ZEIT ONLINE: Und werden Chefs häufiger korrupt als ihre Angestellten?

Rabl: 82 Prozent der Wirtschaftskriminellen sind laut einer KPMG-Studie Führungspersonen. Die korrupten Täter sind aber meistens keine klassischen Betrügerpersönlichkeiten.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Rabl: Nach allem, was wir bisher wissen, sind sie normalerweise nicht vorbestraft. Sie sind ehrgeizig, statusbewusst und karriereorientiert. Oft sind es gesellschaftliche Aufsteiger, die an vielen Aus- und Fortbildungen teilnehmen. Sie verfügen über eine hohe Fachkompetenz und andere bringen ihnen viel Vertrauen entgegen. Auffällig ist auch, dass korrupte Akteure dazu neigen, Rechtfertigungen für ihr Handeln zu finden.

Es ist gefährlich, wenn Korruption als normal angesehen wird

ZEIT ONLINE: Wie rechtfertigen sich korrupte Menschen denn?

Rabl: In meiner Studie kam heraus, dass sie das Ganze nur selten herunterspielen. Sie sagen nicht: "Ist doch gar nicht so schlimm" oder "Hat doch niemandem geschadet". Sie heben vielmehr ihre positive Absicht hervor, rechtfertigen sich beispielsweise damit, dass sie doch nur den Auftrag für das Unternehmen an Land ziehen wollten. Sehr beliebt ist auch die sogenannte Konto-Metapher.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert die?

Rabl: Die korrupten Akteure denken, dass sie durch ihr großes Engagement für den Job eine Art Guthaben angesammelt haben. Sie glauben, dass dieses Guthaben ihnen jetzt auch korruptes Handeln erlaubt. Solche Rechtfertigungsstrategien sind aber gefährlich.

ZEIT ONLINE: Warum?

Rabl: Wenn dieses Denken in Unternehmen akzeptiert wird, kann das dazu führen, dass Korruption als etwas Normales angesehen wird und sich weiter ausbreitet.

ZEIT ONLINE: Wie können Firmen das verhindern?

Rabl: Sie sollten ein Klima schaffen, in dem Korruption in keinem Fall toleriert wird. So kann das Management beispielsweise einen Ethik-Kodex einführen, der klare Regeln aufstellt. Am besten beinhaltet der auch konkrete Verhaltensanweisungen für Situationen, die einen Mitarbeiter in Versuchung bringen könnten, korrupt zu werden. So ein Kodex sollte lebendig gestaltet werden, indem er nicht nur klar kommuniziert, sondern auch Gegenstand von Anti-Korruptionstrainings wird.