Europäische Integration : "Wir brauchen eine völlig neue supranationale EU"

Der Europarechtler Thomas Schmitz fordert im Interview eine grundlegende EU-Reform. Denn wenn der Euro scheitert, droht ein europäischer Populismus.

ZEIT ONLINE : Mitten in der Euro-Krise wird nun wieder über eine stärkere europäische Integration diskutiert. Ist die EU in der bisherigen Form nicht mehr in der Lage, mit den gewaltigen Problemen fertig zu werden?

Thomas Schmitz : Es hat sich gezeigt, dass die EU mit ihren schwerfälligen, zum Teil undemokratischen Entscheidungsverfahren und ihrer ewigen mühsamen Kompromissfindung nicht schnell und nachhaltig genug auf Krisen reagieren kann. Dazu kommt, dass nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts die Grenzen dessen, was an Souveränität im Rahmen des Grundgesetzes an Brüssel übertragen werden darf, nahezu erreicht sind. Die Verfassungsgerichte anderer Mitgliedstaaten könnten dem folgen. Auch dies führt unweigerlich zur Frage, ob nicht weitere Schritt zur europäischen Integration notwendig sind.

ZEIT ONLINE : Sehen Sie denn Chancen, dass die EU auf absehbare Zeit auf dem Weg zu einer politischen Union vorankommt?

Schmitz : Notwendig wäre das. Aber ich bin skeptisch. Im Moment wird nur über eine Finanz- und Wirtschaftsunion geredet. Es müsste aber auch um eine engere politische, soziale und gesellschaftliche Union gehen. Die Bürger müssen beteiligt werden, wenn man mit Europa vorankommen will.

ZEIT ONLINE: Halten Sie eine neue Debatte über eine europäische Verfassung für sinnvoll?

Thomas Schmitz

Thomas Schmitz lehrt Europa-, Verfassungs- und Verwaltungsrecht, zur Zeit in Köln. Von 2006 bis 2010 war er Gastdozent an der Universität Lettlands in Riga. Im Herbst geht er als DAAD-Dozent nach Hanoi, um sich dort unter anderem mit der Entwicklung eines Rechtsstaats im sozialistischen Vietnam zu beschäftigen.

Schmitz : Wenn der Verfassungsvertrag von 2004 nicht gescheitert wäre, hätten wir es heute leichter. Dann hätte sich die Euro-Krise nicht so endlos entwickelt. Eine gemeinsame Verfassung würde der europäischen Politik eine höhere Autorität und Legitimation geben und bei den Bürgern das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Stattdessen wurde der Vertrag von Lissabon geschlossen, ein trotz aller Fortschritte technokratisches, bürokratisches Ungetüm, das den Zusammenhalt kaum fördert und die EU in der Krise keineswegs handlungsfähig macht.

ZEIT ONLINE : Eine neuerliche Verfassungsdebatte wäre also aussichtslos?

Schmitz : Sie wäre wünschenswert, ist aber wenig wahrscheinlich. Die Herausforderungen wären hoch: Es muss eine kurzfristige Lösung geben, denn so wie bisher geht es nicht weiter. Man müsste dabei auch über eine völlig neue supranationale Europäische Union nachdenken, mit vielleicht weniger Mitgliedstaaten, aber handlungsfähiger und geschlossener als die jetzige. Aber auch das könnte nur eine Übergangslösung sein. Sie könnte allerdings den notwendigen zeitlichen Freiraum verschaffen für einen geordneten Übergang zu einem europäischen Bundesstaat.

ZEIT ONLINE : Haben wir noch soviel Zeit, um in Ruhe über all diese Fragen nachzudenken?

Schmitz : Selbst der Übergang zu einem europäischen Bundesstaat könnte recht schnell kommen, wenn sich die Krise zuspitzt, die Wirtschaft abzustürzen droht und dann auch noch die Verfassungsgerichte einiger Mitgliedstaaten die Grenzen dessen, was an supranationaler Integration mit den gegenwärtigen Staatsverfassungen machbar ist, erreicht sehen. Das könnte eine grundsätzliche Neuaufstellung Europas erzwingen.

ZEIT ONLINE : Wie lange bräuchte man, um eine europäische Verfassung zu erarbeiten?

Schmitz : Um eine Verfassung für einen europäischen Bundesstaat gründlich vorzubereiten, bräuchte man mehr Zeit, als vorhanden ist. Eine Übergangsverfassung für eine neue supranationale EU könnte man dagegen schnell beschließen. Manche Teile, zum Beispiel den Grundrechtskatalog, könnte man aus dem Verfassungsvertrag von 2004 übernehmen.

ZEIT ONLINE : Müsste das Endziel ein europäischer Bundesstaat sein? Oder gäbe es auch etwas darunter – irgendwo zwischen dem jetzigen Staatenbund und einer Föderation?

Schmitz : Eine Lösung dazwischen haben wir schon. Und diese ist bereits deutlich mehr als ein lockerer Staatenverbund und sehr staatsähnlich. Die EU ist schon jetzt in mancher Hinsicht zentralisierter als manche Bundesstaaten wie etwa die USA . Der Übergang zu einem europäischen Bundesstaat wird sich eines Tages auch empfehlen, um beständigere Strukturen zu schaffen und eine weitere Zentralisierung zu verhindern.

ZEIT ONLINE : Welche Länder würden sich denn Ihrer Einschätzung nach an einem solchen kerneuropäischen Bundesstaat beteiligen?

Schmitz : Vor allem die EG-Gründerstaaten, also Deutschland, Frankreich , Italien und die Benelux-Staaten. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sich Österreich , Polen , Slowenien , Spanien , Portugal und eventuell sogar die Schweiz beteiligen würden, wenn es um eine ernsthafte Perspektive einer gemeinsamen europäischen Zukunft auf der Grundlage unserer gemeinsamen Werte und der uns verbindenden europäischen Kultur geht. Andere Staaten könnten sich später anschließen. Entscheidend ist im Übrigen nicht die jeweilige gegenwärtige Wirtschaftslage, sondern die Zuverlässigkeit und Integrationsbereitschaft der beteiligten Länder.

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Kommentare

159 Kommentare Seite 1 von 19 Kommentieren

@ 1 Nur so.

Was Schmitz hier äußert, entspricht den Kommentaren Schäubles in amerikanischen Medien ("Wir brauchen die Krise, um einen Bundesstaat Europa durchzusetzen"): "Selbst der Übergang zu einem europäischen Bundesstaat könnte recht schnell kommen, wenn sich die Krise zuspitzt, die Wirtschaft abzustürzen droht und dann auch noch die Verfassungsgerichte einiger Mitgliedstaaten die Grenzen dessen, was an supranationaler Integration mit den gegenwärtigen Staatsverfassungen machbar ist, erreicht sehen. Das könnte eine grundsätzliche Neuaufstellung Europas erzwingen."
Man wird das Gefühl nicht los, unsere "Eliten" sind ferngesteuert.

Doch das werden Sie recht leicht los

Das Gefühl Schäuble sei ferngesteuert.

http://www.ifz-muenchen.d...

Die Diskussion ist noch älter als die römischen Verträge von 1957. Der Link führt zu einer Arbeit über die Diskussion zwischen Ludwig Erhardt und Franz Etzel in den Jahren 54-56 über die Art und Weise der Europäischen Integration.

Das ist eine uralte Nummer die tatsächlich auf die europäische Geschichte und die Sicherung des Friedens zurück geht. Falls Sie nach dem Papier immer noch glauben Schäuble sei in dem Punkt ferngesteuert, einfach melden, aus dem Bereich kann ich Sie ewig lang noch mit Lesestoff versorgen.

Europa

Wo ist das Problem? Auch innerhalb von Deutschland lässt sich kaum eine Gruppe über einen Kamm scheren, vergleichen Sie nur mal das Brauchtum in Schleswig-Holstein mit Traditionen im Alpenraum, weltanschauliche Gefälle zwischen Stadt/Land, West/Ost,.. . Je nach dem, was man vergleicht, finden Sie eine grössere Übereinstimmung in Verhaltensmustern und Weltanschauungen in Grenzgebieten (a la Maastricht/Aachen), in unterschiedlichsten europäischen Metropolen (i.e. Amsterdam/Berlin), als innerhalb der deutschen Grenzen.

Ich halte eine politische europäische Einheit bzw. eine Stärkung derselben nicht nur seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise längst für überfällig, allein schon um diese konstruierte Problematik des Andersseins zu überwinden - die identitätsstiftende Wirkung solcher Vorhaben hat sich doch im 19. Jhd. auch bspw. für 'Deutschland' erwiesen.

Rekommunalisierung statt Super-Staat

Dann wäre der Ansatz der Rekommunalisierung doch ein weit sinnvollerer, als noch mehr Gebiete mit noch mehr Unterschieden in ein Zwangskollektiv zu pressen.

Denn schon der Nationalstaat ist doch mit all den widerstreitenden Interessen einer Millionenbevölkerung demokratisch nicht kontrollierbar, bzw. wird eben so regiert, wie er jetzt regiert wird, zugunsten ein paar weniger % die sich politisch Einfluss zu verschaffen wissen, und dem großen Rest der folgen, im besten Fall demokr. Partizipation, eine "alternativlose" Politik abnicken darf, bzw. solange "frei" wählen darf, bis das Ergebnis stimmt.

Wie soll denn Bürgernähe garantiert werden, wenn eine EU-Regierung 500 Mio. Menschen verteten muss?
Wer fühlt sich da irgendwem verantwortlich, außer den Leuten, den man als Politiker tagtäglich im Brüsseler Elfenbeinturm begegnet, also vorrangig allerhand "Experten" und Lobbyisten, quasi mit ihnen lebt.

Was interessiert es derartig sozialisierte Systemfunktionäre, ob irgendwo in einem griechischen Kaff, Protest gegen die herrschende Politik aufflammt oder nicht?
Weit weg.
Keine Berührung mit den Menschen nötig.
Wo sollen dann Skrupel herkommen, im Extremfall Revolten einfach durch die EUROGENDFOR zusammenprügeln zu lassen, wenn es doch nur um vergleichseise marginale Minderheiten geht?
Die EUROGENDFOR-Polizisten werden ihrerseits auch wenig Skrupel haben, das zu exekutieren, haben sie als supranationale Truppe doch auch keinen Bezug zu den Leuten gegen die sie vorgehen...

Europa

Ein (Bundes-)Staat ist ja nicht zwangläufig zentralistisch regiert, so wie Sie das schildern ('weit weg'), sondern föderalistisch mit den unterschiedlichsten Verwaltungsebenen, um eben auch und gerade den Ansprüchen der Kommunen gerecht zu werden. Ihre Wunschvorstellung, möglichst in vormoderne Kleinstaaterei zurückzufallen, halte ich sowohl für kulturell verarmend als auch ökonomisch nicht realisierbar. Wäre der Einfluss 'Europas'grösser, wäre sicher auch das Interesse der Bürger an Entscheidungen, die von höchster Ebene gefällt werden, höher, was den demokratischen Prozessen bzw. der demokratischen Legitimation dieser Prozesse nur dienlich wäre. Eine Wahlbeteiligung bei Europa-Wahlen von ca. 30% und weniger auf der einen Seite und ein allgemeines zetern über das undemokratische Europa auf der anderen spricht für Handlungsbedarf von Seiten der Bürger.

Im 19. Jahrhundert gab es Deutschland

schon seit fast 1000 Jahren (seit Otto dem Großen), es fehlte nur die funktionierende staatliche Struktur, die im Dreißigjährigen Krieg größtenteils und in den napoleonischen Kriegen völlig zerstört worden war.

Sobald Napoleon besiegt worden war, entstand auf dem Wiener Kongress der "Deutsche Bund".

Etwas analoges hat es für ganz Europa seit dem Imperium Romanum nicht mehr gegeben, und für den Nordwesten seit Karl dem Großen nicht mehr.

Eurostaat

> > Ein (Bundes-)Staat ist ja nicht zwangläufig zentralistisch regiert, so wie Sie das schildern ('weit weg'), sondern föderalistisch mit den unterschiedlichsten Verwaltungsebenen, um eben auch und gerade den Ansprüchen der Kommunen gerecht zu werden. Ihre Wunschvorstellung, möglichst in vormoderne Kleinstaaterei zurückzufallen, halte ich sowohl für kulturell verarmend als auch ökonomisch nicht realisierbar. > >

Natürlich wird es innerhalb eines EU-Superstaates einen Föderalismus geben.
Bei "Kommune" ging es mir aber eher um selbsverwaltete, selbstbestimmte Gebilde als um rein-lokale Verwaltungstrukturen der gegebenen Ordnung die darüber bestimmen, wie hoch die Hundesteuer ist und wo geparkt werden darf.
Und alle Entscheidungen von Wichtigkeit letztlich bei Brüsseler Bürokraten liegen, die durch ein pseudodemokratisches Wahlsystem ähnlich dem hiesigen der BRD vom Bürger nicht oder kaum beeinflusst werden können.

Warum Dezentralismus kulturverarmend sein soll, müssen sie mir bitte erklären.
Ist Kultur etwa abhängig von der Steuerung durch überregionale Behörden?
Oder begrenzen sie Kultur auf staatliche Pyramidenprojekte des Kulturbetriebes wie pompöse Staatstheater, und deren Betriebssubventionierung um dem Bildungsbürgertum preiswert status-angemessene Unterhaltung bieten zu können?

Was die vermeindliche Kleinstaaterei und dessen ökonomische Unmöglichkeit angeht:
Eine Frage des gesellschaftlichen Willens.
Aber wenn man lieber "weiter-so" möchte, natürlich nicht.

Der Vergleich hinkt,

denn Europa hat keine einheitliche Sprache, Deutschland aber doch (Hochdeutsch).
Deutschland ist ein germanischer Staat; Europa ist romanisch (lateinisch), germanisch, slawisch und ural-altaisch (Finnen und Ungarn).

Eine übereilte politische Union, kurz übers Knie gebrochen, gar im Interesse sogenannter "Eliten", wäre mit großen Gefahren verbunden. Schon die übereilte und nicht gerechtfertigte Aufnahme Griechenlands, Rumäniens, Bulgariens ergibt schwerste Probleme, wie wir sehen.

Europa braucht Zeit. Zeit muss man sich nehmen.

Wie soll diese supranationale EU aussehen ?

es gibt keine gemeinsame Sprache,

es gibt daher auch keine gemeinsame Öffentlichkeit,

der Lissabon-Vertrag, bzw "EU-Verfassung" wurde in mehreren Referenden abgelehnt,

es gibt kein Parlament nach parlamentarischen Mindesstandards, es hat weniger Macht als eine mittelalterliche Ständevertretung

es wird kein EU- Populist auftreten, da die EU nicht populär ist, eher national-konservative und national-liberale in jedem EU-Staat, das Stroh ist schon trocken, es fehlt nur noch der Funke.

Und was man von 1848 und 1872 lernen kann: Nichts eint so sehr, wie ein gemeinsamer Feind. Deshalb ist es 1848 gescheitert und 1872 gelungen, bewusst von Bismarck in diese Richtung gedrängt.

Gemeinsame Öffentlichkeit

"es gibt keine gemeinsame Sprache,

es gibt daher auch keine gemeinsame Öffentlichkeit,"

Klar gibt es die. Die gemeinsame Sprache ist de facto Englisch.
Die gemeinsame Öffentlichkeit diskutiert auf Treffen oder in online-foren auf Englisch.

Teilnahme an der Öffentlichkeit ist auch immer eine Holschuld. Ich finde es daher etwas kindisch, sich zu beschweren, dass es keine europäische Öffentlichkeit gibt, nur weil einem die Teilnahme daran nicht aufgedrängt wird.

Ja, durchaus...

Ich lese beispielsweise den Guardian, SPON und Tagesschau haben jeweils englische Abschnitte. Und die BBC sendet auch in ganz Europa - Aber das war wahrscheinlich nicht das, was Sie meinten, oder? Zwar sind das für mich europäische Medien, aber was wäre denn für Sie ein europäisches Medium? Und ich würde dabei um eine Definition bitten, die das ZDF eindeutig als deutschen, nicht rheinland-pfälzischen, Sender klassifiziert, das BBC aber als britischen.

"Schön, erzählen Sie das mal einem Franzosen oder Spanier."
Das habe ich bereits. Es hört zwar niemand gerne, aber Englisch hat schlicht gewonnen. Nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt. Anspielungen auf den Nationalstolz sind inzwischen einfach etwas lächerlich.

"Nebenbei: wieviel Prozent der Deutschen sprechen verhandlungssicher Englisch?"

Wohl nicht genug, Ihrer Ansicht nach. Das ist aber unerheblich. fast jeder hatte Englisch in der Schule und damit eine ausbaubare Basis. Wiederum: Holschuld.

Wollen wir mal träumen?

Vorab, weil Ihr Hinweis auf die Gemeinsamkeit (verbindende Klammer) völlig korrekt ist, klau ich heftig bei der Schweiz.

Ausgangspunkt wäre eine Europäische Verteidigungs Union und eine Europäische Außenpolitik.

Gewählt wird ein gemeinsammes Parlament auf der Grundlage "one man one vote". Als Korrektiv wird eine zweite Kammer geschaffen, in der die kleinen Länder überproportiunal vertreten sind. Finanziert wird alles durch einen festgeschriebenen Prozentanteil am BIP.

Das Parlament wählt die Regierung zuerst nur Verteidigung und Außenminister. Die sind dem Parlament Rechenschaft schuldig, insbesondere über die Finanzen. Die Zustimmung der zweiten Kammer ist notwendig für Einsätze außerhalb des Hoheitsgebietes, Kriegserklärungen, Abkommen über Reisefreiheit mit dritt Ländern und Grundsatzfragen der Außenpolitik.

Im Gegenzug wird in den Mitgliedsstaaten alles abgeschafft was der neue Europäische Staat jetzt leistet.

Nach der Startphase werden nach und nach die Aufgaben an den neuen Europäischen Staat deligiert, die am sinnvollsten von diesem zu lösen sind (teile der inneren Sicherheit z.B. o.K., Medikamenten Zulassung usw.).

Grundlage bleibt das Subsidaritätsprinzip.

So ein Staat könnte mit den USA auf Augenhöhe verhandeln und zusammen (EU+USA) hätten wir ein ganz anderes Gewicht in der Welt.

Wird leider nichts, denn das wissen selbst unsere Politiker, mit dem Gebilde wären die Nationalstaaten und damit ihre Jobs und Macht in 2-3 Jahrzehnten obsolet.

Utopie

Schöne Idee die Sie da haben, dass alle Menschen eine Sprache sprechen. Leider ist diese Idee von der Realität meilenweit entfernt, und dabei ist es irrelevant, ob es eine Holschuld oder eine Bringschuld ist.

Kurz gesagt: Das ZDF ist deutsch, weil er in deutscher Sprache ausgestrahlt wird; ebenso gilt dies für die BBC.

Ich komme Ihnen mal entgegen und definiere einen europäischen Sender als einen, der in englisch ausgestrahlt wird und in jedem europäischen Land regelmäßig eine relevante Einschaltquote hat (von mir aus ca 5%, was lächerlich wenig ist). Sie werden keinen finden. Ebenso werden Sie keine europaweit ausgestrahlten Nachrichtensendungen, Serien usw usf finden (Mit Ausnahme des Sports).

Es mag sein, dass sie den Guardian lesen, die englischen SPON-Artikel kenne ich auch, habe ich auch schon gelesen, und? Wieviel Prozent der Bevölkerung tun das? Wie relevant ist das? Wenn ich Ihre Beiträge lese, dann verstehe ich, warum Europa als Projekt der Eliten bezeichnet wird.

Englisch für Politiker

Sie schreiben:
"Nebenbei: wieviel Prozent der Deutschen sprechen verhandlungssicher Englisch?"

Ich füge meine Frage hinzu:

Und wie viele Politiker könnten ihre Reden in zwei oder drei Sprachen unserer Nachbarländer oder in Englisch vortragen?

Westerwelle oder Öttinger gehörten definitiv nicht dazu.

Für mich stellen die völlig unterschiedlichen Rechtssysteme, Gerichtsinstanzen und Verfahren mit nicht vergleichbaren Begrifflichkeiten ein Riesenproblem dar, nicht nur die Unterschiede des angelsächsischen Common Law zu diversen Gesetzesrechten.

Ein französisches Gerichtsurteil ins Deutsche zu übersetzen oder umgekehrt, stellt selbst zweisprachige Juristen vor manchmal kaum überwindbare Hürden.

Elite...

Hmm, Sie bezeichnen mich, und Sie selbst, implizit als "Eliten". Interessant.

"Ich komme Ihnen mal entgegen und definiere einen europäischen Sender als einen, der in englisch ausgestrahlt wird und in jedem europäischen Land regelmäßig eine relevante Einschaltquote hat (von mir aus ca 5%, was lächerlich wenig ist)."

Das wäre doch einmal eine Idee. Ich würde allerdings behaupten, dass die BBC diesen Quoten schon recht nahe kommt.

"Kurz gesagt: Das ZDF ist deutsch, weil er in deutscher Sprache ausgestrahlt wird; ebenso gilt dies für die BBC."

Nach dieser Definition dagegen kann es niemals einen europäischen Sender geben. Forderungen müssen schon erfüllbar bleiben.

"Leider ist diese [...]"

Zunächst einmal: Ich fordere nicht, dass alle dieselbe Sprache sprechen (das wäre langweilig), sondern, dass Alle zumindest auch Englisch sprechen.
Und des Weiteren: So weit ist die Idee nicht von der Realität entfernt. Schauen Sie in die Entwicklungsländer. Die Menschen lernen dort aus wirtschaftlichen Gründen Englisch. Oder nach Skandinavien. Dort lernt man englisch, gerade damit man an der internationalen Öffentlichkeit teilnehmen kann, weil die eigene Sprache von zu Wenigen gesprochen wird. Wir dagegen sitzen, wie Frankreich und Italien in einer Zwischenlage. Unsere Öffentlichkeit ist groß genug für uns aber zu klein für die Welt. Wir stehen aber vor denselben Probleme wie Andere, nur merken wir es nicht.

.....

- "Nach dieser Definition dagegen kann es niemals einen europäischen Sender geben. Forderungen müssen schon erfüllbar bleiben."

S.o.: ich war ja schon mit dem Kompromiss "Ein Sender der in englisch ausgestrahlt und in jedem europäischen Land regelmäßig eine relevante Einschaltquote hat" zufrieden. Wenn es den gibt, ist für mich das Thema erledigt. Wird es aber in den nächsten X Jahren nicht geben.
Dass die BBC diesen Quoten auch nur im entferntesten nahekommt, wage ich zu bezeifeln. Haben Sie Zahlen dazu?

- "Und des Weiteren: So weit ist die Idee nicht von der Realität entfernt. [...]"
Im Moment ist diese Idee jedoch noch nicht realität. Darum geht es doch. WENN diese Bedingungen irgendwann mal erfüllt sind, DANN wird auch ein anderes Interesse an einer EU vorhanden sein. Das entscheidene ist doch: Sie sind es jetzt nicht. Punkt.
Die andere Möglichkeit: man zwingt dem Volk etwas auf, so wie es jetzt geschieht oder geschehen droht. Das ist auch eine Möglichkeit, keine Frage, man muss aber mit den Konsequenzen leben. Und das bedeutet u.a.: Keine Öffentlichkeit und somit undemokratische Strukturen.

Über unterschiedliche Kulturen, Bräuche usw. usf. haben wir dann aber noch gar nicht gesprochen.

Sie meinen die Sprache der Globalizer,

das bekannte "Globalese", dass wahrscheinlich sogar in England nicht besonders willkommen ist?

Das ist die Sprache einer Elite, die gerne dem gemeinen Volk zu verstehen gibt, dass es rückwärtsgewandt ist und sowieso nicht zählt. Auf nationaler Ebene der Blender, Werbefuzzis, Manager und Möchtegern-Politiker, die unbedingt zeigen müssen, dass sie außer der Muttersprache auch kein Englisch können.

Genau die Leute, die die Finanzkrise erst richtig zum Blühen gebracht haben.
Diese Kultur ist seitdem im höchsten Maße unpopulär geworden.

Hätten wir eine europäische Öffentlichkeit, so würden unsere Medien anders aus Europa berichten, würden regelmäßig Kolumnisten aus der EU einladen, und viel mehr Nachrichten aus Europa bringen. Gab es denn in der ZEIT schon mal Interviews mit den wichtigsten Kommissionsmitgliedern?

Vielleicht hätte die deutsche Regierung dann ja einen Europa-Minister, der sich nur um die innereuropäischen beziehungen kümmerte (Westerwelle kann man vergessen, und die Kanzlerin kann nicht alles machen).

Eine europäische Öffentlichkeit gibt es nicht. Einig sind die Europäer nur in der Wut auf die Dillettanten, die die Währungsunion gegen die Wand fahren.

"Auf nach Brüssel!" "A Bruxelles!" "Do Brukseli!" "Let's go to Brussels!" usw. - das könnte noch zum einigenden revolutionären Schlachtruf in Europa werden ...

Ach so: nix gegen Englisch als Verkehrssprache - aber alles gegen eine aufgesetzte und schlecht sitzende pseudo-Anglo-Identität.

Sorry, aber der Wollen wir mal Träumen?

Kommentar hat nun gar nichts mit der aktuellen Situation rund um den Euro zu tun.

Das Gegenteil würde eher zutreffen.

Die Idee hinter dem Kommentar, ist die Alternative zur Einführung des Euros 1990 gewesen. Das ging damals aber nicht, weil Derjenige dessen Zustimmung benötigt wurde, in der Idee einer Europäischen Verteidungs Union einen persönlichen Machtverlust erkannte und sich von einer gemeinsammen Währung einen Machtzuwachs versprach.

Was ich von Ihrem Kommentar halte...

...lässt sich wohl am besten ausdrücken, indem ich ihn paraphrasiere:

'Die "meine Heimat"-Patrioten verlieren regelmäßig den Teil der Welt aus dem Blickfeld, der nicht ihre Sprache spricht, schreibt und liest.

Das nennen sie dann "Vielfältigkeit" - und gucken doch nicht über den Tellerrand ihres eigenen Staates.'

Ich denke, ich habe in unseren Diskussionen ein ganz gutes Bild davon bekommen, wie es Ihnen damit geht, denn im Gegensatz zu Ihnen beschäftige ich mich lieber mit meiner Heimat UND denjenigen Ländern, in denen man Englisch spricht, was fast jedes ist, anstelle nur mit meinem, die ganze Zeit nur beteuernd, mein Blick würde nicht getrübt dadurch, dass ich die Sprache des Anderen nicht verstehe.

(Ich bin übrigens der Ansicht, dass Englisch das Nonplusultra der internationalen Kommunikation ist, obwohl ich außer Deutsch drei weitere Sprachen spreche und in zwei weiteren über die Runden komme.)

"Die Europäer" haben keine gemeinsame Identität.

Probe am Bankschalter. Wir wollen sechs Fünfziger, jeweils zwei mit U, Y und S vor der Seriennummer, in Scheine mit X wechseln. Der Kassierer der Commerzbank-Filiale hört nur „wechseln“ und eilt zum Prüfgerät. Blütengefahr gebannt, er kommt zurück und blättert drei Hunderter hin. Nur mit X ist keiner dabei, dafür M, N und V. Neuer Anlauf: „Nein, die Stückelung ist egal, wir wollen Scheine mit einem X vor der Seriennummer, die Euro-Scheine aus Deutschland.“ Der Kassierer schaut uns an, er hält uns für verwirrt. Er selbst ist es aber auch: „Wir bekommen die Scheine von der Landeszentralbank, die sind aus Deutschland.“ Wir kapitulieren.

Englisch...

...das Nonplusultra der internationalen Kommunikation? Naja, ich empfehle mal einen Besuch der UN in New York(!). Da werden Englisch, Arabisch, Französisch, Spanisch und Chinesisch gleichberechtigt behandelt.

In Europa Englisch zur Lingua Franca auszuloben ist sicherlich gut, um sich im Urlaub zu verständigen und um im Geschäftsleben voranzukommen. Wobei sich einem Engländer, der wirklich Englisch kann - was in Großbritannien als Qualifikation für ziemlich viele Berufe durchgeht - natürlich die Fußnägel aufrollen.

Andererseits: Wozu gibt es Dolmetscher. Die kennen idealerweise auch noch die kulturellen Eigenheiten eines Landes und verstehen, was "immediately" und "yes" in den jeweiligen Kulturkreisen bedeutet.

Englisch taugt als kleinster gemeinsamen Nenner. Man soll sich aber nicht täuschen: Während wir die Sprache oft für leicht halten, z.B. durch die Abwesenheit irgendwelcher Deklination, empfinden andere Muttersprachler sie als grandios kompliziert, z.B. durch die vollkommen inkonsistente phonetische Schrift, die große Anzahl von Zeiten und die hohe Anzahl unregelmäßiger Verben, inkonsistenter Verneinung usw.

Auch ist es meiner Erfahrung nach immer besser, wenn zwei Leute miteinander reden, wenn zumindest einer von beiden in seiner Muttersprache reden kann. Dass auch simple englische Texte oft vollkommen falsch verstanden werden, kann man übrigens oft in Artikeln nachlesen, die Schriftstücke "zitieren" und dabei regelmäßig am Wort "should" scheitern.

Kopf in den Wolken...

Waren Sie schon einmal im Ausland? Weder in Frankreich noch in Spanien bin ich mit Englisch nicht voran gekommen. Dass Sprecher bestimmter Sprachen mit perfektem Englisch Probleme haben, ist zwar richtig, aber darum geht es nicht.

Es ist schlicht Tatsache, dass Englisch die wichtigste Sprache ist. Argumente, dass man mit Deutsch (was haben wir gelacht) weiter kommt als mit Englisch, sind meist aus Neid geboren. Wir sollten der Realität ins Gesicht schauen und zugeben, dass der Zug abgefahren ist, eine andere Sprache als Englisch als internationales Kommunikationsmittel zu etablieren.

In Frankreich

kommt man mit französisch am besten durch. Und das ist auch gut so!

Englisch als Hilfssprache ist doch völlig okay - was nervt sind nur die Verfechter des "english only", die sich empören, wenn es mit Englisch mal nicht so gut klappt.

Und die Deutschen, die selbst dann mit Ausländern lieber englisch sprechen, wenn diese womöglich ganz gut deutsch sprechen können, oder durch Übung besser deutsch lernen wollen.

Englisch als "lingua franca" - ist natürlich unerläßlich (praktiziere ich ja täglich, und das nicht ungern).

Pseudo-Englisch um sich wichtig zu machen ist ein wahrer Graus - so wie die französisch-Manie der Perückenzeit des 17./18. Jahrhunderts.

Ansonsten "lasst hundert Blumen blühen"! Hier ist mal wirklich "Multikulturalität" angesagt.

"Englisch" als Nachweis des Europäertums ist einfach nicht richtig - kein anderer EU-Staat will so wenig "europäisch" sein wie ausgerechnet Grossbritannien.

Ein richtiger Europäer versteht mehrere (!) europäische Sprachen, darunter selbstverständlich auch Englisch.

Oha...

"Waren Sie schon einmal im Ausland? Weder in Frankreich noch in Spanien bin ich mit Englisch nicht voran gekommen."

Tatsächlich gibt es im Management z.B. deutscher oder französischer Firmen Leute, die kein Englisch sprechen können und erst Recht nicht in der Qualität, die es für den Beruf bräuchte. Hierfür gibt es wie gesagt den Beruf des Dolmetschers. Englisch als "Lingua Franca" ist aktuell gesetzt aber keineswegs so in Stein gemeisselt, wie sich das naiverweise vorstellt. Sollten sich wirtschaftliche Schwerpunkte nach Südamerika und China verschieben und Forschung und Entwicklung mitwandern, wird plötzlich Spanisch und Chinesisch wichtig werden.

Das man auf Englisch in Frankreich und Spanien eine Fahrkarte kaufen kann - geschenkt. In vielen südostasiatischen Staaten z.B. wird Englisch nur äußerst rudimentär verstanden.

Wenn es aber darum gehen sollte eine gemeinsame Amtssprache in der EU zu verankern, kann das kaum Englisch sein. Das würde einfach am Willen der Völker scheitern. Bei dem großen romanischen Block (Portugal, Spanien, Italien, Belgien, Frankreich), wäre wohl nur eine romanische Sprache möglich. Und es würde wohl die des wirtschaftsstärksten und bevölkerungsreichsten Landes sein.

Denn dass sich alle Nordländer auf Englisch (="Sprache der EU Gegner") festlegen, kann ich mir nur sehr mühsam vorstellen. Und Deutsch hätte schon aus historischen Gründen keine Chance, obwohl es in "Kerneuropa" wohl mit am meisten gesprochen und verstanden wird.

Was die Politiker können oder nicht

ist nicht so wichtig wie was die Bevölkerung sprechen kann!

Ich bin überzeugt, dass in den meistens Gegenden Europas - abgesehen vom Nord-Westen - die Mehrheit der Bevölkerung mit Englisch im täglichen Umgang doch einige Schwierigkeiten hat.

Es langt eben einfach (noch) nicht, um die traditionellen einheimischen Sprachen zu ersetzen.

Und das ist auch gut so!

Wie kann man von "Multikulturalismus" quatschen, und gleichzeitig eine Einheits-Sprache fordern?

Na dann...

Also, der Wichtigkeit nach:

""Englisch" als Nachweis des Europäertums ist einfach nicht richtig - kein anderer EU-Staat will so wenig "europäisch" sein wie ausgerechnet Grossbritannien." <--- Strohmann

Ich frage es mal ganz rundheraus: Wen interessiert es, für was sich die Briten halten, ob Englisch die Sprache Europas ist? Von mir aus könnte GB aus der EU austreten und mein Standpunkt würde sich nicht ändern. Englisch ist schlicht die beste und einfachste Wahl.

"Pseudo-Englisch um sich wichtig zu machen ist ein wahrer Graus - so wie die französisch-Manie der Perückenzeit des 17./18. Jahrhunderts." <-- Strohmann.

Sie sind nicht gezwungen, mit Deutschen Englisch zu reden

"Englisch als Hilfssprache ist doch völlig okay - was nervt sind nur die Verfechter des "english only", die sich empören, wenn es mit Englisch mal nicht so gut klappt."

Wenn Ihnen Englisch als Hilfssprache schon gut genug ist, warum dann so empört der Idee gegenüber, diese Hilfe Jedem an die Hand zu geben?

"Ein richtiger Europäer versteht mehrere (!) europäische Sprachen, darunter selbstverständlich auch Englisch."

Na also. Was also spricht dagegen, Englisch auch zur Sprache der europäischen Politik zu machen?

Und zuletzt:
"In Frankreich kommt man mit französisch am besten durch."

Haben Sie noch weitere solche Weisheiten auf Lager?