Film "Der Turm" : Die Karriere aufgeben – oder die Freunde verraten?

"Der Turm" zeigt, was ernst gemeintes Fernsehen leisten kann: Das DDR-Familiendrama hat die Zerrissenheit und Sprachlosigkeit der Menschen erfahrbar gemacht
Meno Rohde (Götz Schubert), Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers) und Sohn Christian (Sebastian Urzendowsky) v.l. in dem Film "Der Turm" © teamWorx/Nik Konietzny/MDR/ARD

Und am Ende ist der Himmel nicht mehr geteilt. Vögel fliegen in eine Zukunft, die das Offene verspricht, sie lassen eine Vergangenheit zurück, die in sich abgeriegelt war, beschränkt und deshalb kalt, beengt und deshalb auch warm. Die Gedanken des Zuschauers aber, unsere, meine, fliegen zurück in die gemeinsam geteilte Vergangenheit, die sich in die deutsche Gegenwart (die zuweilen noch deutsch-deutsch ist) eingraviert hat; in die gelebten Leben. Gefühle fühlen sich zu Hause, wo Heimat ist, in mir, in dir.

Das DDR-Familiendrama Der Turm hat zwei Abende lang Millionen Fernsehzuschauer bewegt und Millionen Gedanken zum Fliegen gebracht. Was habe ich erlebt in der DDR, wie habe ich gelebt mit inneren und äußeren Grenzen (auch als Westdeutscher, als Berliner sowieso)? Was antworte ich, wie verhalte ich mich, wenn mich jemand auffordert: Sag mir, wo du stehst! 17 Millionen Menschen sind irgendwann einmal mit der Frage konfrontiert worden: Dafür oder dagegen? Verrat an Freunden oder der eigenen Karriere? Die Ostdeutschen haben 17 Millionen individuelle Antworten gefunden. Nicht alle Wege waren richtig, nicht alle falsch. Die meisten waren beides gleichzeitig, wie so oft im Leben.

Der Gewinn des Films für das doppelte Land, das mal zwei halbe war, ist das Doppeldeutige, Tiefschichtige. So wie die Hauptfigur Richard Hoffmann, gespielt von Jan Josef Liefers, ein Doppelleben führte, das ihn über seine Lieben hinausträgt in die eigene Leere, so führten viele Ostdeutsche eine doppelte Sprache im Mund, die sie noch heute manchmal über das Reden hinausträgt und sie schweigen lässt über sich. Dieses nicht beachtete, weil stille Erbe der deutschen Einheit hat der Film erfahrbar gemacht wie keiner vor ihm. Im halben Deutschland war nicht nur Dachpappe knapp.

In guten Filmen kann man sich selbst sehen. Good Bye Lenin und Das Leben der Anderen waren Welterfolge, der eine zum Lachen, der andere zum Heulen. Der Turm ist ein Erfolg nach innen – weil er genau ist und von der inneren Zensur verschlungene Sätze mit zerwühlten Gefühlen vollendet. "Das macht mir nix", sagt der von den eigenen Kameraden verprügelte Soldat – und weint. "Gegen die Macht kannst du nicht gewinnen, nie", sagt der junge Christian – und überwindet sich zum ersten Kuss, verwindet sich dabei. Der Turm zeigt, was ernst gemeintes Fernsehen leisten kann, was man Zuschauern an Facettenreichtum ruhig zutrauen darf. Damit wächst die filmische Aufbereitung trotz ihres hastigen zweiten Teils über die literarische Vorlage hinaus.

Wo Uwe Tellkamps Roman schwergängig in Erinnerungen tropfsteinhöhlte (ganz anders übrigens als Eugen Ruges Familiensaga In Zeiten des abnehmenden Lichts ), zeigt der ARD-Zweiteiler beiläufig und behände, wie sich das eigene Leben mit dem verordneten Dasein verschränkt. Dass die Hauptdarstellerin Claudia Michelsen wie ihr Filmpartner Liefers selbst in Dresden aufgewachsen ist, macht es ihr, uns, mir einfacher, authentisch und ehrlich zu sich zu sein.

"Ich hätte den Befehl ausgeführt, die Demonstranten auseinanderzujagen", hat der frühere Dresdner Volkspolizist Detlef Pappermann kürzlich im Tagesspiegel erzählt, als er sich an den dramatischen Herbst 1989 erinnerte. Im Film Der Turm stehen sich am Ende Mutter und Sohn gegenüber, er mit Schlagstock, sie mit Kerze. Zwei Seiten, eine Familie – richtig oder falsch oder beides? Die Antwort liegt in uns.

Und jetzt erzähl du mal.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Und was hat dieses Geschreibsel

mit dem Artikel zu tun? Wurden da etwa unangenehme Erinnerungen wach?

Allergrößtes Kino zwar nicht - und sicherlich selektiv, was die Hauptakteure angeht -, aber nachvollziehbar dargestellt: Anpassung oder Untergang in einem System, das nichts vergibt und den Opfern auch noch einredet, sie seien selbst Schuld an der Misere (man vergleiche die die Aussagen zur schlechten Wirtschaftslage in der DDR der 50er, als von Staatsseite aus gesagt wird, das sei ein Problem der schlechten Arbeitsleistung der Werktätigen).

Vor allem: selbstverständlich (ehe jetzt wieder die Relativierungen kommen) auch von der Tendenz her auch in diesem unseren Staate immer noch ausgesprochen aktuell: wie sehr verbiegt man sich, um weiterzukommen? Wie oft sagt man nichts, verteidigt nicht und mach mit, indem man "nur ruhig" bleibt?

verwechselbar

Ich habe es nicht durchgehalten. Auch nicht beim zweiten Teil.

Was vorgeführt wurde, war das Verhalten von saturierten Spießern, die es so überall auf der Welt gibt. Das ständige Arrangieren mit der Macht ist kein Phänomen einzig im Sozialismus. Nur, dass dort die Macht zentralistisch war, man immer auf denselben traf und damit bei nachträglicher Kritik immer richtig lag - so einfach und übersichtlich ist das heute nicht mehr mit Macht und Ohnmacht. Und trotzdem allgegenwärtig. Auch heute noch geht das richtige Parteibuch vor Kompetenz - jedenfalls im öffentlichen Dienst. Das einzige, was mich an die DDR erinnerte, war die Ausstattung. Stasi und Armee wirkten als Krücken - man spürt die Absicht und man ist verstimmt.

Nach reichlich der Hälfte der Teile war bei mir jedesmal der Geduldsfaden gerissen. Ich hoffe für Tellkamp, dass sein Buch substantieller ist als der Film.