Leserartikel

IntegrationDer Islam gehört zu Deutschland

Muslime sollen zu Deutschland gehören, der Islam aber nicht? Diese Unterscheidung entspricht nicht der Realität, findet Leser Reinhard Salomon.

Gauck hat die Aussage seines Vorgängers, der Islam gehöre zu Deutschland, nicht übernommen. Stattdessen stellt er fest: "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Das heißt, jeder Mensch mit islamischer Glaubenszughörigkeit und deutscher Staatsbürgerschaft gehört zu Deutschland.

Der Islam aber gehört nicht dazu?

Anzeige

Die zweitgrößte Weltreligion ist sehr wohl in Deutschland angekommen: Die wichtigsten Merkmale des Islam wie beispielsweise die fünf Säulen sind längst auch Nicht-Muslimen bekannt. Moscheen mit Minaretten sind ein weiteres Indiz für die Existenz des Islam hierzulande, ebenso wie der geplante islamische Religionsunterricht an staatlichen Schulen und natürlich die Muslime selbst.

Die Beweislast, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist also erdrückend. Dass sich Gauck von der Tatsachenbehauptung Wulffs distanziert, irritiert. Das ist in etwa so, als würde sich jemand bei strömendem Regen von der Aussage distanzieren, es regne.

Wulff stellte sich mit seiner Aussage mutig der Wirklichkeit. Indem er den Islam ohne Wenn und Aber zu Deutschland rechnete, zeigte er kosmopolitische Beherztheit. Das hat ihm zwar den Ärger vieler CDU- und CSU-Mitglieder, aber den Respekt der Muslime eingebracht.

Leserartikel auf ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Auch bei Leserartikeln, die unter Pseudonym veröffentlicht wurden, kennt die Redaktion Namen und Anschrift des Autors. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Leserartikel schreiben

Welches Thema brennt Ihnen schon seit Längerem auf der Seele? Was freut, ärgert oder verwundert Sie? Welches Buch, welche Musik oder welchen Film würden Sie gerne einmal auf ZEIT ONLINE rezensieren? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihren Leserartikel. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie alle wichtigen Hinweise, wie Sie beim Verfassen Ihres eigenen Artikels für ZEIT ONLINE vorgehen sollten.

Zur Artikeleingabe

Der ZEIT-ONLINE-Wald

Als symbolisches Dankeschön pflanzen wir für jeden Leserartikel, den wir veröffentlichen, einen Baum. Dabei arbeiten wir mit iplantatree.org zusammen. Zum Start des neuen Leserartikel-Projekts haben wir schon 1000 Bäume in Berlin Friedrichshagen gepflanzt und hoffen, dass daraus im Lauf der Jahre ein ganzer ZEIT-ONLINE-Wald wird. Mehr Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Gaucks Rückzieher wirkt daneben eher kleinlich und provinziell. Er bringt keinen Erkenntnisgewinn und fördert auch nicht die Integration. Oder steigert es etwa die Motivation, sich in ein Land zu integrieren, zu dem ich zwar als Person gehören darf, aber nicht mit meiner Religion? Die menschliche Existenz ist nicht auf diese Weise trennbar: Person hier, Religion dort.

Wenn die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland in Frage gestellt wird, wohin gehört diese Weltreligion dann? Wohl kaum in die Hinterhöfe oder gar in eine Parallelwelt, die von der Scharia bestimmt wird. Außerdem möchte ich bezweifeln, dass sich eine solche Ausgrenzung mit der "Gleichheit vor dem Gesetz" (Grundgesetz, Artikel 3) verträgt.

Ohne Zweifel hat Gauck keine diskriminierenden Absichten. Im Gegenteil, er tritt bewusst gegen Diskriminierung ein. Trotzdem finde ich, er hätte andere Worte wählen sollen.

 
Leserkommentare
  1. wenn ich fragen darf was ist den die deutsche idee..?

    das erinnert mich an die unsägliche debatte über die leitkultur vor einigen jahren. außerdem ist eine nation kein fixes gebilde sondern entwickelt sich immer weiter und manchmal leider auch zurück. der satz nichts ist so konstant wie die veränderung trifft auch hier zu. selbst wenn man eine definition der "deutschen idee" hätte oder aus der geschichte ableiten wollte könnte diese schon in ein paar jahren nicht mehr zutreffen, weil dann die gegenwart auch wieder geschichte wäre.

    ich persönlich denke deutsch ist, der einen deutschen pass hat und sich zu unserem grundgesetz bekennt. hautfarbe und religion spielen dabei keine rolle.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ("und sich zu unserem grundgesetz bekennt.")

    Und Verfassungsfeinde sind keine Deutschen?

    Und Politiker, die wegen der Euro-Rettung und einer vertieften europäischen Einheit eine neue Verfassung nach Artikel 146 fordern, also das Grundgesetz nicht beibehalten wollen?

    Die Definition geht irgendwie auch nicht.

    Lassen Sie es doch einfach mit dem Pass bewenden, das ist immer noch das beste Kriterium.

    lassen sie uns gemeinsam an die stelle gehen wo im atlas eine dicke linie dtl vom nachbarland trennt
    lassen sie uns die aussicht geniessen
    und die landschaft begutachten
    sie wird
    diesseits wie jenseits, keinen relevanten unterschied aufweisen
    auch eine dicke bunte linie werden sie nicht finden
    und die vögel häslein und rehlein werden ganz ohne papiere über diese grenze hinweghoppeln
    sie ist eine idee in unseren köpfen
    mit allem was drannhängt
    und das ist viel

    ("und sich zu unserem grundgesetz bekennt.")

    Und Verfassungsfeinde sind keine Deutschen?

    Und Politiker, die wegen der Euro-Rettung und einer vertieften europäischen Einheit eine neue Verfassung nach Artikel 146 fordern, also das Grundgesetz nicht beibehalten wollen?

    Die Definition geht irgendwie auch nicht.

    Lassen Sie es doch einfach mit dem Pass bewenden, das ist immer noch das beste Kriterium.

    lassen sie uns gemeinsam an die stelle gehen wo im atlas eine dicke linie dtl vom nachbarland trennt
    lassen sie uns die aussicht geniessen
    und die landschaft begutachten
    sie wird
    diesseits wie jenseits, keinen relevanten unterschied aufweisen
    auch eine dicke bunte linie werden sie nicht finden
    und die vögel häslein und rehlein werden ganz ohne papiere über diese grenze hinweghoppeln
    sie ist eine idee in unseren köpfen
    mit allem was drannhängt
    und das ist viel

  2. Wieso muss Religion kritisiert werden, wenn sie doch Privatsache ist?

    Dieser Einwurf missachtet aber die Realitaeten. Solange ueber Stammtischen und bei Kaffeekraenzchen gewettert und uebel nachgeredet wird, ist immer wieder auch Religionszugehoerigkeit der Anhaltspunkt fuer persoenliche Vorwuerfe einerseits, fuer Pauschalisierungen andererseits.

    Eine Leserempfehlung
  3. ist keine einbahnstraße
    es geht vielmehr um definitionsmacht und identifikation
    wenn ein begriff zu einem als zugehörig definiert wird treten automatisch beide in wechselwirkung miteinander
    das beispiel koruption -deutschland ist sehr schön gewählt
    würde ich hier eine zugehörigkeit definieren hiesse das ja nicht nur in die idee dtl die koruption einzupflegen, sondern umgekehrt der koruption den stempel "deutsch" aufzudrücken, wie es viele mit dem millitarismus, egal wo er auftritt tun
    oder,
    um uns dem thema wieder anzunähern
    dem christentum
    das durchaus deutsch geworden ist;
    die rkk ist heute protestantischer als es luthers kirche zu seinen lebzeiten war.
    das funktionierte über die vereinnahmung(erst millitärisch, dann totalitär) deutschlands durch das christentum welche sich umdrehte
    das, ursprünglich morgenländische, römisch vereinnahmte christentum musste sich der definitionsmacht der zugehörigen deutschen beugen
    was bedeuted das für dtl/islam?
    einerseits
    das eine gleichzeitige identifikation mit beidem konflicktfrei möglich ist
    andererseits
    das von dtl aus ein definitionsanspruch gestellt wird
    der schon fast einer kriegserklährng an saudiarabien gleichkommt
    die diesen ja für sich alleine in anspruch nehmen
    etwas
    wovor unser neuer präsi wohl zurückschreckt
    da war der davor mutiger
    und der zuspruch durch die muslime hier im land kann durchaus als eine zustimmung zur angestrebten umwälzung und eine sehnsucht nach veränderung betrachtet werden

    Eine Leserempfehlung
  4. Für mich hat Gott keine Grenzen. Er "gehört" somit überall hin und ist schon gar nicht auf eine Nation begrenzt. Er ist sichtbar dort, wo ihn Menschen - gemäß ihres Glaubens - anerkennen. Ob sie das muslimisch, christliche oder anders tun, ist Sache der Menschen. Welcher Glaube nun der "richtige" ist, wird Gott wissen. Vielleicht stellt er sich die Frage auch gar nicht.
    Die Frage, ob eine Religion zu Deutschland gehört, macht für mich genausowenig Sinn, wie die Frage, ob Gott zu Deutschland gehört.
    Wer an ihn glaubt, wird die Frage bejahen. Wer nicht an ihn Glaubt, wird sie verneinen.

  5. ("und sich zu unserem grundgesetz bekennt.")

    Und Verfassungsfeinde sind keine Deutschen?

    Und Politiker, die wegen der Euro-Rettung und einer vertieften europäischen Einheit eine neue Verfassung nach Artikel 146 fordern, also das Grundgesetz nicht beibehalten wollen?

    Die Definition geht irgendwie auch nicht.

    Lassen Sie es doch einfach mit dem Pass bewenden, das ist immer noch das beste Kriterium.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "die deutsche idee?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wo sie recht haben, haben sie recht :)

    wo sie recht haben, haben sie recht :)

  6. die frau soll dem manne untertan sein...

    religion egal welche ist nicht demokratie freindlich. nur die auslegung von manchen gruppen ist das. und die überwiegende mehrheit der muslime in deutschland gehört nicht zu den fanatischen, demokratie feindlichen gruppierungen.

    sie finden in der bibel, thora und koran immer wieder sätze die überhauptnichts mit unserem staatsverständnis zu tun haben. das kommt daher das diese bücher vor sehr sehr langer zeit geschrieben wurden. es kommt auf die auslegung an.

    nach ihrer argumentation gehört keine der abrahamitischen religionen zu deutschland. vieleicht würde der budismus passen, aber da bin ich vorsichtig, den ich kenne mich mit budisitscher theologie leider nicht aus :)

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Von Bedeutungen (2)"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "diskriminierung von frauen kennt auch die bibel die frau soll dem manne untertan sein..." - Sie verkennen dabei den Stellenwert von solchen Aussagen in Bibel und Koran. Der Koran ist im Islam unabänderliches, ewiges Wort Gottes, unerschaffen, für alle Zeit gültig. Was darin steht, ist Gottes Verfügung. Spricht der Koran also von einer Abstufung zwischen Mann und Frau, so sagt dies Gott. Die Bibel ist keine Offenbarungsschrift Gottes, sondern ein Geschichtsbuch (AT) und zusätzlich ein theologisches Traktat (NT, Briefe) - in Christentum und Judentum offenbart sich Gott in der Geschichte, nicht im geschriebenen Wort, und insofern sind die Aussagen der Bibel revidierbar - und wurden auch revidiert.
    Es ist der Koran und seine Stellung im Islam, die das Problem so einzig machen. Hamed Abdel-Samad schreibt dazu: "Alle Fragen der Reform beginnen beim Koran und zerbrechen am Ende an diesem erratischen Block der islamischen Kultur. Reformer und Konservative sind nach wie vor vom heiligen Text besessen. Während die einen in ihm die Grundlage für einen Gottesstaat sehen, suchen die Reformer nach positiven Passagen in ihm, die für das moderne Leben taugen. Man schraubt am Vers rum, bis er irgendwie zu den Umständen der heutigen Gesellschaft paßt. Kein Mensch traut sich zu fragen, wozu wir den Koran heute noch brauchen." (Hamed Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt")

    Einmal ist das Thema wie gesagt nicht das Christentum, sondern der Islam. Wenn Du zum Christentum schreiben willst, kannst Du gerne einen Leserartikel reinstellen.

    Und dann leben Christen nicht mehr nach dem alten, sondern dem neuen Testament. Das kann man nicht willkürlich durcheinanderbringen. Und selbst wenn, wo gibt es hier in der Gesellschaft wirklich noch Strukturen die das alte Testament leben? Gut, die Gleichberechtigung ist nicht perfekt, aber doch wohl Dimensionen von der Gleichberechtigung im Islam entfernt. Und sie leben das auch so und führen es vor.

    "diskriminierung von frauen kennt auch die bibel die frau soll dem manne untertan sein..." - Sie verkennen dabei den Stellenwert von solchen Aussagen in Bibel und Koran. Der Koran ist im Islam unabänderliches, ewiges Wort Gottes, unerschaffen, für alle Zeit gültig. Was darin steht, ist Gottes Verfügung. Spricht der Koran also von einer Abstufung zwischen Mann und Frau, so sagt dies Gott. Die Bibel ist keine Offenbarungsschrift Gottes, sondern ein Geschichtsbuch (AT) und zusätzlich ein theologisches Traktat (NT, Briefe) - in Christentum und Judentum offenbart sich Gott in der Geschichte, nicht im geschriebenen Wort, und insofern sind die Aussagen der Bibel revidierbar - und wurden auch revidiert.
    Es ist der Koran und seine Stellung im Islam, die das Problem so einzig machen. Hamed Abdel-Samad schreibt dazu: "Alle Fragen der Reform beginnen beim Koran und zerbrechen am Ende an diesem erratischen Block der islamischen Kultur. Reformer und Konservative sind nach wie vor vom heiligen Text besessen. Während die einen in ihm die Grundlage für einen Gottesstaat sehen, suchen die Reformer nach positiven Passagen in ihm, die für das moderne Leben taugen. Man schraubt am Vers rum, bis er irgendwie zu den Umständen der heutigen Gesellschaft paßt. Kein Mensch traut sich zu fragen, wozu wir den Koran heute noch brauchen." (Hamed Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt")

    Einmal ist das Thema wie gesagt nicht das Christentum, sondern der Islam. Wenn Du zum Christentum schreiben willst, kannst Du gerne einen Leserartikel reinstellen.

    Und dann leben Christen nicht mehr nach dem alten, sondern dem neuen Testament. Das kann man nicht willkürlich durcheinanderbringen. Und selbst wenn, wo gibt es hier in der Gesellschaft wirklich noch Strukturen die das alte Testament leben? Gut, die Gleichberechtigung ist nicht perfekt, aber doch wohl Dimensionen von der Gleichberechtigung im Islam entfernt. Und sie leben das auch so und führen es vor.

  7. 63. Genau!

    Weiterhin erkennt man bei Gauck ganz klar protestantisch/ christliche Argumentationsmuster. Es geht ihm im Endeffekt um eine Besitzstandswahrung des Protestantismus. Sowas kann er gerne zuhause von der Kanzel predigen, aber nicht im 21. Jhd. als Repräsentant eines pluralistischen Deutschlands. Ich hoffe die Katholiken, Atheisten und Juden durchschauen dies auch...

    tatsaechlich ist es so, dass Gauck in seinem elenden Nebensatzwahnsinn gemeinsam mit seiner Islamophobie auch eine grundlegende Abwertung des Katholizismus offenbart hat.

    Man hat den Eindruck, dass bei ihm noch Argumentationsmuster wie "Allianz von Thron und Altar" eine Rolle spielen, wenn nicht gar die preussisch-protestantisch-obrigkeitshoerige Gedankenwelt, die letztlich den Kulturkampf im dritten Viertel des 19. Jh. getragen hat.

    Moeglicherweise war der beengte kulturelle Raum der DDR (in der es unter Christen fast nur Protestanten gab) doch nicht der richtige Entfaltungsraum fuer interkulturelle Offenheit und echte Wertschaetzung von Andersdenkenden bzw. Andersglaeubigen.

    Eine Leserempfehlung
  8. lassen sie uns gemeinsam an die stelle gehen wo im atlas eine dicke linie dtl vom nachbarland trennt
    lassen sie uns die aussicht geniessen
    und die landschaft begutachten
    sie wird
    diesseits wie jenseits, keinen relevanten unterschied aufweisen
    auch eine dicke bunte linie werden sie nicht finden
    und die vögel häslein und rehlein werden ganz ohne papiere über diese grenze hinweghoppeln
    sie ist eine idee in unseren köpfen
    mit allem was drannhängt
    und das ist viel

    Antwort auf "die deutsche idee?"
Service