Gauck hat die Aussage seines Vorgängers, der Islam gehöre zu Deutschland, nicht übernommen. Stattdessen stellt er fest: "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Das heißt, jeder Mensch mit islamischer Glaubenszughörigkeit und deutscher Staatsbürgerschaft gehört zu Deutschland.

Der Islam aber gehört nicht dazu?

Die zweitgrößte Weltreligion ist sehr wohl in Deutschland angekommen: Die wichtigsten Merkmale des Islam wie beispielsweise die fünf Säulen sind längst auch Nicht-Muslimen bekannt. Moscheen mit Minaretten sind ein weiteres Indiz für die Existenz des Islam hierzulande, ebenso wie der geplante islamische Religionsunterricht an staatlichen Schulen und natürlich die Muslime selbst.

Die Beweislast, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist also erdrückend. Dass sich Gauck von der Tatsachenbehauptung Wulffs distanziert, irritiert. Das ist in etwa so, als würde sich jemand bei strömendem Regen von der Aussage distanzieren, es regne.

Wulff stellte sich mit seiner Aussage mutig der Wirklichkeit. Indem er den Islam ohne Wenn und Aber zu Deutschland rechnete, zeigte er kosmopolitische Beherztheit. Das hat ihm zwar den Ärger vieler CDU- und CSU-Mitglieder, aber den Respekt der Muslime eingebracht.

Gaucks Rückzieher wirkt daneben eher kleinlich und provinziell. Er bringt keinen Erkenntnisgewinn und fördert auch nicht die Integration. Oder steigert es etwa die Motivation, sich in ein Land zu integrieren, zu dem ich zwar als Person gehören darf, aber nicht mit meiner Religion? Die menschliche Existenz ist nicht auf diese Weise trennbar: Person hier, Religion dort.

Wenn die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland in Frage gestellt wird, wohin gehört diese Weltreligion dann? Wohl kaum in die Hinterhöfe oder gar in eine Parallelwelt, die von der Scharia bestimmt wird. Außerdem möchte ich bezweifeln, dass sich eine solche Ausgrenzung mit der "Gleichheit vor dem Gesetz" (Grundgesetz, Artikel 3) verträgt.

Ohne Zweifel hat Gauck keine diskriminierenden Absichten. Im Gegenteil, er tritt bewusst gegen Diskriminierung ein. Trotzdem finde ich, er hätte andere Worte wählen sollen.