Pflege-AuszeitDie Politik hat bei der Pflege versagt

Die Pflegeauszeit kommt nicht an – kritisiert wird Kristina Schröder für diesen Flop. Sie ist nicht die erste, die bei der Pflegereform versagt, kommentiert W. Prosinger. von Wolfgang Prosinger

Ach, es war ja gut gemeint. Wer zu Hause nahe Angehörige pflegt, soll eine Auszeit bekommen, soll seine Arbeit zwei Jahre lang reduzieren können. Endlich tut jemand mal was für die Familien, die über Pflegefälle in Not geraten und nicht selten darüber verzweifeln. Endlich eine Ministerin, die verstanden hat, dass hier etwas getan werden muss. Kristina Schröder . Wirklich, gut gemeint.

Aber gut gemeint heißt noch lange nicht gut gemacht. Jetzt, zwölf Monate nach Einführung dieser Pflegeauszeit, liegen Zahlen vor. Sie zeigen eindrucksvoll und schwer widerlegbar: Das Schröder-Modell ist komplett danebengegangen. Nicht einmal 200 Menschen haben es im zu Ende gehenden Jahr in Anspruch genommen. Bei mehr als zwei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland heißt das – fast niemand.

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Ist die Not also doch nicht so groß? Keineswegs. Das Scheitern des Modells belegt vielmehr, dass es von Anfang an ein ziemlich hilfloser Versuch war, der meilenweit an den Realitäten vorbeiging. Denn die durchschnittliche Pflegezeit beträgt heute 8,2 Jahre. Eine schier endlos lange Zeit. Eine Lösung der damit entstehenden familiären Probleme konnte eine auf zwei Jahre limitierte Arbeitszeitverkürzung deshalb natürlich nicht bringen.

Nicht nur Kristina Schröder hat versagt

Dazu kommt, dass das Schröder’sche Angebot Angehörige weiter in einer oftmals unerträglichen Doppelbelastung belässt. Wer einen Pflegefall zu Hause hat, der 24 Stunden am Tag betreut werden muss , für den sind 15 Stunden Arbeitsreduzierung in der Woche allzu geringfügig. Kein Wunder also, dass das Modell kaum jemanden interessiert.

Weshalb man um eine unschöne Wahrheit nicht herumkommt. Die Politik hat in Sachen Pflege versagt. Und zwar notorisch. Egal, welche Koalition an der Reihe war, Rot-Grün, Schwarz-Rot oder Schwarz-Gelb – keine hat es geschafft, sich den Problemen wirklich zu stellen. Allesamt haben sie zu Beginn ihrer Regierungszeiten viel versprochen, eine echte Pflegereform in Aussicht gestellt. Aber als dann die Zeit des Handelns gekommen war, wurde die große, große Reform immer kleiner und kleiner, bis sie schließlich fast unsichtbar war.

Die Pflegereform muss zu einem Hauptthema werden

Noch vor zwei Jahren hat Philipp Rösler , damals noch Gesundheitsminister, ein "Jahr der Pflege" ausgerufen. Was unter seinem Nachfolger Bahr herausgekommen ist und nun zum 1. Januar 2013 in Kraft tritt, ist weit hinter diesen Anspruch zurückgefallen. Tropfen auf heiße Steine: ein bisschen mehr Geld für Demenzkranke, Unterstützung von Pflege-WGs, Förderung von Zusatzversicherungen. Auch das alles gut gemeint. Aber gut gemacht? Siehe oben. Und man muss nach all diesen Erfahrungen kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass auch die nächste Regierung, die im September 2013 gewählt wird, welche es auch immer sein mag, nach diesem altbekannten, niederschmetternden Muster verfahren wird.

Dabei gibt es kaum ein Feld der Politik, das dringlicher der Lösung, und zwar einer großen Lösung harrte. Bald wird es in Deutschland drei Millionen Pflegefälle geben, in der Mitte des Jahrhunderts werden es schon fünf Millionen sein. Das ist bekannt seit vielen, vielen Jahren, der demografische Wandel ist unabänderlich. Für alle die Menschen, die Betreuung brauchen, und für deren Angehörige menschenwürdige Bedingungen zu schaffen, das muss endlich in die Spitzenpositionen der politischen Agenda aufrücken. Es gibt Weniges, was wichtiger wäre. Sonst verspielt das Land seine Zukunft.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • drusus
    • 29. Dezember 2012 13:26 Uhr

    ...Frau Schröder habe ich vergessen. Mit diesen Maßnahmen wollte sie doch auch einfach mal ein Thema haben. Das ist wie im Kindergarten und hat nichts mit einer weitsichtigen Familienpolitik zu tun!

  1. @ AlleZeitenÄndernSich
    Schon die nächste Frauengeneration wird sich von Staat und
    Gesellschaft nicht mehr mißbrauchen lassen.
    Auch nicht mehr in der Pflege.

  2. Die ideologisch gewollte Zerstoerung der Familie ist die Wurzel des Uebels. Und das Schlimme ist, dass das Uebel noch "in den Kinderschuhen steckt". Es wird noch viel schlimmer kommen, weil das volle Ausmass der katastrophalen demographischen Entwicklung dieses Landes erst noch kommt. Die Ministerin Schroeder dafuer verantwortlich zu machen ist mehr als laecherlich. Wer glaubt sich auf den Staat verlassen zu koennen ist selbst schuld. "Der Staat ist nicht die Loesung. Der Staat ist das Problem."

    Antwort auf "Verspielt die Zukunft?"
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    ... welche Ideologie ist denn gemeint? Welches Familienbild? Das von 1890 oder 1935 oder 1968 oder 2013?
    Demenz nimmt zu, medizinische Versorgung verlängert (nicht verbessert!) das Lebensalter, weniger Kinder, Jahrelange Dumpinglöhne und hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland und die Folgen das die Renten zu klein sein werden, das der Alleinverdiener zum Leben nicht mehr ausreicht usw. .
    Wer soll mit diesen Voraussetzungen zuhause pflegen?
    Frau Schröder ist nicht dafür verantwortlich. Aber die Aufgabe der sie sich als Familienministerin widmen sollte, ergibt sich aus Zahlen Daten Fakten. Frau Schröder ist zu jung, zu unerfahren und leider absolut unreif für dieses Amt! Das stellt sie dauerhaft unter Beweis. Wir haben das so gewählt!

  3. ...und nicht nur bei der Pflege.

    Dank der Erblasten der Statistik-Trickserin Ursula von der Leyen werden Jahr für Jahr völlig wirkungslos Multimilliarden an Sozialleistungen für Wohlhabende versenkt - Stichwort Elterngeld (Spiegel: "Traumtrip - gesponsort vom Staat", siehe http://forum.spiegel.de/f...) - demnächst frohlockt das Betreuungsgeld (= Herdprämie), Kinder vom Besuch einer Kita abzuhalten. Auf der anderen Seite verzichtet von der Leyen durch ungeeignete "Bildungsgutscheine" (gemeint ist allenfalls ein "Fahrtkostenzuschuss" zur Bildungsstätte um den - den meisten zu hohen - Preis von Stigmatisierung) faktisch auf die Förderung von Millionen sozial benachteiligter Kindern - offenbar weil die Arbeitsministerin sich lieber um die Förderung des Zuzugs ausländischer "Fachkràften" bemüht, kombiniert mit Durchsetzung von Dupinglöhnen. Diverse Zensurversuche, Tricksereien um die Berechnung von ALG-II-Ansprüchen, Streichung vonn Blindengeld in Niedersachsen und eine höchst fragwürdige Informationspolitik sind weitere Markenzeichen einer Politikerin, die beim genauen Hinschauen außer Selbstdarstellung keine Erfolge vorzuweisen hat.

    Wann endlich greift Merkel durch?

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    • liborum
    • 29. Dezember 2012 21:20 Uhr

    Nie.
    Warum auch. Das blöde Vieh hält doch immer noch still.
    Sehen Sie sich doch die Umfrage an.

    • aurorix
    • 29. Dezember 2012 13:58 Uhr

    Möglicherweise sollte man das Thema "Pflege" viel grundsätzlicher diskutieren.
    Jedenfalls was die Altenpflege betrifft, also eine Arbeit, die nicht mehr dazu dient, Produktivkräfte zu bewahren bzw. sie wiederherzustellen, sondern "nur" noch möglichst kostengünstig verhindern soll, dass die unproduktiven multimorbiden Hochbetagten nicht noch dadurch unnötige Kosten verursachen, dass sich bei Ihnen therapieaufwendige Komplikationen einstellen.
    Muss man sich dann nicht fragen, ob ein letztlich unproduktiver Arbeitsbereich, der kaum ökonomisch relevante Werte hervorbringen kann, sondern nur darauf getrimmt ist, Kosten zu vermeiden, überhaupt marktwirtschaftlich organisiert werden sollte. Ist es denn nicht eben dieses Paradigma von der unsicht- und unfehlbaren Hand des Marktes, das dem überwiegend immateriellen Wert von Pflege ihre materielle Anerkennung vorenthält. Natürlich ist diese Haltung der Herrschenden höchst zynisch. Man überschlägt sich förmlich damit, die am Rande ihrer Kräfte pflegenden mit dem Hohelied auf ihre Aufopferungswilligkeit vollzusäuseln, nur um zu verschleiern, dass gerade ihre marktradikale Verbohrtheit die Ursache dafür ist, dass sie auch weiterhin gezwungen sind, Opfer zu bringen.

  4. keine Statistik zu haben. Vielleicht stimmen die 200 Nicht!
    Interessant ist, wie viel Köpfe an dem Gesetz zerbrochen sind, wie viel Marketing dafür angesetzt wurde, was der Preis für all das war! Wer hat`s bezahlt?

    Antwort auf "Falschmeldung"
    • aurorix
    • 29. Dezember 2012 14:00 Uhr
    23. Moral 2

    Und ich bin fest davon überzeugt, dass diese gesellschaftliche Aufgabe nur solidarisch zu bewältigen ist und es im Gegenteil viel mehr sichtbare Hände braucht, um den wachsenden Bedarf an mitmenschlicher Betreuung und Pflege zu decken. Und da wird man nicht drumrumkommen, sichtbar Geld in die Hand zu nehmen und es auch von denen einzufordern, die zwar selbst nicht auf materielle Solidarität angewiesen sind, sich aber dennoch mit ihrer Gesellschaft verbunden fühlen.
    Es sei denn sie halten es mit der eisernen Lady: "There is no such thing as society".
    Dann aber auch nicht nach der nächsten geplatzten Blase wieder krakeelen: "Rettet uns! Wir sitzen doch alle im gleichen Boot!"

  5. ... welche Ideologie ist denn gemeint? Welches Familienbild? Das von 1890 oder 1935 oder 1968 oder 2013?
    Demenz nimmt zu, medizinische Versorgung verlängert (nicht verbessert!) das Lebensalter, weniger Kinder, Jahrelange Dumpinglöhne und hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland und die Folgen das die Renten zu klein sein werden, das der Alleinverdiener zum Leben nicht mehr ausreicht usw. .
    Wer soll mit diesen Voraussetzungen zuhause pflegen?
    Frau Schröder ist nicht dafür verantwortlich. Aber die Aufgabe der sie sich als Familienministerin widmen sollte, ergibt sich aus Zahlen Daten Fakten. Frau Schröder ist zu jung, zu unerfahren und leider absolut unreif für dieses Amt! Das stellt sie dauerhaft unter Beweis. Wir haben das so gewählt!

    Antwort auf "Sie sehen es richtig."
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    zu beantworten. Falls nicht, sollten Sie doch mal darueber nachdenken was ihnen bei dem Begriff "Selbstverwirklichung" alles einfaellt. Sie wissen offenbar, dass es zu wenig Kinder gibt. Wahrscheinlich kennen Sie auch einige der Gruende. Es gab mal einen ungeschriebenen "Generationenvertrag", der voraussetzte dass alle Vertragspartner ihren Teil zur Erfuellung beitrugen. Wer heute keine Kinder will, kann und sollte morgen nicht Solidaritaet von den Kindern der Anderen einfordern, auch nicht ueber den Umweg "Staat".

    .... wenn sie mit denen über den Generationenvertrag sprechen sagen meine Eltern ihnen folgendes:
    Wir haben mehr als 45 Jahre lang gearbeitet und fleißig in die Rentenkasse eingezahlt. Dabei auch noch sechs Kinder groß gezogen. Der Staat hat jahrzehntelang Gelder aus den Rentenkasse entnommen und es nicht wieder eingezahlt. Es wurde allerlei mit der Alterssicherung finanziert. Von welchem Generationenvertrag wird hier gesprochen? Dieser Generationenvertrag ist ungeschrieben, weil er ein großes Märchen ist. Kennen sie ein Schneeballsystem welches legal und funktionsfähig ist? Die Kinder die bei sinkenden Löhnen und hoher Arbeitslosigkeit in Europa leben, sollen Kinder, Eltern und Großeltern wovon finanzieren? Für sich selber privat für die Rente ansparen, weil das Geld nicht mehr reicht!? Steht auf jedem vorläufigen Rentenbescheid! Irgendwas scheint mir dabei sehr schief geraten.

    ich war Krankenschwester, bin Mutter und immer Vollzeit zum Wohle der Gesellschaft und meiner eigenen Rente unterwegs. Ich weiß also durchaus wovon ich spreche. Ob das unter Selbstverwirklichung fällt, das wissen sie sicherlich besser als ich!

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  • Schlagworte Kristina Schröder | Philipp Rösler | Gesundheitsminister | Minister | Pflege | Reform
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