Gegner des russischen Homosexuellengesetzes bei einer Veranstaltung am 1. Mai in St. Petersburg © Olga Maltseva/AFP/Getty Images

Warum er es getan hat? Anton Krasowskij verstummt, sein Blick kehrt sich nach innen. Die plötzliche Gesprächspause wirkt unnatürlich, Krasowskij ist sonst kein schweigsamer Typ, im Gegenteil. Das Reden ist sein Metier, er ist Fernsehmoderator. Vielmehr war er es. Bis zu jenem Tag im Januar, an dem er tat, wofür er jetzt nach einem Grund sucht.

"Müdigkeit", sagt er schließlich.

An jenem Tag, es war der 25. Januar, verabschiedete das russische Parlament, die Staatsduma, in erster Lesung eine Gesetzesänderung zum "Verbot der Propaganda von Homosexualität unter Minderjährigen". Der Entwurf sieht Geldstrafen von bis zu 12.000 Euro für Handlungen vor, die Kindern und Jugendlichen "in ihrer Gesundheit und moralischen und geistigen Entwicklung schaden können, darunter die Verbreitung verzerrter Vorstellungen von der sozialen Gleichwertigkeit traditioneller und nicht-traditioneller sexueller Beziehungen".

Es war nicht das einzige Gesetzesprojekt, mit dem die Staatsduma zuletzt die Öffentlichkeit im In- und Ausland schockiert hat: Es begann vor anderthalb Jahren, als in Russland Hunderttausende gegen die gefälschten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen auf die Straße gingen und die Duma prompt das Demonstrationsrecht verschärfte. Es folgten Schikanen für international finanzierte NGOs, die sich seitdem "ausländische Agenten" nennen müssen, es folgte das Adoptionsverbot für US-Bürger, es folgte schließlich das Homosexuellengesetz.

Den schwulen Moderator traf es als ersten

Krasowskij, der Fernsehmoderator, bereitete sich an jenem Januarabend auf seine Talkshow "Angry Guyzzz" vor. In der Garderobe kippte er einen Viertelliter Whisky, um sich Mut zu machen. Als er 60 Sendeminuten später tief durchatmete und sich von seinen Zuschauern verabschiedete, tat er es nicht mit der üblichen Schlussmoderation. "Ich bin schwul", sagte Krasowskij stattdessen. "Und ich bin genauso ein Mensch wie Sie, liebe Zuschauer, wie Präsident Putin, wie Premierminister Medwedew, wie die Abgeordneten der Staatsduma."

Krasowskijs Sender heißt "Kontr TV". Es ist ein Internetkanal, dessen Sendungen nach der Ausstrahlung abrufbar bleiben, das Onlinearchiv reicht bis zur Sendergründung im Dezember des vergangenen Jahres zurück. Die Sendung "Angry Guyzzz" vom 25. Januar sucht man auf der Website vergeblich. Sie verschwand noch in derselben Nacht, zusammen mit Krasowskijs Mitarbeiterprofil, auch der Mailaccount des Moderators wurde gesperrt. Am ersten Werktag nach der Ausstrahlung bat man ihn schließlich, "sein Arbeitsbuch abzuholen" – im Russischen der gängige Euphemismus für eine Kündigung. Das Homosexuellen-Gesetz war noch nicht in Kraft getreten, da hatte es schon sein erstes Opfer.

"Ich war müde", sagt Krasowskij. "Ich war in einem körperlichen Zustand, in dem man Entscheidungen nicht mehr überlegt trifft, sondern einfach handelt."

Der letzte Satz klingt leicht kokett aus dem Mund eines Mannes, der selbst beim scheinbar geistesabwesenden Bekritzeln seiner Serviette noch gespenstisch kontrolliert wirkt. Krasowskij, ein großer, sportlicher Enddreißiger mit konzentriertem Blick, sitzt an einem Bistrotisch im Café Jean-Jacques, dem Lieblingslokal der Moskauer Bohème, oder jedenfalls ihres gutverdienenden Teils.

Hier versammelten sich, als Putin im Mai des vergangenen Jahres zum dritten Mal als Präsident inauguriert wurde, die prominentesten seiner Gegner, weil Putins Wagenkolonne auf dem Weg zum Kreml die Caféterrasse passierte. Aus dem geplanten Protest wurde nichts, Sicherheitsbeamte räumten gewaltsam das Lokal, das seitdem noch beliebter ist als vorher.