Mohammed Mursi hatte eine frohe Botschaft im Gepäck. In seinem Land spüre er "eine neue vielversprechende demokratische Atmosphäre". Während seines achteinhalbstündigen Besuchs in Berlin hat Ägyptens Präsident alles getan, um die Entwicklung in seinem Land als positiv darzustellen. Selbstbewusst und voller Stolz präsentierte er sich, auch wenn zu Hause politische Machtkämpfe toben, die Gesellschaft zu zerbrechen droht, Menschenrechte missachtet werden und die Gewalt kein Ende nehmen will.

"Geben Sie mir die Hoffnung zurück?", fragte denn auch Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Mursi hatte am Mittwochabend seine Visite mit einer Grundsatzrede auf Einladung der Körber-Stiftung abgeschlossen und sich danach im Berliner Humboldt-Carré einer offenen Diskussion vor rund 200 geladenen Gästen gestellt. Zwei große Hoffnungen habe er mit den Revolutionen in den arabischen Ländern verbunden, sagte Löning: Dass "die Würde des Einzelnen endlich auch in Ihrem Land und in den Nachbarländern für jeden Menschen gilt" und eine "Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren Ländern, unseren Kontinenten … mehr Verständnis, weil wir auf gleicher Basis, auf gleicher Ebene reden". Manches aber sei derzeit schlimmer als zu Zeiten Mubaraks.

Keine Verantwortung für Gewalt

Mursi mochte das nicht hören. Der Realität in Ägypten werde mit solchen Äußerungen Unrecht getan. "Man sollte nicht nur darauf achten, was über uns gesagt wird, sondern was bei uns wirklich stattfindet", sagte er. Selbstverständlich gebe es individuelle Verstöße, "aber die sind nicht von der Regierung gewollt und sind ganz sicher nicht Linie der Regierung". Dahinter stünden Anhänger des alten Regimes und gewaltbereite Verbrecher. Das werde von der Justiz untersucht, nein, die Regierung habe damit nichts zu tun. Und auch die Presse habe "große Freiheiten". Nirgendwo und zu keiner Zeit sei ein System oder ein Präsident so exzessiv kritisiert worden wie derzeit in Ägypten.

"Ägypten wird ein Rechtsstaat"

Mursi wies nicht nur jede Verantwortung von sich. Schon am Nachmittag hatte er sich an der Seite von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Einmischung in innere Angelegenheiten verbeten und ansonsten alles versprochen, um der erhofften zusätzlichen Hilfe aus Deutschland den Weg zu ebnen: "Ägypten wird ein Rechtsstaat sein. Es wird ein ziviler Staat sein und nicht militärischer Natur. Es wird ein Staat sein, der Meinung und Gegenmeinung zulässt und auch einen Machtwechsel."

Nun aber gab er sich in seiner Rede angriffslustig und machte klar, wie er sich eine Beziehung auf Augenhöhe vorstellt. Keine Seite dürfe sich dazu aufschwingen, der anderen Ratschläge zu erteilen und die alleinige Weisheit für sich beanspruchen. Der Westen habe jahrzehntelang zum Überleben von Regimen beigetragen, die ihre Bevölkerung unterdrückten und deren Willen ignorierten – manchmal mit der Begründung, Stabilität zu sichern, manchmal unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen. Darüber wie er den demokratischen Wandel voranbringen und die gespaltene Gesellschaft einen will, darüber sagte Mursi, der nach Deutschland gekommen war, um für Schuldenerlass, Investitionen und Entwicklungsprojekte zu werben, nichts.

Blutsauger, Kriegstreiber, Affen und Schweine

In Bedrängnis brachte Mursi Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo, der die Fragerunde nach der Rede leitete. Unnachgiebig bohrte dieser nach. Er wollte wissen, was es mit Mursis Äußerungen in einem Fernsehinterview vor drei Jahren auf sich hat, als er Zionisten als Blutsauger, Kriegstreiber und die Nachkommen von Affen und Schweinen bezeichnet hatte. Es blieb bei Ausflüchten: "Aus dem Zusammenhang gerissen" sei das alles, ein Missverständnis. Stattdessen brachte er Anekdoten über israelische Luftangriffe und verwies auf international geächtete Waffen, die der Nachbar gegen Unschuldige einsetze.

Auf die Frage, ob Touristen künftig ein Alkoholverbot drohe und Bikinis an ägyptischen Stränden bald verboten würden, antwortete Mursi beschwichtigend: "Die Leute sind frei in dem, was sie tun, wenn sie damit niemand anderem schaden." Weitere unangenehme Themen wie Frauenrechte oder die Polizeigewalt in Ägypten blieben Mursi angesichts der knappen Zeit erspart. Der Präsident flog noch am Abend zurück nach Kairo.