Journalismus und PolitikWann überschreitet ein Herrenwitz die rote Linie?

Gegen Rainer Brüderle steht der Vorwurf des Sexismus im Raum. Oder war es nur der geschmacklose Witz eines älteren Herren? Schwer zu trennen, sagt Anna Sauerbrey. von Anna Sauerbrey

Der Stern hat ein Porträt des FDP-Politikers Rainer Brüderle veröffentlicht. Darin beschreibt die Journalistin Laura Himmelreich eine Szene am Vorabend des Dreikönigstreffens 2012, an dem sich traditionell Journalisten und FDP-Politiker treffen. Brüderle, so Himmelreich, habe sich ihr gegenüber an diesem Abend unangemessen verhalten. Ein Gespräch an der Bar, das das Oktoberfest streift, mündet in die Bemerkung, sie könne ein Dirndl ja auch ausfüllen, verbunden mit einem Blick auf ihren Busen.

Rainer Brüderle hat sich zu dem Text nicht geäußert. Dennoch verursacht er Aufregung. Die rührt zum einen daher, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung machtpolitisch brisant ist. Eben erst ist Brüderle zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gekürt worden. Doch die Aufregung ist auch eine gesellschaftspolitische. Der Text bohrt im doppelten Sinn ein Loch in die Wand des Hinterzimmers: Einerseits in das Hinterzimmer des Journalismus. Andererseits in die Wand, die den öffentlichen Umgang mit dem Sexismus vom Sexismus der Hinterzimmer trennt. Der Text überschreitet eine rote Linie, und er handelt von einer roten Linie. Jene Linie, die so enorm schwierig zu definieren ist: Sie verläuft zwischen dem Witz eines älteren Herrn und einem Herrenwitz, zwischen einem Kompliment und einer Anzüglichkeit, zwischen allgegenwärtigem Sex und allgegenwärtigem Sexismus.

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Deutschland bemüht sich seit Jahrzehnten, seit der Frauenbewegung, darum, die rote Linie deutlich zu machen. Frauenbeauftragte und Antidiskriminierungsstellen überwachen den öffentlichen Raum. Dem, der Linie übertritt, droht Ächtung. Frauen haben inzwischen eine ausreichende Meinungsmacht aufgebaut, den Bann des Sexismus zum Mainstream werden zu lassen. So stark ist die Anerkennung, dass die Meinungsmacht manchmal in Übermacht umzuschlagen droht. Männer fühlen sich einem Generalverdacht ausgesetzt. Der Sexismusvorwurf kann zur (politischen) Waffe werden. In den USA ist das längst üblich. Zutreffende oder auch unbewiesene Vorwürfe werden genutzt, um dem politischen Gegner zu schaden. Gleichzeitig beginnen auch Frauen, sich gegen die pauschale Kategorisierung als Opfer zu wehren. "Natürlich renne ich nicht bei jedem dummen Spruch zur Antidiskriminierungsstelle", schrieb die Journalistin Annett Meiritz jüngst im Spiegel, wo sie gravierende Übertretungen der roten Linie bei der Piratenpartei beschrieben hat.

In all dem Eindeutigkeit herzustellen und allen Seiten gerecht zu werden, ist der Antidiskriminierungspolitik bis heute nicht gelungen – und vielleicht ist es auch unmöglich. Was als diskriminierend empfunden wird, wird immer eine subjektive Komponente haben. Dennoch gibt es sie, die rote Linie, und wenn es auch schwierig sein mag, sie zu erkennen, haben die meisten doch eine gute Intuition dafür. Der Herrenwitz wird dann diskriminierend, wenn er darauf zielt, ein Hierarchieverhältnis herzustellen, wenn er es für eine Frau erschwert, sich in bestimmten Kreisen zu bewegen, wenn er sagt: Du magst das anzüglich finden, aber es ist mir egal. Dann wird der Witz Brutalität.

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