Angriff auf BotschaftenDas ist nicht die arabische Revolution

Die Demonstranten vor den US-Botschaften sind nicht die gleichen wie während der Revolution auf dem Tahrir-Platz. In den arabischen Staaten fehlt noch die Balance. von Andrea Nüsse

Demonstranten am Tahrir-Platz in Kairo

Demonstranten am Tahrir-Platz in Kairo  |  © Amr Abdallah Dalsh/Reuters

Es scheint, als hätte es den Arabischen Frühling nie gegeben. Die friedlichen Revolutionen in Tunesien und Ägypten hatten die Welt begeistert und das Image der Araber und Muslime fast über Nacht verwandelt. Diese jungen Demonstranten, diese Blogger, diese Familien, die für Würde und Freiheit demonstrierten, waren doch eigentlich wie wir.

Und nun das: Bilder eines wilden, religiös aufgestachelten Mobs, der amerikanische Botschaften anzündet . Ist und bleibt der Araber eben doch irrational, dem Westen feindlich gesinnt und gewalttätig?

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Die militante Gruppe, die die US-Botschaft in Bengasi angegriffen hat, war alles andere als irrational. Komplex und professionell – so wird der Angriff beschrieben. Das war kein Werk erregter Muslime, sondern die Tat von Terroristen.

Dafür spricht auch, dass der Überfall am Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 geschah. Dass dabei ausgerechnet ein US-Diplomat getötet wurde, der die libysche Revolution von Anfang an begleitet und unterstützt hatte, ist besonders tragisch. Das darf aber nicht zu falschen Schlüssen führen. Die Libyer gehören wohl zu den Amerika-freundlichsten Bevölkerungen der arabischen Welt – aber staatliche Strukturen gibt es kaum und militante Islamistengruppen treiben ihr Unwesen.

Das sind nicht die Menschen vom Tahrir-Platz

In Kairo und Sanaa ist es eher der Mob, der die Botschaften stürmt. Das sind nicht die Menschen, welche die Revolution auf dem Tahrir-Platz herbeigeführt haben, sondern andere Schichten der 80 Millionen starken ägyptischen Bevölkerung. Im Westen ist kaum vorstellbar, wie unwissend ein großer Teil der Ägypter ist.

Für uns ist es völlig unverständlich, dass diese einfachen Menschen glauben, jede Regierung auf der Welt könne einen Film oder eine Karikatur einfach verbieten , wenn sie es nur wolle. Aber in Ägypten war und ist das so.

Selbst nach der Revolution gibt es einen Informationsminister, einen Muslimbruder, der gerade 50 neue Chefredakteure bei staatlichen Medien eingesetzt hat. Der liberale ägyptische Intellektuelle Hani Shukralla beschreibt eindrücklich, wie er seinen Kontakten auf Facebook und Twitter zu erklären versucht, dass die Meinungsfreiheit den Vätern der US-Verfassung noch heiliger war als die Religionsausübung.

Vergeblich. Die Unabhängigkeit von Medien werden die Menschen bei der Transformation ihres politischen Systems in den kommenden Jahren hoffentlich kennenlernen. Ebenso wird das Bildungsniveau, wenn es gut geht, ansteigen – beides Bereiche, die der Westen weiter tatkräftig unterstützen sollte.

Leserkommentare
    • Catalpa
    • 14. September 2012 8:27 Uhr

    Ich hoffe nicht, dass wir zu Balance-Bringern werden.

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    Wenn nicht wir, wer dann?

    • vonDü
    • 14. September 2012 12:39 Uhr

    Wo soll sie auch so schnell herkommen. Balance im Orient war bisher immer eine verordnete Balance in verordneten Grenzen, aber nie das Ergebnis einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

    Die hat gerade erst begonnen und wird noch einige Erschütterungen produzieren, bis eine neue Balance gefunden ist. Jetzt schon ein endgültiges Urteil über den arabischen Frühling abzugeben, ist ein paar Jahre zu früh.
    Können wir diese Geduld nicht aufbringen, dann sollten wir auf aktive Eingriffe besser verzichten.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  2. Dieser doch sehr ausgewogene und differenzierende Artikel von Frau Nüsse sollte all der Häme mancher Kommentatoren, die in den letzten Tagen über solch vermeintlich "barbarische islamische Kultur" zu lesen war hoffentlich den Garaus machen!
    Danke dafür.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Cando
    • 14. September 2012 11:08 Uhr

    ist doch, dass die Redaktion der ZEIT immer noch zu glauben scheint, dass es sich bei dem "arabischen Frühling" um eine homogene Masse von Menschen handelt.

    Dem ist nicht so! Die religiösen Fanatiker haben Seite an Seite mit der jugendlichen Turnschuh- und Facebookgeneration gekämpft. Teilweise sind sogar die Grenzen zwischen diesen beiden Gruppen fließend. Und genau letzteres ist auch der Anlass, warum Kommentatoren, zu denen ich mich auch zähle, dem "arabischen Frühling" mit Häme begegnen.

    Die Wahlen in Ägypten haben es bereits bewiesen: Den islamischen Fundamentalisten sind nun weit stärker repräsentiert, als es unter Mubarak möglich war.

  3. sich wie ein Schaben an der Oberfläche mit einem ungeeigneten Werkzeug.
    In einer Zeitschrift, bei der der Rezeptionsumfang der potentiellen Leserschaft als allgemein hoch angenommen werden kann, sind solche Allgemeinplätze vollkommen ungeeignet.
    Z.B. die Ausführungen darüber, wie 'die arabische Welt', 'der arabische Mensch' während und nach dem 'arabischen Frühling' wahrgenommen sein würde. Gerade die Leserkommentare in ihrem sehr schönen Online-Medium müsste ihnen doch nahebringen, dass der Blick sehr viel differenzierter ausfällt. Warum wird dies nicht mit entsprechend qualitativen Artikeln honoriert?
    Woher wird gewusst, wer alles auf dem ThahirPlatz war und wer jetzt nicht dabei ist? Ich würde hypothetisch zwar auch davon ausgehen - doch Interessen, das wissen wir doch auch, überschneiden sich, sogar auf irrationale Weise und das nicht nur im arabischen Raum. Übrigens 'irrational' - ist das der Diskriminierungsduktus? - Sobald es nicht um 'Freiheit und Demokratie' geht, seien alle Demonstrationen von Meinungen irrational? Oder anders ausgedrückt - bewirken 'Freiheit und Demokratie' nicht solche starken Gefühle, Erregungen, dass sie fade wirkten?
    Alles kann durch nichts gerechtfertigt werden, außer natürlich die bombigen Friedensmissionen.

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Ausgewogenheit"
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    • Ivold
    • 14. September 2012 9:18 Uhr

    Ihre Verallgemeinerungen sind von vorgestern...

    Der Islam ist kein lebendes Monster, das von sich auch etwas tun kann. Das Christentum kennt Holocaust-Leugner, Homophobie, Frauenverachtung etc., ohne mal weit zurueckzugehen. In Deutschland war es vor relativ kurzer Zeit noch legal, wenn ein Mann seine Frau innerhalb der Ehe vergewaltigt, um mal auf die kulturelle Ebene zu gehen.

    Die Frage ist welche Religionsauslegung lebende Muslime (!) unter welchen Bedingungen annehmen...

    Nein - was da passiert, hat nichts mit dem Islam an sich zu tun, es hat etwas mit einer politischen Ideologie zu tun, die sich das Mäntelchen der Religion umgehängt hat.

    Fundamentalistische Strömungen gibt es auch in anderen "Religionen" - und glauben Sie mir, die sind genauso barabarisch und gefährlich.

    Aber: wir dürfen nicht vergessen, dass auf dem Islam beruhende Gesellschaften Schamgesellschaften sind, in denen es nichts zu gewinnen, dafür aber sehr viel zu verlieren gibt. Und sei es der Zugang zum Paradies nach dem Tod.

    nach deiner Logik (1.600 Millionen Menschen über einen Kamm zu scheren weil ein paar tausend Fanatiker ohne nachvollziehbaren Grund gewalttätig werden) sind ich (als deutscher Christ) und evtl. auch du

    - Nazis (da es bei uns ja regelmäßig Demos der rechten gibt, Nazis ausl. Kleinunternehmeer hinrichten u der Staat die Aufklärung verhindert)

    - Holocaust Leugner (wie die Piusbrüder, oder Anhänger der Piratenpartei http://bit.ly/PoI9uZ)

    - Hooligans (die regelmäßig Spielfelder erstürmen, Pyrotechnik abbrennen und Spieler bedrohen)

    - gegen die Benutzung von Kondomen, gegen Schwule, gegen Abtreibung nach Vergewaltigungen

    Jemand der als einzige Informationen über Deutschland Zugang zu Online Artikeln über diese Themen hat, könnte das u.U.denken. Wer könnte das so einer Person verdenken, insb wenn es sich um jmd. handet der noch nie ein europäisches Land besucht hat (oder max für 2 Wochen im Strand Hotel auf einer der Nordsee Inseln).

    Merkste selber, ne !?

    • thbode
    • 14. September 2012 8:33 Uhr

    Die USA mit ihrer militärischen und politischen Präsenz im muslimischen Kulturkreis sind der Hauptgrund für diese Probleme. Nur eine Rückzug wäre etwas was der "Westen" effektiv zur Entspannung beitrage könnte. Denn diese Kultur der "Ehre", die Bereitschaft diese mit Gewalt zu verteidigen und rückwärts gewandte, religiöse Mentalität werden noch mindestens 100 Jahre die muslimischen Länder beeinflussen. Zu glauben "wir" könnten "denen" beibringen wie es richtig geht, ist natürlich auch gefährlicher Unsinn. Ausser fairen Wirtschafts- und Kultur-Kontakten sollte der Westen sich auf Abstand zu diesen Ländern und Leuten halten. Die werden sich schon selbst reformieren, vor allem die Frauen könnten dafür sorgen. Abstand ist das Beste.
    Vor allem Amis raus aus Saudi-Arabien. Aber da bekommen die Benzin-Junkies halt ihren Sprit her. Das sieht man wie wichtig Energiepolitik ist, nicht nur für die Umwelt.

  5. viele politiker und medienvetreter "erzählten" monatelang etwas anderes als das was jetzt passiert.
    natürlich ist das erst der anfang-dafür gibt es einfach in dem mittelmeergürtel zuviele junge männer, die einfach keine chance in ihrer gemeinschaft haben und ein ventil brauchen.

    • Tapion
    • 14. September 2012 8:41 Uhr

    Arabischer Frühling war damals schon nichts weiter als eine "schöne Bezeichnung". Sie beschrieb für mich eine gefühlte Destabilisierung ganzer Länder in Politik und Religion.

    Nach den "gemäßigten" Familienclans in seltsamen Uniformen, gibt es seit dem "arabischen Frühling, für alle offensichtlich, negative islamistische Strömungen in den noch jungen Regierungen, welche sogar die Übergriffe auf Anhänger anderer Religionen zulassen.

    Jetzt kann man also auch direkt sehen, was der arabische Frühling eigentlich gebracht hat. Staaten, welche ihre Bevölkerung in keinster Weise unter Kontrolle haben. Staaten, in denen der Einfluss religiöser Fanatiker größer ist, als die der Legislative, Judikative und Exekutive zusammen.

    Vielleicht ist dies auch der Grund, warum in Syrien keine größeren Anstrengungen eingeleitet werden, um der Bevölkerung dort zur Seite zu stehen. Vielleicht ist dies auch der Grund der Waffenlieferung an arabische Staaten, um dort den "Status Quo" zu aufrecht zu erhalten, um eine weitere Destabilisierung zu verhindern. (Klingt nach Verschwörungstheorie O.o)

    An sich kann und muss man sich für die Menschheit in ihrem momentanen Zustand nur schämen.

    Das als leicht zynischer Morgenkommentar meinerseits.

    P.S.
    Tja, woher sollen Ägypter denn Wissen, dass Amerika die Meinungsfreiheit so Wert schätzt. Woher sollen die Menschen in Amerika denn Wissen, dass für Muslime ihre Religion sehr viel bedeutet. Aber muss man sich deswegen gleich die Köpfe einschlagen?

    MFG

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