SyrienDie deutsche Zuschauer-Mentalität

Was tun in Syrien und anderen Konflikten? Die Deutschen schauen lieber zu und lassen die USA machen statt ihren eigenen Einfluss zu nutzen. von 

In diesen Tagen dreht sich die politische Diskussion in Amerika immer mehr um den Bürgerkrieg in Syrien.

Es gibt ein amerikanisches Phänomen, das ich seit meiner Jugend immer wieder beobachtet habe: Zuerst erscheinen Presseberichte über Greueltaten in irgendeinem Konflikt in irgendeinem fernen Land. Dann wollen die ersten wissen: Warum tut niemand etwas? Und das ist keine scheinheilige Frage. Wir leiden mit und wissen: Amerika ist in der Lage, etwas zu tun – also ist es nur logisch, dass es etwas tun muss.

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Als nächstes nimmt die Regierung dazu Stellung. Der Präsident gibt bekannt, dass man sich Sorgen macht. Zum Beispiel, weil möglicherweise Giftgas eingesetzt wurde. Hoppla! Langsam wird’s ernst. Hastig erheben sich die Stimmen der Vernunft: Denkt daran, wie es das letzte Mal ausging, als wir eingegriffen haben. Wir können nicht überall Probleme lösen.

Erfahrungsgemäß kommen diese "Leute, seid vernünftig"-Appelle unmittelbar vor der konkreten Entscheidung, einzugreifen oder nicht einzugreifen. In der Syrien-Krise haben die USA diese Phase jetzt erreicht. Mit anderen Worten: Amerika fängt wieder an, über Krieg zu diskutieren.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Und nun frage ich mich: Warum ist das nicht auch in Deutschland so?

Deutschland ist die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, die führende Nation der EU – die wiederum die zweitmächtigste Wirtschaftsmacht der Welt ist – und ist nebenbei auch der drittgrößte Waffenlieferant der Welt. Ein Land also, das einflussreich genug ist, auf der internationalen Bühne etwas zu bewegen – zwar nicht mit militärischen Mitteln, aber auf jeden Fall mit wirtschaftlichen und diplomatischen.

Doch während Amerika als mächtigstes Land der Welt regelmäßig ein Verantwortungsgefühl beschleicht für das, was in der Welt passiert, fühlt sich Deutschland zu nichts verpflichtet. Wie gesagt, nicht aus Unvermögen und auch nicht, weil es unmoralisch wäre, leidenden Menschen zu helfen. Der Grund ist ein anderer. Ich nenne ihn die "Ich-bin-nur-Zuschauer-Mentalität".

Leserkommentare
  1. Was tun in Syrien und anderen Konflikten? Die Deutschen schauen lieber zu und lassen die USA machen statt ihren eigenen Einfluss zu nutzen.

    Ich glaube den meisten Deutschen wäre es ganz recht, wenn die USA auch mal nur zuschauen würden. Herr Hansen, nur als Tip: die Mehrheit der Menschheit will keinen global agierenden Cowboy, der Ankläger, Richter und Henker in einer Person ist.

    Doch während Amerika als mächtigstes Land der Welt regelmäßig ein Verantwortungsgefühl beschleicht für das, was in der Welt passiert, fühlt sich Deutschland zu nichts verpflichtet.

    Mir kommen gleich die Tränen. Verantwortungsgefühl ist also der Grund für knapp 800 Militärbasen und im Schnitt einen Krieg pro Jahr seit dem 2. Weltkrieg. Eine ganze Menge Verantwortung ist das.

    Herr Hansen, warum reden Sie nicht Klartext? Sie wollen, dass Länder wie Deutschland in Zukunft mehr zahlen für die Unterhaltskosten der Weltpolizei. Bekommen wir dafür auch mehr Mitspracherecht in der NATO oder ist das zuviel verlangt?

    29 Leserempfehlungen
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    • Bashu
    • 08. Mai 2013 20:10 Uhr

    Guter Kommentar, sehe ich genauso.

    Der Schoßhund der Amerikaner waren bisher die Briten. Ich wüsste nicht, warum wir uns jetzt dazu erniedrigen sollten, amerikanische Interessen im mittleren Osten militärisch zu verteidigen? Mit dem Afghanistan-Märchen (das mit der Freiheit am Hindukusch) hatten wir genug Geschichten aus 1001 Nacht.

    Weitere Abenteuer bitte wieder in Eigenregie und auf eigene Produktionskosten.

    Ihr Aufruf ist also fatal, Herr Hansen. Wenn alle Länder sich so gerieren würden, wie USA zur Zeit, dann wäre die Welt jetzt ein karger, lebloser Fleck!

    hier kann ich Ihnen nur recht geben!
    Wir wissen nicht wirklich wie die Situation in Syrien ausschaut!
    Wir lesen von der Regierung, wir lesen von den Rebellen aber wir lesen nie etwas über die Menschen zwischen den Fronten!

    Warum sollten wir in einen Krieg ziehen, wo vermutlich mehr Islamisten kämpfen die uns hassen?
    Warum sollten die USA einschreiten? Diese werden doch auch gehasst!
    Wo ist hier die Arabische Liga oder die Islamische Welt? Warum helfen die nicht? Warum erwarten die, dass die Europäer und die Amerikaner hier Ihre Leute sterben lassen, damit Sie dann Bomben hochgehen lassen können, gegen die bösen Kreuzfahrer?

    Wir sollten es wie beim Balkan machen, einfach nur unser bedauern ausdrücken und fertig!
    Beim Balken hätte man was tun können, da es vor der Tür war, aber Syrien ist nicht unser Problem!

    Warum fragt die Zeit nicht, bzw. warum schreibt die Zeit nicht, was die Nachbarländer bzw. Ihre Glaubensbrüder tun können? Sondern immer nur auf Europa und Amerika rumhacken und wenn die was machen, diese dann gleich zu verurteilen weil Sie für eine Seite die Partei ergriffen haben!

    • Oakham
    • 09. Mai 2013 21:29 Uhr

    jetzt sind Sie mal auf gute deutsche Art belehrt worden.
    Wir lassen uns doch nicht in irgendwelche Abenteuer reinreden. Wer sind wir denn?
    Außerdem will man ja immer nur an unsere Geld. Wir geben schon genug. Mehr gibts nicht.

    • Pereos
    • 08. Mai 2013 19:37 Uhr

    "Ich glaube den meisten Deutschen wäre es ganz recht, wenn die USA auch mal nur zuschauen würden. Herr Hansen, nur als Tip: die Mehrheit der Menschheit will keinen global agierenden Cowboy, der Ankläger, Richter und Henker in einer Person ist."

    Eben darum sollte sich Deutschland mehr engagieren;)
    Ich habe von Rot-Grün wenig gehalten, aber dass sie 2003 eine Koalition mit Russland,China und Frankreich GEGEN die USA organisiert bekommen haben um deren Kriegspläne im Irak zu stoppen oder wenigstens International zu isolieren, war sehr schön.
    Daher wäre es in der Tat wünschenswert, wenn sich Deutschland auf Diplomatischen Wege mehr einbringen würden.
    Deutschland hat den größten Krieg der Geschichte ausgelöst und damit bitter 1944/45 für das Leid, dass es über die Welt gebracht hat bezahlt.
    Daraus hat man gelernt, weswegen es vlt sinnvoll wäre sich mehr Diplomatisch einzubringen.

    11 Leserempfehlungen
  2. verkauft, heißt das lange nicht, dass man selber alle paar Jahre mal wieder ein bisschen Krieg spielen muss. Oo
    Mir gefällt die Rolle Deutschlands als apathischer Zuschauer in militärischen Dingen SEHR gut.
    Wir sollten uns auf unsere ökonomische Macht konzentrieren und gut ist's.

    6 Leserempfehlungen
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    • AndreD
    • 09. Mai 2013 3:20 Uhr

    wie lautet der Titel eines Zeitartikels?

    SO:

    Im Land der unbegrenzten Rüstungsexporte

    Panzer für Saudi-Arabien oder Katar, nun Indonesien: Deutschland kennt bei Waffenausfuhren keine Hemmungen. Menschenrechte zählen nicht mehr.

    Das machen wir Deutschen doch super! Alles für das Wachstum

    *ironieoff*

    Ihr Kommentar zusammengefasst:
    Hauptsache mir geht's gut, der Rest der Welt ist mir schnuppe.

    Es ist zum Fremdschämen..

  3. Im Irak hätten wir mitgehen sollen, dann wäre das Land wesentlich weiter auf dem Weg zur Demokratie.
    In Libyen zogen wir lieber die Fregatten aus dem Mittelmeer ab, anstatt den überfälligen Bodentruppeneinsatz voran zu treiben.
    In Afghanistan bestand die Chance, eine schlagkräftige Berufsarmee im Feldversuch auszubilden. Doch was taten wir? Wir fuhren lieber im Panzerwagen durch die Gegend. Zu Mädchenschulen und Brunnen hat es glücklicherweise noch gereicht.
    Deutschland muss wieder stark sein in der Welt, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch. Nur so könnten wir unseren berechtigten moralischen Maximalansprüchen Nachdruck verleihen, internationale Politik im Sinne der berliner Demokratie mitgestalten. Die Neinsagerei geht unseren amerikanischen Freunden mitlerweile auf den Senkel.

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    Wünscht hier jemand etwa Krieg? Es klingt fast so. Meine Empfehlung: zur Probe Fremdenlegion oder ähnliches. Außerdem ist ein Blick in die Verfassung der BRD sinnvoll, da ist eine klare Position zur Kriegsvoerbereitung formuliert. Zusammnegefaßt: Der Beitrag kann nur von jemanden stammen, der nicht weiß wovon er redet.

    Ich habe mich zuerst gefragt, ob dieser Beitrag eine Satire sein soll. Aber nein, der Verfasser meint tatsächlich, was er sagt. Gott behüte, dass er jemals eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen muss.

    • isback
    • 08. Mai 2013 19:44 Uhr

    ... viel zu kurz gegriffen:

    Deutschland hat keine geostrategischen Interessen und das ist von unseren Nachbarn auch so gewünscht und von uns verinnerlicht.

    Ganz deutlich: Der Ausgang von Bürgerkriegen in fernen Ländern ist uns hier herzlich gleichgültig und keinen Schuss Pulver wert.

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    "Deutschland hat keine geostrategischen Interessen"

    Deutschland hat sehr wohl geostrategische Interessen, nur die Arbeit und die Mühen, die das kostet, überlassen wir gerne anderen (Frankreich,USA).

  4. Stimme ihnen in allen Belangen zu!

    Da muss erst ein Außenstehender (dass heisst ein in Amerika sozialisierter Mensch) her, um das Offensichtliche zu erkennen und zu sagen.

    Nicht erst seit den deutschen Reaktionen in den Fällen Libyen und Mali und den weltfremden Äusserungen unseres Außenministers Westerwelle in Sachen Syrien habe ich das Gefühl, dass Deutschland und die Deutschen es sich auf ihrer Insel der Seligen gemütlich gemacht haben und nicht heraus wollen.

    Die grössere Verantwortung die für Deutschland erwächst ist da nur folgerichtig, und dass ahnen nicht nur , sondern wissen wohl viele in Deutschland. Wie sonst ließe sich die vehemente Abwehrhaltung erklären, mit der immer reagiert wird, wenn man nach einer deutschen Beteiligung im militärischen Bereich fragt oder die Verve, mit der sich einige deutsche (Ex-)Intelektuelle auf die Seite von blutrünstigen Diktaturen schlagen, um von womöglicher deutscher Verantwortung abzulenken?

    4 Leserempfehlungen
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    [...] Gekürzt. Die Redaktion/kvk
    In Syrien wird gerade die letzte säkulare Bastion des Nahen Ostens systematisch zerstoert. Und das aus, offensichtlich, rein geostrategischem Interesse.
    In Libyen herrscht das blanke Chaos.
    Sie sprechen von einer Insel der Seeligen. Ja, die hatten wir einmal, bevor sich ihr hochgelobtes 'Kriegsland' auf die Jagd begeben hat.

  5. "Deutschland hat keine geostrategischen Interessen"

    Deutschland hat sehr wohl geostrategische Interessen, nur die Arbeit und die Mühen, die das kostet, überlassen wir gerne anderen (Frankreich,USA).

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das ist noch ..."
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    • Bashu
    • 08. Mai 2013 19:56 Uhr

    Deutschland betrachtet den mittleren Osten nicht als "sein Einflussgebiet", in dem man das Alpha-Tier sein möchte, um den rollenden Rubel zu sichern.

    Einfluss in Deutschland läuft über Politik und wirtschaftliche Beziehungen. Dass wir nicht (mehr!) versuchen, die Welt mit Gewalt nach unseren Vorstellungen zu gestalten (unangenehme Diktatoren installieren oder eben auch de-installieren), finde ich nur lobenswert.

    Aber da die Bundesregierung bei Militärexporten wirtschaftsliches Kalkül über moralische Überlegungen stellt, dürfen wir eines auch nicht mehr: den moralischen Finger heben. (Wenn Guido Westerwelle sagt, er unterstütze die arabische Demokratisierung, und dann 1 Woche später bekannt wird, dass wir Panzer in die saudische Diktatur schicken, so ist das ziemlich unglaubwürdig...)

    Deutschland hat sehr wohl geostrategische Interessen, nur die Arbeit und die Mühen, die das kostet, überlassen wir gerne anderen (Frankreich,USA).

    Es gibt unterschiedliche Wege, seine Interessen zu verfolgen. Der militärische Weg ist mit Abstand der aufwendigste und unproduktivste. Sprich: am meisten Aufwand für am wenigsten Ertrag. Es ist der mit Abstand dümmste Weg um es klar zu sagen.

    Nein, ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da haben wir unsere Interesen auch ohne Panzer vertreten. Es ist doch eine Lüge zu behaupten, dass es keine friedlichen Wege gibt seine Interessen zu verfolgen.

  6. Die meisten unserer Bürger wollen nicht, dass sich Deutschland in solche Bürgerkriege einmischt. Will der Autor dies nicht akzeptieren? Zumal beide Seiten in Syrien gegen Menschenrechte verstoßen.

    12 Leserempfehlungen
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    Wie man mit schwachsinnigen Unterstellungen gegen den Autor hier Punkte sammeln kann, am besten als Demokratiefeind, ist das peinlich.

    Was hier endlich kritisiert wird und das ist mehr als nötig ist die wie er es nannte Zuschauermentalität in Verbindung mit dem erhobenen Zeigefinger ohne eigene Lösungen, Vorschläge und Konzepte. Man kritisiert und kommentiert, am besten im nachhinein, aber selber aktiv dazu beitragen?-negativ!

    Und das geht nicht einher mit der Position die Deutschland in der Welt innehat.

    Das sie mit der stumpfen Kriegstreiberkeule kommen ist die Standardabwehrhaltung, dazu seine nur 2 Zitate gesagt:

    "Ein Land also, das einflussreich genug ist, auf der internationalen Bühne etwas zu bewegen – zwar nicht mit militärischen Mitteln, aber auf jeden Fall mit wirtschaftlichen und diplomatischen. "

    "Es gab keinen Alternativvorschlag. Kein europäisches Bündnis kam zustande, das einen Irakkrieg zu verhindern suchte."

    Es geht hier nicht um Anstachelung zu militärischen Aktionen auch wenn diese Teil des Spektrums der sicherheitspolitischen Probleme sind.Es geht um diese Untätigkeit.

    Und ja es hat etwas mit Demokratie tu zu tun diese Haltung zu kritisieren, Meinungsfreiheit und Meinungspluralismus nennt sich das. Gibt es in der Sicherheitspolitik hier viel zu wenig.

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