Katholische KircheKardinal Meisners Kehrtwende in der Pillenfrage

Ausgerechnet der Hardliner Kardinal Meisner will auf einmal, dass die katholische Kirche ihre Haltung zur Pille danach ändert. Er ist bekannt für seine Sprunghaftigkeit. von Claudia Keller

Die katholische Kirche steht seit zwei Wochen in der Kritik, weil Ärzte in katholischen Krankenhäusern die Pille danach weder verabreichen noch verschreiben dürfen – auch nicht Frauen, die vergewaltigt worden sind. Zwei Kliniken in Köln hatten die Untersuchung einer jungen Frau abgelehnt. Nun hat sich der Kölner Kardinal Joachim Meisner dazu geäußert und den Einsatz des Medikaments unter bestimmten Bedingungen gebilligt. Nun fragen sich viele, ob dies eine grundsätzliche Abkehr der katholischen Kirche von ihrer Haltung bedeutet.

Was hat Kardinal Meisner gesagt?

Nach einer Beratung mit Fachleuten sei ihm klar geworden, dass unter dem Begriff Pille danach "unterschiedliche Präparate mit unterschiedlichen Wirkungen zu verstehen sind", erklärte Kardinal Joachim Meisner am Donnerstag schriftlich. Es gebe Präparate, die die Zeugung verhinderten, und solche, die dazu führten, dass sich eine bereits befruchtete Eizelle in der Gebärmutter einnisten kann. Wenn nach einer Vergewaltigung ein Präparat eingesetzt werde, um die Befruchtung zu verhindern, "dann ist dies aus meiner Sicht vertretbar". Präparate, die die Einnistung der befruchteten Eizelle verhinderten, seien aber "nach wie vor nicht vertretbar, weil damit der befruchteten Eizelle, der der Schutz der Menschenwürde zukommt, die Lebensgrundlage aktiv entzogen wird". Zugleich forderte Meisner die Ärzte in katholischen Einrichtungen explizit auf, den "neuesten Stand der Wissenschaft" bei der Behandlung von vergewaltigten Frauen zu berücksichtigen.

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Bislang durfte in katholischen Einrichtungen die Pille danach weder verabreicht noch verschrieben werden, da das Medikament als eine Form von Abtreibung gewertet wird, die der katholischen Morallehre widerspricht. Gerade Meisner war stets ein Verfechter der reinen Lehre, von der selbst bei Vergewaltigungsopfern nicht abgewichen werden durfte.

Warum hat der Kardinal seine Meinung geändert?

Vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass zwei katholische Kliniken in Köln eine Frau abgewiesen hatten, die fürchtete, betäubt und vergewaltigt woden zu sein. Der Fall hatte große Empörung ausgelöst – zumal sich herausstellte, dass die Ärzte die Behandlung deshalb abgelehnt hatten, weil sie sich unter Druck der Bistumsleitung fühlten und Angst hatten, sich falsch zu verhalten. Denn einen Monat zuvor hatten radikale Abtreibungsgegner eine Detektivin in katholische Kliniken in Köln geschickt, die testen sollte, ob sie die Pille danach dort bekommt. Da einige der Kliniken mit externen Ärzten zusammenarbeiten, die nicht dem katholischen Arbeitgeber unterstellt sind, erhielt die Detektivin in einigen Krankenhäusern das Medikament – woraufhin die Abtreibungsgegner die Kliniken bei Kardinal Meisner denunzierten. Der Generalvikar verpflichtete kurz darauf alle katholischen Kliniken in Köln zu einer "Null-Toleranz-Linie" bezüglich der Pille danach.

Nach großem öffentlichen Druck wegen des Falls entschuldigte sich Kardinal Meisner vor einer Woche: Dass einer notleidenden Person Hilfe verweigert wurde, widerspreche dem christlichen Auftrag und "hätte nie geschehen dürfen". Gleichzeitig wiederholte er die rigide Position der Kirche, wonach die Pille danach grundsätzlich abzulehnen sei. In den Tagen danach scheint auf allen Ebenen der Bistumsleitung nach Gesprächen mit Medizinern ein Umdenken stattgefunden zu haben.

Spricht Meisner für die gesamte katholische Kirche?

Nein. Kardinal Meisner ist mit seiner Äußerung alleine vorgeprescht – was seine Bischofskollegen verärgert. In der Deutschen Bischofskonferenz will man sich zu dem Thema Pille danach nicht äußern, bevor sich die Bischöfe nicht gemeinsam auf eine Sichtweise verständigt haben. Die Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz in drei Wochen könnte ein Ort dafür sein.

Es gibt innerkirchlich Zweifel daran, ob sich die Wirkungsweisen von den zwei verschiedenen Pillen danach tatsächlich so klar voneinander trennen lassen, wie es Meisners Äußerung suggeriert. Fest steht: Die deutschen Bischöfe können bei einer so zentralen moraltheologischen Frage nicht im Alleingang eine Neubewertung beschließen. Die Entscheidung muss in Rom fallen.

Leserkommentare
  1. Ärzte mußten schon immer aus eigener wissenschaftlicher Einschätzung abwägen, inwieweit ein Präparat so wirke, dass es die Einnistung einer bereits befruchteten Eizelle verhindert und (!) hätten die Patientinnen schon immer dahingehend aufklären müssen. Die Entscheidung dafür oder dagegen obliegt der persönlich betroffenen Patientin.

    2 Leserempfehlungen
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    Laut den Menschenrechten sind alle Menschen gleich. Und die jüngsten Urteile vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte lassen auch diesen Fall einer vergewaltigten Frau in neuem Licht erscheinen. Jetzt muss die RKK ganz neu denken!

    15/01/2013: Europa-Gericht: GLAUBE RECHTFERTIGT KEINE HOMO-DISKRIMINIERUNG
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=18324
    Wegweisende Entscheidung aus Straßburg: Religiöse Menschen dürfen in Europa wegen ihres Glaubens nicht mehr sexuelle Minderheiten diskriminieren.

    Und der Folgeartikel ist auch interessant:
    17/01/2013: VATIKAN VERLANGT RECHT AUF DISKRIMINIERUNG
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=18348
    Der vatikanische Außenminister ist entsetzt über den Diskriminierungsschutz für Schwule und Lesben in Europa: Bei "kontroversen Themen" wie Homosexualität müsse "das Gewissen respektiert werden".

    Die RKK bleibt in Europa in der Defensive bis die erste Lesbe Päpstin ist!

  2. Aber auf das kommt es eigentlich nicht an.

    Die Definition des Beginns eines Menschen mit dem Zeitpunkt der Befruchtung einer Eizelle ist absurd.

    Genauso absurd ist natürlich die katholische Auffassung, dass Geschlechtsverkehr nur erlaubt ist, wenn dabei die Möglichkeit einer Empfängnis besteht. Dass Menschen das nur so zum Spass machen wollen, steht außerhalb der Einsichtsfähigkeit der zölibatär lebenden Bischöfe.

    Die Haltung der katholischen Kirche zu diesen Themen scheint kaum fundiert religiös begründbar und ist auch mit moralischen und sittlichen Argumenten kaum zu unterlegen.

    Diese Auffassung entspringt offenbar nur der Berührungsangst der römischen Kirche mit jeder Art von sexuellen Handlungen. Im Prinzip ist diese Haltung sogar menschenfeindlich.

    8 Leserempfehlungen
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    • Kanzel
    • 02. Februar 2013 13:33 Uhr

    Der Kölner Kardinal, der alles andere als sprunghaft ist, hat mit seinem Statement m. E. eindeutig die Königsteiner Erklärung unterstützt. Für jemand, der strikt an der katholischen Lehre festhält, ein Novum, ja fast eine Revolution.
    Hier geht es nicht so sehr um die Abtreibungspille - die nach wie vor für Katholikinnen grundsätzlich verboten bleibt, nein, es geht um die Pille und damit um Verhütung - und das ist die Kursänderung des konservativen Würdeträgers. Auf kommende Diskussionen zu diesem Thema darf man gespannt sein.

    Wenn man einen Zeitpunkt festlegen möchte, an dem menschliches Leben beginnt, so muss dies immer willkürlich sein. Zwei Zeitpunkte lassen sich klar definieren und kämen damit in Frage: Zum einen eben die Empfängnis, zum anderen die Geburt. Warum soll ein sechs Monate alter Fötus eher Mensch sein als ein zwei Monate alter? Wenn ich menschliches Leben nach einem Monat töten darf, warum nicht auch eine Stunde vor der Geburt? Oder danach?
    Ich – kein Katholik – bin der Meinung, man muss bei Abtreibung nicht von Mord reden. Wohl aber von der Tötung menschlichen Lebens. Je nach Moralvorstellung und Umständen kann man es als in Ordnung betrachten, menschliches Leben zu töten. In den meisten Fällen würde ich es ablehnen.

    • bubblez
    • 02. Februar 2013 19:30 Uhr

    "Die Haltung der katholischen Kirche zu diesen Themen scheint kaum fundiert religiös begründbar und ist auch mit moralischen und sittlichen Argumenten kaum zu unterlegen."

    Was ist schon "fundiert religiös begründbar"?

    In allen Religionen ist nichts fundiert und schon gar nichts fundiert begründet, sondern alles nur "geglaubt".

    Die wahren Beweggründe sind letztlich banale Machterlangung bzw. Machterhaltung.

    Aber ansonsten gebe ich Ihnen natürlich Recht.

  3. "Vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass zwei katholische Kliniken in Köln eine Frau abgewiesen hatten, die fürchtete, betäubt und vergewaltigt wo(R)den zu sein."

    da fehlt ein r.

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    • Petro69
    • 02. Februar 2013 13:58 Uhr

    Wer sich darüber so erregt tut mir .... nein. garnicht, der hat immer was zu meckern und schweift vom Thema ab. Da fehlt ein R , ehrlich,
    ich glaub ich spinne, hier geht es in 1. Linie um sinnvolle
    Beiträge und Meinungen. Gute Orthogaphie ist schön, kann hier doch in einem gewissen Rahmen übersehen werden, weil es um ein bestimmtes Thema geht, was dadurch nicht leiden muss.

    • Kanzel
    • 02. Februar 2013 13:33 Uhr

    Der Kölner Kardinal, der alles andere als sprunghaft ist, hat mit seinem Statement m. E. eindeutig die Königsteiner Erklärung unterstützt. Für jemand, der strikt an der katholischen Lehre festhält, ein Novum, ja fast eine Revolution.
    Hier geht es nicht so sehr um die Abtreibungspille - die nach wie vor für Katholikinnen grundsätzlich verboten bleibt, nein, es geht um die Pille und damit um Verhütung - und das ist die Kursänderung des konservativen Würdeträgers. Auf kommende Diskussionen zu diesem Thema darf man gespannt sein.

    Eine Leserempfehlung
  4. Meisner ist jetzt 79 Jahre alt und mischt sich sicherlich schon lange in die Sexualität anderer Leute ein, und ihm ist JETZT im "Gespräch mit Fachleuten" aufgefallen, dass es Pillen mit unterschiedlichen Wirkungen gibt?

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  5. Kondome wirken ganz sicher nicht "frühabtreibend", und doch werden sie von der katholischen Kirche verteufelt. Das Argument ist also Augenwischerei.

    Das Problem ist, dass Männer wie Meisner und Ratzinger mit Sex und Partnerschaft etwa so viel Erfahrung haben wie ein Hamster mit dem Tauchen. Kein Wunder, dass da nur weltfremde Theorie bei rauskommen kann.

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  6. Es ist ein möglicher finanzieller Verlust (Zuwendungen an Steuergeldern)der zu dem Statement geführt hat, nicht Einsicht in der Sache .Die Katholische Kirche ist bis jetzt eine Welt für sich und es ist oft Druck von aussen der zu Enthüllungen
    und Millimeter weise zu Veränderungen führt.

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    Es gibt immer mehr Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen, die von beiden Kirchen betrieben werden, weil Kommunen den Betrieb ausschreiben. Der Staat bzw. Sozialversicherungen zahlen weiterhin die Kosten. Es gibt jetzt drei Lösungen für die Probleme mit den Tendenzbetrieben.

    1. Es werden säkulare Betreiber bevorzugt.
    2. Bund oder Länder gründen eine Betriebsgesellschaft, um die Kommunen zu entlasten.
    3. Oder der Staat muss die Sonderrechte der Tendenzbetriebe einschränken.

    Verdi unterstützt 3. mit Klagen vor Arbeitsgerichten, deren Rechtssprechung sich langsam wandelt.

    Die Kommunen könnten bessere Verträge aushandeln. So könnten sie fordern, dass kirchliche Sonderrechte nur auf Priester anzuwenden sind. Staatliches Recht gilt für alle anderen Bediensteten. Kirchenmitglieder dürfen nicht bevorzugt werden (Diskriminierungsverbot). Auch der Leistungsumfang kann festgelegt werden. Keine Einschränkung der Mitarbeiter aufgrund religiöser Dogmen.

    Früher waren 50% der Beschäftigten Priester und Pfarrer. Heute sind es nur etwa 10%. Das wäre Grund genug für Politiker, die Sonderrechte der Tendenzbetriebe zu überarbeiten. Wahrscheinlich werden aber zuerst wie in Königswinter die Kommunalpolitiker aktiv werden und den Betreiber wechseln.

    Es ist auch bedenklich, dass Berufsberater den MuslimInnen nicht empfehlen, Krankenschwester, Altenpfleger oder andere soziale Berufe zu erlernen, weil sie in kirchlichen Betrieben nicht eingestellt würden!

    Kirche braucht den Gewinn!

    • Petro69
    • 02. Februar 2013 13:58 Uhr

    Wer sich darüber so erregt tut mir .... nein. garnicht, der hat immer was zu meckern und schweift vom Thema ab. Da fehlt ein R , ehrlich,
    ich glaub ich spinne, hier geht es in 1. Linie um sinnvolle
    Beiträge und Meinungen. Gute Orthogaphie ist schön, kann hier doch in einem gewissen Rahmen übersehen werden, weil es um ein bestimmtes Thema geht, was dadurch nicht leiden muss.

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