Doping-GeständnisArmstrongs größte Herausforderung

Die Aggressivität, mit der Armstrong seine Gegner bekämpfte, bekommt er nun zurück. Seine Zukunft hängt davon ab, ob er wenigstens jetzt ehrlich ist, meint F. Teuffel von Friedhard Teuffel

Absturz des amerikanischen Fahrradfahrers: Lance Armstrong im Fernsehstudio von Oprah Winfrey

Absturz des amerikanischen Fahrradfahrers: Lance Armstrong im Fernsehstudio von Oprah Winfrey  |  © Getty Images Entertainment

Den amerikanischen Traum legt Lance Armstrong gerade gegen die Fahrtrichtung zurück. Er rollt rückwärts vom Gipfel wieder herunter. Heute ist Armstrong Blutwäscher und angeklagter Pedaleur. Was schon zum Allgemeinwissen zählt, ist ihm offenbar jetzt wieder eingefallen: dass er gedopt war, als er sieben Mal die Tour de France gewann. Bei seinem erwarteten Geständnis kann man ihm auch in die Augen schauen, in der Nacht zum Freitag wird es in Deutschland im Fernsehen ausgestrahlt.

Die Geschichte war ja auch zu schön, um wahr zu sein. Da besiegt einer den Krebs, fliegt später auf zwei Rädern die Berge hinauf und erhebt sich dann zum weltweiten Mutmacher gegen die Krankheit. Das gelbe Armbändchen seiner Krebsstiftung wurde Symbol für sportlichen Lebenswillen. Zwischenzeitlich wollte Armstrong sogar Gouverneur von Texas werden. Wie man an Arnold Schwarzenegger sieht, sind aufgepumpte Muskeln bei einer solchen Karriere nicht hinderlich.

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Der Absturz des amerikanischen Fahrradfahrers ist nun mehr als das Drama eines vom Sattel gefallenen Helden. Sie wiegt auch schwerer als die Drogenbeichte eines Popstars. Lance Armstrong hat seiner eigenen Mission die Luft genommen, sie fährt auf der Felge weiter. Dessen ist sich Armstrong wohl bewusst und hat sich deshalb vor der Aufzeichnung seines Fernsehauftritts bei den Mitarbeitern der Stiftung entschuldigt.

Unter Dopern nimmt Armstrong nicht nur wegen seiner herausragenden Erfolge einen Spitzenplatz ein, sondern weil er den Wettbewerb auf den medizinischen Bereich ausdehnte. Er wollte nicht bloß der Beste sein, sondern der am besten Gedopte. In seine Betrugspraktiken investierte er mehr Geld als vermutlich alle seine Konkurrenten. Die Aggressivität, mit der er seine Gegner bekämpfte, bekommt er nun als Spott und Häme zurückgezahlt. Sportsmann will Armstrong trotzdem bleiben. Marathons und Triathlons hat er sich vorgenommen. Ob er aber noch mitmachen darf, hängt auch davon ab, ob Armstrong es nun ausnahmsweise ehrlich meint oder ob er beim Beichten taktisch vorgeht wie bei einem Ausreißversuch oder erzählt, was wirklich passiert ist.

Der Sport versteht sich gerne als eine Art Resozialisierungsbetrieb. Da steht ihm allerdings eine große Herausforderung ins Haus. Armstrong gesteht jedenfalls Doping in einer Zeit, in der auch in den USA ein neues Bewusstsein für saubere Leistungen gewachsen ist. Bisher hatte es der Sportbetrieb dort mit Erfolgsergebnissen und -statistiken immer peinlich genau genommen, weniger, mit welchen Mitteln sie zustande gekommen sind. Armstrong wird aber jetzt selbst in seiner Heimat um Verständnis kämpfen müssen.

Ihm, dem großen Armstrong, drohen weitere Klagen, Prozesse und sogar Gefängnis. Auch seine Sportart scheint ihren Tiefpunkt immer noch nicht erreicht zu haben. Denn offenbar will Lance Armstrong erzählen, wie viel die Funktionäre des Internationalen Radsport-Verbandes von seinen Manipulationen wussten, diejenigen, die sich gerade mit offener Abscheu von ihm abgewendet hatten. Der geständige deutsche Doper Jörg Jaksche fürchtet, der Radsport benötige ein Sabbatjahr, um sich von all seinen Skandalen erholen zu können. Beim Ausmaß des Betrugs erscheint keine Vorstellung abstrus genug. Der Radsport kann derzeit eigentlich nur noch Flachlandetappen austragen. Denn von allen Gipfeln purzeln seine Sieger.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Moika
    • 16. Januar 2013 11:08 Uhr

    Sie haben recht: die Ausstrahlung des "Interviews" abwarten und dann kommentieren.

    Allerdings: Armstrong hat bisher nichts ohne Berechnung zu seinem eigenen Vorteil unternommen. Von daher nehme ich ihm eine Beichte seiner Dopingverfehlungen erst gar nicht ab.

    3 Leserempfehlungen
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    ... mein letzter Satz ja auch:

    "Dass Armstrong "ehrlich" sein wird, scheint mir nahezu ausgeschlossen."

  1. ... sollte nicht mit Kriterien wie "Ehrlichkeit" oder "Unehrlichkeit" bewertet werden.
    Armstrongs Motive für diesen Talkshow-Auftritt liegen jenseits der moralischen Ebene.
    Man wird nach Ausstrahlung der Sendung bewerten können, ob sie interessant oder unterhaltsam war und ob Armstrongs Aussagen für ihn oder andere sinnvoll oder folgenreich sein können.
    Dass Armstrong "ehrlich" sein wird, scheint mir nahezu ausgeschlossen.

    2 Leserempfehlungen
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    • Moika
    • 16. Januar 2013 11:08 Uhr

    Sie haben recht: die Ausstrahlung des "Interviews" abwarten und dann kommentieren.

    Allerdings: Armstrong hat bisher nichts ohne Berechnung zu seinem eigenen Vorteil unternommen. Von daher nehme ich ihm eine Beichte seiner Dopingverfehlungen erst gar nicht ab.

    • TDU
    • 16. Januar 2013 10:34 Uhr

    Nicht nur sich hat er gedopt, sondern einen Nichtgedopten geduldet und solange unter Druck gesetzt bis sie nachgaben. Und das war doch äusserst lukrativ für alle.

    Man kann über ihn sagen, was man will. Er ist ein großer Taktiker und auch seine jetzigen Schritte sind genau geplant. Der Reuige verdient Sympathie und wer hinfällt und wieder aufsteht ist Top.

    Die reuige kleine Jones macht er nicht. Wenn er wieder Erfolg hat, bekommen die Fans, was sie wollen. Mit der Moral ist es so eine Sache und die wird immer so eine Sache bleiben. Im Sport, in der Politik und auch in den Medien.

    Aber zumindest scheint sein Netzwerk angeschlagen und deswegen haben Nicht Gedopte wieder Chancen. Oder Nicht Überführte?.

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  2. Armstrong versucht hier Transparenz herzustellen NACHDEM die Fakten auf den Tisch liegen. Hätte er es vorher versucht, hätte man noch denken können, dass er versucht mit sich und seinem Betrug am Sport ins Reine zu kommen. Aber so wie jetzt ist er einfach nur jemand, der noch auf den letzten Drücker versucht, seinen Hintern zu retten, um nicht in den Knast zu wandern. Das ist nun keine großartige Leistung. Aber die hat er offensichtlich auch vorher nicht (auf ehrlichem Wege) zustande gebracht.

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  3. ... mein letzter Satz ja auch:

    "Dass Armstrong "ehrlich" sein wird, scheint mir nahezu ausgeschlossen."

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  4. ... wird seit einigen Tagen schon so viel berichtet, kommentiert, interpretiert, obwohl das Interview noch keiner gesehen hat? Reicht es nicht, ab Freitag darüber zu berichten? ...

    kaum zu glauben

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  5. Warum bekommen soche Bluffer nur immer wieder diese mediale Aufmerksamkeit???

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  6. sind seine Dopingproben! :P

    Und das sind nicht mal meine Worte, sondern ein Wortlaut der RTL Spätnachrichten von Gestern.

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  • Schlagworte Arnold Schwarzenegger | Radsport | Betrug | Krebs | Marathon | Popstar
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