Frage:  Herr Thierse , in den 90er Jahren hat man Sie einen "Ossi-Bär" genannt. Hat Sie das getroffen?

Wolfgang Thierse: Gegenstand von Karikaturen zu werden, ist für einen Politiker nicht das Übelste. Es zeigt, dass man bekannt ist. Es gab sogar das Buch „Die Roten Strolche“, wo ich als „Ossi-Bär“ immer etwas Süßes abfassen wollte. Das war halt meine Rolle: Ich musste innerhalb der SPD Sprachrohr und Agent für den schwächeren ostdeutschen Teil sein. Das war nicht immer nur angenehm.

Frage: Wann war es besonders unangenehm?

Thierse: Ganz am Anfang, 1990. Meine erste Begegnung mit Gerhard Schröder werde ich nie vergessen. Sofort hatte ich das Gefühl: Ich störe. Wir Ostdeutschen haben seine politische Tagesordnung verdorben. Und ich war die Personifikation dieses Vorgangs. Der politische Westen hatte sich den Fortgang der Geschichte 1990 einfach anders vorgestellt. Alles lief darauf hinaus, Helmut Kohl abzulösen. Und dann kamen wir und haben alles über den Haufen geworfen.

Frage: Ist Ihr Bart ein Bekenntnis zur Vergangenheit als DDR-Bürgerrechtler?

Thierse: Ich will meinen Bart nicht ideologisch aufladen. Ich trage ihn seit 1967. Ich wollte nie so aussehen wie die Funktionärstypen, früher und auch jetzt noch.

Frage: Mit Ihnen verlässt 2013 der letzte namhafte Bürgerrechtler den Bundestag . Sind 23 Jahre nach der Wiedervereinigung die Ostdeutschen in der SPD untergegangen?

Thierse: Die SPD muss darauf achten, dass das nicht geschieht. Ich finde es wichtig, dass ostdeutsche Prägungen in Bundestag und Partei nicht gänzlich verschwinden.

Frage: Was kennzeichnet eine ostdeutsche Prägung?

Thierse: Die Erfahrungen von Diktatur, Unfreiheit, Mangelwirtschaft. Und die Erfahrung eines phantastischen Beginns 1989, die Selbstbefreiung. Bis heute bestimmt mich das innerlich. Ich bin sehr empfindlich gegenüber Allmachtsallüren des Staates, wie ich sie aus der DDR erinnere, die sich ja nicht zuletzt auch als weltanschauliche Erziehungsdiktatur versucht hat.

Frage: Nennen Sie uns doch bitte ein Beispiel.

Thierse: Mir fällt die Debatte über die Beschneidung ein. Ich bin kein Anhänger der Beschneidung. Aber: Hat der Staat darüber zu befinden, was zum Kern einer Religion gehört und was nicht? Und: Hat das Kindeswohl nur eine medizinische, also eine materielle Dimension?