© Ulrich Krökel

Das Polizeiauto am Spähposten in Świecko steht still im Schnee. Die Beamten beobachten den Verkehr auf der deutsch-polnischen Autobahn 2/12. Nur Lukasz Walus steht in der Kälte und raucht. Doch plötzlich muss alles blitzschnell gehen. "Lukasz, chodź!", ruft Bundespolizist Mario Walther seinem Kollegen vom polnischen Grenzschutz zu. "Lukasz, komm!" Walus schmeißt die Kippe weg und springt in den deutschen Streifenwagen. Los geht die rasante Fahrt Richtung Westen. Über die vereiste Oderbrücke verfolgen die Polizisten einen grauen Kombi.

Kurz vor der Ausfahrt Frankfurt/Oder setzt sich Walther vor den verdächtigen Opel mit dem Warschauer Kennzeichen. Ein Knopfdruck, und auf der Dachanzeige des Streifenwagens blinkt der Schriftzug "Bitte folgen" auf. Es ist der kritische Moment. "Es kommt vor, dass sich Straftäter durch Flucht zu entziehen versuchen", erklärt Oberkommissar Olaf Schöppe im gängigen Polizeideutsch. Der Chef sitzt heute mit im Wagen und beschwichtigt: "Verfolgungsjagden wie in amerikanischen Filmen sind aber selten."

Der Opel steuert anstandslos eine Parkbucht an. Ein junges Paar südländischer Herkunft sitzt im Auto und schaut ängstlich auf die deutschen und polnischen Polizisten. Vier Mann in schweren Schutzwesten stehen vor ihnen, die Waffen griffbereit. "Wir müssen die Lage sichern", erklärt Walther. Der Fahrer des Opels kramt seine Papiere hervor, findet aber nur die Zulassung für einen Renault. Walther prüft die Karosserienummer und verschwindet am Funk zur Halterabfrage. Alles ist harmlos. Der Opel gehört dem Paar. Der Mann hat die Papiere nur verwechselt.

Die Beamten setzen auf Schleierfahndung

"Unsere gemeinsame Streife ist eine Antwort auf Schengen", erklärt Schöppe auf der Fahrt zum nächsten Posten. Fünf Jahre ist es her, dass Polen und sieben weitere osteuropäische Staaten dem Schengen-Abkommen beigetreten sind. Der Vertrag regelt den freien Verkehr über die Binnengrenzen der EU hinweg. Seit dem 21. Dezember 2007 gibt es an der Odergrenze keine regulären Personenkontrollen mehr . Was für Reisende, Spediteure und Exporteure ein Segen ist, hat die Arbeit von Polizei, Zoll und Grenzschutz erschwert. Die Kriminalität in der Region hat in vielen Bereichen zugenommen.

"Wir müssen jederzeit flexibel reagieren", betont Schöppe. Die Beamten setzen dabei auf die Schleierfahndung , auch wenn sie lieber von "ereignisunabhängigen Kontrollen" sprechen. Faktisch reicht ein "Verdachtsschleier". Kritiker halten das Verfahren für diskriminierend. Wurde der Warschauer Opel angehalten, weil zwei Südländer das polnische Auto steuerten? "Ich kann unsere Betriebsgeheimnisse nicht verraten", sagt Walther. Schleierfahndung ist stets eine Gratwanderung.

Erschwert wird sie durch einen Kompetenzdschungel. Schleuserkriminalität fällt in den Bereich der Bundespolizei . Schmuggel ist Sache des Zolls. Autodiebstähle klärt die Landespolizei auf. In Polen gibt es den Grenzschutz und eine zentrale Polizei. "Natürlich haben wir immer ein Auge auf alle Delikte und informieren die Kollegen", berichtet Schöppe. Aber die wuchernde Bürokratie bremst die operativen Kräfte aus. Und dann ist da noch die Grenze, die seit der Schengen-Erweiterung zwar "keine echte Grenze mehr ist", wie es Walus formuliert. Doch die Befugnisse sind für deutsche und polnische Polizisten auf der jeweils anderen Oderseite auch weiterhin buchstäblich begrenzt.