GriechenlandDie Angst der Familie Kotsalaras

Die Krise raubt ihnen die Existenzgrundlage: Immer mehr griechische Familien verarmen und brechen auseinander. Auf den Staat können sie kaum zählen. von Christian Böhme

Vor einem Jahr war die bescheidene Welt der Kotsalaras’ noch in Ordnung. Viel leisten konnte sich die Athener Familie zwar nicht. Aber mit dem Geld, das Vater Stefanos und seine Frau Labrini gemeinsam verdienten, reichte es zumindest für die Ausbildung der beiden Kinder. Satt sind sie irgendwie auch immer geworden. Manchmal konnten sich die Eltern sogar einen Theater- oder Kinobesuch erlauben. Ein einfaches Leben, doch immerhin eines, das zumindest kleine Freuden bereithielt. Dann verlor Stefanos seine Arbeit als Fliesenleger – und ein Stück Lebensfreude.

Ein Schicksal, das immer mehr Griechen teilen . Seit Jahren setzt die Finanz- und Wirtschaftskrise dem Land und vor allem den Menschen zu. Allerdings hat die Misere in den vergangenen Monaten geradezu katastrophale Ausmaße angenommen. Vieles mag selbst verschuldet sein. Das geben die Menschen ohne Weiteres zu und verweisen zum Beispiel auf die Korruption, Schwarzarbeit oder den öffentlichen Dienst, diesen nimmersatten Moloch. Aber das Wissen um die Probleme allein schafft keine Lösungen. Und der Staat ist pleite, scheidet also in Zeiten der alles beherrschenden Krise als handlungsfähiger Akteur fast völlig aus. Noch lähmender wirkt sich die Arbeitslosigkeit aus. Sie steigt rasant. Heute hat jeder vierte Grieche keinen Job. Bei den Jugendlichen liegt die Quote gar bei 50 Prozent. Eine beängstigende Größenordnung, die den Staat und die Gesellschaft in den Grundfesten erschüttert.

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Bei Familie Kotsalaras war bereits nach kurzer Zeit nichts mehr wie früher. Vieles, wenn nicht gar alles, schien in die Brüche zu gehen. Das Auto, der Alltag, die Zuversicht, die Zukunft. Die Einkäufe im Supermarkt beschränkten sich rasch auf das Allernötigste. Für mehr war schlicht kein Geld da. Schon nach kurzer Zeit gehörte der "Luxus" eines Kinobesuchs der Vergangenheit an. "Wir wissen nicht mehr, was es heißt, mal abzuschalten", sagt Labrini und streift sich etwas verunsichert durch ihr dunkles Haar. So sitzt das Ehepaar zumeist in seiner kleinen Wohnung. Die eigenen vier Wände – ein Käfig aus Trübsinn und Einsamkeit.

Familie Kotsalaras ist längst keine Ausnahme mehr

Nach einigen Monaten dieser lähmenden, bleiernen Schwere waren die Kotsalaras’ so verzweifelt, dass sie ihren Stolz hinter sich ließen. Die Familie brauchte Hilfe, dringend. Da erzählte ihnen ein Freund vom Sozialzentrum der "SOS-Kinderdörfer" in ihrem Stadtteil Kypseli. Dort würde man in Not geratenen Menschen sofort, direkt und unbürokratisch helfen. Vielleicht ein Lichtblick in dunklen Zeiten.

Als Stefanos und seine 48-jährige Frau erstmals das unscheinbare mehrstöckige Haus betraten und die Steintreppe hinaufliefen, schämten sich beide. "Wir fühlten uns würdelos", sagt Stefanos. Den Blick hat er gesenkt, unter dem Tisch knetet der 50-Jährige mit den grauen Haaren und dem faltigen Gesicht seine Finger. Nie war er auf die Hilfe anderer angewiesen, konnte für seine Familie sorgen. Heute sind Labrini und Stefanos froh darüber, dass sich jemand um sie kümmert.

Familie Kotsalaras ist längst keine Ausnahme mehr. Tausenden Griechen geht es ähnlich schlecht. Die Krise raubt ihnen die Existenzgrundlage. Und es sind nicht nur die Armen, die ärmer werden . Inzwischen trifft es zunehmend auch diejenigen, die bislang immer noch genug hatten, um sich über Wasser zu halten. "Die Mittelschicht bricht auseinander. Sie beginnt sich aufzulösen, abzurutschen", warnt Stergios Sifinios, Leiter der sechs SOS-Sozialzentren in Griechenland . Genau die Art und Weise, wie der schlanke Mann das sagt – ohne jegliches Beben in der Stimme, geradezu nüchtern berichtend –, klingt dramatisch. "Die Menschen werden depressiv, verzweifeln, glauben nicht an ein besseres Morgen." Diese fatale Stimmung wirke sich rasch auf die gesamte Familie aus, die doch eigentlich Halt in einer unberechenbaren, feindlich wirkenden Welt geben soll. Häufig gebe es Streit, man denke nur noch an sich und sein Leid. Die Bindung geht verloren.

Leserkommentare
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  4. Die Kombination aus Gier-getriebenem Feudal-Kapitalismus und das irrige Euro-Experiment haben dafuer gesorgt, dass 50 Jahre Zivilisations-Fortschritt wieder rueckgaengig gemacht werden und die Armut wieder flaechendeckend nach Europa zurueckkehrt. Die Aufloesung der demokratischen Strukturen wird der Armut bald folgen.

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    • RPT
    • 19. Dezember 2012 17:13 Uhr

    anderes Land in Europa. Und selbst die verstrahltesten Euro-Experimentatoren hatten mit den Konvergenzkriterien einen Schutzmechanismus eingebaut, der Länder die mit dem Euro nicht leben können davor schützen in die Eurozone einzutreten. Griechenlang hat bekanntermaßen mit Hilfe von Goldmann Sachs seine Bilanzen gefälscht, um diese Kriterien scheinbar zu erfüllen. Natürlich hat die EU bei der Kontrolle dieser Bilanzen versagt, weil man aus politischen Gründen "die Wiege Europas" in der Eurozone haben wollte, man einfach nur gesehen hat, was man sehen wollte.

    Das alles hilt den Armen in Griechenland jetzt nicht weiter in ihrem Leiden, aber das Desaster ist nun mal die Folge katastrophaler Politik in Griechenland selber und einem immer noch vorhandenen korupten, aufgeblähten und nicht funktionierenden Staates.

  5. Es ist eine Schande, daß Menschen wie den Kotsalaras keine Hoffnung mehr bleibt, von einer halbwegs normalen Realität garnicht erst zu reden. Da wundert es nicht, daß die Anzahl der Selbstmorde extrem gestiegen ist.
    Gleichzeitig macht ein Hedgefonds 500 Millionen Gewinn mit dem Schuldenrückkauf von Griechenland - dieses Geld wird den meisten Griechen wohl nicht zugute kommen, sondern den Zockern.
    Griechenland mußte dank der Troika sein Tafelsilber verkaufen - da zählten nur wirtschaftliche Interessen, der Mensch hat nicht interessiert. Neoliberale Politik und Ideologie pur - das ist es, was heute angeblich dazu führt, daß die Menschheit 'glücklicher' wird. Wann wird man endlich begreifen, daß nicht der Mensch der Wirtschaft dienen muß, sondern umgekehrt die Wirtschaft dem Menschen?
    Müssen tatsächlich erst blutige Revolutionen stattfinden, bis auch der letzte Banker und Zocker begreift, daß es sich auf Dauer in gated communities und mit Leibwächtern vielleicht nicht um ein erstrebenswertes Leben handelt? Muß es wirklich soweit kommen?
    Was ist denn bitte an sozialem Frieden, an geregeltem und ausreichenden Einkommen auch für einfache Arbeiter, an der Reduzierung der Gewinne auf reale Maße, ohne sich an unrealistischen Margen zu orientieren, so falsch???

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    ...an dieser Miesere? Ich bin dafür, den Griechen direkt zu helfen und zwar mit den benötigten Waren. Medikamente, Öl, Ersatzteile und, und, und
    Aber kein Geld direkt. Geht doch in die falschen Kanäle!
    Care-Pakete wären zu Weihnachten nicht schlecht gewesen!

  6. 6. [...]

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    Was machen sie an Weihnachten? Ich und meine Familie verteilen Suppe in der Armenspeisung welche ich zu 50% mitfinanziere.

    Wir geben regelmäßig hochwertiige Bionahrung an die Tafel statt sie wie ursprünglich vorgesehen an die Bioschweine zu verfüttern, das ist übrigends ein großer Kostenfaktor.

    Unterstellen sie fehlende Moral und Anstand lieber den Richtigen.

  7. Was machen sie an Weihnachten? Ich und meine Familie verteilen Suppe in der Armenspeisung welche ich zu 50% mitfinanziere.

    Wir geben regelmäßig hochwertiige Bionahrung an die Tafel statt sie wie ursprünglich vorgesehen an die Bioschweine zu verfüttern, das ist übrigends ein großer Kostenfaktor.

    Unterstellen sie fehlende Moral und Anstand lieber den Richtigen.

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    die Richtigen? Die Familie Kotsalaras? Konnte ich dem Artikel nicht entnehmen. Das Kind auf dem Foto, vielleicht 2 oder 3 Jahre alt, welches in den Armen seiner Mutter auf der Strasse sitzt und betteln muss? Und welches die Mutter vielleicht demnächst in einem Kinderdorf abgegeben muss, weil dem Kind dort zwar keine Familie, aber wenigstens Obdach und Essen und Kleidung geboten wird? Woher glauben Sie zu wissen, wer die Richtigen sind und dass jetzt auch nur die Richtigen getroffen werden?

    Ich glaube der Forist war bei Ihnen schon an der richtigen Adresse.

    • noitom
    • 19. Dezember 2012 15:24 Uhr

    müssen Ihre edlen Tierchen wegen den Armen nun auch noch darben.

  8. ...für Europa, dass es in einem seiner Mitgliedstaaten für Eltern notwendig ist, die eigenen Kinder in fremde Hände zu geben, weil sie in den eigenen verhungern müssten. Das ein Kind mit seiner Mutter am Strassenrand sitzen und betteln muss. Und dass es dann noch Leute gibt, die dastehen und applaudieren à la die sind ja selbst schuld. Im Übrigen: die Kinder haben nichts verbrochen. Im europäischen Staatenverbund muss es doch möglich sein, den Menschen, aber wenigstens den Schwächsten der Gesellschaft ein Existenzminimum zu sichern.

    Und eine noch grössere Schande für Griechenland selbst, dass selbst Hilfen in Form von privaten Spenden nicht den bedürftigen Menschen und vor allem Kindern zugute kommen, sondern auch noch vom griechischen Staat besteuert werden. Hier sind auch die anderen europäischen Staat gefordert, entsprechende Regelungen zu forcieren. Es kann nicht sein, dass meine private Spende an die SOS Kinderdörfer nicht vollständig dem von mir beabsichtigten Personenkreis zugute kommt, sondern vorher noch vom griechischen Staat abgegriffen wird, der einen Teil der Spende dann völlig zweckentfremdet.

    Also: gibt es eine Möglichkeit durch Spenden zu helfen, ohne dass der griechische Staat da Geld abschöpfen kann?

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    • H.v.T.
    • 19. Dezember 2012 11:55 Uhr

    Die direkte Spende dürfte wohl hier ihren Zweck erfüllen. Ich weiß jetzt nicht, wie man an die Adressen notleidender griechischer Familien kommt, aber eine Unterstützung per Überweisung oder Paket (Kleidung, naturalien etc.) wäre wohl auch in Griechenland steuerfrei.

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  • Schlagworte Familie | Griechenland | Schwarzarbeit | Sorgerecht | Eltern | Hilfsorganisation
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