Vietnam : Letzte Hoffnung Auswandern

Viele Vietnamesen wollen ihr Land verlassen, schreibt Leser Volker Breck*, der in Vietnam Familie hat. Die Löhne sinken, Bildung ist teuer und es drohen Ernteausfälle.

In den vergangenen Jahren gab es in Vietnam einen Wirtschaftsboom – die Saigoner Geschäftsleute und die politischen Kader verdienten viel Geld. Sie investierten es eifrig in Immobilien, Autos und Luxusartikel; Importeure und die heimische Produktion haben profitiert.

Nun aber ist die goldene Ära vorbei. Sowohl die Wirtschaftskrise im Westen als auch die Dominanz Chinas bedrängen die Entwicklung vieler Länder Südostasiens. Vietnam streitet mit dem großen Nachbarn China um einige Inselgruppen, wie die Spratly- und Paracel-Inseln, weil in deren Umgebung Erdöl vermutet wird. Erdölimporte werden immer teurer, gleichzeitig nimmt der krisengeplagte Westen weniger Waren ab und die Landesverteidigung bekommt immer höhere Priorität.

Das hat in Vietnam innenpolitische Folgen: Innerhalb der Kommunistischen Partei Vietnams wird um die Macht gerungen, die Bevölkerung leidet unter Versorgungsmängeln. Der Staat kürzt, wo er kann – die Gehälter von Lehrern sinken und die Schulgebühren überfordern die Landbevölkerung. Hinzukommt, dass Investitionen ausblieben. Besonders betrifft das die Bewässerungssysteme der Reisfelder im Norden und der Mitte Vietnams. Dort ging man davon aus, dass die Industrie den Reisanbau dort bald verdrängen würde. Das ist aber nicht der Fall.

Nun steuert das Land auf eine doppelte Katastrophe zu. Erstens gibt es seit der Politik der Öffnung, Doi Moi genannt, Studien- und Schulgebühren. Da der Regierung Geld fehlt, steigen diese Gebühren. Zugleich sinken die Löhne: die staatlichen aufgrund des Sparprogramms, die in den Fabriken wegen der Absatzprobleme.

Seit Mitte 2012 kostet der Besuch einer Grundschule 10 Millionen Dong pro Halbjahr (rund 370 Euro). Der Lohn eines Arbeiters in einer Schuhfabrik wurde auf etwa 2 Millionen Dong im Monat gekürzt. Seither gehen immer weniger Kinder zur Schule, denn Arbeiter und Bauern können sich das Schulgeld nicht mehr leisten. Analphabetismus nimmt zu.

Zweitens zerstört die Vernachlässigung der Bewässerungssysteme einen Teil der jungen Reispflanzen. Im Jahr 2013 muss die Bevölkerung Vietnams mit einem deutlichen Ernteeinbruch rechnen. In Nord- und Mittelvietnam könnte es sogar zu Hungersnöten kommen.

Es gibt zahlreiche Kritiker des Systems wie Paulus Le Son, To Phong Tan oder Le Quoc Quan. Viele von ihnen sitzen allerdings im Gefängnis oder müssen mit Überfällen von Unbekannten rechnen. In der jüngeren Generation macht sich Fatalismus breit. Wer kann, versucht ins Ausland zu kommen.

*Der Artikel wurde unter einem Pseudonym veröffentlicht. Der volle Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

das die wirtschaftlichen

Verhältnisse sich rasant in Asien ndern ist wohl der Grund dafür.

Wohin soll denn ausgewandert werden, nach China?

Wir kennen persönich viele vietnamesische Familien in Berlin die alle kämpfen müssen als selbständige Kleinunternehmer mit wenig Gewinn und die ihr ganzes Kapital in die Bildung der Kinder investieren damit es denen einmal besser geht.

Noch mehr vietnamesisch stämmige Mitbürger in Berlin, wir hätten nichts dagegen, denn Herzlichkeit, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit und Bildungshunger sind wohl Maxime bei denen wir uns jeweis fast schämen dafür im Gegensatz zu so manch anderen Bewohnern der Stadt.

Nennt man sowas nicht positiven Rassismus?

was sie den Vietnamesen für Tugenden zuschreiben?

Ich möchte Sie nicht brüskieren oder sonstwas, aber es hat immer einen faden Beigeschmack, wenn man sagt, jenes Volk sei so und hat diese positive Eigenschaft, dieses Volk aber sei so.

Zugegeben, in einem bestimmten Kulturkreis herrscht vielleicht eine bestimmte Mentalität vor, aber jeder Mensch ist letztlich ein Individuum und man sollte ihn auch so behandeln/betrachten.

Die Primarschule kostet jetzt ebenfalls Geld?

Das war in den Jahren rund um die Jahrtausendwende (also rund 10 Jahre nach dem wirtschaftlichen Đổi mới, der politische läßt immer noch zu wünschen übrig) nicht der Fall, sie war, von den Kosten für Schuluniform, Hefte, Stifte etc. einmal abgesehen, offiziell kostenlos. Ein Grund, warum Vietnam eine ähnlich hohe Alphabetisierungs-Rate hat(te?) wie Deutschland. Inoffiziell mußten allerdings beim Lehrer bezahlte Nachhilfestunden genommen werden, um gute Noten zu bekommen. Schulgeld kostete Sekundarschule (übersichtlich) und Studium (viel). Lehrer und Professoren, wie alle Beamten in Vietnam, verdienten auch vor 10 Jahren schon erbärmlich wenig Geld, sodaß sehr viele entweder eine zweite Arbeit ausüben oder sich auf irgendeine Weise schmieren lassen mußten, um ein bescheidenes Leben führen zu können.

Es hat Gründe, warum Vietnam auf einem der 10 letzten Plätze des Ranking der Pressefreiheit steht, es wundert mich gar nicht, daß vermehrt Blogger und besonders die, die über Korruption, Miß- und Günstlingswirtschaft berichten, in Vietnam verfolgt und mit drakonischen Gefängnisstrafen belegt werden. Schockierend fand ich die erste Selbstverbrennung seit den 70ern, nämlich die der Mutter von Tạ Phong Tần im Juli des letzten Jahres http://www.bbc.co.uk/news...

An die Kommentatoren 1+2: ist es sonst nicht immer so, daß die Situation im Herkunftsland verbessert werden muß, statt Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen zu müssen?

Vietnamesen

Das ist hier wohl der allgemeine Tenor. Ja - Vietnamesen sind fleißig und suchen nach Bildung. Sie unterscheiden sich so wohltuhend von den Einwanderern aus anderen Ländern - insbesondere aus den islamisch geprägten. Ich kenne aus eigener Anschauung Vietnam sehr gut und habe das Land zehn Mal von Norden nach Süden bereist. Ich bin überzeugt, die schaffen das - auch im eigenen Land!

Es erstaunt mich ja immer wieder,

wie gründlich sich Bewertungen verändern. War vor nicht allzu langer Zeit nicht noch primär von der vietnamesischen Zigarettenmafia zu hören? Von Bandenkriegen, Morden, Brandstiftungen?

Vorbei, vorbei, so lange man die vietnamesischen Boat People (Südvietnamesen, im Westen unter erbrachter Integrationsleistung der Mehrheitsbevölkerung bestens integriert) und die vietnamesischen Ex-DDR-Vertragsarbeiter (Nordvietnamesen, im Osten vor 20 Jahren mit einem Pogrom überaus herzlich aufgenommen) nur gegen DerIslamistunserUnglück in Stellung bringen kann.

Diese Instrumentalisierung finden Deutsch-Vietnamesen übrigens nicht gerade komisch http://www.zeit.de/2010/3...

Würden Flüchtlinge aus dem heutigen Vietnam nicht eigentlich auch mehrheitlich unter Wirtschaftsflüchtlinge fallen? Die genießen ja ansonsten eher das Prädikat 'Einwanderung in unsere Sozialsysteme'.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich halte Armut, Korruption, keine Zukunfts-Perspektive etc. für völlig legitime Fluchtgründe. Ob das in der im Artikel beschriebenen Dramatik der Fall ist, weiß ich nicht.

Aus meiner Sicht auf Vietnam vor +- 10 Jahren: an der Zeit wäre u.a. + nur z.B., daß US-Militär und Monsanto endlich für das dauerhafte Desaster der flächendeckenden Dioxin-Verseuchung Abhilfe + Kompensation leisten (nicht nur in Vietnam, auch in Kambodscha + Laos). Sind alle keine reichen Länder, die zahlreichen Dioxin-Opfer müssen allein von ihren Familien versorgt werden.

Nachsatz: Zur Ankurbelung der Integrationsbereitschaft

der westdeutschen Mehrheitsbevölkerung gegenüber den südvietnamesischen Boat People gab es sehr eindrucksvolle Unterstützung und politische Einflußnahme von Die Zeit http://www.zeit.de/1979/2... http://www.zeit.de/2009/3... Das erinnere ich auch deswegen, weil ich mit genau diesem Artikel von Josef Joffe 1979 begann, Die Zeit regelmäßig zu lesen.

Ob die positive Sicht auf die Deutsch-Vietnamesen auch damit zu tun haben könnte, daß die (West-)Deutschen hier einmal engagiert und erfolgreich ihren Teil zur Integration geleistet haben? Es sich also auch um ein über die Bande gespieltes Eigen-Schulterklopfen handelt?

Es sei von Herzen gegönnt und Vergleichbares auch gegenüber anderen Menschen in Not angestrebt!