Papst-RücktrittBitte keinen Europäer als Papst

Die meisten Katholiken leben in Afrika und Lateinamerika. Papst Benedikt haben sie als lebensfern empfunden und hoffen nun auf einen Nachfolger aus ihrer Region. von Wolfgang Drechsler und Philipp Lichterbeck

Lateinamerika: Der Erzbischof von Rio de Janeiro hat ein Problem. Der katholische Weltjugendtag findet im Juli in Rio statt, und der neue Papst wird dabei sein. Statt der geschätzten eine Million Besucher erwartet Orani Tempesta nun einen weitaus größeren Andrang. Sie wollen "den Neuen" erleben – und müssen untergebracht werden. Der Zeitung Folha de Sao Paulo schildert Tempesta aber auch seine Freude, dass er das Programm für den neuen Papst erweitern kann. Der Kommende werde bestimmt belastbar sein und – anders als Benedikt XVI. – zur Christus-Statue auf dem Corcovado hinaufsteigen können: "Es ist an der Zeit, dass die Kirche sich verjüngt."

Die katholische Kirche hat in Brasilien wie im Rest Lateinamerikas stark an Attraktivität verloren. Dementsprechend groß ist das Aufatmen über den Rücktritt des als knöchern und lebensfern empfundenen Benedikts. Auf dem Kontinent wohnen rund 42 Prozent der weltweit 1,2 Milliarden Katholiken – aber sie wandern in Rekordzahlen ab. Allein in Brasilien verlor die Kirche zwischen 2000 und 2010 jeden Tag 465 Gläubige. Die meisten Ex-Katholiken strömen zu einer der Tausenden evangelikalen Freikirchen. Die Evangelikalen versprechen ein direktes Verhältnis zu Jesus Christus; sie geben Anweisungen, wie man zu leben habe (kein Alkohol, kein Karneval); und sie nähren die Hoffnung, dass Christus direkt in das Leben der Menschen eingreife, indem er sie etwa reich mache.

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Während die Freikirchen für die Armen attraktiv sind, hat die katholische Kirche unter Benedikt XVI. bei progressiv denkenden Lateinamerikanern enorm an Einfluss verloren. Sein Vorgehen gegen die Theologie der Befreiung wird ihm ebenso angekreidet wie die Bemerkung, dass die indigenen Völker sich nach der Missionierung "gesehnt" hätten. Der berühmteste Theologe Brasiliens, Leonardo Boff, hofft, dass der neue Papst ein Lateinamerikaner werde.

Ein schwarzer Papst?

Afrika: Seit dem letzten Konklave 2005, als zum ersten Mal die Möglichkeit eines schwarzen Papstes öffentlich debattiert wurde, warten Millionen Christen in Afrika voller Erwartung darauf. Zumindest numerisch spielt Afrika für Rom eine immer wichtigere Rolle. Nirgendwo wächst das Christentum schneller als in Afrika südlich der Sahara: Um 1900 waren es bei rund 100 Millionen Einwohnern nur zehn Millionen Christen. Heute sind die Hälfte der inzwischen rund 900 Millionen Einwohner Christen. Beeindruckend sind vor allem die Zuwächse der katholischen Kirche: Von 16 Millionen 1950 hat sich die Zahl der Katholiken auf etwa 140 Millionen erhöht.

Allerdings hat der katholische Glaube auf dem schwarzen Kontinent durch afrikanische Traditionen Elemente einheimischer Naturreligionen aufgenommen, weshalb sich die Praktiken oft stark von denen in Lateinamerika und Europa unterscheiden. So wird die traditionelle Weltsicht der Afrikaner noch immer in einer in Europa kaum vorstellbaren Weise vom Glauben an Hexen, Geister und vor allem die eigenen Vorfahren geprägt. "Afrikas Christen sind ihren kulturellen Wurzeln oft viel stärker verhaftet als dem Christentum", sagt Buti Tlthagale, Erzbischof von Bloemfontein in Südafrika. Dies schmälert nach Ansicht vieler Theologen die Chancen auf eine Wahl als Papst.

Vielen Afrikanern ist die Kirche angesichts ihrer bitteren Armut vor allem Quelle der Hoffnung und Inspiration. Auch verspricht sie, durch Spenden reicher Glaubensbrüder im Norden, konkrete materielle Hilfe. In Afrika ermöglicht das Priesteramt oft einen besonders schnellen sozialen Aufstieg. Die Enttäuschung über das Versagen der Politik und der korrupten Eliten hat die Attraktivität von stabilen Institutionen wie der Kirche gesteigert. Allerdings wird die Konkurrenz für die Katholiken durch die vielen evangelikalen Freikirchen immer schärfer: Fast ein Viertel aller Afrikaner gehören inzwischen zu solchen charismatischen Kirchen – fünfmal mehr als noch vor 30 Jahren. Gerade in West- und Ostafrika ist der Katholizismus zudem durch die schnelle Ausbreitung des Islam unter Druck geraten.

Leserkommentare
  1. ... ist per se nicht "besser" als ein Europäer, im Gegenteil:
    Afrikaner und Südamerikaner sind meistens
    stockkonservative Katholiken, Hardliner,
    gegen die ein Wojtyla und ein Ratzinger
    als harmlose Liberale erscheinen.
    Reformen, so sie denn gewünscht werden, sind mit denen
    nicht zu machen.
    Ich tippe sowieso auf einen Italiener - denn man hat im Vatikan
    genug von über 30jährigen "Experimenten".

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    Ich fände einen stockkonservativen Afrikaner oder Südamerikaner als Papst eine wundervolle Vorstellung.
    Die deutsche Presse wäre damit doch völlig überfordert und würde sich mit jedem zweiten Artikel lächerlich machen... Wetten, dass?

    • Quadrat
    • 13. Februar 2013 15:29 Uhr

    haben so habe ich das Gefühl die christliche Religion für sich gepachtet. Niemand aus dem Vatikan wird auf die Idee kommen einen schwarzen Papst zu wählen.
    Das Beste wäre e sowieso das ganze abzuschaffen, die Schätze des Vatikans in Bildung und soziale Projekte für die schwachen Gebiete aufuzteilen, um so den menschen aus der Unmündigkeit zu retten

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  2. Papst Benedikt haben sie als lebensfern empfunden - den Beleg für diese steile These bleibt der Artikel schuldig. In erster Linie dürfte das die Sicht nahezu aller deutscher Journalisten sein.

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  3. Ich fände einen stockkonservativen Afrikaner oder Südamerikaner als Papst eine wundervolle Vorstellung.
    Die deutsche Presse wäre damit doch völlig überfordert und würde sich mit jedem zweiten Artikel lächerlich machen... Wetten, dass?

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    • E.Wald
    • 13. Februar 2013 17:41 Uhr

    erkennen die europäischen (oder die deutschen) Journalisten dann doch noch, dass Benedikt XVI. ein in der europäischen Aufklärungs- und Denktradition verankerter Theologe ist.

    Die zur Zeit tausendfach wiedergekäute Kritik am Pontifikat ist leider von erschreckend engem, maximal europäischem Horizont. Vielleicht braucht es einen amerikanischen Papst, der die Evolutionstheorie verdammt, einen von afrikanischer Spiritualität oder einen vom südamerikanischen politischen Kampf geprägten Papst, damit auch diese Kritiker erkennen und würdigen, was sie bisher als selbstverständlich hielten.
    Ob sich die Medien dann blamieren? Möglich, aber lächerlich waren im Grunde doch schon jetzt die meisten der Artikel, die selten das geistige Niveau der Papstreden erreichten oder auch nur erkannten.

  4. so langsam aber sicher wäre es wohl wirklich an der zeit, einen papst aus den größeren gemeinden wie südamerika oder afrika zum papst zu küren.

    die alten weißen männer in rom hätte da aber sicherlich -sowohl bei der wahl als auch hinterher- dicke bretter zu bohren und die medien müssten sich auch wohl umstellen?!

    => die hoffnung stirbt zuletzt, aber viel geld würde ich bei einer wette darauf nicht einsetzen.

    Eine Leserempfehlung
    • E.Wald
    • 13. Februar 2013 17:41 Uhr

    erkennen die europäischen (oder die deutschen) Journalisten dann doch noch, dass Benedikt XVI. ein in der europäischen Aufklärungs- und Denktradition verankerter Theologe ist.

    Die zur Zeit tausendfach wiedergekäute Kritik am Pontifikat ist leider von erschreckend engem, maximal europäischem Horizont. Vielleicht braucht es einen amerikanischen Papst, der die Evolutionstheorie verdammt, einen von afrikanischer Spiritualität oder einen vom südamerikanischen politischen Kampf geprägten Papst, damit auch diese Kritiker erkennen und würdigen, was sie bisher als selbstverständlich hielten.
    Ob sich die Medien dann blamieren? Möglich, aber lächerlich waren im Grunde doch schon jetzt die meisten der Artikel, die selten das geistige Niveau der Papstreden erreichten oder auch nur erkannten.

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    Antwort auf "I have a dream"
  5. Wie relevant ist ein Papst überhaupt? Was auch immer JP2 oder B16 über Verhütung, Sexualität oder Wahrheit sagten, wen interessiert es? Selbt unter Katholiken nehmen 80-90% (je nach Umfrage) Verhütungsmittel.

    Ein afrikanischer oder asiatischer Papst wäre schon was interessantes - aber auch er nur ein Boulevard-Thema, so interessant wie der letzte Kaiser von China hinter seinen Palastmauern.

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    Wie relevant sind Leute, die die Kirche bzw. deren Oberhaupt auf Frage der Sexualmoral reduzieren? Das ist so ziemlich das Marginalste, was es gibt - anders als die wirklich drängenden Fragen für den Mob aber gerade noch intellektuell fassbar.

  6. Ich sehe die Szene bei der Eröffnung des Konklaves schon vor meinem geistigen Auge: Kardinal Giovanni Battista Re, der Leiter des Konklave, tritt vor und spricht folgendermaßen:

    "Brüder, bevor Ihr zur Stimmabgabe schreitet, bedenket bitte die Wünsche der deutschen Presse, der deutschen Protestanten, der deutschen Atheisten und der deutschen "Kirchen von Unten". Sie sind der Nabel der Welt. Nur wenn wir alle ihre Wünsche und Ratschläge beherzigen, wird die heilige römische Kirche das Jahr 2020 überleben"

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    ja, das gefällt mir, umnichts Anderes geht es in der Welt als die Deutsch-Katholische Befindlichkeit...
    Oh nee, sonst haben wir keine Sorgen oder vielleicht doch??
    Ich orientiere mich da lieber an dem, was mir meine Intuition sagt, bzw mein gesunder Menschenverstand... und dazu gehört wahrlich nicht, dass mir alte Männer, die lebensfremd oder völlig verlogen sind, erzählen, wie das Leben geht. Soviele Privilegien, wie diese Herren haben, lassen diese genau, wie unsere sogen. polit. Klasse, in ihrem Elfenbeinturm von Dingen reden, die mit dem realen Leben ja nun so viel zu tun haben, wie die Kuh mit dem Turniertanz, eben nix bis garnix!!
    Dieser ganze Mummenschanz gehört abgeschafft!! Jetzt sofort und auf der Stelle!!!

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