlimmeres Verbrechen als die Nazis begeht"?

Für die meisten Israelis ist Grass – wie für viele seiner europäischen Kritiker auch – letztlich ein Produkt seiner Zeit, seiner Generation geblieben. Grass hatte erst 2011 in einem Interview mit dem Autor Tom Segev wiederholt, was da allerdings schon länger bekannt gewesen war: Dass er nämlich Anfang 1945 mit 17 bei der Waffen-SS diente . Segev, in dieser Frage eine wichtige israelische Stimme, hält Grass und sein Gedicht heute eher für "erbärmlich als antisemitisch" , da er sich, in keiner besonderen Kenntnis der Lage (die nur wenige Insider wirklich haben) zu solchen großen Meinungen aufschwinge.

Um was ist mit dem Potenzial eines tatsächlichen Krieges gegen den Iran?, würde Grass an dieser Stelle wohl fragen. Wird darüber überhaupt noch geredet – oder ist das Thema längst verdrängt von den Anschuldigungen gegen ihn und seine Nazi-Vergangenheit, die ja nicht erst seit gestern bekannt ist?

Wie mit dem Iran umgehen?

Tatsächlich ist die große Frage nach der Bedrohungslage und dem richtigen Umgang damit in Israel präsenter denn je. Man kann davon ausgehen, dass darüber auch an vielen Sederabend-Tischen diskutiert wurde, wobei Grass, mit seinem viel sichereren Wohnsitz im fernen Lübeck , da sicherlich nur eine Nebenrolle spielte. In Israel dominiert vielmehr die Angst vor einem Krieg und die Angst, mit der Bombe zu leben.

In gleich mehreren Feiertags-Interviews hatte Premier Netanjahu zuvor seine Wunschvorstellungen im Vorfeld der anstehenden Verhandlungen mit Teheran dargelegt: Um eine echte Kehrtwende im iranischen Atomprogramm einzuleiten, müsse die Anreicherung von Uranium beendet werden und das bereits angereicherte Material außer Landes geschafft werden, erklärte er gegenüber Maariv. Iran könne Uranium für nicht-militärische Zwecke erhalten, müsse aber den Bunker im Qom revidieren. Forderungen wie diese sowie die Reaktionen aus Teheran beschäftigen Israel weit mehr als das Gedicht eines alten Deutschen.