BildungspanikAn der Förder-Front

Dreijährige singen "Yes, I am very small", Vorschüler besuchen Ökonomiekurse. Für Förderprogramme geben Eltern Millionen aus. Experten sprechen von Bildungspanik. von Stefanie Maeck

Im Sprachcenter von Helen Doron sitzen die Kinder im Schneidersitz, blaue Taschen mit Büchern fürs "Early English" neben sich. Heute sind nur Mädchen da, das jüngste ist drei, das älteste fünf Jahre alt. Sie tragen glitzernde T-Shirts mit Prinzessin-Motiv, und unter den Schuhen steht zum Teil noch Größe 29. "Hello girls", ruft die Kursleiterin. Sie heißt Anda und ihr Job ist eine Mischung aus Animateurin und Erzieherin. Die Mädchen wiegen sich mit ihr zur Musik, sie singen: "Yes I'm very small." Sie zeigen auf ihre Nase, Finger und Knie und ringen mit Vokabeln. Der Marktführer Helen Doron bietet sogar ein Englischtraining für drei Monate alte Säuglinge an.

Laura*, ein blasses Kind, steht abseits, sie versteckt ihr Gesicht im Kissen. Es geht ihr scheinbar zu schnell. "Are you happy oder sad?", fragt Anda. Laura schweigt, Theresa und Mathilda tanzen um sie herum. Die Mädchen verstehen schon einfache Fragen auf Englisch, können "one, two, three, four, five little fingers" zählen, den Befehl "please make tiny steps on blue colour" auf der Hüpfmatte ausführen. Begeisterung, Ratlosigkeit und Staunen zeigt sich im Wechsel auf ihren Gesichtern.

Anzeige

Die Zeit zwischen Geburt und Abitur, sagt Buchautor Klaus Werle, sei zu einer "Mischung aus Wettrüsten und Leistungsschau" mutiert. Damit die eigenen Kinder nicht im Wettbewerb von anderen abgehängt würden, versuchten Eltern ihr Heranwachsen früh zu steuern. Drei Mütter sitzen im Wartezimmer des Sprachcenters auf Rattansesseln und plaudern. "Meine Tochter konnte sich in der Schule durch den Kurs einen Vorsprung sichern", sagt eine mit rot geschminktem Mund und taxiert die Runde. Die andere: "Ich nehme meine Tochter jetzt bald aus dem Kurs, in der Schule sind die weiter." Die dritte: "Meine Tochter soll mit ihren Cousinen aus New York sprechen können, Englisch brauchst Du doch heute."

Hinter dem Spaß lauert die Angst

In den Kursen wird nicht gepaukt, sondern gelobt, ermuntert, gespielt. Positive reinforcement nennt das Richard Powell, der Deutschlandkoordinator von Helen Doron. Die Eltern in seinem Sprachcenter geben sich auch locker und sagen, dass sie schon mal eine Stunde ausfallen ließen, wenn das Kind keine Lust habe.

Doch hinter all dem Spaß lauert eine tiefe Angst. In der Studie Eltern unter Druck schreibt die Konrad-Adenauer-Stiftung: Bereits die breite Mittelschicht grenze sich massiv nach unten ab. Abstiegsangst sei die Ursache. Kinder verschiedener Schichten seien heute wie durch eine Kontaktsperre getrennt. Der Soziologe Heinz Bude spricht sogar von Ghettoisierung und Bildungspanik, denn die Eltern denken heute: Der beste Freund meines Kindes soll nicht aus der Unterschicht kommen. Auf dem Spielplatz sollen keine Gestalten lungern, die Bier trinken.

Leserkommentare
  1. Unser erbärmliches Abschneiden bei Pisa etc. wird regelmäßig schöngeredet und in unserem föderalen Chaos geht nichts vorwärts. Kein Wunder, wenn sich Eltern, denen Bildung wichtig ist, umorientieren. Das mag zu Übertreibungen führen, aber schuld an der Misere haben die Kultusminister der Länder.
    Natürlich ist es bedauerlich, daß wir uns in voller Fahrt auf die Klassengesellschaft zubewegen. Aber den Aufstieg durch Bildung versauen die 68iger-Ideologen den Unterschichtkindern. Wenn Noten weder in der Schule, noch an der Uni eine Aussagekraft haben, geht es nur noch nach Stallgeruch und Vitamin B.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... oder das Gerede über die Schule und die Tausenden bis Abermillionen von hochwissenschaftlichen Studien, Meta-Studien und Meta-Meta-Studien.

    Flankiert von den selbsternannten Bildungs-Propheten à la Prof. Hüther, der sich beim TV-Philosophen Precht hinstellt und vollmundig prophezeit, die Schule wie wir sie kennen, wäre in wenigen Jahren am Ende.

    Ich will nicht sagen, dass das Schulsystem in Deutschland ein absolutes Erfolgsmodell ist. Aber selbst wenn es das wäre: bei dieser Art von Publicity würden selbst dann die Eltern in Panik geraten.

  2. Da wäre ich mir nicht so sicher. Was ist mit den Eltern, die meinen, die ganze pluralisitische und aufklärerische Erziehung sei unnütz oder -- schlimmer noch -- unfromm?
    Die meinen, alles was man von der Welt wissen muss, würde in dem einen Buch stehen, das ihre jeweiliger Religionsstifter vor mehreren 100 Jahren geschrieben haben.
    Oder die -- von eigenen pädagogischen Idealen und weltanschaulichen Vorstellungen getrieben -- ihre Kinder auch in allen Belangen dieser Welt selbst unterrichten wollen, von denen sie zum Teil nachweislich nicht die geringste Ahnung haben.
    Vielleicht läuft nicht alles perfekt an deutschen Schulen. Aber vor dieser Alternative würde mir grauen!

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich finde es erstaunlich, dass ich bei Die Zeit Kommentatoren finde, die die Verletzung von Menschenrechten gut finden. Genauer gesagt finde ich es traurig.

  3. Ich denke, hier werden Dinge vermischt, die vielleicht doch ein wenig differenzierter betrachtet werden können.

    Wenn Eltern ihre Kinder nicht (und vor allem nicht alleine) auf Spielplätzen sehen, wo Bier-trinkende Gestalten herumlungern, so kann ich das -- ehrlich gesagt -- irgendwo gut verstehen.
    Auch wenn es vielleicht zu einer Erfahrung für's Leben gehört, von so einer Gestalt im Vollsuff einfach zu deren Spaß mal richtig "durch die Mangel gedreht" worden zu sein. Falls man diesen Kursus in "andere Lebensweisen" und "Sozialkompetenz" denn über-lebt.

    Wenn Eltern dagegen Angst davor haben, die Kinder könnten aus Mangel an "Chinesisch für Kleinkinder" später unweigerlich Hartz-IV anheimfallen, dann stimmt in der Tat etwas nicht. Wenn Kinder einen Terminplan haben, bei dem sich ein Manager beschweren würde, dann stimmt etwas nicht.

    Und dann muss man sich auch nicht wundern, wenn die Kinder -- endlich in der Schule angekommen -- schon total überreizt und überdreht sind. Und damit WIRKLICHE Bildungsprobleme bekommen. Weil sie zwar ein babylonisches Sprachengewirr im Kopf haben, aber unfähig sind, einfach mal 2 Minuten lang ruhig und konzentriert zuzuhören.

    3 Leserempfehlungen
  4. ... oder das Gerede über die Schule und die Tausenden bis Abermillionen von hochwissenschaftlichen Studien, Meta-Studien und Meta-Meta-Studien.

    Flankiert von den selbsternannten Bildungs-Propheten à la Prof. Hüther, der sich beim TV-Philosophen Precht hinstellt und vollmundig prophezeit, die Schule wie wir sie kennen, wäre in wenigen Jahren am Ende.

    Ich will nicht sagen, dass das Schulsystem in Deutschland ein absolutes Erfolgsmodell ist. Aber selbst wenn es das wäre: bei dieser Art von Publicity würden selbst dann die Eltern in Panik geraten.

    Eine Leserempfehlung
  5. Irgendwo ist es amüsant: Da lernen Kinder in Deutschland
    irgendwelche Sprachen (Englisch, Spanisch, Chinesisch, ...), die in ihrer Alltagswelt meist gar nicht vorkommen.

    Manchmal bekommt man tatsächlich den Eindruck, als ob "Übersetzer" der Traumjob der Nation wäre.

    Natürlich leben wir in einer globalisierten Welt, in der z.B. Englisch Verkehrssprache ist.
    Aber: Unsere Spitzenforscher, Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse haben ihren Job nicht vor allem deshalb, weil sie lupenreines Englisch sprechen. Fragen Sie Herrn EU-Kommissar Öttinger!

    3 Leserempfehlungen
  6. 38. Linie:

    Also doch auf Linie bringen. Und wie die wenigen Beispiele verallgemeinernd zeigen, ist der Mensch, im speziellen die Spezies Eltern, von grund auf schlecht und denkt geflissentlich nur ans eigene abwracken.

    Ich sage Ja zu Schulpflicht, bei gleichzeitiger ordentlicher staatlicher Durchführung. Dann bräuchte es nicht solche panikartigen Entgleisungen von Dauerbildner geben, wie im Artikel beschrieben.

    Deshalb bleibe ich dabei, die staatliche Deregulierung hat in der systematischen Unterfinanzierung der staatlichen Bildung bei gleichzeitiger Schulpflicht eine Elterngeneration erzeugt, die Angst um die Zukunft ihrer Kinder haben, weil sie, mit Hilfe von Politik und Werbung zu der Meinung gelangt sind, dass die staatliche Schule die (ihre) Kinder nicht mehr ausreichend auf die zukünftigen Lebensbedingungen der globalisierten Welt vorbereitet.
    Deshalb bleibe ich dabei: Ziel erreicht. Privatisierung der Bildung im Zweitsektor erfolgreich gelungen.

    2 Leserempfehlungen
  7. Das Ende der Schulpflicht würde etliche Kinder zu Sklaven der Weltanschauung ihrer Eltern machen, ähnlich wie es teilweise in den USA geschieht.

    Evangelikale Fundamentalisten lehren in Physik ihren Kindern, dass die Sonne um die Erde kreise und beide nicht älter als 5.800 Jahre wären, Rechtsradikale Eltern greifen dann vielleicht auf Lehrpläne von 1939 zurück, strenge konservativ-muslimische Eltern ohne Deutschkenntnisse lehren möglicher Weise ihren Töchtern nur Nähen, Kochen, Waschen und Bügeln, um sie vor der verderbten westlichen Welt zu bewahren,... - all' dies wird mit der Schulpflicht wirksam unterbunden! Schulische Bildung sehe ich als Menschenrecht der Kinder.

    Eine Leserempfehlung
  8. und schon gar nicht besser. Das habe ich vor langer Zeit einmal in einem ansonsten Mittelmäßigen Buch über Projektmanagement gelesen.
    Kurioserweise scheinen viele Eltern zu glauben, dass solche Erkenntnisse für Kinder nicht gelten. Und folgen damit einem gesellschaftlichen Mainstream, der in der Tat bedenklich ist. Eltern wie Kindergarten wie Schule versuchen immer mehr "nützliches" Wissen schon möglichst früh in die Kinder zu pressen und lassen ihnen dabei keine Zeit mehr Essentielles über sich und ihre Umwelt zu lernen. Dabei waren es immer schon das unnütze Wissen und die Überzeugung in sich selbst, die zu wirklichem Fortschritt geführt haben.
    Besonders elektronische Medien scheinen der Elterngeneration soviel Angst und Respekt einzuflößen, dass ein gesunder Umgang bei ihnen selbst und ihren Kindern unmöglich geworden ist. Panik ist hier tatsächlich das treffende Wort.
    In diesem Zusammenhang ein lesenswertes Blog: http://kindgerechtblog.wo...

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service