Berlin-BesuchAls Mursi auf die deutsche Gesellschaft traf

Mursi auf Deutschlandbesuch. Bei einer öffentlichen Diskussion wurde Ägyptens Präsident kräftig gegrillt. Der keilte mit Kritik am Westen zurück. von 

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi  |  © Fabrizio Bensch/Reuters

Mohammed Mursi hatte eine frohe Botschaft im Gepäck. In seinem Land spüre er "eine neue vielversprechende demokratische Atmosphäre". Während seines achteinhalbstündigen Besuchs in Berlin hat Ägyptens Präsident alles getan, um die Entwicklung in seinem Land als positiv darzustellen. Selbstbewusst und voller Stolz präsentierte er sich, auch wenn zu Hause politische Machtkämpfe toben, die Gesellschaft zu zerbrechen droht, Menschenrechte missachtet werden und die Gewalt kein Ende nehmen will.

"Geben Sie mir die Hoffnung zurück?", fragte denn auch Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Mursi hatte am Mittwochabend seine Visite mit einer Grundsatzrede auf Einladung der Körber-Stiftung abgeschlossen und sich danach im Berliner Humboldt-Carré einer offenen Diskussion vor rund 200 geladenen Gästen gestellt. Zwei große Hoffnungen habe er mit den Revolutionen in den arabischen Ländern verbunden, sagte Löning: Dass "die Würde des Einzelnen endlich auch in Ihrem Land und in den Nachbarländern für jeden Menschen gilt" und eine "Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren Ländern, unseren Kontinenten … mehr Verständnis, weil wir auf gleicher Basis, auf gleicher Ebene reden". Manches aber sei derzeit schlimmer als zu Zeiten Mubaraks.

Anzeige

Keine Verantwortung für Gewalt

Mursi mochte das nicht hören. Der Realität in Ägypten werde mit solchen Äußerungen Unrecht getan. "Man sollte nicht nur darauf achten, was über uns gesagt wird, sondern was bei uns wirklich stattfindet", sagte er. Selbstverständlich gebe es individuelle Verstöße, "aber die sind nicht von der Regierung gewollt und sind ganz sicher nicht Linie der Regierung". Dahinter stünden Anhänger des alten Regimes und gewaltbereite Verbrecher. Das werde von der Justiz untersucht, nein, die Regierung habe damit nichts zu tun. Und auch die Presse habe "große Freiheiten". Nirgendwo und zu keiner Zeit sei ein System oder ein Präsident so exzessiv kritisiert worden wie derzeit in Ägypten.

Leserkommentare
  1. Die Kolonialherren in Europa hatten die Araber unterdrückt, willkürlich getrennt, ihre Ressourcen ausgebeutet und die Menschen in ihren Kriegen verheizt.

    Neben Ägypten besteht außerdem bis heute unkritisiert ein kriegerisches Apartheidsregime, das mit Streubomben und anderem Kriegsgerät unter fadenscheinigen Begründungen gegen Menschen in völkerrechtswidrig besetzten Gebieten vorgeht, um sie zu vertreiben.

    Interessant zu beobachten, wie konsequent die wenigen traditionellen Freunde Deutschlands durch unreflektierte Übernahme naivst formulierter Normen nach und nach verprellt werden.

  2. Die "deutsche Gesellschaft" hat einen Staatschef "gegrillt".
    Kurz und bündig - so wie man das vom Boulevard her auch kennt.
    Die Schlagzeile und ihre Unterschrift macht inzwischen in den meisten Medien die "Klicks", aus deren Zahl -irrtümlich- die Wichtigkeit des Mediums interpretiert wird. Es ist schade, dass inzwischen selbst die ZEIT-Redaktionsverantwortlichen solche -auch umgangssprachlich miesen Beschreibungen- "durchlaufen" lassen. Medien müssen -bei der zunehmend umstrittenen Qualität ihrer Mitarbeiter- solche "Griller" intern zensieren.

  3. Gleichzeitig werden Exporte Panzer u.a. Waffen nach Saudi-Arabien u. andere Diktaturen von Merkels Regierung genehmigt.

    Aber kritisieren tut man nur Mursi! Ist das Ablenkung? Und die deutsche Journallie merkts nicht! Inklusive ZEIT.

  4. nachträglich herzlich Willkommen im Land der Denker und Dichter.

    Bitte nehmen Sie es Ihnen nicht übel. Seien Sie versichert, wie ich oft die normalen Menschen hier erlebt habe, ist das d. Volkes überwiegend ein höfliches Volk. Sie wollen keinen Menschen grillen oder beleidigen. Sie Sind gute Zuhörer und versuchen sich nicht anmaßend zu profilieren und respektieren andere Kulturen und Völker.

    Wenn Sie wüssten, wie oft Ihre Griller schweigen, wenn es wirklich darauf ankommt, hätten Sie sie nur belächeln sollen, und Sie bekämen nichts mehr als "unsere Weisen haben uns angelogen" zu hören. Erwarten Sie bitte nicht, dass sie den Anstand und die Ehrlichkeit besessen hätten, Ihnen oder Ihren Lesern und der Öffentlichkeit zu sagen, wer diese Weisen denn wären und sind. Sich bei ihnen profilieren geht immer. Schließlich, was glauben Sie, was diese Art Griller, Schlimmes in ihrem Leben durchgemacht haben, dessen Ergebnis ein ausgeprägter Charakter mit Rückgrat wäre?

    Ich glaube sie waren vielleicht ein wenig menschlich überfordert. Nach langen Jahren der geleichgeschalteten Presse und "freundlichen Diktatoren" sehen sie zum ersten mal einen Ihnen gegenüber unfreundlich demokratisch gewählten Präsidenten, den ersten des 7000 Jahre alten ägyptischen Volkes und unter den 350 Millionen Arabern.

    • xy1
    • 31. Januar 2013 13:50 Uhr

    "Was wäre, wäre der Westen da nicht gewesen. "
    Darüber lohnt es sich nachzudenken, bevor man den Westen verdammt.
    Dank westlichen Errungenschaften wie moderner Medizin, Hygiene, etc. ist Ägyptens Bevölkerung von ca. 3Mio (Mitte 19.Jh.) auf ca. 90Mio. angestiegen!
    Dank napoleonischem Imperialismus wurde die Geschichte Altägyptens erkundet (u. die Hieroglyphen entziffert).
    Vorher waren die Pyramiden Baumaterialquellen, die Pharaonengräber wurden des Goldes wegen geplündert.
    der Suezkanal - z.Zt. wichtige Einnahmequelle Ägytens - ist wurde westlichen Unternehmen finaziert und gebaut.
    Mit ein wenig Geschichtskenntniss könnte diese Liste verlängert werden.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "@ Marl Karx"
  5. Israel, Alkohol und Bikini?
    Sind das die dringlichsten Fragen über die Zukunft der Demokratie in Ägypten?

  6. ...findet sich im eigentlichen Bericht nichts, was eine derart reißerische Ankündigung rechtfertigen würde. Erwähnt werden ein paar kritische Nachfragen, die Mursi offenbar kaum wirklich aus dem Konzept bringen konnten.

    Auf derart boulevardeskes Aufmerksamkeitsgeheische sollte man wirklich nicht ausgerechnet bei ZO stoßen müssen.

  7. ..ist nicht wirklich aussagekräftig. Ägypten war bis 1982 eine Republik bis Mubarak schließlich mit Notstandsgesetzen regierte und eine Diktatur erschaffte. Von daher hat das überhaupt nichts mit dem Westen oder den Kolonialmächten zu tun, einzig und allein damit, dass Menschen wie Mursi nun in Ägypten ihr Werk vollenden können und die Weltbevölkerung zuschaut.

    Deutschland war übrigens auch bis 1945 eine Diktatur. 4 Jahre später eine Demokratie. Und Ägypten ist seit 1922 unabhängig, von daher kann man nicht alles auf die Kolonialmächte schieben, dann ist man einfach uninformiert.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vor der Nazi-Diktatur war Deutschland aber Demokratie (wenn auch mit riesigen Schwächen) und hatte im Grunde sein Schicksal selbst in der Hand - Ägypten war Kolonie und dann Diktatur,im Grunde haben die Ägypter erst jetzt ihr Schicksal in der eigenen Hand.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service