Olympia-Ausschluss : Ringen, die große Zivilisierungsmaschine

Ringen lehrt Gelassenheit, Rücksichtnahme und Respekt. Nach dem Olympia-Aus mischt sich Trauer mit Trotz. Eine Reise in die Ringer-Hochburg Luckenwalde.
Nick Matuhin aus Luckenwalde (in Rot) ringt bei Olympia 2012 in London mit dem Iraner Komeil Ghasemi. © Orestis Panagiotou/picture alliance/dpa

Jedes Jahr im Januar macht Helmut Börner die immer gleiche Beobachtung: Er sieht im Fliederweg eins in Luckenwalde das gute Benehmen erwachen. Den Anstand, stets verlässlich wiederkehrend nach circa viereinhalbmonatiger Abwesenheit, wie er sich auf den Stufen zu einem verwinkelten Gebäude hinauf versammelt und auf den Steinplatten vor der Eingangstür. Er tut dies in der Gestalt von 13-Jährigen.

Sie warten hier jeden Tag aufeinander, bevor sie grüppchenweise ins Haus gehen. Sie stehen herum und im September, Oktober, November, Dezember anderen Hausbesuchern wie Börner mitten im Weg. Aber dann, im Januar, nach einem knappen halben Jahr täglichem Zugegensein im Fliederweg, fangen sie an, beiseite zu treten. Sie hören auf, die Tür zu blockieren. Manchmal heben sie sogar den Blick.

Börner ist sich sicher, dass dies damit zusammenhängt, was in diesem Haus vor sich geht. Dass dieses Haus eine Zivilisierungsmaschine beherbergt. Sie produziert Rücksichtnahme und Respekt. Vor allem aber: Ringkämpfer. Das ist ihr eigentlicher Zweck, dafür ist sie einst geschaffen worden. Sie heißt 1. Luckenwalder Sportclub.

Möglicherweise sind die Tage dieser Maschine nun gezählt. Grund dafür ist eine am Dienstagmittag der vorvergangenen Woche verkündete Entscheidung des Führungsgremiums des Internationalen Olympischen Komitees. Es empfahl – so war die Wortwahl – bei einer Zusammenkunft in einem Lausanner Hotel, dass Ringen vom Jahr 2020 an nicht mehr zu den olympischen Sportarten gehören solle. Im September entscheidet schließlich die IOC-Vollversammlung verbindlich. Die noch anstehende Entscheidung sei, so sagen es mit den Gepflogenheiten der Olympia-Organisatoren Vertraute, nur noch Formsache. Das Ringen sei draußen.

Seit 1896, den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, war die Sportart dabei. Im Jahr darauf fand in einem Luckenwalder Restaurant die Gründungsversammlung des 1. Luckenwalder Athletenclubs Adler 1897 statt. Die Nachfolgevereine hießen Sportclub für Schwer- und Leichtathletik, Luckenwalder Kraftsportvereinigung 1897, Motor Luckenwalde. 1953 schlossen sich die Motor-Ringer der Sportgemeinschaft Dynamo Luckenwalde an, und 1963 kam Börner. Länger als er ist keiner hier.

Luckenwalde in Brandenburg, auf halbem Weg zwischen Berlin und Wittenberg gelegen, ist ein Ringerparadies. So wie das rheinland-pfälzische Schifferstadt eines ist oder Aalen in Baden-Württemberg oder Köllerbach im Saarland. Vergleichsweise kleine Ortschaften sind es meist, mit deren Namen in der weiten Welt kaum etwas verbunden wird, mit Luckenwalde vielleicht am ehesten noch Rudi Dutschke, der stammt von hier. In der Welt des Sports aber sind diese Namen längst Synonyme geworden für die jeweils ansässigen Ringervereine.

Börner, ein stattlicher Mann vom Jahrgang 1939 und mit freundlichem, rundem Gesicht, sitzt im Besprechungszimmer des Klubs am Fliederweg und sagt: "Was sich für das Ringen als tödlich erwiesen hat, war die letzte Veränderung im Regelwerk." Es klingt, als hätte er das Unheil von Lausanne kommen sehen. Dabei ist er genauso davon überrascht worden wie der ganze weltweite Rest der Ringergemeinde. Und wie sie ist Börner immer noch dabei, sich zu sortieren. Ihm fällt jetzt gerade nicht ein, wann genau das war, das mit der letzten Regeländerung, was aber auch daran liegt, dass es alle paar Jahre solche Regeländerungen gibt.

Gemacht werden sie vom Weltverband, und eigentlich waren die Korrekturen aus der jüngsten Vergangenheit vor allem dazu gedacht, Ringkämpfe schneller, die Ringkämpfer aktiver und das Ringen an sich für das Publikum ansehnlicher zu machen. Bewirkt haben sie allerdings das Gegenteil. Kaum jemand, der kein Fachmann ist, kann diesen Regeln noch folgen, und auf der Matte waren zunehmend keine spektakulären Kämpfe mehr zu sehen. Zu sehen war oft nur noch Geschiebe.

Dass nun mittlerweile bei nationalen und internationalen Wettkämpfen unterschiedliche Reglements gelten, bei Turnieren, in denen Einzelkämpfer gegeneinander antreten und Mannschaftskämpfen ebenso – und dazu noch traditionell nach griechisch-römischem und freiem Stil unterschieden wird –, sagt eigentlich schon alles.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Zivilisierungsmaschine?

Ich weiss nicht, solche Effekte beobachten Sie in fast jedem Kampfsportverein, wahrscheinlich sogar in jeder Sportart, in der man sich 1 zu 1 gegenübersteht. Wie sich die Kiddies dann benehmen, wenn Sie abends in der Stadt abhängen, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Das hartnäckige Gerücht, daß Ringen oder Karate oder.... einen positiven Effekt auf das Sozialverhalten der Jugendlichen hat, ist doch nur Wunschdenken und hauptsächlich dem BStreben der Kampfsportler nach sozialer Akzeptanz zuzuordnen.
Daß das Ringen aus dem olympischen Programm genommen wurde, weil es für den nicht fachkundigen Zuschauer zu langweilig geworden ist, ist nichts als eine konsequente Durchsetzung des Kommerzgedankens, der begonnen hat, als die Amateurklausel für die Teilnahme an olympischen Wettbewerben aufgehoben wurde.
Was traditionelle Sportarten angeht, müsste man mit dieser Argumentation auch Pankration und Wagenrennen wieder einführen.
Lasst das Ringen in Frieden sterben, es gibt etliche, atraktivere Alternativen.

LL

Die olympische Zielgruppe

Trotz der langen Tradition ist Ringen eine Randsportart. Davon gibt es so einige andere noch bei Olympia und es bleibt zu hoffen, dass nicht alle verdrängt werden. Tradition ist aber dennoch ein Argument, wenn es auch nicht das einzig ausschlaggebende sein sollte. Das Beste an Olympia für den Zuschauer ist doch, dass er mal bei Sportarten mitfiebert, die er sich sonst nie anschauen würde. Golf soll dafür ins olympische Programm aufgenommen werden. Das spricht vermutlich tatsächlich mehr Zuschauer an. Warum sollte man sich also darüber beklagen? Olympia hat seine Zielgruppe geändert. Früher waren das die Athleten, heute sind es die Zuschauer. Wirklich schade ist es daher für die Athleten. Während Golfer oder Sportler anderer prominenter Disziplinen auch ohne Olympia im Rampenlicht stehen können, werden Ringer außerhalb von Olympia vermutlich höchstens vom Fachpublikum beachtet. Diese Gruppe ist vermutlich kaum größer als die der Sportler selbst und genau darin liegt das Problem.

Zivilisierungsmaschine,

Rücksichtnahme, Respekt - Ringen

Da muss ich aber herzlich lächeln. Mit Rücksichtnahme und Respekt kommt der Ringer in seinem Sport nicht sonderlich weit und den besten Ruf hat das (nötige und gewollte) Naturell der Ringer unter Sportinsidern auch nicht.
Gentlemänner findet man doch eher anderswo.

Dass Sport positiven Einfluss auf problematische Naturen hat, ist jedenfalls kaum sportartspezifisch.