Also ziehen sie in vermeintlich bessere Viertel, schicken ihre Kinder in gute Schulen. Ansteckungsangst nennt Bude das. Kinder müssten aber auch andere Lebensweisen kennen, findet er. Es brauche "belastbaren Pluralismus", damit Kinder Sozialkompetenz erlernen könnten.

Über eine Milliarde Euro pro Jahr gaben engagierte Eltern in Deutschland für die Zusatzbildung ihrer Kinder aus, dazu gehört allerdings auch Nachhilfe. Eine aktuelle Studie enthüllt, dass jedes dritte Grundschulkind in Deutschland angibt, unter Schulstress und Leistungsdruck zu leiden. Kritiker orakeln bereits, dass Mütter vielleicht auch deswegen so viel förderten, weil sie selbst viel für ihre Kinder aufgegeben hätten. Für den Soziologen Heinz Bude ist die Bildungsversessenheit Zeichen großer Verletzlichkeit. Besonders Eltern, die selbst Bildungsaufsteiger seien und weder Festanstellung noch Immobilienbesitz weiter vererben könnten, verlören häufig die Lockerheit, sagt er, wenn es um die Zukunft ihrer Kinder gehe.

Die Förderwelle ist auch aus Amerika hierher geschwappt: FasTracKids, etwa "Kinder auf der Überholspur" mit Sitz in Denver, unterrichtet inzwischen auch in Deutschland Fächer wie Biologie, Astronomie und Kunst, aber auch Lebensstrategien, Kommunikation, Theater und Technik. Vorschulkinder reisen virtuell zum Amazonas und lernen mithilfe eines Teddys, dass man nicht mehr Taschengeld ausgeben kann, als man hat (Ökonomie). Sie halten Referate, die gefilmt und besprochen werden.

Die Mutter beobachtet auf dem Monitor, wie ihr Kind lernt

Eine Mutter sitzt im Wartezimmer von FastTracKids in Hannover und starrt auf den Bildschirm an der Wand. Über den Monitor sieht sie ihr Kind im Klassenraum. Es besucht den Kurs Wunder der Natur. FasTracKids gilt als eines der ehrgeizigsten Frühförderprogramme auf dem Markt. Der Kursleiter steht vor einer interaktiven Tafel. Gerade hat er die vier bis sechs Jahre alten Kinder gefragt, warum es an der Türklinke manchmal zucke, Magnetismus für Vorschulkinder steht auf dem Plan.

Der Kinderpsychologe Michael Winterhoff nennt die Haltung vieler Eltern Katastrophenmodus. Viele Erwachsene kämen heute selbst nicht mit den Veränderungen klar. Vom Analogen zum Digitalen mit Facebook, Twitter, der Dauererreichbarkeit auf dem Handy. Seine Diagnose: Die Eltern sind gehetzt wie der Hamster im Laufrad und geben diese Unruhe an ihre Kinder weiter. Der Kinderarzt und Erziehungsexperte Remo Largo sieht in den Kursen ein verheerendes Signal ans Kind, nämlich: "Du bist da, um unsere Erwartungen zu erfüllen." Sie griffen ein ins normale Entwicklungstempo der Kinder und könnten es – derart bevormundet – sogar unselbstständig machen.

Der FasTracKids-Lehrer schaut auf die Uhr, da meldet sich eine Fünfjährige: Ob das normal sei? Sie öffnet den Mund, streckt ihre blutige Zunge heraus und hält plötzlich einen Milchzahn in der Hand. Bewegung gerät in die Mädchenreihe. Im Kurs Wunder der Natur behält damit die Natur das letzte Wort – auch die Eltern könnten ihr wohl wieder mehr vertrauen.

*Alle Kindernamen wurden geändert.