Igor Setschin , Vorstandschef des staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft, hat die Übernahme des Erzrivalen TNK-BP in den höchsten Tönen gelobt: Bis zu fünf Milliarden "Greenbacks", also Dollar, spüle allein der Synergieeffekt in die Kassen, sagte er.

Rosneft kauft nicht nur jene 50 Prozent, die BP an dem russisch-britischen Gemeinschaftsunternehmen hält, sondern auch den Rest, den regimetreue Oligarchen des Alfa-Konzerns kontrollieren.

Rosneft steigt zum weltweit größten börsennotierten Ölförderer auf und wird damit mächtiger als der ebenfalls staatsnahe Gazprom-Konzern, aus dessen Erlösen sich der russische Haushalt zu einem Viertel finanziert.

Masse bedeutet jedoch nicht zwingend Klasse und ob die neue Größe sich wohltuend auf die Effizienz auswirkt, halten kritische Beobachter für so sicher nicht. Zumal auf der Kommandobrücke des neuen Riesen ein Mann steht, der umstritten ist: Igor Setschin, 52, mit dem Präsident Wladimir Putin seit gemeinsamen KGB-Tagen persönlich befreundet ist. Dieser Freundschaft und seinem Talent für Intrigen verdankt der einstige Portugiesisch-Dolmetscher seinen kometenhaften Aufstieg.

Die graue Eminenz

Als Putin Anfang 2000 in den Kreml eintrat, machte er Setschin zu seinem Büroleiter. Setschin entschied, welche Papiere seinem Chef vorgelegt wurden und wer ihn zu Gesicht bekam.

Wenn Putin vertraut, dann grenzenlos. 2004 wurde Setschin oberster Controller bei Rosneft. Er gilt als graue Eminenz bei der Zerschlagung und Quasi-Verstaatlichung von Jukos, womit Putin sich dafür rächte, dass Michail Chodorkowski die Opposition unterstützt hatte.

Während seines Gastspiels im Kreml untersagte Dmitri Medwedew Spitzenpolitikern, ihr Amt mit Positionen in den Aufsichtsräten von Staatskonzernen zu verquicken. Professionelle Manager seien effizienter, so die offizielle Begründung. In der Gerüchteküche hieß es, Medwedew sei es dabei allein um Setschins Entmachtung gegangen, um Putin eine dritte Kandidatur zu vermasseln.

Sollte das der Plan gewesen sein, war er vergeblich. Als Regierungschef musste Medwedew den Erlass unterschreiben, mit dem Putin Setschin gleich nach der Rückkehr in den Kreml im Mai 2012 erneut zum Rosneft-Chef machte. Jetzt sehen Beobachter in Setschin das größte Hindernis für die geplante Teilprivatisierung von Rosneft. Ein Tschekist, heißt es, bleibe immer, auch außer Dienst, ein Tschekist.

Erschienen im Tagesspiegel