UnzufriedenheitDer deutsche Protest ist alt, klug und männlich

Gegen Windräder, Stuttgart 21, Bankenmacht: Was eint die sogenannten Wutbürger außer Wut? Eine umfangreiche Studie gibt Antworten. von 

Wer sind eigentlich diese sogenannten Wutbürger? Seit ein paar Jahren tauchen sie als rhetorische Figur in vielen Debatten, Leitartikeln und Politikerreden auf. Dabei ist der Begriff nicht eindeutig. Schließlich verbergen sich hinter den Bahnhofs-, Flughafen-, Atomkraft-, Euro- und Banken-Gegnern, die in den vergangenen Jahren protestiert haben, unterschiedliche Menschen und Ideale.

Der Protest ist betagt

Eine wissenschaftliche Studie hat dieses Phänomen nun erstmals systematisch untersucht. Erstellt wurde sie vom Göttinger Institut für Demokratieforschung, finanziert hat sie der Mineralölkonzern BP. Die meist jungen Wissenschaftler sind an die verschiedenen Orte der deutschen Protestlandschaft gereist und haben Aktivisten interviewt, Gruppendiskussionen veranstaltet und so Daten von 200 Bürgerprotestlern gesammelt. Der Politikwissenschaftler Franz Walter hat ihre Ergebnisse in einem Fazit gebündelt – und einige Gemeinsamkeiten festgestellt.

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Besonders auffällig ist, dass die deutschen Protestgruppen häufig von alten Mitgliedern geprägt sind. Die altersmäßig größte Gruppe unter den Protestierenden gegen Infrastruktur- und Energiewendevorhaben sind die 56- bis 65-Jährigen. Auch die 65- bis 75-Jährigen sind relativ stark vertreten.

"In der Tätergruppe des Protests" befinden sich laut der Studie viele Vorruheständler, Rentner und Pensionäre. Das sei leicht zu erklären, denn schließlich verfügten sie über viel Freizeit. Entsprechend sind unter den Protestierenden auch auffällig viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Schüler und Beamte. Die 25- bis 35-Jährigen sind am geringsten vertreten, auch junge Eltern und Berufsanfänger protestieren selten.

Deutlich jünger als die Bahnhofs- und Windrad-Gegner sind dagegen die Aktivisten der Occupy-Bewegung und die politischen Netzaktivisten, die sich wiederholt zusammentaten, wenn sie ihre digitalen Freiheitsrechte bedroht sahen. Im Internet, schreiben die Autoren, "scheint sich geradezu eine neuartige Schülergeneration mit originären Protestformen und politischen Anliegen zu formieren. Wir treffen, kurzum, auf viele 14- bis 20-Jährige".

Protest der Bildungsbürger

Der Bürgerprotest ist außerdem ein Protest von Bildungsbürgern. Es waren nur äußerst selten Angehörige der unteren Gesellschaftsschichten, die sich in den vergangenen Jahren zu Kundgebungen und Demos versammelt haben. Stattdessen protestierten vor allem Menschen mit hoher Bildung, hohem Einkommen und einem großen sozialen Kontaktnetz.

Leserkommentare
    • genius1
    • 02. Februar 2013 12:56 Uhr

    Die Behauptung das es Rentnern heutzutage immer noch gut geht ist Falsch. Das mag nur noch für ganz wenige, sehr gut Verdienende abhängig Beschäftigte gelten die es bis zur Rente schaffen, in einem Arbeitsverhältnis zu stehen!

    Hartz IV Bezug vor dem sechzigsten Lebensjahr und die Altersrente schwindet wie Eis in der Sonne!

    Weitere Informationen zur Rente, Kommentar 39:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-01/fruehrente-trend-studie?commentsta...

    Und wer die wirtschaftlichen Zusammenhänge begreifen Will:

    http://www.hintergrund.de/201211142352/wirtschaft/welt/usa-in-vier-einfa...

    Jetzt sollte man auch Begriffen haben, warum wir Heute da stehen wo Wir stehen!

    Die meisten Menschen haben nur ihre Arbeitskraft anzubieten um an Geld zu kommen. Wird diese nicht Nachgefragt oder Auskömmlich bezahlt, lebt man in Armut. In Deutschland, nahe am Existenzminimum! Und selbst dieses Existenzminimum lässt die Staatsschulden, trotz Exportüberschüssen, in Bund, Ländern, Städten und Gemeinden immer weiter ansteigen.

    Den Rest kenne Sie ja aus einigen meiner Kommentare!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Definieren Sie älter"
  1. 74. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt hier im Forum der ZEIT eine sinnvolle Regieanweisung: "Bitte belegen Sie Ihre Aussagen. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen." Wenn's arg daneben geht, heißt es: "Bitte bleiben Sie sachlich."

    Von mir aus können Sie das posten, was Ihnen den Mund überlaufen lässt. An der Einschätzung (s.o.) ändert das aber nichts.

    Das entsprechende Titelfoto beweist doch eindeutig die antiamerikanische Einschlag der "Wutbürger". Wer würde sonst Schuhe als Symbol des Protests benutzen. Und dass sie der Demokratie mehr als skeptisch gegenüber stehen, ist in der Studie selbst zu lesen.
    Die restlichen Merkmale lassen sich in zahlreichen Foren nachlesen, die von diesen "Wutbürgern" beherrscht werden.

  2. Moin,

    was in den Sechzigern die abfällige Bezeichnung "Hippie" für diejenigen war, die sich nicht nur mit Kreuzchen-Machen zufieden geben wollten und gegen die herrschenden Zustände protestierten, ist jetzt "Wutbürger".

    CU

    7 Leserempfehlungen
    • Xdenker
    • 02. Februar 2013 13:02 Uhr

    Die Wutbürger sind die Relikte der 68er, die Kernzielgruppe der Grünen. Einige allerdings sind beim Marsch durch die Instanzen bis in die Elite vorgedrungen und dabei durchaus recht zufrieden geworden.

    2 Leserempfehlungen
  3. Immer wieder dasselbe, egal ob es in den 50ern um die Wiederbewaffnung ging oder den 80ern gegen den Doppelbeschluss - die Protestierenden werden sogleich verleumdet, als weltfremd oder (besonders niederträchtig) jetzt als alte Säcke ohne Realitätsbezug dargestellt.

    Ziel dabei ist es stets, von den inhaltlichen Themen der Demonstranten abzulenken. Auch in dieser aktuellen "Studie" steht keine Silbe davon, dass die Bürger gute Gründe haben, wütend zu sein. Nicht verdrossen oder vergnatzt - WÜTEND!

    10 Leserempfehlungen
  4. „...überwiegend um verknöcherte Besitzstandswahrer, denen die Zukunft ihrer Nachkommen ziemlich egal ist. Die wollen, das alles so bleibt wie es ist und haben wenig Ambitionen, ihre Komfortzone zu verlassen. Dass so keine Zukunft gestaltet wird, dürfte klar sein.“

    Sie meinen also, wenn nachts Flugzeuge über Wohnhäuser fliegen, diene es dem Fortschritt? Oder wenn die Bahn einen kropfunnötigen Bahnhof für eine unbekannte Menge Geldes bauen will? Bei der Elbphilharmonie und bei BER gab es übrigens keine Demonstrationen. Ihrer abstrusen Definition leben in diesen Städten also die Fortschrittsfreunde, die an ihre Kinder denken?

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schrecklich"
  5. 79. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Eine Leserempfehlung
  6. Danke, TimoKiel und vroomfondel, für die Klärung und Positionierung.
    Die Rolle der Medien in unserer Demokratie ist ja nicht so, wie sie uns dieselben glauben machen wollen: unabhängig. Wenn die BILD mal nicht den Leuten die Birne voll..... kann, dann ist sie wütend (aber nicht unabhängig) und brandmarkt diejenigen, die ein Thema länger als BILD auf der ersten Seite halten kann, mit dem Makel WUTBÜRGER.

    Und was machen die übrigen Medien? ABSCHREIBEN, wie in der Schule, wenn einer zu wenig vorbereitet ist. Eine interessante Meinungsführerschaft innerhalb der Medienlandschaft offenbart sich hier.

    Und MEDIENHÖRIGE Politiker? Die plappern gerne nach, was Medien gerne abschreiben. So viel zur Vielfalt in einer Mediendemokratie.

    Fazit: Unsere Medien-Demokratie vereinfacht gerne vereinfachte Studien (200 Untersuchte, eine waaaahnsinnig breite Basis!?!?!) und vereinfacht gerne DEN BÜRGER. Pressefachleute sehen diese Vereinfachung als erfolgreichste Strategie, die VIERTE KRAFT in der (welcher?) DEMOKRATIE zu bleiben.

    Bleibt die Frage eines DIALOG-Bürgers: Sollten wir real existierenden Bürger, die uns auch im direkten GESPRÄCH die ein oder andere Meinung bilden, indem wir anderen zuhören, uns angesichts des Spieles der Medien bedauern oder beglückwünschen???

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