KorruptionKleine Schmierereien unter Freunden

Dunkle Gestalten mit Geldkoffern? Quatsch, sagen Experten. Korruption funktioniert ganz anders. Schwer zu schnappen sind die Täter, weil das klassische Opfer fehlt. von Lisa Altmeier

Korruption läuft oft schleichend und über Jahre hinweg ab.

Korruption läuft oft schleichend und über Jahre hinweg ab.  |  © Reuters/Pascal Lauener

Es fängt harmlos an. Oft ist eine Flasche Wein der Einstieg in die Korruption . Eine kleine Aufmerksamkeit ohne Gegenleistung, der Beschenkte denkt sich nichts dabei. "Anfüttern" nennt Frank Winter, Leiter der Neuruppiner Staatsanwaltschaft für Korruption, diese Strategie. Denn auf den Wein folgt eine Essenseinladung, auf die Einladung eine Hotelübernachtung und fast ohne es zu merken, hat die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung sich von einem Geschäftspartner einen zweiwöchigen Segelkurs bezahlen lassen.

Sie fühlt sich durch die vielen Annehmlichkeiten verpflichtet und schiebt ihm einen Auftrag zu. Wer aus einer solchen Korruptionskette wieder aussteigen möchte, hat es schwer. Denn in dem Moment, in dem die Mitarbeiterin die erste größere Wohltat annimmt, hat sie sich schon strafbar gemacht. Der Geschäftspartner kann sie nun damit erpressen. Er droht, sie zu verraten, wenn sie ihn nicht weiterhin bevorzugt. "Wenn Leute an Korruption denken, stellen sie sich oft dunkle Gestalten in schicken Autos mit Geldkoffern vor. So läuft das aber nicht", sagt Winter. Menschen würden vielmehr in die Straftat hineingleiten.

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Bestechungen sind gut geplant

Winter hat den Fall eines bestochenen Abgeordneten ebenso begleitet wie korrupte Bürgermeister und Manager. Seit zehn Jahren gibt es Winters Staatsanwaltschaft. Sie war eine der ersten Spezialstaatsanwaltschaften für Korruption. Dabei steht das Wort "Korruption" nicht einmal im Strafgesetzbuch. Darin gibt es nur Begriffe wie "Bestechung und Bestechlichkeit", "Vorteilsannahme" und "Vorteilsgewährung". Aber die Staatsanwaltschaft Neuruppin hält sich an die Definition von Transparency International : Korruption ist, wenn jemand die ihm anvertraute Macht zum privaten Vorteil missbraucht.

Winter weiß aus seiner jahrelangen Erfahrung, warum es so schwierig ist, Korruption aufzudecken. Hierzulande gibt es kaum spontane Taten: Die Deutschen schmieren keine wildfremden Polizisten bei der Alkoholkontrolle. Die Täter planen Korruption langfristig und gezielt: Wie sichere ich mich ab? Wen muss ich schmieren? Wie kann ich es einfädeln? "Korruption ist Vertrauenssache", sagt Winter. In 90 Prozent der Fälle kennen sich laut Bundeskriminalamt die beiden Täter schon mehrere Jahre. Strukturelle Korruption nennen Experten das.

Es gibt kein klassisches Opfer

Es gibt also meist zwei Täter, aber keine Zeugen. Und, was die Ermittlungsarbeit besonders kompliziert macht: Es existiert kein klassisches Opfer. Winter erklärt: "Wenn jemandem das Fahrrad geklaut wird, geht er zur Polizei. Wenn jemand bestochen wird, geht niemand zur Polizei." Opfer gibt es zwar trotzdem sehr viele: Der Steuerzahler, der draufzahlt, weil die Stadt zu viel Geld für einen Bauauftrag ausgibt oder der Supermarktkunde, der mehr für die Marmelade zahlen muss, weil der Einkäufer bestochen wurde. Aber das fällt niemandem auf. Laut dem aktuellen Integritätsreport zur Korruption, den die Organisation Transparency International herausgibt, werden geschätzte 95 Prozent der Korruptionsfälle in Deutschland niemals aufgedeckt.

Allerdings ist in den vergangenen Jahren die Aufklärungsrate gestiegen. Nicht weil es mehr Korruption gebe, sondern weil die Deutschen aufmerksamer geworden sind. Früher war Korruption gesellschaftlich akzeptiert. Schmiergelder konnte man bis 1999 von der Steuer absetzen. Das ist heute undenkbar. Winter hilft das in seiner Arbeit: "Sensibilisierung ist eine der Möglichkeiten, diese Taten einzudämmen."

Unternehmen sind "aufklärungsbereiter"

Große Korruptionsskandale in Unternehmen wie Siemens , VW , MAN und Ferrostal haben bewirkt, dass die Konzerne aus wirtschaftlichem Interesse und Imagegründen offensiver mit dem Thema umgehen, sie sind laut Bundeskriminalamt "aufklärungsbereiter" geworden. Unternehmen und Verwaltungen haben zum Beispiel sogenannte Hinweisgebersysteme eingerichtet, an die sich Mitarbeiter anonym wenden können, wenn sie Missstände melden wollen. Darüber gelangen laut Winter mehr Tipps an Polizei und Staatsanwälte als noch vor ein paar Jahren. Und die Aufregung um die gesponserten Reisen des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff und die Diskussionen über ein neues Gesetz zu Abgeordnetenbestechung zeigen, dass auch Politiker unter genauer Beobachtung stehen.

Die Bürger sind sensibler geworden, aber auch misstrauischer. Laut Transparency International geben die Deutschen in Umfragen seit Jahren an, dass sie das Gefühl haben, die Korruption steige hierzulande. Fragt man die Menschen jedoch danach, ob sie selbst in den letzten zwölf Monaten jemanden bestochen hätten, sagen 98 Prozent: Natürlich nicht.

Serie zum Thema Korruption: In den kommenden Wochen werden wir das Thema weiter begleiten, unter anderem mit Texten aus Brandenburg und Hamburg.

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Leserkommentare
  1. Redaktion

    Pardon, ich meine natürlich die "Bundeszentrale für politische Bildung".

    Antwort auf "Gesetzesänderung 1999"
  2. # Man braucht für eine Leistung nicht den örtlichen Gemeinde Vertreter bestechen. #

    Damit kommen wir dann zur Vetternwirtschaft:
    Vorteilsgewährung für Bekannte, Freunde, Familienangehörige.

    Ein ehemaliger Nachbar hat auf diesem Wege jahrelang von der Arge subventionierte Arbeitskräfte erhalten.

    Man kennt sich, man hilft sich. Ohne nennenswerte materielle gegenseitige Gefälligkeiten.
    Politiker hilft Unternehmer beim Geschäft, Unternehmer hilft Politiker bei der Karriere.
    Juristisch kaum bis gar nicht zu verfolgen; und daher m.E. weit gefährlicher als die direkte oder schleichende Korruption.

    Vorallem wenn man es mit einer professionalisierten Bürokraten- und Politikerkaste zu tun hat die auf eine ebensolche Kaste professioneller Lobbyisten und Funktionäre allmöglicher Partikularinteressenvertretungen stoßen und jahrelang im gleichen Elfenbeinturm zusammen leben und arbeiten.

    Antwort auf "Stimmt auch"
  3. So stellt sich das mit Sicherheit nicht dar.
    Im öD gab und gibt es - leider und immer wieder - Korruption. Wer davor die Augen verschließt, WILL nicht sehen.

    Erst vor wenigen Jahren musste in Hamburg eine Senatorin gehen, weil diese ihren Mann bevorzugt... hatte.

    Und das war lange nicht der einzige Fall.

    Zu dem Thema Korruption und Filz gibt es auch ein auf Fakten basierendes Buch, das von einem kleinen Verlag herausgegeben wurde. Warum kein großer Verlag sich der Sache angenommen hat... kann man nur rätseln.

  4. Aus meiner aktiven Zeit kenne ich die Geschichten von Schmiergeldzahlungen leider zur Genüge allerdings war es in Ländern des Nahen Ostens. Dort gehörte es zur Tagesordnung. Als sich der Chef weigerte wurden die Geschäfte dort deutlich weniger.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Siemens AG | Alkoholkontrolle | Bestechung | Bundeskriminalamt | Bundespräsident | Fahrrad
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