Vor einem Jahr war die bescheidene Welt der Kotsalaras’ noch in Ordnung. Viel leisten konnte sich die Athener Familie zwar nicht. Aber mit dem Geld, das Vater Stefanos und seine Frau Labrini gemeinsam verdienten, reichte es zumindest für die Ausbildung der beiden Kinder. Satt sind sie irgendwie auch immer geworden. Manchmal konnten sich die Eltern sogar einen Theater- oder Kinobesuch erlauben. Ein einfaches Leben, doch immerhin eines, das zumindest kleine Freuden bereithielt. Dann verlor Stefanos seine Arbeit als Fliesenleger – und ein Stück Lebensfreude.

Ein Schicksal, das immer mehr Griechen teilen . Seit Jahren setzt die Finanz- und Wirtschaftskrise dem Land und vor allem den Menschen zu. Allerdings hat die Misere in den vergangenen Monaten geradezu katastrophale Ausmaße angenommen. Vieles mag selbst verschuldet sein. Das geben die Menschen ohne Weiteres zu und verweisen zum Beispiel auf die Korruption, Schwarzarbeit oder den öffentlichen Dienst, diesen nimmersatten Moloch. Aber das Wissen um die Probleme allein schafft keine Lösungen. Und der Staat ist pleite, scheidet also in Zeiten der alles beherrschenden Krise als handlungsfähiger Akteur fast völlig aus. Noch lähmender wirkt sich die Arbeitslosigkeit aus. Sie steigt rasant. Heute hat jeder vierte Grieche keinen Job. Bei den Jugendlichen liegt die Quote gar bei 50 Prozent. Eine beängstigende Größenordnung, die den Staat und die Gesellschaft in den Grundfesten erschüttert.

Bei Familie Kotsalaras war bereits nach kurzer Zeit nichts mehr wie früher. Vieles, wenn nicht gar alles, schien in die Brüche zu gehen. Das Auto, der Alltag, die Zuversicht, die Zukunft. Die Einkäufe im Supermarkt beschränkten sich rasch auf das Allernötigste. Für mehr war schlicht kein Geld da. Schon nach kurzer Zeit gehörte der "Luxus" eines Kinobesuchs der Vergangenheit an. "Wir wissen nicht mehr, was es heißt, mal abzuschalten", sagt Labrini und streift sich etwas verunsichert durch ihr dunkles Haar. So sitzt das Ehepaar zumeist in seiner kleinen Wohnung. Die eigenen vier Wände – ein Käfig aus Trübsinn und Einsamkeit.

Familie Kotsalaras ist längst keine Ausnahme mehr

Nach einigen Monaten dieser lähmenden, bleiernen Schwere waren die Kotsalaras’ so verzweifelt, dass sie ihren Stolz hinter sich ließen. Die Familie brauchte Hilfe, dringend. Da erzählte ihnen ein Freund vom Sozialzentrum der "SOS-Kinderdörfer" in ihrem Stadtteil Kypseli. Dort würde man in Not geratenen Menschen sofort, direkt und unbürokratisch helfen. Vielleicht ein Lichtblick in dunklen Zeiten.

Als Stefanos und seine 48-jährige Frau erstmals das unscheinbare mehrstöckige Haus betraten und die Steintreppe hinaufliefen, schämten sich beide. "Wir fühlten uns würdelos", sagt Stefanos. Den Blick hat er gesenkt, unter dem Tisch knetet der 50-Jährige mit den grauen Haaren und dem faltigen Gesicht seine Finger. Nie war er auf die Hilfe anderer angewiesen, konnte für seine Familie sorgen. Heute sind Labrini und Stefanos froh darüber, dass sich jemand um sie kümmert.

Familie Kotsalaras ist längst keine Ausnahme mehr. Tausenden Griechen geht es ähnlich schlecht. Die Krise raubt ihnen die Existenzgrundlage. Und es sind nicht nur die Armen, die ärmer werden . Inzwischen trifft es zunehmend auch diejenigen, die bislang immer noch genug hatten, um sich über Wasser zu halten. "Die Mittelschicht bricht auseinander. Sie beginnt sich aufzulösen, abzurutschen", warnt Stergios Sifinios, Leiter der sechs SOS-Sozialzentren in Griechenland . Genau die Art und Weise, wie der schlanke Mann das sagt – ohne jegliches Beben in der Stimme, geradezu nüchtern berichtend –, klingt dramatisch. "Die Menschen werden depressiv, verzweifeln, glauben nicht an ein besseres Morgen." Diese fatale Stimmung wirke sich rasch auf die gesamte Familie aus, die doch eigentlich Halt in einer unberechenbaren, feindlich wirkenden Welt geben soll. Häufig gebe es Streit, man denke nur noch an sich und sein Leid. Die Bindung geht verloren.