Leserartikel

NeoliberalismusNichts als Ideologie

Der Neoliberalismus unterscheidet zwischen faul und fleißig und propagiert das Recht des Stärkeren, schreibt unser Leser Michael Freuding. Andere Werte werden ignoriert. von 

Der Begriff "Neoliberalismus" ist überall. Für Linke, Globalisierungskritiker und Euro-Gegner gehört er zum guten Ton. Konservative und Liberale dagegen verbannen ihn ins Reich der Verschwörungstheorien. Es gebe keinen Neoliberalismus, sagen sie, nur Ewiggestrige, die nicht wüssten, was die Zeit erfordert.

Was also ist Neoliberalismus: ein Hirngespinst, ein Modetrend oder eine Art Gegenkommunismus?

Der Begriff bezeichnet eine Reihe von Grundannahmen, die seit Mitte der neunziger Jahre unser Denken beherrschen. Kern der Lehre ist die Auffassung, dass jedes Lebewesen egoistisch agiert und seine Ziele mit allen Mitteln durchsetzt. Daraus folgt: Der Reiche, Fleißige schafft Arbeitsplätze aus Geldgier; der Arme, Faule entspannt sich im sozialen Netz. Weil sich daraus ein Gerechtigkeitsgefälle ergibt, darf sich der Staat aus der Daseinsfürsorge zurückziehen. Der Theorie nach steigert das die Gewinnspanne der Fleißigen und zwingt die Faulen in die Arbeit.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Dieses Denkmuster transportiert Darwins Evolutionstheorie ins Reich der Ökonomie. Der Kampf ums Dasein verbessert den ökonomischen Genpool, indem er alles beseitigt, was der Wirtschaft schadet. Das Gesetz des Dschungels soll zum Maßstab menschlichen Zusammenlebens werden. Wer ohne starke Lobby ist, kommt dabei unter die Räder.

Gedanken, die nicht neoliberal sind, tun Macher und Gemachte als lächerlich ab. Marktkonform und effizient soll die neue Demokratie sein. Ob die Märkte auch demokratisch sind, spielt dabei keine Rolle. Die Menschen sollen an die Märkte glauben, das trichtern die Profiteure ihnen ein.  

Eine besonders unselige Rolle spielt dabei das Privatfernsehen: Dokumentationen über Sozialschmarotzer und Reportagen über Erfolgstypen sind an der Tagesordnung. Gutmenschen sind out, Profilneurotiker in. Dieter Bohlen und Heidi Klum tun ihr Übriges, damit sich die Ellbogenmentalität durchsetzt. Kein Wunder, dass Flachbildfernseher so billig sind. 

Doch was ist das? Bill Gates spendet Milliarden, obwohl er das nach den Spielregeln des Neoliberalismus nicht dürfte. Und immer noch opfern sich Krankenschwestern aus Nächstenliebe für ihre Patienten auf. Das zeigt, was der Neoliberalismus wirklich ist: eine Ideologie, mit deren Hilfe sich Eliten auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

Spätestens nachdem einige Banken als "systemrelevant" erklärt wurden, sollte uns das klar sein. Denn wenn die Ideologie ihren Verfechtern schadet, wird sie gerne auch mal über Bord geworfen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Ein gutes Beispiel für Neoliberalismus ist der derzeitige Umgang mit Griechenland. Griechenland ist ein neoliberales Experiment, genauso wie es Chile war im Jahre 1975.

    Die von Naomi Klein beschriebene neoliberale "Schocktherapie" hat zum Ziel, staatliche und zivile Strukturen in Zeiten der Krise zu zerschlagen. Strukturen wie Staatskonzerne, Gewerkschaften oder auch Regulierungen der Wirtschaft lassen sich in "normalen" Zeiten nicht reformieren, da man in einer Demokratie keine Mehrheiten dafür zusammen bekommt.

    In Krisenzeiten aber übernehmen "Technokraten" Kernelemente der Regierung und deregulieren und privatisieren nach eigenem Gutdünken.

    Europa ist das neue Schlachtfeld des Neoliberalismus nach Friedmans Schule. Angeführt vom IWF (der schon immer neoliberale Reformen an seine Überseisungen gekoppelt hat) werden Arbeitnehmerrechte drastisch beschnitten, Banken dereguliert, Steuern für Unter- und Mittelschicht erhöht und für die Oberschicht gesenkt sowie zu Schleuderpreisen Volkseigentum privatisiert.

    Fazit: Senkung des Lohnniveaus, Abbau von Arbeitnehmerrechten, hohe Inflation, hohe Arbeitslosigkeit, drastischer Anstieg der Armut.

    Diese hirnlosen Konzepte werden immernoch angewandt. Obwohl nicht ein einziger Fall bekannt ist, in denen sie funktioniert haben. Nur jetzt passiert es nicht irgentwo in Südamerika oder Ostblockstaaten, sondern mitten in Europa.

  2. Allein das Beispiel China zeigt, wie menschenverachtend der Neoliberalismus ist – die brutale Ausbeutung von Menschen und Natur durch die Großkonzerne des Westens:

    „Immer hereinspaziert, kommt und errichtet bei uns Fabriken, macht Geschäfte, baut Hochhäuser und knüpft Netzwerke … Kommt und verschmutzt unsere Flüsse, verpestet unsere Luft, vergiftet unser Essen und unser Trinkwasser, kommt und bedient euch unserer billigen Arbeitskräfte und lasst sie Tag und Nacht wie Maschinen am Fließband schuften“

    Wir leben – wie es Liao Yiwu formuliert – in einem „Wertesystem des Drecks, das den Profit über alles stellt“

    http://www.mdr.de/mdr-fig...

  3. Neoliberalismus steht in erster Linie für weniger Demokratie.
    In Chile war es die Militärdiktatur von Pinochet. In Griechenland ist es eine Technokratenregierung.

    So oder so ist Neoliberalismus in einer richtigen demokratischen Gesellschaft nicht durchsetzbar. Weil diese Art des Wirtschaftens einfach zuviele Menschen auf der Strecke lässt und somit früher oder später abgewählt wird.

    Das Problem ist aber, dass es mit breiter Desinformation udn Medienkampagnen trotzdem gelingt. Gerne wird es dann von "linken" Parteien gemacht, die als Wolfs im Schafsfell auftreten. SPD in D, Labour in GB, Pasok in GR oder Sozialisten in FR...alle werden irgentwann Gehilfen des Großkapitals.

  4. steht an prominenter Stelle im Grundgesetz und das nicht ohne Grund. Wer viel hat,hat sicher die Freiheit dazu aber eben auch die Pflicht, viel Verantwortung zu übernehmen.

    Das haben die Neoliberalen seit 25 Jahren kontinuierlich kaputt gemacht, lächerlich gemacht, aus der eigentlichen Bedeutung weg-und umdiskutiert und vor allen Dingen durch ihr Handeln in das Gegenteil verkehrt.

    Soziale und monetäre und ökologische Verantwortung bei denen die viel haben finden wir nur noch in absoluten Ausnahmefällen.

    Diejenigen, die sich verantwortlich verhalten oder verhalten wollen, gelten dann gleich als so außergewöhnlich+ exotisch, dass darüber berichtet wird, zB.über die Initiative derjenigen, die sagen, dass der Spitzensteuersatz erhöht werden muss und dass sie bereit sind, höhere Steuern zu bezahlen. Oder der Hamburger Reeder Peter Krämer, der ganz explizit die Gerechtigkeitsfrage mit der Verantwortung verknüpft.

    Die Neoliberale Ideologie hat so derart viel zerschlagen - in D und weltweit- dass es Jahrzehnte dauern wird, die Trümmer beiseite zu räumen. Vorausgesetzt allerdings, dass dazu überhaupt die Bereitschaft besteht.

    (Mittagspause um)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Neoliberale Ideologie hat so derart viel zerschlagen - in D und weltweit- dass es Jahrzehnte dauern wird, die Trümmer beiseite zu räumen. Vorausgesetzt allerdings, dass dazu überhaupt die Bereitschaft besteht.

    Die Frage ist, ob überhaupt noch umgesteuert werden kann. Derzeit beobachten wir neoliberale Politik nach Handbuch in Europa und niemand scheints zu stören. Gut, linke Parteien werden (ausser in Deutschland) überall stärker, aber was hilft es? Bevor man linke Parteien an die Macht lässt, gründen Sozialisten mit Rechtskonservativen (Holland) eine Koalition oder es wird eben eine Große Koalition gegründet.

    Die Konservativen in Griechenland, Spanien, Italien... haben enorm an Wählern eingebüßt. Und wen interessierts? Machen eben die Sozialdemokraten oder Sozialisten weiter. Richtige linke Parteien aber werden immer klein gehalten. Das war schon immer so.

  5. ...auch wenn dies alles schlecht ist, was mit Griechenland gemacht wird, was in China gemacht wird, dies alles hat nichts mit dem Grundgedanken des Liberalismus zu tun, sondern mit dem Mißbrauch von Macht der herrschenden Klasse.
    In Griechenland wird von korrupten Politikern und spekulativen Banken versucht, einen ökonomisch völlig unfähigen Staat am Leben zu erhalten.
    In China wird mangels Demokratie das Fehlen von Rechten für Arbeiter ausgenutzt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "In Griechenland wird von korrupten Politikern und spekulativen Banken versucht, einen ökonomisch völlig unfähigen Staat am Leben zu erhalten.
    In China wird mangels Demokratie das Fehlen von Rechten für Arbeiter ausgenutzt."

    Da Griechenland und China aber nunmal nicht losgelöst auf irgendeinem fernen Planeten leben, sondern in die globalisierte Wirtschaft mit eingebunden sind, dauert es nicht lang, bis man die Zusammenhänge zwischen Auswüchsen des Wirtschaftsliberalismus und dem Zustand der Länder bzw. ihrer Bewohner findet.

  6. Die Neoliberale Ideologie hat so derart viel zerschlagen - in D und weltweit- dass es Jahrzehnte dauern wird, die Trümmer beiseite zu räumen. Vorausgesetzt allerdings, dass dazu überhaupt die Bereitschaft besteht.

    Die Frage ist, ob überhaupt noch umgesteuert werden kann. Derzeit beobachten wir neoliberale Politik nach Handbuch in Europa und niemand scheints zu stören. Gut, linke Parteien werden (ausser in Deutschland) überall stärker, aber was hilft es? Bevor man linke Parteien an die Macht lässt, gründen Sozialisten mit Rechtskonservativen (Holland) eine Koalition oder es wird eben eine Große Koalition gegründet.

    Die Konservativen in Griechenland, Spanien, Italien... haben enorm an Wählern eingebüßt. Und wen interessierts? Machen eben die Sozialdemokraten oder Sozialisten weiter. Richtige linke Parteien aber werden immer klein gehalten. Das war schon immer so.

    Antwort auf "Eigentum verpflichtet"
  7. 95. Bizarr

    Da schreibt einer einen Schülerartikel und alle Gleichmeinenden bestärken das.

    Erinnert mich ein bischen an den XII. Parteitag: Klassenfeind, Revanchisten, Großkapital, Junker, BND....

    Neoliberalismus ist ein Kampfbegriff der Linken geworden, um zu diskreditieren und nicht um zu diskutieren.

    Was eine Kleptokratie wie Griechenland, bei denen die Gewerkschaften und Beamten den Staat ausplündern mit Neoliberalismus zu tun hat, erschließt sich wohl niemandem.

  8. bezeichnend für Marktliberalismus oder die Reagonomics nach Milton Friedman, der Mensch ist nur wichtig, wenn er der Wirtschaft oder den Märkten dienen kann. Ein Hartz IV-Mensch, darf sich nicht in Vollzeit für ein Ehrenamt engagieren, er muss ja dem Markt zur Verfügung stehen. Das ist Fakt.

    Ein interessanter Vortrag von Prof. Bontrup - Das Versagen der Mainstream-Ökonomie https://www.youtube.com/w...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service