Wolfgang Thierse"Angela Merkel ist eine 150-prozentige Pragmatikerin"

Wolfgang Thierse verlässt nach 23 Jahren den Bundestag. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über Angela Merkel, die Euro-Krise und sein Verhältnis zur Linkspartei. von Gerd Appenzeller und Matthias Meisner

Frage:  Herr Thierse , in den 90er Jahren hat man Sie einen "Ossi-Bär" genannt. Hat Sie das getroffen?

Wolfgang Thierse: Gegenstand von Karikaturen zu werden, ist für einen Politiker nicht das Übelste. Es zeigt, dass man bekannt ist. Es gab sogar das Buch „Die Roten Strolche“, wo ich als „Ossi-Bär“ immer etwas Süßes abfassen wollte. Das war halt meine Rolle: Ich musste innerhalb der SPD Sprachrohr und Agent für den schwächeren ostdeutschen Teil sein. Das war nicht immer nur angenehm.

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Frage: Wann war es besonders unangenehm?

Thierse: Ganz am Anfang, 1990. Meine erste Begegnung mit Gerhard Schröder werde ich nie vergessen. Sofort hatte ich das Gefühl: Ich störe. Wir Ostdeutschen haben seine politische Tagesordnung verdorben. Und ich war die Personifikation dieses Vorgangs. Der politische Westen hatte sich den Fortgang der Geschichte 1990 einfach anders vorgestellt. Alles lief darauf hinaus, Helmut Kohl abzulösen. Und dann kamen wir und haben alles über den Haufen geworfen.

Frage: Ist Ihr Bart ein Bekenntnis zur Vergangenheit als DDR-Bürgerrechtler?

Thierse: Ich will meinen Bart nicht ideologisch aufladen. Ich trage ihn seit 1967. Ich wollte nie so aussehen wie die Funktionärstypen, früher und auch jetzt noch.

Frage: Mit Ihnen verlässt 2013 der letzte namhafte Bürgerrechtler den Bundestag . Sind 23 Jahre nach der Wiedervereinigung die Ostdeutschen in der SPD untergegangen?

Thierse: Die SPD muss darauf achten, dass das nicht geschieht. Ich finde es wichtig, dass ostdeutsche Prägungen in Bundestag und Partei nicht gänzlich verschwinden.

Frage: Was kennzeichnet eine ostdeutsche Prägung?

Thierse: Die Erfahrungen von Diktatur, Unfreiheit, Mangelwirtschaft. Und die Erfahrung eines phantastischen Beginns 1989, die Selbstbefreiung. Bis heute bestimmt mich das innerlich. Ich bin sehr empfindlich gegenüber Allmachtsallüren des Staates, wie ich sie aus der DDR erinnere, die sich ja nicht zuletzt auch als weltanschauliche Erziehungsdiktatur versucht hat.

Frage: Nennen Sie uns doch bitte ein Beispiel.

Thierse: Mir fällt die Debatte über die Beschneidung ein. Ich bin kein Anhänger der Beschneidung. Aber: Hat der Staat darüber zu befinden, was zum Kern einer Religion gehört und was nicht? Und: Hat das Kindeswohl nur eine medizinische, also eine materielle Dimension?

Leserkommentare
  1. "Thierse: Das weiß noch keiner. Ich wünsche mir nicht, dass Griechenland die Euro-Zone verlässt. Das wäre ein Schritt, dessen Auswirkungen wir uns alle nicht vorstellen können. Deshalb sollten wir den Verbleib Athens in der Euro-Zone mit aller Kraft verteidigen."
    (tina= there is no alternative)

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    • Nibbla
    • 02. September 2012 15:58 Uhr

    ... sondern das die Folgen so chaotisch und unberechenbar sind und drum zu vermeiden sind.
    (darüber kann man auch diskutieren, aber das ist nicht "alternativlos")

  2. 2. Stolz?

    "Aber ein Sozialdemokrat kann nicht Stellvertreter eines Ministerpräsidenten der Linkspartei werden, nicht in Thüringen und auch nicht anderswo. Das hat auch etwas mit dem Stolz einer großen alten Partei zu tun."

    Persönlicher Stolz wird also über den Willen des Volkes gestellt. Damit ist alles gesagt, was es über die SPD der 2000er Jahre zu sagen gibt.

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    • PolyXB
    • 02. September 2012 14:48 Uhr

    Wieso es gegen den "Willen des Volkes" ist, wenn die SPD mit der CDU koaliert. Ist die CDU nicht auch vom gleichen Volk gewählt?

    Mit Stolz meint Herr Thierse wohl, dass die SPD sich nicht so einfach zum Steigbügelhalter der Erben der Mauerbaupartei machen lässt.

    dann ist es, wenn die SPD vor der Wahl eine Linksregierung unter LINKE-Führung abgelehnt hat, nicht Volkes Wille, dass eine rot-rote Regierung gebildet wird.
    Wenn das Volk aus welchen Gründen auch immer eine Große Koalition herbeiwählt (mir persönlich passt das auch nicht; ich wäre für eine ganz andere politische Konstellation), dann ist das Volkes Wille. Ob ein Wahlergebnis bestimmte Konstellationen theoretisch möglich werden lässt, ist dabei völlig egal.

    • ludna
    • 03. September 2012 10:19 Uhr

    1918 so.

    • lonetal
    • 03. September 2012 11:57 Uhr

    Sie schreiben: "Persönlicher Stolz wird also über den Willen des Volkes gestellt."

    1. Der berühmte Willen des Volkes: Wenn das Ergebnis mehrere Koalitonen ermöglicht, ist der Wille des Volkes eben nicht so eindeutig, wie es es hier darzustellen versuchen.

    2. Der Stolz der SPD, von dem Thierse zu Recht spricht, ist kein persönlicher, sondern ein politischer und historischer. Ein paar Stichworte:

    - die SPD ist die älteste und die einzig durchgehende dem. Partei Deutschlands. Sie stritt schon für die Demokratie, als die einen noch den Hofknicks übten und die anderen eine Sowjetrepublik einrichten wollten;Ausrufung der Weimarer Republik samt Verfassung; Frauenwahlrecht; Anerkennung der Gewerkschaften, Arbeitslosenversicherung, Grundschule als Gesamtschule; Grundrechte der Jugend auf Schutz; Fürsorge und Bildung, Einrichtung von Arbeitsämtern;als einzige Partei Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes mit der großartigen Rede von Otto Wels.(http://www.dhm.de/lemo/ht...); Mitbestimmung, Herabsetzung des Volljährigskeitsalters auf 18, Ostpolitik ...

    Während all dieser Jahre einer hemmungslosen Hetze von seiten der LINKEN (KPD, SED) ausgesetzt. Und was hat die dagegen aufzubieten?

    - Lenin, Stalin, Mao, Ulbricht, Mielke, Honecker, Bautzen, Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl, Niederschlagung des Prager Frühlings ... und dann kommen die immer noch mit Noske.

  3. "Persönlicher Stolz wird also über den Willen des Volkes gestellt. Damit ist alles gesagt, was es über die SPD der 2000er Jahre zu sagen gibt."
    -------------------
    Warum nur tut jeder so überrascht? Bei jedem neuen Beweis dieser These wird es wieder und wieder verwunderte Blicke geben. Warum nur?

  4. Herr Thierse sieht seine Partei als rosafarbenes Bonbon mit großer roter Schleife dran. Kaum Selbstkritik, was von ihm auch nicht zu erwarten war.

    Putzig ist geradezu seine Einlassung zum Stolz der sPD. Kein Sozi kann unter den Linken Zweiter sein!
    Tja, Stolz muss man sich leisten können. Wenn die Stimmen nicht für den MP reichen, und das werden sie auf absehbare Zeit nicht mehr, dann bleibt halt nur noch Trotz. Ein stolzer Sozi muß so, falls nötig, auch mit der FDP koalieren. Was interessieren da Programme, Inhalte und Wählerwillen?

    23 Jahre sind noch nicht so lange her und 23% bei der letzter BW auch nicht.
    Vielleicht sollten die ihre Schuhsohlen damit bekleben.

  5. Nach 10 Jahren wächst Gras über den neoliberalen Verrat.

    Nichts ist falscher als das: Nach zehn Jahren wird die Absurdität immer deutlicher, man fasst sich nur noch an den Kopf, was damals gelaufen ist.

    Die SPD wird noch einmal kräftig zur Ader gelassen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/mak

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    Hallo Glockenblümchen,

    ich habe die SPD in NRW nicht gewählt. Wäre auch ziemlich kontraproduktiv, wenn man aus der Partei ausgetreten ist.

    Ich stimme Ihnen zu, aber bitte lassen Sie doch unser schönes Land NRW wieder zu Deutschland gehören:-)

    Es gibt schlechtere Ministerpräsidenten als Frau Kraft. Immerhin ist NRW so frech, unbeirrt weiter Steuergangster -Daten zu kaufen.

    Grüße aus einer grünen Zone des Ruhrpotts

    PS.: der von mir in Teilen gepostete Brief des ehemaligen SPD-Mitgliedes Ulrich Maurer ist es Wert, in Gänze gelesen zu werden. Er geht Schröder und Müntefering ziemlich hart an, zu Recht. Ein bisschen dieses kritischen Geistes hätte ich mir auch von Thierse gewünscht.

    Aber alle SPD-Granden scheinen Kritikgeist, Analytik und Selbstreflektion beerdigt zu haben. Augen zu und durch mit dem, mit dem wir uns das eigene Grab geschaufelt haben.

    Hat Thierse nicht auch für den ESM gestimmt? Bin nicht sicher.

    In der Tat ist genau das der Grund, der die Linkspartei und andere Linke von der SPD abgrundtief spaltet:

    Agenda 2010 und Hartz-Gesetze.

    Diese m.E. völlig verantwortungslose Gesetzgebung hat uns gebracht: Sozialabbau, Banken- und Hedgefonds-Deregulierung, Arbeitszwang, staatliche subventionierter Niedriglohnsektor, Lohnrückforderung in der Insolvenz, Inlandsnachfrageschwäche und exorbitanter Außenhandelsüberschuß (und damit letztlich Zerstörung der Euro-Zone), langfristige Zerstörung der gesetzlichen Rentenversicherung.

    Nur wenn die SPD sich von diesem gefährlichen Unsinn distanziert ist sie ein tauglicher Koalitionspartner für eine echte Alternative in der Regierung. Ich fürchte aber, die SPD ist intellektuell nicht in der Lage, das zu erkennen.

  6. "Mehr Ehrlichkeit in Europa",
    und das als "Slogan"?

    Freiheit! Umwelt! Frieden!
    Na fein. So ist sie halt, die SPD.
    Jeder Mensch kann sich mal irren,
    wer sich dauernd irrt,
    der ist sehr wahrscheinlich Sozialdemokrat.

    Trotzdem:
    Viel Glück und eine gute Zeit,
    Herr Thierse.

  7. Thierse hat sich selbstbewußt und tapfer durchgekämpft und leider war er stellenweise nicht immer konsequent.Fehler im Umgang mit den LINKEN räumt er zaghaft ein und verkennt dabei, das viele kluge und demokratisch orientierte Bürger der DDR durch das Verhalten der SPD entäuscht wurden. Sein Wunsch " Mehr Ehrlichkeit in Europa" ist doch eine Illusion. Hier sollte er eher die Forderung für alle politisch Verantwotlichen einklagen: "Mehr Ehrlichkeit gegenüber dem Wähler". Denn auch das Verhalten der SPD enttäuscht sehr viele Menschen in unserem Land.

  8. Außerdem erlebe ich noch immer Ablehnungsfixierung. Die ist ein Teil der Identität der Linkspartei.

    Aber ein Sozialdemokrat kann nicht Stellvertreter eines Ministerpräsidenten der Linkspartei werden, nicht in Thüringen und auch nicht anderswo. Das hat auch etwas mit dem Stolz einer großen alten Partei zu tun.

    Wie passt das zusammen? Ich als Westdeutscher sehe eine Menge Schnittmengen zwischen Sozis und Linken. Zumindest mehr als zwischen Sozis und CDU. Und ich habe auch immer das Gefühl, wen hier einer ein linkes Bündnis bremst, dann die SPD. Und ich möchte auch anmerken, dass die SPD zur Wendezeit eine andere ist als heute.

    Für mich sind die Linken derzeit die einzige sozialdemokratische Partei. Die SPD von heute hat nichtsmehr gemein mit einer von mir hochgeachteten Partei unter W.Brandt. Ich habe auch Lafontaine immer für einen genialen Politiker gehalten. Egal ob bei SPD oder Linken.

    Aber anscheinend sehe ich das pragmatischer als die Parteikader. Die Partei steht wohl vor der Ereichung übergeordneter politischer Ziele.

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    Sie sehen Schnittmengen zwischen sPD und Linken?
    Sie Glücklicher!

    Von wenigen verbalen Zugeständnissen abgesehen, wo sollten die liegen? Das Wählerpotential wird ausschließlich in der Mittelschicht verortet, mit den genau für diese zugeschnittenen Wahlaussagen.

    Pauschalversprechen wie Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit oder Mindestlohn -so wichtig die sind, haben sie nicht vor, am Gesamtkonstrukt zu rütteln.

    Kein Wort über Leiharbeit, Alters- und Kinderarmut, Abfedern der Energiewende, Gesundheitsreformen usw.; existenzell wichtige Belange der Arbeitnehmer und Rentner kommen -wenn überhaupt - nur noch am Rande vor.

    Ob sich irgendein Stein oder Merkel zu Zukunftsfragen der Gesellschaft äußert; die Unterschiede sind marginal. Die maßgeblichen Seeheimer sehen nicht eine Gemeinsamkeit mit den Linken und ihrem eigenen Programm.

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