WinterspieleKünstliches Olympia im Badeort

Der russische Badeort Sotschi muss für die Winterspiele zum künstlichen Schneegebiet mutieren. Das wirft ein schlechtes Licht auf das IOC, kommentiert F. Teuffel. von Friedhard Teuffel

Russlands Präsident Wladimir Putin an einer Skisprungschanze in der Nähe von Sotschi

Russlands Präsident Wladimir Putin an einer Skisprungschanze in der Nähe von Sotschi  |  ©REUTERS/Sergei Karpukhin

Vielleicht gibt es in genau einem Jahr die ersten Olympischen Winterspiele ohne Winter. Vielleicht werden die Spiele von Sotschi als Chemie-Olympia in die Geschichte eingehen. An der russischen Schwarzmeerküste könnte es auch im nächsten Februar so warm sein, dass selbst der Kunstschnee schmilzt. Die Nordischen Kombinierer haben gerade ihren Weltcup dort bei zehn Grad plus ausgetragen. Nur mit jeder Menge Chemie war ihr Wettbewerb noch zu retten.

Olympische Winterspiele sind eigentlich ein Naturereignis. Doch die Spiele in Sotschi werden zeigen, wie künstlich Olympia geworden ist. Das ganze Tal sei umgegraben worden, das hat Hermann Weinbuch über Sotschi gesagt, der Bundestrainer der Nordischen Kombinierer: "Wir waren ein bisschen schockiert, dass man so etwas der Natur antun darf."

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Die Lästerei über den olympischen Gigantismus dürfte fast so alt sein wie die olympische Bewegung selbst. Doch die beiden größten Organisationen des Weltsports, das Internationale Olympische Komitee IOC und der Internationale Fußball-Verband Fifa übertreffen mit ihren Entscheidungen noch die absurdesten Vorstellungen: Winterspiele im russischen Badeort. Fußball-WM im Wüstenstaat Katar. Hinter beiden Entscheidungen steckt das gierige Streben, den Markt immer weiter zu vergrößern. Die ganze Welt als Sponsorenpool. Eine bessere Werbung kann sich Olympia auch gar nicht vorstellen als das Buhlen aller Länder um die Ausrichtung der Spiele. Es wird wohl langsam Zeit, sich auf alpine Ski-Weltmeisterschaften in Doha einzustellen.

IOC schafft es nicht, eine Werteorganisation zu sein

Dem IOC fällt dabei wieder der eigene Anspruch krachend auf die Füße, eine globale Werteorganisation zu sein. Respekt vor der Natur zeigt das Komitee jedenfalls keinen, und wenn man das IOC nach der Zwangsumsiedlung von Menschen wegen der Olympiabauten fragt, verweist es an das lokale Organisationskomitee.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich mit Sotschi seine Olympiateilnahme erkauft. Mindestens 50 Milliarden Dollar lässt sich Russland die zweieinhalb Wochen weltweite Aufmerksamkeit kosten. Und bei allem, was jetzt in der Vorbereitung schiefläuft, sind vom IOC keine großen Widerworte zu hören. Es ist vor Putin genauso eingeknickt wie 2008 vor der KP Chinas, als diese gleichzeitig Gewalt in Tibet ausüben und die olympische Fackel um die Welt tragen ließ. Wenn der Preis stimmt, vergisst das IOC gerne, dass es selbst die Regeln für die Spiele setzt.

Das IOC und die russischen Organisatoren und natürlich auch Wladimir Putin haben jetzt noch ein Jahr Zeit, sich eine Idee auszudenken, wofür diese Spiele von Sotschi eigentlich stehen sollen. Die Sinnfrage ist noch nicht beantwortet. Wintersportzentren gibt es schon genug auf der Welt, dafür braucht man Sotschi nicht. Es ist auch nicht so, dass die Bevölkerung vor Ort sich so sehnlichst Olympia gewünscht hätte. Manch einer hätte lieber seine Wohnung behalten. Wahrscheinlich kann nur noch Väterchen Frost diese Winterspiele retten.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. oder wie Marx schon sagte: "Bei 50 Prozent Profit drückt der
    Kapitalist beide Augen zu, bei 75 wird er kriminell und bei 100, da geht er über Leichen."

    Es interessiert doch nicht, ob Menschen ihr Zuhause verlieren oder ob die Natur dafür herhalten muss - es geht ums Geld und ums Prestige.

    Schöne Welt, in der wir leben....

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    Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinen Profit, wie die Natur von der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“

    Thomas Joseph Dunning (1799-1873),englischer Gewerkschaftsfunktionär. Marx zitiert ihn in einer Fußnote im "Kapital".

  2. ist nun aber gar nichts, was es nur mit IOC oder in Russland gibt.
    Skilanglauf Weltcup in Düsseldorf
    "Was für die Stadt am Rhein spricht: Sie ist schneesicher. Denn der Schnee kommt hier nicht von oben, sondern aus dem nahen Neuss: 3.000 bis 4.000 Kubikmeter Schnee werden in der Neusser Skihalle produziert, nach Düsseldorf transportiert und direkt am Rhein für den Weltcup präpariert. Weil aber ein großer Teil der Zuschauer sozusagen mit der Straßenbahn anreist, fällt die Umweltbilanz besser aus als anderswo, wo die Gäste von weit her in alpine Naturräume gebracht werden."

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  3. 3. Chemie

    Die Thermodynamik von Wasser ist reine Physik, keine Chemie.

    Das einzige was Chemie sein könnte sind die Nukleierungsmittel ( Keimbildner ) für den Schnee.

    Aber auch die Kristallisation von Wasser ist reine Physik.

    Aber das Problem ist auch der angeblich so zivilisierte Westen und dessen TV Firmen die Unsummen für die Übertragungsrechte bezahlen.

    Leider müssen wir das über die GEZ Steuern auch noch mitbezahlen.

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  4. Na, wäre das Geschrei genauso gross gewesen, wenn die Spiele nicht beim bösen Putin stattfinden würden?

    Die olymischen Spiele leiden schon seit langem unter Gigantismus. Während die meißten Sportstätten der Sommerspiele in den großen Metropolregionen wenigstens irgendwie sinnvoll weitergenutzt werden können, sind die Winterspiele nur umweltschädlich, eine Verschandelung der Natur und eine Verschwendung von Ressourcen.

    Generell ist der alpine Wintersport nicht gerade ein Segen für die doch sehr empfindlichen Bergregionen. Da werden große Schneisen in die Wälder geschlagen für Pisten und Sessellifte. Eine Infrastruktur aufgebaut, die eigentlich nur ein paar Wochen im Jahr wirklich ausgelastet ist und zu guter Letzt wird immer häufiger Kunstschnee eingesetzt, da es mit die Schneesicherheit oft auch nicht allzu weit her ist.

  5. Es ist immer ganz lustig, wie hier und anderswo Kommentatoren die olympischen Ideale des IOC oder das Fair-Play der FIFA bemühen, um Fehlentscheidungen zu deuten.
    Man sollte endlich damit aufhören, sich etwas vorzumachen. Um irgendwelche Ideale und Visionen geht es schon längst nicht mehr, sofern es überhaupt eine Zeit gegeben hat, die dergleichen im Sinne hatte. Das mag allenfalls zu den Anfängen gegolten haben, als noch alles ganz unschuldig begann, Amateure am Werk waren und Summen kursierten, die heute nur noch ein müdes Lächeln erzeugen.
    Doch spätestens seit den 70er Jahren ist der kommerzielle Aspekt nicht nur bei Funktionären, sondern bei den Sportlern selbst das alles entscheidende Argument geworden, die Währund des Sports schlechthin. Wie anders erklärt sich manchereins das jahrelange Schweigekartell um Lance Armstrong oder um die US-amerikanische Leichtathletik. Was Insinder schon längst für ausgemacht hielten, wurde von den Verantwortlichen totgeschwiegen.
    Und warum ? Es ging um das liebe Geld !
    Nicht anders ist die Vergabepraxis der Fussball-Weltmeisterschaften zu interpretieren. Es wird geschmiert, korrumpiert und gelogen, dass sich die Balken biegen.
    Ändern wird sich daran nichts. Denn Zuschauer und Sponsern goutieren sehenden Auges diesen Zynismus.

    Die ehrlichste Konsequenz daraus wäre eigentlich: Doping legalisieren und Wahlentscheidungen so transparent wie möglich gestalten. Den Rest erledigen die Selbstreinigungskräfte des Marktes.

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    Die Welt des Sports ist derart bigott geworden, dass einem das nackte Grausen überkommt. Gleichgültig, ob Olympia oder FIVA,es geht nur noch um Geld, Macht, Prestige. Die FIVA mit ihrem prunkvollen"OKW-Gebäude" in Zürich, ihrem Sepp Blatter, ihren Milliardenumsätzen, ihrer Struktur
    wie ein kleiner Kaninchenzüchterverein, usw., ist derart korrupt, dass sogar der mit dem Ausmisten des Augiasstalls beauftragte Strafrechtsprofessor Mark Pieth am Ende seines Lateins ist. Bei Olympia dürfte es nicht viel anders sein.Schön, dass wir auf dem Olymp der Scheinheiligkeit und des Zynismus gelandet sind.

    • quax74
    • 10. Februar 2013 22:22 Uhr

    Wie kann denn noch schlechteres Licht auf das IOC fallen?

    Ist doch alles ein großer "Beschiß". Da wird gedopt und korrumpiert. Na ja, hauptsache die Show geht weiter.

    2 Leserempfehlungen
  6. lebt von all denen, die da zuschauen (und enormen Zuschüssen der nicht gefragten Steuerzahler in vielen Staaten).

    Was kann man da tun?

    Alles vernetzt miteinander...

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  7. Warum muss es denn Sotschi sein? Gibt es keine kälteren Orte in RU? Ist das ein Witz? Wer hatte mal Napoleon und Hitler besiegt? War das nicht der typisch russische Winter?

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  • Schlagworte Wladimir Putin | IOC | Bundestrainer | Chemie | Fußball-WM | Hermann Weinbuch
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