ÄgyptenKampf um den Nil

Äthiopien will einen riesigen Staudamm bauen und deshalb den Nil umleiten. Ägypten reagiert darauf mit Panik – und martialischen Drohungen. Von Martin Gehlen, Kairo von 

Nil Ägypten Äthiopien Staudamm

Ohne Wasser. Ein ägyptischer Bauer läuft über sein vertrocknetes Feld in El Dakahlya, das einst vom Nil bewässert wurde.   |  © Reuters/Mohamed Abd El Ghany

Ägypten ist ein Geschenk des Nils, wusste bereits im 5. Jahrhundert vor Christus der griechische Historiker Herodot. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Land der Pharaonen regnet es praktisch nie. Leben und Wohlstand der heute 85 Millionen Einwohner hängen ab von den Fluten, die der längste Strom der Welt auf dem letzten Viertel seiner 6800 Kilometer langen Strecke mitführt. 95 Prozent der Bevölkerung drängeln sich im Niltal und im Delta, auch wenn beide nur fünf Prozent der Staatsfläche ausmachen. Der Rest ist wüst und unbewohnbar.

Seit vergangener Woche allerdings fürchtet Ägypten um seine über Jahrtausende eingespielte Wasserwelt. Überrascht musste Kairo mitansehen, wie Äthiopien in einer Nacht-und-Nebel-Aktion begann, den blauen Nil am Oberlauf umzuleiten – Stunden, nachdem Präsident Mohammed Mursi von seinem Staatsbesuch aus Addis Abeba abgereist war. Zwar greift dieser Schritt noch nicht in das Fließgeschehen ein, schafft aber die Voraussetzung für den Weiterbau des gigantischen "Renaissance"-Staudamms, mit dem Äthiopien Sudan und Ägypten in Zukunft einen empfindlichen Teil ihres Nil-Wassers abgraben könnte.

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In Kairo wechseln seitdem Empörung, Drohungen und Panik. Eilends holte Staatschef Mursi Verteidigungsminister, Innenminister und Geheimdienstchef zu einer Krisensitzung zusammen. Man werde "niemandem erlauben, Ägyptens Nilwasser-Versorgung zu gefährden", ließ er anschließend seinen Sprecher verkünden. Ein militärisches Vorgehen gegen Äthiopien sei diskutiert, aber "definitiv verworfen worden", lancierte ein hoher Offizier über die Zeitung Al Hayat. Wenige Tage später lud der Präsident die verfeindeten Regierungsparteien und Oppositionspolitiker zum Runden Tisch, um per Nilwasser seinem verdorrten Nationalen Dialog neues Leben einzuhauchen.

"Wer ist schon Äthiopien?"

Nicht ahnend, dass das Treffen live im Fernsehen übertragen wurde, übertrumpften sich die Erschienenen mit bombastischer Rhetorik. Man solle Gerüchte streuen, Ägypten wolle zusätzliche Kampfflugzeuge und Raketen kaufen, empfahl Ayman Nour, Chef der liberalen Ghad-Partei. Der Regierung riet er, Kommandos aus Geheimdienst und Soldaten nach Äthiopien einzuschleusen, Rebellen gegen Addis Abeba zu unterstützen und sie zu Anschlägen auf die Baustelle anzustacheln. "Wer ist schon Äthiopien, was haben die überhaupt zu melden? Wir müssen uns bei denen einmischen", schloss Nour seine Philippika.

"Äthiopien nutzt unsere Zerstrittenheit aus", sekundierte Younes Makhyoun, Chef der salafistischen Nour-Partei, und nannte den Damm eine "strategische Gefahr für Ägypten", der zerstört gehört. Zuvor hatte bereits der populäre Linkspolitiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Hamdeen Sabbahi in einem Interview deklamiert, den Suezkanal für Schiffe aller Länder zu sperren, die Äthiopien bei dem Bau des Nil-Megadamms helfen – namentlich China und Italien.

Der Konflikt begann vor drei Jahren, als Addis Abeba zusammen mit anderen Anrainerstaaten des Ober-Nils das aus Kolonialzeiten stammende Abkommen über die Verteilung des Nilwassers einseitig aufkündigte. Schon damals kochten in Kairo die Emotionen hoch. Man werde nicht auf seine "historischen Rechte" verzichten, polterte im Parlament ein Kabinettsmitglied und nannte den heraufziehenden Konflikt eine "Frage von Leben und Tod". 

Leserkommentare
  1. Sollte der Krieg um Wasser - oft als Hirngespinst von Umweltschützern abgetan - schneller Wirklichkeit werden, als gedacht?

    2 Leserempfehlungen
    • thwe74
    • 07. Juni 2013 8:38 Uhr

    Und die Menscheit wächst und wächst und damit auch der Wunsch nach einem schönen Leben und das bei gleichbleibenden oder besser noch sich stetig verringernden Ressourcen....

    Das kann doch nicht funktionieren, oder?!?!

    Aber man bekommt ja andauernd erklärt, das eine schrumpfende Bevölkerung schlecht ist und Kinderreichtum erstrebenswert....

    Bei uns, und auch sonst wo auf der Welt => Siehe den etwas älteren Weltspiegelbericht über das Krankenhaus mit der höchsten Geburtenrate der Welt in Manila, die Mütter dort haben schon jeweils 10-12 Kinder......

    Die treibende Kraft hierfür bzw. besser gesagt das grösste Hindernis des Einsatzes von verhütungsmitteln sind hier leider wieder mal die Vertreter einer bekannte Religiosnrichtung.

    Weniger ist manchmal mehr...

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    in anderen Teilen der Welt regnet es (fast) nie...

    Ihre Aussage zum Thema Bevölkerungswachstum mal auf das Wetter übertragen.

    Glauben Sie ernsthaft, diese Kinder in Manila haben hinter irgendeine Lust Ihre Rente zu zahlen oder dafür zu sorgen dass es deutschland gut geht?

  2. Die Frage lautet: Gibt es einen Interessenausgleich zwischen dem Recht der Äthiopier auf wirtschatliche Entwicklung und dem Recht der Menschen in Ägypten auf ausreichend Nilwasser? Gibt es so etwas wie einen tragfähigen Kompromiss, oder handelt es sich um ein Nullsumenspiel, oder gar Verlustspiel, bei der eine Seite verliert, was die andere gewinnt?

    Dahinter steckt die tiefgehende Frage, ob Nationalstatten mit ihren spezifischen Interessen überhaupt in Zukunft noch fähig sind derartige Menschheitskonflikte zu lösen.

    Ein strukturell ähnliches Problem existiert auch im Energiebereich. Ist es "gerecht", dass einzelne Staaten auf Öl-oder Gasfeldern sitzen, und andere ihr letztes Hemd für ein Barrel Öl geben müssen?

    Eine Leserempfehlung
    • ub24
    • 07. Juni 2013 9:02 Uhr

    Ich kann die Sorge und Empörung der Ägypter bis zu einem gewissen Grad verstehen. Aber wer sich permanent den Versuchen widersetzt, über die Wasseraufteilung zu verhandeln, und einfach den status quo beibehalten will, der sollte sich über so eine Entwickling nicht wundern.
    Ägypten verschwendet seit Jahrzehnten das Nilwasser - ist ja genug da! - das zu über 85% aus Äthiopien kommt. Da werden z.B. irrsinnige Mengen Wasser für das verrückte Toshka-Projekt abgezweigt, obwohl eigentlich klar war, dass das Wasser dafür nicht reicht. Die meisten Ägypter sehen im Alltagsleben auch keinerlei Sinn im Wassersparen. Wasserhahn auf, Schlauch oben ins Treppenhaus legen, warten bis das Wasser drei Stockwerke nach unten gelaufen ist und dann anfangen, die Treppe zu wischen.
    Warum um alles in der Welt sollte Äthiopien das Nilwasser nicht auch nutzen dürfen? Seit Jahren versuchen die Oberlieger des Flusses, Neuregelungen zu finden - aber Ägypten denkt gar nicht daran, darauf einzugehen. Ist ja so schön bequem, wenn man sich mit dem Sudan fast 90% des Nilwassers teilen darf. Die blöden Schwarzen in Äthiopien sollen mal schön unterentwickelt bleiben - so sieht die Lage für mich zumindest aus.

    4 Leserempfehlungen
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    Ja, nun aber ersetzen wir Aegypten mit Israel und Aethiopien mit Libanon/Syrien, den Nile mit Jordan.

    Es folgt, Wasserresoursen werden noch fuer einigen Aerger sorgen. Das haben gewisse Unternehmen erkannt und streben eine Kontrolle ueber die Wasserresoursen an (u.a in Deutschland), diese werden tatkraeftig von ihren Regierungen unterstuetzt.

    Wer kontrolliert jetzt die riesigen Wasseresoursen in Lybien?

    Ist ja interessant das Sie die jetzige Aufteilung ungerecht finden.
    Das Ägypten nicht neu verhandelt, ist klar, das Ergebis einer solchen Verhandlung soll ja nicht sein, das Ägypten mehr bekommt. Aber Vertrag ist nun einmal Vertrag. Warum die kein Wasser abgeben hat den gleichen Grund warum ich nicht irgendwelchen Leiten Geld überweise.

    Man kann auch Fragen inwieweit die Wasseraufteilung die gleiche/höhere legitimität hat wie die aktuellen Grenzen. Wenn ich Ägypter wäre würde ich sowas fragen.

    Ob den ober oder unteranlegern am Fluss das Wasser gehört ist eine alte Frage. Aber hier gibt es ja einen Vertrag.

  3. in anderen Teilen der Welt regnet es (fast) nie...

    Ihre Aussage zum Thema Bevölkerungswachstum mal auf das Wetter übertragen.

    Glauben Sie ernsthaft, diese Kinder in Manila haben hinter irgendeine Lust Ihre Rente zu zahlen oder dafür zu sorgen dass es deutschland gut geht?

    Antwort auf "Der blanke Wahnsinn"
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    • thwe74
    • 07. Juni 2013 10:16 Uhr

    Guten Morgen,

    Wohl eher ein wenig missverstanden den Kommentar, gelle?!

    Manila ist "das" Extrembeispiel für das langsam aber sicher außer Kontrolle geratende Bevölkerungswachstum.

    Auf Ihre Frage bezogen:

    Nö! Erwarte ich nicht und möchte ich nicht, und ich möchte das auch nicht das es für die Menschen aus Manila so ist.

    Und unser Rentensystem kriegen wir auch trotz sinkender Bevölkerungszahlen in den Griff, ohne das wir uns Menschen ins Land holen, die wir sowieso nicht vernünftig beschäftigen können.
    Wenn wir denn wollen;-)

  4. Bei sachlicher Betrachtung sämtlicher Parameter, ist es erschreckend, wie rückständig die Menschheit, in der Gesamtheit, ist. Die Zustände, die herrschen, unterscheiden sich nicht im Geringsten von denen, vor 100 Jahren.
    Das einzige, was sich weiterentwickelt, ist der technische und soziale Zeitgeist, mit der, damit verbundenen, Materialisierung.
    Man suggeriert uns allen, das das zum Wohle der Weltgesamtheit geschieht.

    Ist dem wirklich so ?

    Eine Leserempfehlung
    • thwe74
    • 07. Juni 2013 10:16 Uhr

    Guten Morgen,

    Wohl eher ein wenig missverstanden den Kommentar, gelle?!

    Manila ist "das" Extrembeispiel für das langsam aber sicher außer Kontrolle geratende Bevölkerungswachstum.

    Auf Ihre Frage bezogen:

    Nö! Erwarte ich nicht und möchte ich nicht, und ich möchte das auch nicht das es für die Menschen aus Manila so ist.

    Und unser Rentensystem kriegen wir auch trotz sinkender Bevölkerungszahlen in den Griff, ohne das wir uns Menschen ins Land holen, die wir sowieso nicht vernünftig beschäftigen können.
    Wenn wir denn wollen;-)

  5. Ja, nun aber ersetzen wir Aegypten mit Israel und Aethiopien mit Libanon/Syrien, den Nile mit Jordan.

    Es folgt, Wasserresoursen werden noch fuer einigen Aerger sorgen. Das haben gewisse Unternehmen erkannt und streben eine Kontrolle ueber die Wasserresoursen an (u.a in Deutschland), diese werden tatkraeftig von ihren Regierungen unterstuetzt.

    Wer kontrolliert jetzt die riesigen Wasseresoursen in Lybien?

    Antwort auf "Das war doch abzusehen"

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