Neoliberalismus : Nichts als Ideologie

Der Neoliberalismus unterscheidet zwischen faul und fleißig und propagiert das Recht des Stärkeren, schreibt unser Leser Michael Freuding. Andere Werte werden ignoriert.

Der Begriff "Neoliberalismus" ist überall. Für Linke, Globalisierungskritiker und Euro-Gegner gehört er zum guten Ton. Konservative und Liberale dagegen verbannen ihn ins Reich der Verschwörungstheorien. Es gebe keinen Neoliberalismus, sagen sie, nur Ewiggestrige, die nicht wüssten, was die Zeit erfordert.

Was also ist Neoliberalismus: ein Hirngespinst, ein Modetrend oder eine Art Gegenkommunismus?

Der Begriff bezeichnet eine Reihe von Grundannahmen, die seit Mitte der neunziger Jahre unser Denken beherrschen. Kern der Lehre ist die Auffassung, dass jedes Lebewesen egoistisch agiert und seine Ziele mit allen Mitteln durchsetzt. Daraus folgt: Der Reiche, Fleißige schafft Arbeitsplätze aus Geldgier; der Arme, Faule entspannt sich im sozialen Netz. Weil sich daraus ein Gerechtigkeitsgefälle ergibt, darf sich der Staat aus der Daseinsfürsorge zurückziehen. Der Theorie nach steigert das die Gewinnspanne der Fleißigen und zwingt die Faulen in die Arbeit.

Dieses Denkmuster transportiert Darwins Evolutionstheorie ins Reich der Ökonomie. Der Kampf ums Dasein verbessert den ökonomischen Genpool, indem er alles beseitigt, was der Wirtschaft schadet. Das Gesetz des Dschungels soll zum Maßstab menschlichen Zusammenlebens werden. Wer ohne starke Lobby ist, kommt dabei unter die Räder.

Gedanken, die nicht neoliberal sind, tun Macher und Gemachte als lächerlich ab. Marktkonform und effizient soll die neue Demokratie sein. Ob die Märkte auch demokratisch sind, spielt dabei keine Rolle. Die Menschen sollen an die Märkte glauben, das trichtern die Profiteure ihnen ein.  

Eine besonders unselige Rolle spielt dabei das Privatfernsehen: Dokumentationen über Sozialschmarotzer und Reportagen über Erfolgstypen sind an der Tagesordnung. Gutmenschen sind out, Profilneurotiker in. Dieter Bohlen und Heidi Klum tun ihr Übriges, damit sich die Ellbogenmentalität durchsetzt. Kein Wunder, dass Flachbildfernseher so billig sind. 

Doch was ist das? Bill Gates spendet Milliarden, obwohl er das nach den Spielregeln des Neoliberalismus nicht dürfte. Und immer noch opfern sich Krankenschwestern aus Nächstenliebe für ihre Patienten auf. Das zeigt, was der Neoliberalismus wirklich ist: eine Ideologie, mit deren Hilfe sich Eliten auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

Spätestens nachdem einige Banken als "systemrelevant" erklärt wurden, sollte uns das klar sein. Denn wenn die Ideologie ihren Verfechtern schadet, wird sie gerne auch mal über Bord geworfen.

Kommentare

196 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Neoliberalismus?

Man kann auch einfach Egoismus dazu sagen.
Verhaltensökonomen kommen regelmäßig auf ca. 30 bis 50% Egoisten in ihren Experimenten. Diese zu ignorieren wäre dumm. Es gibt aber Möglichkeiten, diese zu disziplinieren und so die Wohlfahrt zu steigern. In der Regel klappt dies auch bei einem Großteil dieser Egoisten. Ein paar "Unverbesserliche" verbleiben jedoch.
Vielleicht sollte man sich etwas genauer mit Ökonomie befassen, anstatt diese als Wurzel allen Übels zu verteufeln, wie dies gerne gemacht wird. Man traut sich ja kaum noch zu sagen, dass man Wirtschaftswissenschaften studiert.

Literatur

Im Prinzip kann man generall nach "behavioral economics" suchen. Dahin geht momentan der Trend. Ziemlich populär sind die Arbeiten von Ernst Fehr, der unter anderem Kooperation in sozialen Dilemmata untersucht hat (da sollte ja laut konservativen ökonomischen Theorien jeder nur an sich denken, was aber empirirsch eben nicht der Fall ist).

Hier ein Link zu seinen eher populärwissenschaftlichen Schriften:

http://www.econ.uzh.ch/fa...

Und wenn es auch Originalartikel sein sollen, hier auch der passende Link (Publikationen sind thematisch geordnet):

http://www.econ.uzh.ch/fa...

Viel Spaß beim Lesen!

Liberal und Neoliberal

"Konservative und Liberale dagegen verbannen ihn ins Reich der Verschwörungstheorien. Es gebe keinen Neoliberalismus, sagen sie, nur Ewiggestrige, die nicht wüssten, was die Zeit erfordert. "

Falsch. Echte Liberale kritisieren den Neoliberalismus aufs schärfste. Zum Glück gibt es noch echte Liberale und sicher auch echte Konservative, die mit Neoliberalismus nichts anfangen können. Nur werden Sie kaum wahrgenommen, bzw. man muss schon genau hinhöhren, um sie zu finden.

Der Neoliberalismus dieser Tage hat seinen Ursprung in den 80er Jahren, als Thatcher und Reagan das politische Parkett betraten. Die Folgen spüren wir heute. England ist deiundustrialisiert und die USA auf dem beten Wege dorthin.

Deutschland hat es einigermaßen geschafft, sich diesem neoliberalem Gedankengut halbwegs zu entziehen und insofern haben wir immer noch eine Industrie, auf die wir bauen können. Auch deswegen geht es Deutschland vergleichsweise gut. Wobei auch hier die Folgen dieser menschenverachtenden Politik spürbarer werden (Niedriglohn, Altersarmut).

Es wird Zeit, diesen Neoliberalismus mit all seinen negativen Folgen zu thematisieren. Und zwar nicht nur in den politischen Feuilletons, sondern im Politik- und Wirtschaftsteil. Ich habe es satt, als Land hingestellt zu werden, was den Anschluss verliert, weil China und Indien als Märkte der Zukunft bezeichnet werden. Märkte, wo Wanderarbeiter und sklavenähnliche Arbeitsbedingungen die Regel sind und der Mensch nichts zählt.

Frage an Infamia

Infamia schreibt: "Ich habe es satt, als Land hingestellt zu werden, was den Anschluss verliert, weil China und Indien als Märkte der Zukunft bezeichnet werden. Märkte, wo Wanderarbeiter und sklavenähnliche Arbeitsbedingungen die Regel sind und der Mensch nichts zählt."

Das mit den sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen ist leider richtig. Aber wie wollen Sie unsere deutsche Wirtschaft gegen die indische Konkurrenz schützen?

Der ökonomische Putsch - ein Machtergreifungsmodell

Gezielte Spekulationsattacken auf ganze Volkswirtschaften, Finanzagenturen, die Regierungen in die Knie zwingen, und ohnmächtige Politiker, die gebetsmühlenartig wiederholen, es gäbe keine Alternative: Europa befindet sich im Wirtschaftskrieg. Wie entstand dieses unumstößlich scheinende System?

Das Experimentierfeld Lateinamerika und die Analysen des Philosophen Michel Foucault machen Dynamik und Reichweite der neoliberalen Umstrukturierungen unserer Gesellschaften deutlich und erhellen die heutigen Finanzkrisen.

Zum Vorschein kommt dabei ein Machtergreifungsmodell, das Politik, Gesellschaft und Individuen seit Jahrzehnten formt und konditioniert, ein ökonomischer Putsch. Juristen sprechen von organisierter Kriminalität und von der Mittäterschaft der Politik.
http://www.wdr5.de/sendun...

Eine sehr umfangreiche Analyse der neoliberalen Machtergreifung.

Die auch vor Deutschland nicht halt gemacht hat.

Sehr Lesens- und Hörenswert.

Dann weiß man wieder, warum man GEZ-Gebühren bezahlt.

Neoliberalismus - ein weites Feld

Der Begriff des Neoliberalismus is ein weites Feld..

Sicher, man kann ihn oberflächlich naiv wie in dieses Artikel definieren - wie es auch die Linken tun.

Defacto steht Neoliberalismus aber für einen starken (nicht aufgeblähten), ordnenden Staat der OBERHALB der Wirtschaft steht und die Leitplanken setzt.

Man sollte auch schauen in welchem historischen Kontext der Neoliberalismus in den 80er seinen Aufstieg fand.
Die 60er und 70er waren geprägt von einer linken, keynesianischen Wirtschaftspolitik deren Folge eine Stagflation mit 2-stelligen Inflations- und Arbeitslosenraten war dazu ein massiv aufgeblähter öffentlicher Sektor unter dem wir heute noch ächzen..

Die Deindustrialisierung vorallem in England fand bereits und vorallem zu dieser Zeit statt! (Jedes Auto das vom Band lief musste von einem Gewerkschaftler abgenickt werden sic!).

Der ach sö böse Neoliberalismus unter Reagan und Thatcher führte zu einstelligen Inflationsraten und Arbeitslosenraten von 4-6%
Wie gut Deutschland nach der Agenda2010 da steht sieht man heute.

Ja dabei gibt es auch reichlich Nebenwirkungen - prekäre Arbeitsverhältnisse, eine große Kluft zwischen Arm und Reich.
Aber es ist immer noch besser als alles was wir bis jetzt hatten.

Das einzig Ideologische am Neoliberalismus-Bashing sieht man doch gut an diesem Artikel/Kommentaren hier.
Das schlechte wird massiv überbewertet/dramatisiert und hat teilw. garnichts mit Neoliberalismus zu tun.
Die Erfolge werden hingegen völlig ausgeblendet..

(Neo-)Liberal

(Falsch. Echte Liberale kritisieren den Neoliberalismus aufs schärfste.)

Wer sind denn diese "echten Liberale" und was kritisieren sie am "Neoliberalismus". Was sind die Unterschiede zwischem "echten Liberalismus" und Neoliberalismus?

Der "echte" Liberalismus stellt das Individuum, seine Freiheit und sein Eigentum ins Zentrum. Der "echte" Liberalismus spricht dem Individuum zu, sein Leben frei und ohne physischen Zwang durch Dritte zu gestalten, Eigentum zu bilden und darüber frei zu entscheiden. Inwiefern steht das im Widerspruch zum "Neoliberalismus"?

Neolibalismus ist dumme Politik

Der ach sö böse Neoliberalismus unter Reagan und Thatcher führte zu einstelligen Inflationsraten und Arbeitslosenraten von 4-6% Wie gut Deutschland nach der Agenda2010 da steht sieht man heute.

Der Neoliberalismus Marke Thatcher hat aber auch zur Deindustrialisierung von Großbrittanien geführt. Das Land hat unter dieser Frau seine Industriebasis verloren. Das einzige Business was in England noch Kasse macht in dei City udn London und die Banken. Dem Land fehlt die ökonomische Basis.

Deutschland ist vorallem wirtschaftlich noch so stark, weil wir eine gesunde Industrie hat und einen gesunden Mittelstand. Dieser ist aber keineswegs durch Deregulierung entstanden, den die fördert in erster Linie Konzerne und Monopole.

Hartz4 ist staatlich organsierte Senkung des Lohnniveaus. Das soll klug sein? Ich gebe ja zu, dass die ein oder andere Reform in der Arbeitswelt nötig war, aber einen auf Kosten der Lohnabhängigen und nunmehr 20 Jahren an Lohnstagnation erkauften Aufschwung erfolgreich nennen?

Gesunde Wirtschaftspolitik setzt alles daran, das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber auszugleichen. Hartz4 ist aber keine solche Politik. Das ist staatlich organsierte Umverteilung von oben nach unten. Die Folgekosten dieser Reform können wir täglich beobachten. Armut und die Probleme unserer Nachbarländer sind die sichtbarsten "Erfolge" dieser Reform.

Kluge Politik

(Der Neoliberalismus Marke Thatcher hat aber auch zur Deindustrialisierung von Großbrittanien geführt. Das Land hat unter dieser Frau seine Industriebasis verloren.)

Die Industrie GBs lag schon am Boden, bevor Thatcher die Regierung übernahm. Die Industrie wurde von starken und ökonomisch höchst unvernünftigen Gewerkschaften ruiniert. Thatchers Politik hat dieses Elend lediglich transparent gemacht und zu einem Gesundschrumpfen der Industrie geführt. Das ging noch ohne Schmerzen und Verluste, aber auf keinen Fall konnte es so weiter gehen.

[Hartz4 ist staatlich organsierte Senkung des Lohnniveaus. Das soll klug sein?]

Natürlich war das klug. Wenn es für Millionen Menschen zu gegebenen Löhnen keine lohnende wirtschaftliche Verwendung gibt, dann müssen die Löhne sinken, damit sich das Einstellen dieser Menschen lohnt. Ds hat man gemacht und das hat wunderbar funktioniert.

Guess why

"Ich habe es satt, als Land hingestellt zu werden, was den Anschluss verliert, weil China und Indien als Märkte der Zukunft bezeichnet werden. Märkte, wo Wanderarbeiter und sklavenähnliche Arbeitsbedingungen die Regel sind und der Mensch nichts zählt."

Oh dear lord...schonmal daran gedacht, weshalb sich an der Situation der Arbeiter dort nur so schleppend etwas ändert? Wink mit dem größten Zaunpfahl: GEIZ IST GEIL!
Ihr Post klingt äußerst selbstgerecht und eurozentrisch.

Thatcher hat die Gewerkschaften aber völlig zerstört

Die Industrie wurde von starken und ökonomisch höchst unvernünftigen Gewerkschaften ruiniert. Thatchers Politik hat dieses Elend lediglich transparent gemacht und zu einem Gesundschrumpfen der Industrie geführt.

Das die Gewerkschaften zu stark geworden sind, bestreite ich auch garnicht. Nur hat Thatcher die Grenzen erfolgreicher Wirtschaftspolitik überschritten, indem sie die Gewerkschaften nicht nur geschwächt, sondern völlig zerschlagen hat. Sie hätte das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ausgleichen können, hat aber
stattdessen die Arbeitnehmerseite völlig zerstört.

Zudem die Deindustrialisierung in dieser Form völlig übertrieben war. Die prodzierende Industrie ist das Herzstück jeder Volkswirtschaft. Diese zu zerschlagen ist an Dummheit kaum zu überbieten.

Stirbt die City of London (die übrigens garnicht der brittischen Gesetzgebung unterliegt und genau genommen garnicht zu England gehört), ist das Land völlig am Boden.
Englands Realwirtschaft ist praktisch nicht existent und rangiert weiter unter anderen Ländern wie Spanien oder Italien. Nur die ergaunerten Gewinne der Spekulanten halten das Land über Wasser.

Herzlichen Glückwunsch Ms. Thatcher!

Marktgläubigkeit

Diese Frage macht nur Sinn, wenn man sein Denken ganz dem Primat des Wettbewerbs beugt: Insbesondere auf internationaler Ebene hat allein der freie Wettbewerb, das Gesetz von Angebot und Nachfrage, den Wohlstand der Nationen zu fördern.
Das aber ist Ideologie. Wenn man nun wagt über den ideologischen Tellerrand hinauszuschaun, dann bieten sich auf einmal erstaunliche Möglichkeiten.
Wenn ein gedanklicher Ansatz (nichts anderes ist die Marktgläubigkeit-ein Ansatz unter Vielen) dazu zwingt, große Teile der eigenen Bevölkerung in prekäre Arbeits- oder Arbeitslosenverhältnisse zu drücken (ohne Aussicht, dass dieser Trend sich umkehren möge), sollte man nicht in Betracht ziehen, diesen Ansatz zur Förderung von gesellschaftlichem Wohlstand als gescheitert zu betrachten (von den internationalen Auswirkungen gar nicht erst angefangen)?
Wie sich also schützen? Zum einen ist die Erkenntnis hilfreich, dass die Mehrzahl der Jobs in diesem Land gar nicht mehr abwandern können - chinesische Krankenpfleger, Kassierer oder Zugführerinnen stellen für uns keine Konkurrenz dar. Was die letzten Reste Schwerindustrie anbelangt: Wir sind eine Wirtschaftsmacht die weltweit ihres Gleichen sucht (und Wenige findet) und nutzen diese Dominanz tagtäglich aus - wir nutzen sie aber "für den Markt", also um unsere Handelsposition zu verbessern. Warum nutzen wir sie nicht für andere Zwecke? Zölle zum Beispiel, die sagen: Ihr spielt nach unseren Regeln (Arbeitsschutz etc.) oder ihr spielt bei uns nicht mit.

@PS: Ob die Wähler mitmachen?

PS schreibt:
"Wie sich also schützen? Zum einen ist die Erkenntnis hilfreich, dass die Mehrzahl der Jobs in diesem Land gar nicht mehr abwandern können - chinesische Krankenpfleger, Kassierer oder Zugführerinnen stellen für uns keine Konkurrenz dar."

Vielleicht doch: http://www.altenpflege-go...

PS schlägt Schutzzölle vor:
"Zölle zum Beispiel, die sagen: Ihr spielt nach unseren Regeln (Arbeitsschutz etc.) oder ihr spielt bei uns nicht mit."

Durch Schutzzölle Ausbeutung versklavter Kinder zu reduzieren wie hier:

http://www.stern.de/wirts...

ist ein legitimes Ziel. Doch müsste der deutsche Politiker, der das durchsetzen will, seine Wähler davon überzeugen, dass dann viele preisgünstige Waren, an die auch einkommensschwache Käufer gewohnt sind, in D nicht mehr zu kaufen sind. An der Ausbeutung solcher Kinder sind auch die Unterschichten des Westens beteiligt!

Neoliberal

Wie man den Begriff Neoliberal und Freiheit zusammenbringen kann, ist mir ein Rätsel.
Da ich schon etwas älter bin, kann ich beurteilen, dass der Druck auf die Menschen, sich wirtschaftskonform zu verhalten, extrem gestiegen ist.
Heute wird nur noch dem eine Daseinsberechtigung zugesprochen, der jung, schön, schlank, studiert und gesund ist. Der Mensch wird nach seinem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt. Am Liebsten würde man wohl eine DIN-Norm für Menschen einführen, da man sie dann problemlos in allen Ecken der Welt einsetzen kann.
Aber nicht nur die Menschen werden diesem Zwang ausgesetzt, auch Staaten.
Sorry, aber ich mag Vielfalt. Ich bin froh, dass ich die Welt schon vor 35 Jahren erkundet habe und noch wirklich andersartige Lebensweisen kennenlernen durfte.

(Sozial-)liberalismus

Echter Liberalismus ist vor allem in seinen Grundthesen eine höchst soziale Ideologie. Nicht sozial im Sinne von Umverteilung a la Linke, ausufernde Staatsprogramme und Solidarkassen, sondern mit echter Gleichheit und Förderung.

Das heißt Aufklärung im höchsten Maße! Freiheit der Bildung für alle unabhängig der Herkunft und des Vermögens.

Die Sozialsysteme einer liberalen Gesellschaft sind Hilfe zur Selbsthilfe, da jeder Mensch in Freiheit sein Leben gestalten soll.

Dazu noch Individualismus, der zu Kultur und Kreativität führt.

Liberalismus hat nichts mit finanzieller Gleichheit (manche nennen das soziale Gerechtigkeit) zu tun, sondern mit Chancengleichheit und wirklich gleiche Gesellschaft kann eben nur eine liberale sein.

Das sage ich als freiheitsliebender Mensch und Anhänger des Liberalismus! (Der absolut gar nix mit der heutigen FDP zu tun hat...)

"Echte" Liberale

"Echte Liberale kritisieren den Neoliberalismus aufs schärfste."

Nur leider sind die "echten" Liberalen in der FDP längst ausgestorben, wie das "Bon"-mot von Westerwelle verrät:
"Wenn jeder nur an sich denkt, ist auch an jeden gedacht"

Kein Wunder, wenn eine Hildegard Hamm-Brücher aus diesem Lobbyverein ausgetreten ist.

Ansonsten hat uns Kohls "geistig-moralische Wende" nicht nur "Tutti-Frutti" beschert, sondern eine Vielzahl an "Mobilisierungsshows": DSDS, Dschungelcamp, Germanys next Topmodel.... wir alle müssen lernen, uns für den "Erfolg" demütigen zu lassen und gegebenenfalls auch Würmer und Insekten fressen zu müssen - der Weg nach "oben" ist halt steinig - und machmal auch ekelig.

John Meynard Keynes hat es auf den Punkt gebracht:
"Der Kapitalismus beruht auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen mit widerwärtigen Motiven irgendwie f ü r das Allgemeinwohl sorgen."

definition neoliberalismus

die frage ist doch was ist überhaupt Neoliberalismus?
Ist es der Ordoliberalismus (Euken), bei dem der Staat möglichst nur den Ordnungsrahmen stellen soll, durch den Preismechanismus den Wettbewerb förden solle, bei dem etwa bei externen Effekten (Umweltzerstörung...) und öffentlichen Gütern aber Regulierung (sogar Mindestlöhne) vorstellbar sind? Oder ist es die Österreichische Schule von Hayek (Friedman ...)die in den 80 Jahren ein Revival erlebt hatte? Ich denke die meisten verbinden "Neoliberalismus" mit letzterer. Ich finde viele Kritikpunkte an beiden Schulen (Freiburger und Österreichischer oder Chicago) genauso wie es viele Kritikpunkte am Keynesianismus gibt. Allerdings finde ich man sollte, wenn man den "Neoliberalismus" kritisiert auch klar machen, wo die spezifischen Kritikpunkte genau liegen und was die Alternativen sind.
Es gibt in der VWL zahlreiche Schulen und Meinungen und Forschungsrichtungen die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Unter diesem Gesichtspunkt finde ich es erschreckend, falls Ökonomie einfach mit Neoklassik oder noch schlimmer mit "Neoliberalsimus" gleichgesetzt wird.

Staatsfern oder kapitalismusfern,

insofern ist es tatsächlich ein sehr weites Feld. Essentielle Dinge werden in der landläufigen Diskussion zu "Liberalismus" und "Neoliberalismus" vermischt.
Letzterer versteht "Staatsferne" als Minimum an Regulierung. Allerdings geht diese Freiheitsliebe nie so weit, auch die Abschaffung von staatlichen Repressionsapparaten zu fordern. Denn die werden nämlich gebraucht, um notfalls Sozialproteste niederzuhalten.
Etwas völlig anderes ist es, als Bürger den Staat möglichst heraushalten zu wollen, weil man ein selbstbestimmtes Leben führen will. Für diese kritischen Bürger ist der Staat, den wir haben, nichts als das Machtinstrument der herrschenden Klasse.
Und das sind immer noch die Kapitalisten. "Liberal" im Sinne der radikalen Aufklärer wie Diderot, D'Alembert, Holbach? - Sehr gerne! "Liberal" im Sinne der FDP (der US-Republikaner oder welcher Partei immer, die Sie mögen / nicht mögen): niemals!
Mit dem Begriff "Freiheit" wird Schindluder getrieben. Ebenso wie mit dem des "Liberalismus". Dessen legitimer Erbe ist allein der moderne Anarchismus. (Für alle, die es nicht wissen sollten: der heutige Anarchismus ist gewaltfrei - siehe Occupy, siehe David Graeber u. a. - und die RAF war nie "anarchistisch", viel eher "leninistisch").

Dann legen sie die Scheuklappen ab.

Seit Öffnung zum Kapitalismus sind in China 500mio(!) Menschen aus der Armut entkommen und in die Mittelschicht aufgestiegen.

Trotz steigender Weltbevölkerung sinkt die Armut weltweit.

Ja die "Schere" geht auseinander, aber nicht weil Arme ärmer und Reiche reicher werden, bzw es immer mehr Arme gibt (das Gegenteil ist der Fall).
Sondern weil Reiche schneller reich werden als untere Schichten. Aber auch dort werden die Menschen durchgehend wohlhabender.

Das ist Fakt. Ob man das nun akzeptiert oder weiter ausblenden will und von den goldenen 70ern schwärmt, bleibt jedem selbst überlassen.

Welt anschauen ohne ideologische Scheuklappen

Seit Öffnung zum Kapitalismus sind in China 500mio(!) Menschen aus der Armut entkommen und in die Mittelschicht aufgestiegen.

Trotz steigender Weltbevölkerung sinkt die Armut weltweit.

Ja die "Schere" geht auseinander, aber nicht weil Arme ärmer und Reiche reicher werden, bzw es immer mehr Arme gibt (das Gegenteil ist der Fall).
Sondern weil Reiche schneller reich werden als untere Schichten. Aber auch dort werden die Menschen durchgehend wohlhabender.

Das ist Fakt. Ob man das nun akzeptiert oder weiter ausblenden will und von den goldenen 70ern schwärmt, bleibt jedem selbst überlassen.

Wenn es weniger Arme gibt

dann tut sich die Schere zwischen arm und reich zwangsläufig auf. In der allgemeinen Diktion wird dies als ungerecht empfunden. Das Wohlstandsniveau steigt, aber nicht alle partizipieren auf Anhieb gleichermaßen. Man könnte sich nun durchaus darüber unterhalten, was passieren muss, damit der Rest, die, die noch arm sind nachziehen können. Aber so wird die Diskussion bedauerlicherweise nicht geführt.

Weniger Arme sind im Neoliberalismus gar nicht vorgesehen

Um am Wohlstand zu partizipieren, müssten die Armen ein höheres Einkommen verdienen. Aber das ist im Neoliberalismus ja gar nicht gewollt, weil das Geschäftsmodell dieser Ideologie auf der gnadenlosen Ausnutzung von Kostenvorteilen basiert. Der Freiheitsbegriff der Neoliberalen ist sehr selektiv: Er meint die Freiheit von Heuschrecken, Banker-Gangstern und einer elitären 1%-Clique zu Lasten der Freiheit von allen anderen. Deregulierung und Steuersenkungen für die einen, niedrige Löhne und unzumutbare Arbeitsbedingungen für die anderen. Oder wie ein Herr Joffe es in diesem Blatt so zynisch noch in einer Artikelüberschrift umschrieb: "Lasst bloß die Reichen in Ruhe!" Eine Frau Merkel nennt so etwas dann marktkonforme Demokratie, wobei das "Demokratie" eigentlich kleingeschrieben werden müsste. Wenn so das Europa der Zukunft aussehen soll, dann kann man nur hoffen, dass die Eurozone morgen auseinander fällt.

Bitte belegen Sie das mit Quellen!

Denn ich glaube, Sie fallen da nur auf einen Medienhype herein.

ALs jemand, der 10 Jahre in Indien gelebt hat, kann ich ihre Meinung jedenfalls zu Indien nicht bestätigen.

Was ich über China lese, zeigt mir nicht, dass die Chinesen wegen Marktradikalität in den Mittelstand aufrücken.

Ich höre vielmehr, dass Wanderarbeiter ausgebeutet werden, Parteikader korrupt, reiche Unternehmer abgehoben und junge gut ausgebildete Menschen zunehmend keine Arbeit mehr finden.

Was das mit goldenen 70ern zu tun haben soll, weiss ich nicht.

Damals ging ich noch zur Grundschule.

Werter Westerwelle-Fan

"Westerwelle konnte ja nicht ahnen, dass manche Langsamdenker die Ironie dieser Aussage nicht verstehen."

"Langsamdenker"? Interessante Annahme! Wenn Westerewlle diesen Spruch wirklich ironisch gemeint hat, verstehe ich nicht, warum die FDP genau solch eine Politik betreibt - eine Politik zu lasten der Schwächsten in der Gesellschaft und für ihre Lobbygruppen: Die Finanz"industrie", die Apotheker, Ärzte und Hoteliers.

Nein - diese als Partei getarnte Lobbygruppe lebt diese Aussage Westerwelles und man kann dies nicht zuletzt an ihrem Umgang untereinander sehen, wo ein Kubicki nicht müde wird, dem Parteivorsitzenden regelmäßig einen rein zu würgen.

Wenn Westerwelle es ironisch gemeint hat, scheint die gesamte FDP aus "Langsamdenkern" zu bestehen, da sie diesen Spruch offensichtlich zum Parteiprogramm erkoren haben.

Die geistig-moralische Wende und die Agenda 2010

sind genau aus diesem material geschnitzt. Protagonisten findet man erstaunlicherwesie auch in der SPD, wie z. B. den aktuellen Kanzlerkandidaten: Nimm alles mit und verlange noch mehr, es schadet nicht, dass andere weniger haben.

Mittlerweile haben die Neoliberalen auch eine Menge Werkzeuge etabliert: Qualitätsmanagement (QM), Effizienzsteigerung, Rationalisierung etc. Mit diesen Werkzeugen wird konsequent sortiert und ausgepresst.

Wir brauchen eine neue geistig, moralische Wende: Mitgefühl, Harmonie, Freundlichkeit, Brüderlichkeit, Gleichheit, Altruismus.

Die aktuelle Betonung des Egoismus in dieser narzisstischen Gesellschaft ist einfach sehr unethisch.

Menschlichkeit statt Brüderlichkeit

"Wir brauchen eine neue geistig, moralische Wende: Mitgefühl, Harmonie, Freundlichkeit, Brüderlichkeit, Gleichheit, Altruismus."

Ich stimme Ihnen voll zu, wünsche mir aber für diese Wende, dass das biologische Geschlecht eines Menschen und die daraus resultierende Bevorzugung/Benachteiligung (je nach Kontext) aus unserer Gesllschaft verschwindet - daher ist "Brüderlichkeit" mir zu wenig!

Darwin

Das habe ich bei Richard David Precht gelesen, der im eigentlichen Sinne kein Fachmann ist: Die Evolutionstheorie war schon immer eine Art Wirtschaftstheorie: Industrialisierung, Konkurrenzkampf, Auf- und Abschwünge etc. haben Darwin und seine Zeitgenossen nachhaltig beeindruckt und fanden in diesen Theorien ihren Niederschlag.

Und noch eine theoretische Frage: Der unterlegene Konkurrent (siehe zum Beispiel all die Betriebssystemhersteller, die wegen Microsofts Dominanz aufgeben mußten) kommt der im Neoliberalismus tatsächlich gar nicht vor? Oder wird der auch zu den "Faulen" gezählt?