ZEIT ONLINE : Mitten in der Euro-Krise wird nun wieder über eine stärkere europäische Integration diskutiert. Ist die EU in der bisherigen Form nicht mehr in der Lage, mit den gewaltigen Problemen fertig zu werden?

Thomas Schmitz : Es hat sich gezeigt, dass die EU mit ihren schwerfälligen, zum Teil undemokratischen Entscheidungsverfahren und ihrer ewigen mühsamen Kompromissfindung nicht schnell und nachhaltig genug auf Krisen reagieren kann. Dazu kommt, dass nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts die Grenzen dessen, was an Souveränität im Rahmen des Grundgesetzes an Brüssel übertragen werden darf, nahezu erreicht sind. Die Verfassungsgerichte anderer Mitgliedstaaten könnten dem folgen. Auch dies führt unweigerlich zur Frage, ob nicht weitere Schritt zur europäischen Integration notwendig sind.

ZEIT ONLINE : Sehen Sie denn Chancen, dass die EU auf absehbare Zeit auf dem Weg zu einer politischen Union vorankommt?

Schmitz : Notwendig wäre das. Aber ich bin skeptisch. Im Moment wird nur über eine Finanz- und Wirtschaftsunion geredet. Es müsste aber auch um eine engere politische, soziale und gesellschaftliche Union gehen. Die Bürger müssen beteiligt werden, wenn man mit Europa vorankommen will.

ZEIT ONLINE: Halten Sie eine neue Debatte über eine europäische Verfassung für sinnvoll?

Schmitz : Wenn der Verfassungsvertrag von 2004 nicht gescheitert wäre, hätten wir es heute leichter. Dann hätte sich die Euro-Krise nicht so endlos entwickelt. Eine gemeinsame Verfassung würde der europäischen Politik eine höhere Autorität und Legitimation geben und bei den Bürgern das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Stattdessen wurde der Vertrag von Lissabon geschlossen, ein trotz aller Fortschritte technokratisches, bürokratisches Ungetüm, das den Zusammenhalt kaum fördert und die EU in der Krise keineswegs handlungsfähig macht.

ZEIT ONLINE : Eine neuerliche Verfassungsdebatte wäre also aussichtslos?

Schmitz : Sie wäre wünschenswert, ist aber wenig wahrscheinlich. Die Herausforderungen wären hoch: Es muss eine kurzfristige Lösung geben, denn so wie bisher geht es nicht weiter. Man müsste dabei auch über eine völlig neue supranationale Europäische Union nachdenken, mit vielleicht weniger Mitgliedstaaten, aber handlungsfähiger und geschlossener als die jetzige. Aber auch das könnte nur eine Übergangslösung sein. Sie könnte allerdings den notwendigen zeitlichen Freiraum verschaffen für einen geordneten Übergang zu einem europäischen Bundesstaat.

ZEIT ONLINE : Haben wir noch soviel Zeit, um in Ruhe über all diese Fragen nachzudenken?

Schmitz : Selbst der Übergang zu einem europäischen Bundesstaat könnte recht schnell kommen, wenn sich die Krise zuspitzt, die Wirtschaft abzustürzen droht und dann auch noch die Verfassungsgerichte einiger Mitgliedstaaten die Grenzen dessen, was an supranationaler Integration mit den gegenwärtigen Staatsverfassungen machbar ist, erreicht sehen. Das könnte eine grundsätzliche Neuaufstellung Europas erzwingen.

ZEIT ONLINE : Wie lange bräuchte man, um eine europäische Verfassung zu erarbeiten?

Schmitz : Um eine Verfassung für einen europäischen Bundesstaat gründlich vorzubereiten, bräuchte man mehr Zeit, als vorhanden ist. Eine Übergangsverfassung für eine neue supranationale EU könnte man dagegen schnell beschließen. Manche Teile, zum Beispiel den Grundrechtskatalog, könnte man aus dem Verfassungsvertrag von 2004 übernehmen.

ZEIT ONLINE : Müsste das Endziel ein europäischer Bundesstaat sein? Oder gäbe es auch etwas darunter – irgendwo zwischen dem jetzigen Staatenbund und einer Föderation?

Schmitz : Eine Lösung dazwischen haben wir schon. Und diese ist bereits deutlich mehr als ein lockerer Staatenverbund und sehr staatsähnlich. Die EU ist schon jetzt in mancher Hinsicht zentralisierter als manche Bundesstaaten wie etwa die USA . Der Übergang zu einem europäischen Bundesstaat wird sich eines Tages auch empfehlen, um beständigere Strukturen zu schaffen und eine weitere Zentralisierung zu verhindern.

ZEIT ONLINE : Welche Länder würden sich denn Ihrer Einschätzung nach an einem solchen kerneuropäischen Bundesstaat beteiligen?

Schmitz : Vor allem die EG-Gründerstaaten, also Deutschland, Frankreich , Italien und die Benelux-Staaten. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sich Österreich , Polen , Slowenien , Spanien , Portugal und eventuell sogar die Schweiz beteiligen würden, wenn es um eine ernsthafte Perspektive einer gemeinsamen europäischen Zukunft auf der Grundlage unserer gemeinsamen Werte und der uns verbindenden europäischen Kultur geht. Andere Staaten könnten sich später anschließen. Entscheidend ist im Übrigen nicht die jeweilige gegenwärtige Wirtschaftslage, sondern die Zuverlässigkeit und Integrationsbereitschaft der beteiligten Länder.