Lateinamerika: Der Erzbischof von Rio de Janeiro hat ein Problem. Der katholische Weltjugendtag findet im Juli in Rio statt, und der neue Papst wird dabei sein. Statt der geschätzten eine Million Besucher erwartet Orani Tempesta nun einen weitaus größeren Andrang. Sie wollen "den Neuen" erleben – und müssen untergebracht werden. Der Zeitung Folha de Sao Paulo schildert Tempesta aber auch seine Freude, dass er das Programm für den neuen Papst erweitern kann. Der Kommende werde bestimmt belastbar sein und – anders als Benedikt XVI. – zur Christus-Statue auf dem Corcovado hinaufsteigen können: "Es ist an der Zeit, dass die Kirche sich verjüngt."

Die katholische Kirche hat in Brasilien wie im Rest Lateinamerikas stark an Attraktivität verloren. Dementsprechend groß ist das Aufatmen über den Rücktritt des als knöchern und lebensfern empfundenen Benedikts. Auf dem Kontinent wohnen rund 42 Prozent der weltweit 1,2 Milliarden Katholiken – aber sie wandern in Rekordzahlen ab. Allein in Brasilien verlor die Kirche zwischen 2000 und 2010 jeden Tag 465 Gläubige. Die meisten Ex-Katholiken strömen zu einer der Tausenden evangelikalen Freikirchen. Die Evangelikalen versprechen ein direktes Verhältnis zu Jesus Christus; sie geben Anweisungen, wie man zu leben habe (kein Alkohol, kein Karneval); und sie nähren die Hoffnung, dass Christus direkt in das Leben der Menschen eingreife, indem er sie etwa reich mache.

Während die Freikirchen für die Armen attraktiv sind, hat die katholische Kirche unter Benedikt XVI. bei progressiv denkenden Lateinamerikanern enorm an Einfluss verloren. Sein Vorgehen gegen die Theologie der Befreiung wird ihm ebenso angekreidet wie die Bemerkung, dass die indigenen Völker sich nach der Missionierung "gesehnt" hätten. Der berühmteste Theologe Brasiliens, Leonardo Boff, hofft, dass der neue Papst ein Lateinamerikaner werde.

Ein schwarzer Papst?

Afrika: Seit dem letzten Konklave 2005, als zum ersten Mal die Möglichkeit eines schwarzen Papstes öffentlich debattiert wurde, warten Millionen Christen in Afrika voller Erwartung darauf. Zumindest numerisch spielt Afrika für Rom eine immer wichtigere Rolle. Nirgendwo wächst das Christentum schneller als in Afrika südlich der Sahara: Um 1900 waren es bei rund 100 Millionen Einwohnern nur zehn Millionen Christen. Heute sind die Hälfte der inzwischen rund 900 Millionen Einwohner Christen. Beeindruckend sind vor allem die Zuwächse der katholischen Kirche: Von 16 Millionen 1950 hat sich die Zahl der Katholiken auf etwa 140 Millionen erhöht.

Allerdings hat der katholische Glaube auf dem schwarzen Kontinent durch afrikanische Traditionen Elemente einheimischer Naturreligionen aufgenommen, weshalb sich die Praktiken oft stark von denen in Lateinamerika und Europa unterscheiden. So wird die traditionelle Weltsicht der Afrikaner noch immer in einer in Europa kaum vorstellbaren Weise vom Glauben an Hexen, Geister und vor allem die eigenen Vorfahren geprägt. "Afrikas Christen sind ihren kulturellen Wurzeln oft viel stärker verhaftet als dem Christentum", sagt Buti Tlthagale, Erzbischof von Bloemfontein in Südafrika. Dies schmälert nach Ansicht vieler Theologen die Chancen auf eine Wahl als Papst.

Vielen Afrikanern ist die Kirche angesichts ihrer bitteren Armut vor allem Quelle der Hoffnung und Inspiration. Auch verspricht sie, durch Spenden reicher Glaubensbrüder im Norden, konkrete materielle Hilfe. In Afrika ermöglicht das Priesteramt oft einen besonders schnellen sozialen Aufstieg. Die Enttäuschung über das Versagen der Politik und der korrupten Eliten hat die Attraktivität von stabilen Institutionen wie der Kirche gesteigert. Allerdings wird die Konkurrenz für die Katholiken durch die vielen evangelikalen Freikirchen immer schärfer: Fast ein Viertel aller Afrikaner gehören inzwischen zu solchen charismatischen Kirchen – fünfmal mehr als noch vor 30 Jahren. Gerade in West- und Ostafrika ist der Katholizismus zudem durch die schnelle Ausbreitung des Islam unter Druck geraten.