Jahresrückblick 2012"Wulff war unser täglich Brot"

Am 17. Februar trat Christian Wulff von seinem Amt als Bundespräsident zurück. Die Grünen-Abgeordnete Filiz Polat erinnert sich an bewegte Zeiten im niedersächsischen Landtag. von 

ZEIT ONLINE: Frau Polat, auf welchem Weg erreichte Sie am 17. Februar die Nachricht von Herrn Wulffs Rücktritt?

Filiz Polat: Als sich der Rücktritt abzeichnete, bekamen unsere Fraktionsmitglieder eine E-Mail. Die Rücktrittsrede haben wir uns dann live im Fernsehen angeschaut.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Kam die Nachricht für Sie überraschend?

Polat: Die Wulff-Affäre bescherte uns damals fast täglich neue Überraschungen. In unserer Fraktion gab es sehr unterschiedliche Prognosen. Die Einen rechneten fest mit seinem Rücktritt. Die Anderen waren davon überzeugt, dass er die Affäre aussitzen würde.

ZEIT ONLINE: Und zu welchem Lager gehörten Sie?

Polat: Ich habe erwartet, dass er es durchziehen würde. Ich kenne Wulff schon sehr lange, noch aus der Zeit, bevor er 2003 Ministerpräsident und 2010 dann Bundespräsident wurde. In all den Jahren hat er schon diverse Krisen gemeistert – und blieb.

Jahresrückblick 2012

Zwölf Monate, zwölf Protagonisten: ZEIT ONLINE erzählt das Jahr 2012 aus der Sicht von Beobachtern und Menschen, die dabei waren, ohne im Scheinwerferlicht zu stehen. Jeden Tag veröffentlichen wir zwei neue Folgen.

Alle Geschichten im Überblick:

  • Januar: Spurensicherung im Wrack der Costa Concordia
  • Februar: "Wulff war unser täglich Brot"
  • März: Frau Boateng und das Betreuungsgeld
  • April: Der Gastherr von Anders Behring Breivik
  • Mai: Deutsch-griechische Entfremdung
  • Juni: Der Mann, der Balotelli fotografierte
  • Juli: Als das Netz auf die Straße ging
  • August: Curiosity und sein Alter Ego @SarcasticRover
  • September: Draghi packt die Bazooka aus
  • Oktober: Der nahe, ferne Syrien-Krieg
  • November: Als Sandy den Wahlkampf beendete
  • Dezember: Die Zukunft auf der Nase
Was im Februar noch geschah

Der Bundestag beschließt das zweite Rettungspaket für Griechenland.

Im Fußballstadion in Port Said, Ägypten lösen Hooligans eine Katastrophe aus: 71 Menschen sterben, mehr als 1.000 werden verletzt.

Infolge des Arabischen Frühlings im Jemen wird Autokrat Ali Abdullah Salih abgelöst durch den bisherigen Vizepräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi.

Der Stummfilm The Artistbekommt einen Oscar.

Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning veröffentlichen das Buch Die kalte Sonne, das den Klimawandel infrage stellt.

Der Internationale Sportgerichtshof erkennt dem Exradprofi Jan Ullrich wegen Dopings alle Titel seit Mai 2005 ab.

ZEIT ONLINE: Ihr Fraktionsvorsitzender Stefan Wenzel nannte Wulffs Rücktritt "überfällig".

Polat: Absolut.

ZEIT ONLINE: Zu welchen Zeitpunkt wäre ein Rücktritt angemessen gewesen?

Polat: In dem Moment, als sein Hauskredit bei der Unternehmerfamilie Geerkens ans Licht kam. Da Wulff den Rattenschwanz dieser Affäre ja kannte, hätte er schon damals die Konsequenzen ziehen müssen.

ZEIT ONLINE: Wie intensiv beschäftigte die Wulff-Affäre den niedersächsischen Landtag?

Polat: Es wurde viel darüber debattiert – Wulff war unser täglich Brot. Das Parlament war gespalten, denn Wulffs eigene Landesregierung war ja noch im Amt. Gleichzeitig wollten wir, die Opposition, wissen, wie tief die Verstrickungen reichten. Die Medien lieferten uns damals ständig neue Informationen, die wir prüfen mussten. Und natürlich führten wir auch eigene parlamentarische Untersuchungen durch.

ZEIT ONLINE: Kamen andere Themen im Parlament durch den ganzen Wirbel um Wulff zu kurz?

Polat: Nein, das denke ich nicht. Aber wir haben aber alle an unserem Limit gearbeitet.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielten Sie in der Aufarbeitung der Affäre?

Polat: Wie alle in unserer Fraktion unterstützte ich so gut wie möglich unseren Fraktionsvorsitzenden Wenzel. Er war unsere Verbindung zur Öffentlichkeit. Da ich Wulff noch aus seiner Zeit in Osnabrück kenne, war ich vor allem dann gefragt, wenn es um seine sogenannten langjährigen Freundschaften ging. 

Filiz Polat
Filiz Polat

Filiz Polat (geb.1978)  ist Diplom-Volkswirtin und Fraktionsmitglied der Grünen im niedersächsischen Landtag. Seit Beginn der Affäre Wulff setzt sich ihre Fraktion für eine Aufklärung der Korruptionsvorwürfe ein. In der deutsch-türkischen Zeitung IMAJ schrieb Polat über das Verhältnis des damaligen Bundespräsidenten zur Wahrheit.

ZEIT ONLINE: Wie veränderte sich ihre Arbeit nach dem 17. Februar?

Polat: Unsere Arbeit veränderte sich eigentlich kaum. Die Sache war ja noch nicht abgeschlossen, auch wenn das Thema für die Öffentlichkeit danach erst einmal gegessen war. Unsere Untersuchungen gehen so lange weiter, bis Themen wie der Nord-Süd-Dialog vollständig aufgeklärt sind.

ZEIT ONLINE: Unter Migranten und Muslimen war Wulff immer sehr beliebt. Sie haben die Menschen schon zu seinen Amtszeiten dazu aufgerufen, den Bundespräsidenten nicht blind zu verherrlichen. Hat sich nach seinem Rücktritt etwas an dem positiven Bild geändert?

Polat: In den Migranten-Gemeinschaften wird Wulff nach wie vor als eine Art "gefallener Held" betrachtet. Denn so klare Worte wie sein "der Islam gehört zu Deutschland" haben noch wenige Spitzenpolitiker über die Lippen gebracht. Der Rücktritt hat seinem Ansehen bei diesen Menschen nicht erschüttert.

ZEIT ONLINE: Was bedeutete der Rücktritt für Sie persönlich?

Polat: Für mich war der Rücktritt eine große Erleichterung. Aber das heißt nicht, dass das Thema damit vom Tisch ist. Unsere Aufklärungsarbeit geht weiter – bis die letzten Unklarheiten beseitigt sind.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Auch Merkel sollte den Wulff machen. Das würde 2012 noch schnell abrunden.

    3 Leserempfehlungen
    • kael
    • 25. Dezember 2012 16:52 Uhr

    Das Interview ist mehr als belanglos und bietet nichts Neues. Weihnachtsflaute?

    5 Leserempfehlungen
  2. Der Beitrag offenbart nichts als Häme des politischen Gegners, und unter diesem Aspekt ist er auch zu würdigen.
    An dem Hauskredit gab es überhaupt nichts zu kritisieren, weder in rechtlicher, noch in irgendeiner moralischen Hinsicht, und schon gar nicht im Zusammenhang mit der Anfrage von Januar 2010. Noch nie hat ein Politiker auf Nachfrage die Finanzierung seines Eigenheims inklusiver aller Grundbuchunterlagen der Öffentlichkeit präsentiert. BP Gauck äußert sich nicht einmal dazu, ob er die 25.000 EUR aus Bochum gespendet hat, und die links-liberalen Medien im Lande stört es nicht. Für Wulff wurde von den Medien eine "Sonderverpflichtung" konstruiert, allein mit dem Ziel, ihn zu diskreditieren. Wenn ein Kredit eine "Abhängigkeit" begründen sollte, gilt das sowohl für einen von privat als auch für einen von einer Bank. Ein Politiker dürfte also niemals einen Kredit aufnehmen, und das ist absolut lebensfern. Im übrigen scheint Frau Polat nicht bekannt zu sein, dass Wulff selbst den Kredit "ans Licht" gebracht hat, indem er Reporter von BILD und Stern die Kreditvereinbarung hat einsehen lassen. Die Verwendung des Wörtchens "sogenannte" soll wohl insinuieren, Wulff sage auch diesbezüglich nicht die Wahrheit?! Was mit dem Begriff "Rattenschwanz" gemeint ist, bleibt Frau Polats Geheimnis, Geschehnisse, die mit dem Kredit nichts zu tun haben, können es doch wohl nicht sein. Wenn es nach Frau Polat gegangen wäre, hätte Wulff bestimmt niemals Ministerpräsident werden dürfen.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • kael
    • 30. Dezember 2012 14:22 Uhr

    Einem deutschen Bundespräsidenten stehen bekanntlich zwei ganze Amtszeiten zu.

    Nun drücke ich Ihnen die Daumen, dass der respektable aber immer missverstandene Herr Wulff nach der Ära Gauck seine 1. Amtszeit fortsetzen und eine zweite beginnen darf.

  3. akteull frau schröder und frau schavan und danach werden sich weitere potentiale ergeben.

    => das netz hat die welt verändert und das ist auch gut so!!!

    Eine Leserempfehlung
  4. Erstaunlich dass eine Abgeordnete das Grundgesetz nicht zur Kenntnis nimmt.
    Ein Bundespräsident kann laut GG nur bei einer schweren Straftat oder einem Verfassungsbruch mit einer 2/3 Mehrheit in Bundestag/Bundesrat und einer 2/3 Mehrheit beim BVfG abgesetzt werden. Herr Wulff ist bislang noch nicht einmal angeklagt und wie es aussieht, gibt es auch keine Straftat.
    Die Aufforderung zum Rücktritt des Bundespräsidenten war eine klare Mißachtung unserer Verfassung. Das sollte Frau Polat auch wissen!

    4 Leserempfehlungen
  5. ... sprechen kann. Von den "Migranten" sind sehr viele anti-islamischer, als wir je sein dürfen. Und ob die Wulff wegen dieses Satzes so toll gefunden haben...

    Eine Leserempfehlung
  6. "Unsere Aufklärungsarbeit geht weiter – bis die letzten Unklarheiten beseitigt sind."

    Das wird wohl dann bis zu dem Tag gehen, an dem die Sonne zum rotenm Riesen wird.

    3 Leserempfehlungen
  7. Ich stehe der CDU wirklich nicht nahe. Ich habe mich aber gefragt, warum jeden Tag wieder durch die Medien das Bild des maßlos gierigen Bundespräsidenten hochgespült wurde, der sich sogar ein rotes Bobby-car unter den Nagel reißt.

    Und was hat sich Joachim Gauck als Christ erlaubt? 25000 Euro hat er von der Stadt Bochum angenommen, in der 17% der Bevölkerung in Armut leben. Dafür gab es solche Allgemeinplätze, er habe 50 Jahre alt werden müssen, um einmal richtig zur Wahl gehen zu dürfen.

    Weshalb fragen die Medien ihn nicht mal, was er denn mit dem Geld gemacht habe. Ob er das mit seinem "christlichen" Gewissen vereinbaren könne, ob er sich nicht schäme.

    Dann muss man sich solche Ermunterungen von ihm anhören, dass man seine "Glückssucht" aufgeben und mal wieder fröhlich in den Krieg ziehen solle.

    Ich glaube, Herrn Wulff ist seine kritische Haltung zum ESM zum Verhängnis geworden. Bei dem durch und durch neoliberalen Gauck stand dieses nicht zu befürchten.

    Ehrlich gesagt, wenn ich wählen könnte zwischen Wulff und Gauck, so hätte ich lieber Herrn Wulff zurück. Ich mag mich irren, aber er wirkte authentischer als Gauck, der sich vor allem an seinen eigenen Reden berauscht, denen ich nicht viel abgewinnen kann.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Jahresrückblick 2012
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Christian Wulff | Medien | Landesregierung | Landtag | Arbeit | Brot
Service