Deutsche Islamisten in Syrien"Nicht einmal die Freundinnen haben etwas geahnt"

Lamya Kaddor hat erfahren, dass fünf ihrer früheren Schüler zum Kämpfen nach Syrien gegangen sind. Im Interview spricht sie über Ursachen - und ihre eigene Verzweiflung. von 

ZEIT ONLINE: Frau Kaddor, Sie haben auf Ihrer Facebook-Seite mitgeteilt, dass fünf ihrer ehemaligen Schüler zum Dschihad nach Syrien gegangen sind. Wie haben Sie davon erfahren und um was für Personen handelt es sich?

Lamya Kaddor

ist eine deutsche muslimische Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin syrischer Herkunft. Sie war erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.

Lamya Kaddor: Alle sind ehemalige Schüler von mir im Alter von 18 bis Mitte zwanzig. Alle bis auf einen sind verwandt, der fünfte ist ein Freund von einem der anderen vier. Offenbar sind sie mit dem Auto bis in die Türkei gefahren, haben das Auto dort verkauft und sind dann über die syrische Grenze. Andere ehemalige Mitschüler haben mir davon erzählt und mich gefragt, ob ich mehr wisse. Ich habe daraufhin die Familien kontaktiert, die mir das bestätigt haben. Die fünf haben Abschiedsbriefe hinterlassen. Ab und an, sagen ihre Familien, melden sich die Jungs per Telefon aus Syrien.

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ZEIT ONLINE: Bis wann haben Sie die fünf unterrichtet?

Kaddor: Den 18-Jährigen noch vergangenes Jahr, bei den übrigen ist es vier bis fünf Jahre her. Sie waren Schüler von mir im Rahmen des Pilotprojekts Islamkunde in deutscher Sprache, ein Vorgängermodell für einen islamischen Religionsunterricht. Da das Fach aber so neu ist, habe ich jeden einzelnen von ihnen nur ein oder zwei Jahre unterrichtet.

ZEIT ONLINE: Ihrem Facebook-Eintrag kann man entnehmen, dass sie überrascht und wohl auch schockiert über diese Entscheidung Ihrer Ex-Schüler sind.

Kaddor: Bei dem Jüngsten war ich sogar Klassenlehrerin, wir haben eine Klassenfahrt gemacht. Ich bin nicht nur überrascht, sondern auch ein Stück weit verzweifelt. Ich hätte nie gedacht, dass der sich in so kurzer Zeit so radikalisieren lassen würde.

ZEIT ONLINE: Anzeichen für eine extreme Sicht haben sie damals nicht wahrgenommen?

Kaddor: Nein. Sehen Sie, wenn im Unterricht jemand einen Spruch macht und sagt, die Andersgläubigen sind Kuffar, also Ungläubige, und die kommen in die Hölle – na klar könnte man dann spontan denken, das zeugt von einer fundamentalistischen Einstellung. Aber es gibt Schüler, die plappern so etwas einfach vor sich her, ohne darüber nachzudenken, weil sie das für cool halten und vor allem weil ihnen die Umwelt das Muslimsein als Identitätsfaktor nicht absprechen kann. Den Grad der Radikalisierung kann man an solchen Äußerungen jedenfalls nicht ablesen. Die Jungs, um die es hier geht, haben Alkohol getrunken, waren auf Partys, hatten Freundinnen. Die waren damals sicher nicht radikalisiert.

ZEIT ONLINE: Was könnte in der Zwischenzeit passiert sein?

Kaddor: Den Plan, nach Syrien zu gehen, gab es offenbar seit gut einem Jahr. Dabei haben sie nicht einmal syrische Wurzeln. Ich weiß, dass sie alle nicht mehr in die gleiche Moschee gingen wie ihre Familien, sondern irgendeinen arabischen Laienprediger aufsuchten. Womöglich hatte er einen gewissen Einfluss auf sie.  

ZEIT ONLINE: Sie, Frau Kaddor, sind eine Galionsfigur des liberalen Islams in Deutschland. Sie stehen für eine sanfte, friedliche Art der Gläubigkeit. Sehen Sie in der Syrien-Reise ihrer Ex-Schüler auch eine persönliche Niederlage?

Kaddor: Bedingt. Ein oder zwei Jahre, zwei bis sechs Stunden Unterricht pro Woche reichen nicht, junge Menschen so intensiv zu begleiten, dass man sie vor so etwas langfristig bewahren könnte. Nicht einmal die engsten Angehörigen oder die Freundinnen haben geahnt, wie kurz die davor standen, nach Syrien zu reisen. Das zu erkennen, wäre für mich als Außenstehende noch schwieriger gewesen. Aber es verstört mich, wenn ich sehe, wie einige andere diese fünf nun als Helden feiern.  

Leserkommentare
    • boxo
    • 23. Mai 2013 20:22 Uhr
    1. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    100 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sollen wir jetzt auch noch Unmengen an Ressourcen aufwenden um irgendwelche Vögel in die Arme zu schließen, die von der Freiheit, die sie Dank Deutschland genossen haben nichts gelernt haben?

    Egal welches Problem, heutzutage ist doch nie der Täter Schuld, die Verantwortung wird immer auf die gesichtslose Masse abgewälzt, weil man gegen die ja eh nichts tuen kann. Vergewaltiger hatten eine schlechte Kindheit, Mörder traumatische Erfahrungen, Terroristen fühlten sich nicht akzeptiert. Ich habe kein Problem damit Menschen zu helfen, wenn die das denn wollen.
    Und am Ende ist unser Werte und Rechtesystem immer darauf aufgebaut, dass jeder seine eigenen Entscheidungen trifft und die Verantwortung für sein Handeln trägt.

    Man kann nicht für alles was einem nicht passt, die Gesellschaft in Geiselhaft nehmen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    es grenz doch an Masochismus , wenn man für die Straftaten einzelner nun wieder die GEsellschaft verantwortlich macht.
    Amüsant ist das.
    Nach der Logik müsste man natürlich die Steuern raufsetzen, sodass der Staat bitte jedem Kind nen Privatlehrer stellt.
    Dieser sollte dann natürlich verbeamtet sein und fürstlich von den Anderen finanziert werden. Gehts noch ? :)
    vielmehr gilt es einfach sich nicht der poliitschen KOrrektheit zu beugen.
    Probleme von mutlikulturellem Zusammenleben müssen thematisiert und angegenange werden.
    Wer sich nicht anpassen will, hat mit Konsequenzen zu rechnen , vor allem wenn er offen gegen die Gesellschaft opponiert.
    [...]

    Gekürzt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    Die Leute sind schon längst da und wurden größtenteils hier geboren.

    Ihr Vorschlag geht total an der Realität vorbei und bringt in diesen Fällen rein gar nichts.

    Im Gegenteil er verschlimmert das Ganze noch, weil man daran erkennen kann, wie wenig sich die einzelnen mit der echten Problematik auseinandersetzen und wie leicht das man sie mit billiger Polemik beeinflussen kann.

    Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund fühlen sich benachteiligt, ausgegrenzt und sind leicht beinflussbar, besonders für extreme Meinungen. Hinzu kommt Abenteuerlust.

    Man sollte dabei auch einbeziehen, dass die "Rebellen" sowohl in der Politik wie auch in den Medien einen starken Rückhalt hatten. Zum Glück verschieben sich die Schwerpunkte. Nicht alles, was die "Rebellen" tun, ist gut.

    Wenn fehlgeleitete Jugendliche sich diesen noch vor Monaten so positiv dargestellten Gruppen angeschlossen haben und man jetzt nur an die Folgen denkt, ist es zu spät.

    "Es reicht langsam.... nein der Topf ist voll!" kann nicht die Lösung sein.

    Die Gesellschaft, insbesondere die Politik sollte sich fragen, ob und was man falsch gemacht hat. Die Schuld von sich zu weisen ist leicht. Lohnenswert erscheint es mir seine Denkrichtung anzupassen, wie es in der vergleichbaren Situation in Belgien geschieht.

    "Der zuständige flämische Minister Geert Bourgeois (N-VA) hat in dem Zusammenhang erneut die Integration von jungen Muslimen kritisch in Frage gestellt. Auf allen Seiten müssten bedeutende Anstrenungen gemacht werden, um ein harmonisches Zusammenleben möglich zu machen."

    http://brf.be/nachrichten/international/586635/

    "Einfach nicht ins Land lassen, ausfiltern!"

    Mal ganz im Ernst, was passiert denn, wenn diese fünf wieder nach Deutschland einreisen wollen? Ich hoffe, sofern diese keine deutschen Staatsangehörigen sind, dass sie ihr Aufenthaltsrecht hier verwirkt haben. Weiß jemand mehr?

    ... wusste gar nicht, dass CIC nach Religion, Hautfarbe oder Ursprung ausfiltert. Oder glauben Sie, dass die Scharen an Gastarbeitern, die neulich den Skandal bei der RBC ausgeloest haben, oder die bei Subway und Tim Hortons hinter dem Tresen stehen, alles arische Weisse aus Europa oder den USA sind?

    Mitnichten, die kommen aus Indien, Pakistan, Iran ...

    Ihr Vorschlag hinkt!

    ...könnte es nicht auch sein, dass wir die Kinder unserer Migranten viel stärker dabei unterstützen und ermuntern sollten "guten deutsche Mitbürge" zu werden, die zwar ausländische Wurzeln haben, aber irgendwann dennoch stolz darauf sind Deutsche zu sein?
    In den USA funktioniert das, warum nicht bei uns!?

    Natürlich müssen die jeweiligen Familien zu ihrem Integrationsprozess beitragen. Und mit mafiös organisierten Familenbanden würde ich auch kurzen Prozess machen und wenn möglich abschieben. Aber man kann nicht alles so bequem eindimensional sehen.

    Ich denke schon, dass es zu oft in der Bevölkerung und bei den Politikern an Willen und Einsicht fehlt, die jungen Menschen als gleichwertig zu betrachten, ernst zu nehmen und von ganz klein auf zu fördern und zu fordern. Stichwort: Bildung, Richtung und Halt geben.
    Hierzu Geld in die Hand zu nehmen und Zeit zu investieren würde sich vielfach auszahlen. Wir brauchen diese Jugendlichen! Sie sollen uns mal nicht auf der Tasche liegen, sondern unsere Gesellschaft bereichern.

    Erschreckend auch, wie wenig der deutsche Durchschnittsbürger bereit ist Migrantenkindern ohne Vorurteile zu begegnen und eine helfende Hand zu reichen. Vorurteile sind ja auch viel bequemer, rächen sich aber irgendwann.

    Bei den beschriebenen jungen Männern hat wohl alles versagt und sie müssen selbstverständlich für ihr Tun gerade stehen. Vielleicht setzt auch bei ihnen irgendwann wieder Herz und VERSTAND ein.

    • k00chy
    • 24. Mai 2013 19:12 Uhr

    @ZEIT Online Redaktion: Wie können Sie es tolerieren, dass hier derart rechtes Gedankengut geschrieben wird? Ja, freie Meinungsäußerung sollte einerseits nicht eingeschränkt werden und es gibt ja auch viele Nutzer, denen eine solche Sichtweise zu gefallen scheint, was die positiven Bewerungen zu zeigen scheinen.

    Schämen Sie sich also für Ihre Leser. Schämen Sie sich dafür, dass Ihre Art, über Muslime und den sog. "Terrorismus" zu schreiben und zu werten, jegliche Reflektion vemissen lassen.

    Und an den Autor des Kommentars und seine Unterstützer: Nein, ich würde Ihren Kommentar nicht löschen wollen. Ich wünschte mir aber, dass ihr alle einseht, dass es genau diese Einstellung ist, die das Problem ist. Dass sich hier Leute an den Rand gedrängt fühlen und dann einige von ihnen in die Arme von irgendwelchen Predigern laufen, die Gewalt als Lösung propagieren.

    Was wir brauchen ist eine faire Innenpolitik und eine gerechte, friedenssichernde, nicht kriegerische, Außenpolitik. Wir brauchen keine Unterstützung für "Rebellen" in einem säkulären Land fördern, dessen Probleme wir nicht verstehen, dessen Bürgerkrieg wir nicht mit einer Anfachung der Gewalt beilegen werden. Und was wir noch brauchen, ist eine kluge Gesellschaft, die Integration von Menschen mit fremden Wurzeln und anderen religiösen Ansichten offen fördert.

    Was wir nicht brauchen, sind "einfache Antworten".

    Was Sie vorschlagen, ist ein Monokulti-Konzept aus dem letzten Jahrhundert, das damals schon gescheitert ist. Die Globalisierung hat diese Ideen schon lange überrannt. In der letzten Konsequenz würde es bedeuten, Deutschland in eine Festung umzubauen, umgeben von einem "Schutzwall" wie seinerzeit die DDR. Diese Zeiten sind aber Gott sei Dank Vergangenheit und sollen es auch bleiben. Solange so massive Wohlstandsgefälle auf der Welt bestehen, wird Migration nicht zu unterbinden sein. Schließlich würden auch Viele von uns versuchen, in Länder mit besseren Lebensbedingungen zu gelangen, wenn wir hier verarmt und politisch verfolgt wären. Wir haben also zwei Optionen zur Wahl: Entweder man gibt dem armen Nachbarn etwas ab, oder er ist gezwungen, herzukommen. Daß dies dann aber keine Vergnügungsreisen sind, beweisen wohl die lebengefährlichen Umstände, die zu riskieren Viele bereit sind, um ihrer Heimat zu entkommen - und nicht wenige bezahlen mit dem Leben für den Versuch, ertrinken im Mittelmeer oder werden sogar getötet.

  1. Ich hoffe, dass alle so denken, wie diese gute Frau.

    11 Leserempfehlungen
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    <em>Ich hoffe, dass alle so denken, wie diese gute Frau.</em>

    ...wenn dem so wäre, dann wäre das Thema "Islam" nicht (buchstäblich) ein Dauerbrenner.

    "Nach klassischer, islamischer Lehre [muss] ein Dschihad von einer Autorität ausgerufen" wird " auf die sich alle Muslime einigen können. "

    • boxo
    • 23. Mai 2013 20:31 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    8 Leserempfehlungen
  2. "Aber es gibt Schüler, die plappern so etwas einfach vor sich her, ohne darüber nachzudenken, weil sie das für cool halten"

    Natürlich einteilung in Über- und Untermenschen ist wahnsinnig cool, als Klassenlehrerin (-Leiterin) ist es ihre Aufgabe dafür zu sorgen das Schüler sich bilden, und nicht ihre rassistischen Meinungen zu manifestieren.
    Jeder Schüler der sagen würde "Die Moslems, alles Terroristen", würde schneller beim Direktor enden, als ihm lieb ist.

    "Die behandeln Euch doch nur schlecht, ihr kriegt keine Ausbildungsplätze und keine Jobs, weil ihr Muslime seid."

    Das sind exakt die selben propagandistischen Winkelzüge, die radikale Neonazis nutzen, allerdings hör ich niemanden die NSU relativieren weil die Gesellschaft Schuld sei.
    Jeder Mensch ist ein Individuum, und wer auf solch hohle Phrasen reinfällt, hätte doch noch in der Schule bleiben sollen, anstatt sich Rebellen anzuschließen.

    "Wir lassen es zu, dass Jugendliche wie diese sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen"

    [...]

    Man kann nicht jedes kleinste, persönliche Problem auf die böse Gesellschaft schieben.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unterstellende und pauschalisierende Aussagen. Danke, die Redaktion/ls

    95 Leserempfehlungen
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    Wer solche Äußerungen in seiner Schulklasse widerspruchslos duldet, muss sich auch nicht über weitere Radikalisierung seiner Schützlinge wundern (vorausgesetzt es hat sich nicht um ironische Bemerkungen gehandelt, je nach Umfeld kann es ja recht krude Arten von Humor geben). Natürlich gibt es viele Erklärungen und Gründe dafür, weshalb sich jemand einer extremistischen Richtung zuwendet. Aber ich sehe nicht, weshalb man im Falle des islamischen Extremismus mit anderem Maß messen sollte als beim frustrierten Dorfnazi, dem man Perspektiv-/Arbeitslosigkeit und Suche nach Identität auch nicht als Entschuldigung für ideologische Entgleisungen durchgehen lässt.

    "Sehen Sie, wenn im Unterricht jemand einen Spruch macht und sagt, die Andersgläubigen sind Kuffar, also Ungläubige, und die kommen in die Hölle – na klar könnte man dann spontan denken, das zeugt von einer fundamentalistischen Einstellung. Aber es gibt Schüler, die plappern so etwas einfach vor sich her, ohne darüber nachzudenken, weil sie das für cool halten und vor allem weil ihnen die Umwelt das Muslimsein als Identitätsfaktor nicht absprechen kann...."
    ---
    Als (christliche) Lehrerin führe ich im Fall von abfälligen Schülerbemerkungen gegenüber Andersgläubigen oder Nationalitäten Gespräche entweder unter 4 Augen, gemeinsam mit der Gruppe/Klasse oder kontaktiere die Erziehungsberechtigten.
    Unvergesslich ist mir dazu ein eigenes Erlebnis als 14-Jährige , als ich mal folgende Verballhornung des Deutschlandliedes nach einem Fußballspiel "nachplappernd" in der Klasse mitgrölte: England, England ohne alles, ohne Brot und ohne Speck...

    Da hat unser Klassenlehrer, sofort eine Unterrichtslektion draus gemacht - Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand von uns dergleichen noch mal wagte zu wiederholen, so beschämt waren wir darüber.

    Sehen Sie, Frau Kaddor, "wenn im Unterricht jemand einen Spruch macht", dann wäre es zuallererst Ihre Pflicht als Vorbild und Lehrkraft aufklärend einzuschreiten, statt solche Sprüche noch zu verteidigen - um am Ende der "deutschen Gesellschaft eine Mitschuld" am Entstehen des islamistischen Terrorismus in die Schuhe zu schieben!

    "Das sind exakt die selben propagandistischen Winkelzüge, die radikale Neonazis nutzen,"

    Das ist natürlich falsch. Die NSU-Mitglieder haben sich in genau jener Zeit radikalisiert, in der deutsche Medien und deutsche Politiker zum Halali auf Ausländer und Asylanten geblasen haben. Mit Arbeitslosigkeit oder Diskriminierung hatte das genau gar nichts zu tun.

    "allerdings hör ich niemanden die NSU relativieren weil die Gesellschaft Schuld sei."

    Und ich höre niemanden den Dschihad relativieren.

    Ich glaube nicht, dass muslimische Extremisten in der Hinsicht besser behandelt werden als Nazis. Und wenn es doch so ist, dann ist es falsch. Aber da gilt es, wie immer, nicht nur eine, sondern alle Seiten zu bedenken. Natürlich ist jemand letztlich selbst dafür verantwortlich was er tut. Und wenn das Mist ist, dann gehört er bestraft. Andererseits gilt es auch, zu berücksichtigen, unter welchen Umständen welcher Mist produziert wurde - und mit welchem Hintergedanken. Insbesondere letzteres ist unglaublich schwer, überhaupt festzustellen.
    Sprich, wir haben ein Ermessensproblem, das weder mit der einfachen Formel "Ach, der labert doch bloß", noch mit der ebenso einfachen Formel "Ha, da steckt der Extremismus in den Knochen, den muss man austreiben" gelöst werden kann. Wie oft habe ich von Leuten gehört "****, den/die bringe ich um!" oder "Dieser **** gehört X" - ich bin kein Lehrer, aber ich war mal Schüler und bin immer noch Student. Wenn jeder dieser Sprüche mit dem Gang zum Rektor oder Schlimmeres geahndet würde, hätte der keine Zeit mehr, was anderes zu tun. Und meistens ist es einfach doch nur unverständige (oder auch verständige) Provokation, das lässt sich einfach nicht von der Hand weisen. Wie oft haben sie in ihrem Leben schon gehört "Ich bring' mich um"? Wie oft ist es tatsächlich passiert?
    Trotzdem darf man das alles natürlich nicht ignorieren, wie bereits gesagt, nur muss man es immer wieder ins rechte Verhältnis setzen. Und das ist einfach schwer absehbar...

    ...ist schamlos und eben selbst radikal - rechtsradikal! Der NSU hat erklärtermaßen und gezielt mehrere Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zum Opfer bestimmt und regelrecht hingerichtet. Das ist wohl immer noch eine andere kriminelle Qualität, als mal ein Auto oder Schaufenster zu demolieren. Zudem hatten die Täter des NSU wohl nicht unter permanenter Ausgrenzung zu leiden, schließlich waren sie ja Deutsche unter Deutschen. Unfassbar, wie man das in Vergleich stellen kann - eigentlich möchte ich gern sagen, es ist ekelerregend.

  3. Chang Minh, Hoa Ahn, György Somogyi, Jurek Licinsky dürften auch die "falschen" Namen haben, trotzdem machen sie Abitur, studieren, arbeiten, und sind Mitglied der "normalen" Gesellschaft. Am Namen liegt es nicht.

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    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/ls.

    ganz am ausländischen namen keine arbeit zu bekommen. die zeiten waren auch anders, jedoch findet immer noch diskrimminierung statt. oder warum gibt es eine diskussion ueber anonyme bewerbungen. ihr kommentar war wohl ein wenig zu markig. man sollte auch mal in den schuhen gelaufen sein denen man allmächtige kritik angedeiht. das hat die lehrerin auch nicht.

    ausserdem wäre es spannend wieviele deutsche aus dem ausland kämen, falls in deutschland buergerkrieg stattfände. wären das dann auch irrgeleitete christliche fundamentalisten denen in chicago ein prediger was zugefluestert hat?

    die diskussion im westen ueber den islam ist von hetze und unwissendheit geprägt

    • Vogolf
    • 24. Mai 2013 16:55 Uhr

    Der "falsche" Name bezieht sich nicht auf das Fremde, sondern auf das Orientalische.

  4. Ich finde den Ansatz vollkommen verkehrt. Es handlet sich nicht um Kleinkinder, sondern Erwachsene. Meistens hat man eine Wahl und als Mensch von über 18 Jahren sollte man Entscheidungen treffen können. Wenn diese jungen Männer ein religiös-rassistisches Weltbild gewählt haben (Kuffar!), dann haben sie das für getan, obwohl sie es vermutlich besser wissen. Wenn sie in den Krieg ziehen haben sie eine bewußte Entscheidung getroffen ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Für das was sie tun müssen sie einstehen und letztendlich, sollten sie sterben, haben sie es so gewählt. Die Gesellschaft, gerade in Deutschland, ist so vielfältig und reich an Milieus und Möglichkeiten, daß ich diesen Unsinn von einer gesellschaftlichen Verantwortung nicht akzeptiere.

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    • Vogolf
    • 24. Mai 2013 17:06 Uhr

    Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie sagen, dass diese Jugendlichen mündig sind. Es ist ihre eigene Entscheidung Mumpitz zu machen. Das System trägt dennoch Schuld. Es ist tatsächlich so, dass Musilme es auf dem Arbeitsmarkt schwerer hatten. Dass sich hier etwas geändert hat und hoffentlich weiter ändern wird, lässt sich schwer auf die Jugendlichen transferieren. Sie sehen in ihrer Peergroup andere Biographien. Von daher: Woher wissen die Jugendlichen denn, dass es sie eien Chance haben.
    Jeder kann sich selber bilden. Es ist seine Sache. Es obligt jedoch dem System, dass er aber auch die Möglichkeit bekommt. Empirische Studien haben bewiesen, dass biographische Vorzeichen, wie soziales Milieu (Arbeiterkinder) oder Migrationshintergrund einen erheblichen Einfluss auf die Chancen haben.
    Ich bin Lehrer und muss mich ständig selber prüfen, ob ich nicht unbewusst gewisse Gruppen benachteilige.
    Ein Schlüsselerlebnis war für mich die Studie über erteilte Gymnasialempfehlungen: Ein Kind aus der untersten sozialen Schicht muss 20% mehr leisten als ein "Ärztekind", um vom Lehrer eineGymnasialempfehlung zu bekommen. Sehr bedenklich.

  5. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
  6. [...] Für mich ist der "Dschihad" Gesetzlosigkeit, und keine Pädagogik der Welt kann erzieherisch dagegen vorgehen.
    Und an Frau Kaddor: Padagogik ist ein Bereich der Aufklärung, welche dem judäisch-christlichen Kulturraum entstammt.
    Das Gesetz des Mose hat für mich Gültigkeit, töten aus einer Gesinnung heraus ist Gesetzlosigkeit. Nebenbei bemerkt find ich die Überschrift zu obigen Artikel sehr reißerisch und auch mißverständlich.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    15 Leserempfehlungen
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    "Nebenbei bemerkt find ich die Überschrift zu obigen Artikel sehr reißerisch und auch mißverständlich".
    Ich meinte die Themenüberschrift: "Dschihadisten aus Deutschland".

    Zitat: "Für mich ist der "Dschihad" Gesetzlosigkeit, und keine Pädagogik der Welt kann erzieherisch dagegen vorgehen.
    Und an Frau Kaddor: Padagogik ist ein Bereich der Aufklärung, welche dem judäisch-christlichen Kulturraum entstammt."

    Was will mir die Autorin damit sagen?

    Einfältig wie ich bin, gehe ich mal davon aus, dass wir alle unsere Werte durch unsere Erziehung vermittelt bekamen. Erzogen haben mich meine Eltern, meine Leherer, in meinem Fall auch die katholische Pfarrgemeinde und natürlich auch die Gesellschaft im weitesten Sinn, wozu die Dorfgemeinschaft ebenso zählt wie die über die Presse vermittelte Öffentlichkeit insgesamt. So habe ich gelernt, einfach ausgedrückt, die im Sinne unserer Kultur und Gesellschaft guten Werte von bösen Werten zu unterscheiden.

    "Gesetzlosigkeit" fällt nicht vom Himmel sondern bedarf in gleicher Weise einer Indoktrinierung. Ein kurzer Blick in die Situation von jungen Menschen im Deutschland von 1933 bis 1945 zeigt doch, dass in jedem Kulturraum das zuvor Gesetzlose auf "wundersame Weise" plötzlich zum Ideal der Gesellschaft werden kann.

    Da hat auch die Padagogik nichts genutzt, die "ein Bereich der Aufklärung [ist], welche dem judäisch-christlichen Kulturraum entstammt".

    Seien wir alle doch nicht schon wieder so überheblich, unsere Kultur als die einer anderen moralisch überlegen anzusehen. Damit beginnt normalerweise alles Übel.

    Letzte Anmerkung: unsere Zahlen sind a r a b i s c h e Zahlen.

    "Pädagogik ist ein Bereich der Aufklärung, welche dem judäisch-christlichen Kulturraum entstammt." Der Satz ist völlig verquast, worauf bezieht sich das Relativpronomen?
    Frau Kaddor liegt völlig richtig, wenn sie sagt: "Wenn jemand versucht, auf diese Weise zu argumentieren, dann versuche ich auf derselben Ebene zu entgegnen." Denn wenn ich mein Gegenüber überzeugen will, dann muss ich ihn/sie erst einmal, in einem ersten Schritt, "dort abholen", wo er/sie sich (noch) befindet. Kaddors "Eingehen", wie es beschrieben ist, ist doch "Entgegnung" und nicht etwa "Billigung".
    Aber: Auch Lehrer müssen lernen können. Vielleicht war Frau Kaddor "dummen Sprüchen" gegenüber etwas zu tolerant/nachsichtig. Klar, Jugendliche machen dumme Sprüche, nicht zuletzt um auszutesten, wie weit man gehen kann; das haben wir doch alle gemacht. Aber hier ist dann doch trotzdem eine sofortige Reaktion des Lehrers notwendig.
    Noch ein Wort zur Schuld der Gesellschaft: Ich stimme zu, dass die Gesellschaft auch "irgenwie" (wie??) Schuld hat. Aber das ist eine Binsenweisheit, die im Endeffekt gar nichts erklärt.
    Es geht doch wohl um den grundsätzlichen Respekt dem Anderen gegenüber; die Chance besteht, dass dann der gebotene Respekt auch widergespiegelt wird.
    Den Begriff der christlichen Nächstenliebe will ich gar nicht erst bemühen.

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