Wer sind eigentlich diese sogenannten Wutbürger? Seit ein paar Jahren tauchen sie als rhetorische Figur in vielen Debatten, Leitartikeln und Politikerreden auf. Dabei ist der Begriff nicht eindeutig. Schließlich verbergen sich hinter den Bahnhofs-, Flughafen-, Atomkraft-, Euro- und Banken-Gegnern, die in den vergangenen Jahren protestiert haben, unterschiedliche Menschen und Ideale.

Der Protest ist betagt

Eine wissenschaftliche Studie hat dieses Phänomen nun erstmals systematisch untersucht. Erstellt wurde sie vom Göttinger Institut für Demokratieforschung, finanziert hat sie der Mineralölkonzern BP. Die meist jungen Wissenschaftler sind an die verschiedenen Orte der deutschen Protestlandschaft gereist und haben Aktivisten interviewt, Gruppendiskussionen veranstaltet und so Daten von 200 Bürgerprotestlern gesammelt. Der Politikwissenschaftler Franz Walter hat ihre Ergebnisse in einem Fazit gebündelt – und einige Gemeinsamkeiten festgestellt.

Besonders auffällig ist, dass die deutschen Protestgruppen häufig von alten Mitgliedern geprägt sind. Die altersmäßig größte Gruppe unter den Protestierenden gegen Infrastruktur- und Energiewendevorhaben sind die 56- bis 65-Jährigen. Auch die 65- bis 75-Jährigen sind relativ stark vertreten.

"In der Tätergruppe des Protests" befinden sich laut der Studie viele Vorruheständler, Rentner und Pensionäre. Das sei leicht zu erklären, denn schließlich verfügten sie über viel Freizeit. Entsprechend sind unter den Protestierenden auch auffällig viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Schüler und Beamte. Die 25- bis 35-Jährigen sind am geringsten vertreten, auch junge Eltern und Berufsanfänger protestieren selten.

Deutlich jünger als die Bahnhofs- und Windrad-Gegner sind dagegen die Aktivisten der Occupy-Bewegung und die politischen Netzaktivisten, die sich wiederholt zusammentaten, wenn sie ihre digitalen Freiheitsrechte bedroht sahen. Im Internet, schreiben die Autoren, "scheint sich geradezu eine neuartige Schülergeneration mit originären Protestformen und politischen Anliegen zu formieren. Wir treffen, kurzum, auf viele 14- bis 20-Jährige".

Protest der Bildungsbürger

Der Bürgerprotest ist außerdem ein Protest von Bildungsbürgern. Es waren nur äußerst selten Angehörige der unteren Gesellschaftsschichten, die sich in den vergangenen Jahren zu Kundgebungen und Demos versammelt haben. Stattdessen protestierten vor allem Menschen mit hoher Bildung, hohem Einkommen und einem großen sozialen Kontaktnetz.

Die Männer dominieren den Protest

Die Studie fasst zusammen: "In einer Partizipationsdemokratie haben diejenigen ohne Bildung, ohne eine tragfähige materielle Basis, ohne Berufsstolz nichts zu lachen. Hier geben die Magister und Doktoren den Takt vor."

Frauen protestieren vor allem für Bildung

Den deutschen Protest dominieren klar die Männer. Sie sind in den Aktivistengruppen stark vertreten, meist in den führenden Positionen. Unter den untersuchten Protestierenden waren gut 70 Prozent männlichen Geschlechts.

Besonders stark männlich geprägt sind die Protestaktionen gegen die Europäische Union, die Occupy-Bewegung und die Protestaktionen im Internet. Immerhin ein Drittel Frauen findet sich bei den Demonstrationen im Sektor Energie und Stadtentwicklung. Das "feminine Terrain schlechthin bilden die Initiativen im Bildungs- und Schulbereich", heißt es in der Studie. Hier sind rund 75 Prozent weiblichen Geschlechts.

Verachtung der Eliten

In ihren Interviews stießen die Wissenschaftler häufig auf Verachtung für das bestehende System. Politiker würden häufig nur als "Karrieristen, Postenjäger, Beutemacher" gesehen. Im gleichen Atemzug würden oft die Medien, Verbände und der Lobbyismus gegeißelt. Diese Verachtung der Eliten sei auch in anderen europäischen Ländern ein charakteristischer Zug, sagen die Autoren der Studie und beschreiben das Phänomen mit dem Begriff Misstrauensgesellschaften.

Ebenso typisch wie die Unzufriedenheit der Aktivisten ist die Ziellosigkeit dieses Unmuts. Häufig registrierten die Autoren einen Mangel an Gegenkonzepten. Präzise Vorstellungen über eine andere Form der Demokratie – jenseits der oft eher leidenschaftslos vorgetragenen Bekenntnisse zur Basisdemokratie und zu Volksentscheiden – fanden sie selten.

Was heißt das für die Zukunft?

Die Autoren kommen zu einem durchaus pessimistischen Schluss. Sie finden es beunruhigend, dass zu den schon länger bekannten Verdrossenen (meist der unteren Schichten) jetzt noch die Empörten (überwiegend aus der Mitte) hinzugekommen sind. Gleichzeitig, schreiben sie, profitiere das politische System auch vom Protest: "Hinter dem Engagement von Bürgern stehen Wissen, Information, Ideen, Einfälle und beträchtliche Energien, derer sich der Staat bedienen kann."

Im alternden Deutschland der kommenden Jahrzehnte, sagen die Forscher voraus, werden die Bürgerprotestler vermutlich noch stärker die Rolle als "Organisatoren der Unzufriedenheit" übernehmen. "Spätestens zwischen 2015 und 2035 werden sich Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner in den öffentlich vorgetragenen Widerspruch begeben."